Politische Korrektheit

Manipulation

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und ähnliche „Ismen“ intellektuell erbärmlich und moralisch verwerflich sind. Wer Juden pauschal verunglimpft, nur weil sie Juden sind, ist nicht nur niederträchtig, sondern auch ein Depp. Keine Frage. Dies gilt auch für Leute, die etwas gegen Neger haben, nur weil sie Schwarze sind; die etwas gegen Schwule haben, nur weil sie Homosexuelle sind; die etwas gegen Frauen oder Männer haben, nur weil sie Frauen oder Männer sind.

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ich in obigem Statement in unverzeihlicher und empörender Weise politisch nicht korrekt war. Wie aber kann ein Mensch, der sich gegen jede Form der pauschalen Diskriminierung ausspricht, politisch inkorrekt sein?

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir uns zunächst einmal ein wenig mit den Grundlagen der politischen Sprachpsychologie auseinandersetzen. Es geht um Manipulation, darum, wie man sich dabei geschickt anstellt.

Der amerikanische Psychiater und Begründer der Transaktionsanalyse, Eric Berne, unterscheidet in seinem Modell der Ichstrukturen drei grundsätzliche Ich-Zustände, nämlich das Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich und das Kind-Ich.

  • Die paradigmatische Situation, die dem Eltern-Ich als Vorbild dient, ist der Vater, der als Vertreter von Vernunft und Moral von oben herab dem unwissenden und unerzogenen Kind eine Standpauke hält.

  • Die paradigmatische Situation für das Erwachsenen-Ich ist ein Wissenschaftler, der im Kreise von gleichrangigen und fachlich wertgeschätzten Kollegen eine Lösung für ein wissenschaftliches Problem vorschlägt.

  • Die paradigmatische Situation für das Kind-Ich ist ein kleines Mädchen, das stolz ist auf ein selbst gemaltes Bild und vom Vater belehrt wird, wie man die Perspektiven richtig darstellt.

Wir alle – nicht nur wenn wir Eltern, Wissenschaftler oder kleine Mädchen sind – tragen diese Ich-Zustände in uns. Abhängig von der äußeren Situation und der inneren Verfassung treten diese Ich-Zustände in beständigem Wechsel hervor.

Der geschickte Manipulator wird versuchen, im Erwachsenen-Ich-Zustand zu dozieren und seinen Adressaten in einen Kind-Ich-Zustand zu drängen. Dann nämlich befindet sich sein Gegenüber in einem Zustand maximaler Wehrlosigkeit und dies bedeutet Stress. In diesem Zustand ist ein Mensch hochgradig manipulierbar, weil seine Kritikfähigkeit eingeschränkt ist. Diese Form der Interaktion lässt sich am leichtesten und nachhaltigsten inszenieren, wenn man sich aufs hohe Ross schwingt und den Adressaten überfallartig mit seinen Sünden konfrontiert. Dies geschieht dadurch, dass man sich als Vertreter höherer Werte darstellt.

In früheren Zeiten waren die höheren Werte des Menschengeschlechts Gegenstand feinsinniger philosophischer Erwägungen, heute werden sie immer seltener in dieser Weise thematisiert. Sie sind vielmehr zu Instrumenten der Manipulation degeneriert, zu einer Maschinerie der politischen Korrektheit. Es genügt bereits, sich die typische Transaktion, die dieses Phänomen begleitet, vor Augen zu führen, um ein Urteil über es zu fällen.

Es mag den sprachpsychologisch und sprachphilosophisch nicht Bewanderten überraschen, dass Wörter an sich, also isoliert betrachtet, keine Bedeutung haben. Auch in einer lexikalischen Auflistung gewinnen sie ihre Bedeutung nur durch die Lexikoneinträge, die sie erklären. Erst der Satz und der Kontext dieses Satzes bestimmen, was mit einem einzelnen Wort in einer konkreten Situation gemeint ist. Hierzu der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein:

  • „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“.

  • „Sieh den Satz als Instrument an und seinen Sinn als seine Verwendung.“

  • „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“

Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie

Wer kennt es nicht, dieses klassische Beispiel für ein Palindrom, also ein Wort oder einen Satz, das oder der vor- und rückwärts gelesen identisch ist. Manche meinen, „Neger“ sei immer und stets ein Schimpfwort, eine rassistische und neokolonialistische Verunglimpfung schwarzer Menschen. Darum heißen heute Negerküsse Schokoküsse (und Zigeunerschnitzel Sinti- und Roma-Schnitzel.)

Allein, wenn wir uns obiges Palimdrom anschauen und „Schwarzer“ an Stelle von „Neger“ in den Satz einsetzen würden, so hätten wir das Palindrom zerstört.

