Pfeiffer

Pfeiffer, Nachtrag. Gestern schrieb ich, dass mich das Auftreten von Maischberger, Maas und Pfeiffer gegen Weidel im Talk „Verroht unsere Gesellschaft“ empörte. Was mich in Rage brachte, war nicht die Frontstellung gegen die AfD und ihre Spitzenfrau. Das ist in Ordnung so. Es war die Art des Umgangs mit einem politische Gegner.

Gebetsmühlenhaft werden AfD-Vertreter mit monotonen Unterstellungen bombardiert. Rechtfertigungen werden ignoriert. Fakten nicht geprüft. Es ist immer nur das gleiche Lied.

Inzwischen habe ich mir die Sendung noch einmal angeschaut. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der sich, wie ich gestern schrieb, danebenbenahm, scheint hier auf den ersten Blick eine Ausnahme zu machen. Er beruft sich auf Fakten. Er sagt zu Weidel, die AfD bastele sich die Wirklichkeit zurecht, um dann politische Forderungen aus diesem Trugbild ableiten zu können.

So behaupte sie in ihrem Programm, die Kinder- und Jugendkriminalität sei dramatisch angestiegen. Die Fakten sprächen aber eine andere Sprache. Seit 2000 sei die Delinquenz in diesen Personengruppen rückläufig – in allen Sektoren. Das seien die Fakten.

Die Fakten? Pfeiffer verrät dem staunenden Publikum nicht, auf welchem Wege er zu seinen Fakten gelangt ist. Gibt es überhaupt Fakten in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften?

Kaum ein Zuschauer wird sich die Mühe machen, Pfeiffers Thesen zu recherchieren. Weiß er doch, dass Pfeiffer Wissenschaftler ist und die AfD es notorisch mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Es wäre – zugegeben – auch mühsam und aufwändig, den Wahrheitsgehalt der Pfeifferschen Behauptungen zu überprüfen.

Aber man kann sich dennoch einige einfache Fragen stellen:

  • Nehmen wir an, in der Polizeistatistik zeige sich eine rückläufige Entwicklung bei der Kinder- und Jugendlichenkriminalität. Darf nach daraus schließen, dass dies auch in Wirklichkeit tatsächlich so ist? Es gibt ein Dunkelfeld. Dort ereignet sich Kriminalität, von der die Polizei nichts erfährt. Eine Faustregel lautet: Das Dunkelfeld ist umso größer, je ineffezienter die Polizei arbeitet. Die Polizei arbeitet umso ineffezienter, je weniger Personal sie hat. War da nicht was? Klagen über Personalabbau bei der Polizei? Fakten?
  • Nehmen wir einmal an, Pfeifers Erkenntnisse beruhten auf Befragungen von Kindern und Jugendlichen. Es hätte sich gezeigt, dass die Interviewten seit 2000 zunehmend weniger selbst begangene Delikte berichten als zuvor. Ist dies also auch in Wirklichkeit tatsächlich so? Oder ist nur – aus welchen Gründen auch immer – die Bereitschaft bei den Befragten gesunken, Delikte und Regelwidrigkeiten einzuräumen? Fakten?

Pfeiffers Fakten sind gar keine. Es handelt sich um mehr oder weniger gut belegte Hypothesen, die so oder so interpretiert werden können. Pfeiffer unterstellt der AfD, sich eine zum politischen Konzept passende Wirklichkeit zu basteln. Doch die Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, auf die er sich beruft, tun nichts anderes.

Beim Wort „Wissenschaft“ denken wir spontan an Physik und Chemie. Ja, das sind Wissenschaften, die diesen Namen verdienen. Physiker und Chemiker beobachten und messen mit Methoden, die so exakt wie möglich sind und werten ihre Befunde mit mathematischer Präzision aus.

Pfeiffers Prozentzahlen sind zwar von einer Aura der Wissenschaftlichkeit umgeben, lassen sich mit echter Wissenschaft aber gar nicht vergleichen. Insbesondere sind Aussagen über Zeitverläufe fragwürdig. Man sieht doch allein schon an unkontrollierbaren Veränderungen der Qualität von Polizeiarbeit, wie unsinnig solche Einschätzungen sind.

Dass einer an die Wahrheit seiner Meinungen glaubt, will ich nicht tadeln. Menschen streben eben nach Gewissheit und verwechseln diese nur zu gern mit dem, was ihnen plausibel erscheint und in den Kram passt. Problematisch wird das nur, wenn man, wie Pfeiffer, diese Scheingewissheiten mit einem moralischen Anspruch verbindet, nach dem Motto: Ich bin einer der Guten und die AfD gehört zu den Bösen, wie die Zahlen, Daten und Fakten unumstößlich beweisen.

Pfeiffer ist im Übrigen SPD-Mann und war ein paar Jahre Justizminister in Niedersachsen. Dies bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass er wissenschaftliche Neutralität nicht zu wahren weiß. Es kann allerdings nicht bestritten werden, dass gerade gesellschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung auf zahllosen ungeprüften Vorannahmen beruht, die vom Laien unbemerkt in die „Fakten“ einfließen. Von einem Wissenschaftler erwarte ich auch in einer Talkshow Sensibilität für diese Problematik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.