Paradigmenwechsel in der Psychiatrie?

Pat Bracken ist Psychiater und Philosoph. In der Oktober-Ausgabe 2014 der „World Psychiatry“ (des Zentralorgans der „World Psychiatric Association“) fordert er eine hermeneutische Wende in der Psychiatrie.i

Kurz zusammengefasst lässt sich sein Gedankengang wie folgt skizzieren:

  1. Die gegenwärtige Psychiatrie verfolgt einen technologischen Ansatz. Psychische Störungen werden als Gehirnerkrankungen aufgefasst.
  2. Diese Sichtweise kulminiert in der Forderung, die Psychiatrie in eine angewandte Neurowissenschaft umzuwandeln.
  3. Diese Orientierung widerspreche aber dem Wesen des Menschen und seiner seelischen Probleme. Psychische Krankheiten seien nicht im Gehirn zu verorten, sondern sie entstünden in der Lebenspraxis der Menschen, die mit anderen Menschen interagierten. Und so müsse sich die Psychiatrie auf die Bedeutung und den sozialen Kontext menschlicher Lebensäußerungen konzentrieren.
  4. Die Psychiatrie habe eine Zukunft, wenn sie sich zu einer hermeneutischen, also zu einer sinndeutenden Wissenschaft emporschwinge.

Meine Auffassung ist dieser Position fundamental entgegengesetzt.

  1. Es ist gut, dass die Psychiatrie psychische Störungen als Gehirnerkrankungen auffasst. Denn Krankheiten im eigentlichen Sinne werden durch Störungen im Körper hervorgebracht. Andere Definitionen von „psychischer Krankheit“ sind metaphorisch. Metaphorische Begriffe können naturgemäß aber nicht exakt bestimmt werden. Da die Psychiatrie jedoch in menschliches Leben eingreift und diese Eingriffe soziale, rechtliche und ökonomische Konsequenzen schwerwiegender Natur haben können, sind exakte Begriffe unbedingt erforderlich.
  2. Ich begrüße den Versuch, die Psychiatrie in eine angewandte Neurowissenschaft umzuwandeln. Bei diesem Versuch hat sich nämlich mitleidslos herausgestellt, wie schwach die empirische Basis, die naturwissenschaftliche Verankerung der Psychiatrie tatsächlich ist. Dem muss man ins Auge sehen.
    Diagnostik nicht reliabel, nicht valide. Therapien entweder nicht besser als Placebos, oder sie ersetzen eine mutmaßliche psychische Störung durch eine faktische neurologische Erkrankung. Bisher keine Ursachen „psychischer Krankheiten“ gefunden. Das ist stichwortartig die gegenwärtige Forschungssituation. Wer davor die Augen verschließt, kann niemandem helfen.
  3. Psychische Krankheiten sind entweder im Gehirn zu verorten oder es gibt sie nicht. Solange man sie nicht im Gehirn verorten kann (oder sonst wo im Körper), handelt es sich nur um mutmaßliche Krankheiten. Die Lebenspraxis von Menschen, die Bedeutung und der Kontext ihres Handelns sind nicht Gegenstand der Medizin, sondern der Psychologie, der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaften, der Kulturwissenschaften, der Philosophie und vieler anderer Disziplinen, die sich mit diesen Bereichen besser auskennen.
  4. Die Psychiatrie hat, wenn überhaupt, nur als angewandte Neurowissenschaft eine respektable Zukunft, die sich um die Auswirkungen tatsächlicher Krankheiten auf das Verhalten und Erleben kümmert.

Ich möchte nicht, dass Hermeneutiker in meiner Seele herumpfuschen, dass sie sich anmaßen, besser zu wissen, was in mir vorgeht, als ich selbst. Und so will ich auch nicht, dass dies, gegen ihren Willen, anderen angetan wird. Die Hermeneutik mag eine Frucht bringende Beschäftigung sein; immerhin treibt sie die tollsten Blüten, denn stets sind viele Deutungen möglich. Ein Bild von Picasso, ein Gedicht von Rilke, ein „Symptom“ eines „Patienten“ kann so oder so interpretiert werden. Ein guter Hermeneutiker kann nicht nur seine Position, sondern auch deren krasses Gegenteil stets perfekt begründen.

Wozu solche psychiatrischen Hermeneutiker in der Lage sind, haben wir beispielsweise in den Gutachten über Anders Breivik oder Gustl Mollath gesehen. Man kann die Psychiatrie nicht mit Kaffeesatzlesen gesundbeten. Die Umwandlung der Psychiatrie in eine angewandte Neurowissenschaft ist also aus meiner Sicht die beste Zukunftsperspektive dieser Disziplin, die auf diesem Wege realer Bestandteil der Medizin werden könnte. Um die Leute mit Lebensproblemen, die in sozialen Kontexten entstanden sind, sollten sich andere kümmern, denn hier handelt es sich nicht um medizinische Probleme.

Nachdruck dieses Artikels in: Bracken, P. (2014). Towards a Hermeneutic Shift in Psychiatry. Mad in America, 3. Oktober

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.