Die Protagonisten politischer Korrektheit treten gern als Sprachrohr diskriminierter Minderheiten auf, so, als ob die monierte Redeweise die überwiegende Mehrheit der Angesprochenen empöre. Dass dies nicht zwingend der Fall sein muss, beweist eine Gallup-Umfrage1 aus dem Jahr 2007. In den Vereinigten Staaten gilt es als politisch korrekt, Neger nicht als Schwarze, sondern als afrikanische Amerikaner zu bezeichnen. 61 Prozent der befragten Neger war es dies aber egal und 1 Prozent hatte keine Meinung. 13 Prozent bevorzugten „Schwarze“ und 24 Prozent „afrikanische Amerikaner“. Im Jahre 2013 hatte sich das Bild kaum verändert: Egal: 65 Prozent; Schwarze: 17; afrikanische Amerikaner: 17.2

Kopftuchmädchen

Ein anderes Beispiel: Sarrazin. Der Politiker und Banker sorgte mit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ für Aufregung. Mit Begriffen wie „Kopftuchmädchen“ verstieß er gnadenlos gegen die politische Korrektheit.

Im Oktober 2010, kurz nach dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte, befragte das Meinungsforschungsinstitut Data 4U eine repräsentative Stichprobe von in Deutschland ansässigen Türken. Das überraschende Ergebnis: 61 Prozent der Türken hatten von der Debatte um Sarrazin noch gar nichts gehört.3

Der Grund: Achtzig Prozent der Türken sehen, hören und lesen fast nur türkische Medien. Nur etwa 38 Prozent der Türken hatten den Fall Sarrazin überhaupt zur Kenntnis genommen und von dieser Minderheit fühlten sich 62 Prozent von dem populistischen Politiker angegriffen bzw. beleidigt. Das ergibt nach Adam Riese, dass nur ein kleiner Teil der Türken das „Kopftuchmädchen“ überhaupt zur Kenntnis genommen hatte und sich dadurch diskriminiert fühlte.

Der weitaus größere Teil der Türken hatte entweder kein Interesse an deutschen Aufgeregtheiten oder nahm die Sache nicht so furchtbar ernst. Diese Befunde deuten darauf hin, dass politische Korrektheit nicht etwa gewachsene Bedürfnisse bei Minderheiten widerspiegelt, sondern das sie dem Volk von einer tonangebenden Minderheit aufgezwungen wird. Diese kann jedenfalls nicht für sich in Anspruch nehmen, für die Mehrheit der angeblich durch Begriffe Beleidigten zu sprechen.

Verrückte

Es ist nicht politisch korrekt, von Geisteskranken, Verrückten oder Irren zu sprechen. Vielmehr muss man Menschen, die aus rätselhaften Gründen von der Norm abweichen, als „psychisch Kranke“, als „Schizophrene“ oder „Psychotiker“ bezeichnen.

Hier führt sich die angeblich gute Absicht, Menschen vor Diskriminierung zu bewahren, vollends ad absurdum. Denn die psychiatrischen Fachbegriffe, die so genannten Syndrome aus den einschlägigen Diagnose-Manualen, sind weitaus stigmatisierender als jede volkstümliche Bezeichnung.

Die psychiatrische Nomenklatur ist im Grunde paradigmatisch für das Wesen der politischen Korrektheit. Mit den neuen Kunstbegriffen soll den Menschen eine andere Sichtweise menschlicher Verhältnisse aufgezwungen werden, an denen selbst man aber nichts Wesentliches zu ändern gedenkt.

  • Die Realität des Menschen, der unter Bossing und Mobbing am Arbeitsplatz leidet, verändert sich nicht dadurch, dass man ihn als Depressiven bezeichnet.

  • Die Putzfrau, die sich für wenig Geld schindet, hat auch kein besseres Leben durch die Begriffe „Reinigungskraft“ oder „Raumpflegerin“.

  • Und der Mensch mit dunkler Hautfarbe, den man nunmehr als Schwarzen und nicht mehr als Neger bezeichnet, wird nach wie vor bei der Wohnungs- oder Stellensuche benachteiligt.

Die politisch korrekten Namen suggerieren Respekt; doch der Respekt hängt nicht am Namen. „Sozialtourismus“ ist bestimmt kein angemessenes Wort, aber eine politisch korrekte Redeweise, die uns den Blick dafür raubt, welche verheerenden Verhältnisse in manchen Bereichen unseres Landes durch unkontrollierte Zuwanderung geschaffen werden, ist gewiss nicht besser.

Konditionierung

Unter aversiver Konditionierung versteht man die Koppelung eines unerwünschten Verhaltens mit einem unangenehmen Reiz. Dies funktioniert aber nur, wenn wir dieses Verhalten aus seinem Kontext herauslösen, damit der Lernende auch erkennen kann, warum er dem unangenehmen Reiz ausgesetzt wird.

Aus diesem Grunde konzentriert sich die politisch korrekte Maschinerie niemals auf Kontexte oder gar auf Sprachspiele, in dem oder in denen die verpönten Ausdrücke, wie beispielsweise „Emanze“, Neger oder Kopftuchmädchen stehen.

Der Strafreiz wird vielmehr unbedingt und mechanisch angewendet, sobald der missliebige Begriff ausgesprochen wird. Wir kennen diese Form der Konditionierung als verhaltensbiologischen oder tierpsychologischen Laboren.

Die politisch korrekte Maschinerie ist aber keine experimentelle Anordnung; sie wird vielmehr im realen Leben eingesetzt und ist diesem daher angepasst. Und das geht so:

Sobald der politisch korrekte Maschinist ein inkriminiertes Wort hört (beispielsweise Neger, Schwuchtel, Fräulein, Juden-Gen), schwingt er sich aufs moralisch hohe Ross und überzieht den Übeltäter mit persönlichen Angriffen, die in dem Vorwurf gipfeln, er sei ein Chauvinist, Rassist, Antisemit oder was auch immer.

Kritik

Es mag auf den ersten Blick belanglos erscheinen, ob man Sinti und Roma sagen muss, wenn man Zigeuner meint, ob man das Binnen-I verwenden muss, wenn man sich über die Moral der Lehrer im Allgemeinen beklagt, ob man Auszubildender sagen muss, wenn man vom Lehrbuben spricht.

Doch dies ist keineswegs belanglos. Das Fatale ist die moralische Begründung des Müssens. Häufig nämlich spielt die Moral de facto keine Rolle. Weder ist das monierte Wort beleidigend gemeint, noch wird es von der überwiegenden Mehrheit der damit Angesprochenen so aufgefasst.

Es ist eindeutig nicht politisch korrekt, die politische Korrektheit zu tadeln. Wer sie dennoch kritisiert, wird in die rechtspopulistische oder gar die rechtsradikale Ecke gestellt.

Dabei wird übersehen, dass die Meinungsfreiheit eine demokratische Errungenschaft ist, und dass ihre Einschränkung durch Einschüchterung sehr, sehr gut begründet sein muss, wenn sie nicht dem Verdikt der Demokratiefeindlichkeit unterliegen will.

Eine vernünftige Begründung für die Exzesse der politischen Korrektheit vermag ich nicht zu erkennen. Die Umbenennung der Neger- in Schokoküsse wird nichts an der realen Diskriminierung von Schwarzen ändern und das Binnen-I trägt nicht zur Emanzipation der Frauen bei.

Solche Auswüchse aber haben einen gewaltigen Einfluss auf den öffentlichen Meinungsaustausch, weil jeder, der eine politisch korrekte Redeweise verwendet, damit signalisiert, dass er einem Konformitätszwang nachzugeben bereit ist. Er ist also klug, weil er es vermeidet, „unnötig“ anzuecken.

Und genau dies verstärkt die Bereitschaft zur Anpassung an den Mainstream bei allen Teilnehmern an öffentlichen Diskursen. Dies schadet zweifellos der Demokratie, weil sich diese ohne Meinungsvielfalt in öffentlichen Debatten nicht zu entfalten vermag.

Wer z. B. gegen Nazis, Rassisten, Frauenfeinde, Männerfeindinnen oder einfältige Stammtischbürger ist, muss ihnen erlauben, sich in der ihnen angestammten Art zu artikulieren, damit er sich mit ihnen auseinandersetzen kann. Wer sie zwingt, um den heißen Brei herumzureden, beraubt sich der Chance, ihnen im Klartext Paroli zu bieten.

Der soziale Zwang zur politischen Korrektheit führt zu einem Ressentiment bei denjenigen, denen über den Mund gefahren wird, das sich oft untergründig entfaltet und sich dadurch der öffentlichen Auseinandersetzung entzieht.

Für die Demokratie ist das Gift; dies sollte eigentlich einleuchten.

Gallup – Politics, July 26, 2013: U.S. Blacks, Hispanics Have No Preferences on Group Labels. Roughly two in three say it doesn’t matter to them how group is referred to, by Jeffrey M. Jones

Data4u – Gesellschaft für Kommunikationsforschung: Pressemitteilung, Berlin, Dienstag, 28. September 2010. Sarrazin-Debatte kaum wahrgenommen. Türkische Migranten fühlen sich in Deutschland gut integriert

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