Nützliche Psychiatrie

Der politisch korrekte Mensch – also wir alle, wir allesamt – käme niemals auf die Idee, absichtlich, erwartungsgesteuert und zielgerichtet Menschen aus rassischen, religiösen oder geschlechtlichen Gründen zu diskriminieren. Noch nicht einmal das Wort „Neger“ käme ihm über die Lippen; wenn er älter als vierzig ist, musste er sogar viel Mühe darauf verwenden, sich den Gebrauch dieses Wortes abzugewöhnen.

Dennoch läuft der politisch korrekte Mensch stets Gefahr, der Diskriminierung geziehen zu werden, auch wenn er sich keiner Schuld bewusst ist; und so fürchtet er sich beständig davor, wegen derartiger Verfehlungen angeschuldigt zu werden und dann unter Umständen nicht überzeugend nachweisen zu können, dass ihm sein Unbewusstes definitiv keinen Streich gespielt hat, dass ihm tatsächlich von den Fußsohlen bis in die Haarspitzen jede Neigung zu politischer Unkorrektheit zutiefst fremd ist.

Der politisch korrekte Mensch leidet natürlich unter diesem sozialen Druck, der ihn auf jedem Schritt und Tritt begleitet, sei es am Arbeitsplatz, sei es im Bus auf der Kaffeefahrt, sei es im Geselligkeitsverein und sogar im Ehebett. Ein falsches Wort kann ein Drama auslösen, zumindest aber hochgezogene Augenbrauen oder ein Zischen zwischen Zunge und Zähnen.

Der politisch korrekte Mensch muss immer auf der Hut sein, und er weiß, dass er sich selbst nicht trauen kann, dass starke Impulse zur Diskriminierung tief in seiner Seele schlummern, denen er doch so gern nachgeben möchte, wenn er doch nur dürfte, weil…

Weil natürlich, so weiß der politisch korrekte Zeitgenosse, die strengen Normen der politischen Korrektheit gar nicht errichtet worden wären, wenn nicht in uns allen der starke Wunsch lebendig wäre, gegen sie zu verstoßen. Allein die Existenz der Normen beweist ja schon, dass wir alle, ja, auch du und ich, Sünder sind, die durch strenge Regeln und Sanktionen in Zaum gehalten werden müssen.

So unschuldig wir auch immer tun mögen, wir alle, alle müssen ein schlechtes Gewissen haben, weil wir, wenn nicht in Gedanken, so doch tief verborgen im Reich der unbewussten Antriebe, gefehlt und gesündigt haben. Allein, wo ein schlechtes Gewissen ist, wo es Nahrung findet, wo es mit Gewissheit berechtigt ist, da, dies lehrte nachdrücklich Nietzsche, wächst auch das Ressentiment. Ressentiment und schlechtes Gewissen sind zwei Seiten einer Medaille. Wer einen Rachegedanken in sich spürt, ihn aber nicht ausführt, schreibt Nietzsche, vergiftet sich an Leib und Seele. Und das wollen wir natürlich nicht.

Wie oft wurde dem politisch korrekten Mitbürger Übles angetan, wie oft wurde er ungerecht behandelt; aber den Juden, den Ausländern, den Negern, den Schwulen, den Frauen, den Männern kollektiv dafür die Schuld zu geben und deren Verfolgung und Bestrafung zu fordern, das darf er nicht. Und so breitet sich das Gift, das unterdrückten Rachegedanken entspringt, in Leib und Seele aus. Überall dort, wo gesellschaftliche Verhältnisse, wo kulturelle Imperative einen seelischen Überdruck erzeugen, entwickeln sich beinahe automatisch auch Institutionen, die eine Ventilfunktion erfüllen.

Der Soziologe Leo Kofler hat diesen Mechanismus sehr eindrücklich am Beispiel des Karnevals exemplifiziert.i Wir leben, so schreibt er, unter Bedingungen, in denen die ursprüngliche Harmonie dionysischer und apollinischer Tendenzen in unserem Seelenleben auseinandergerissen wurde. Das Apollinische, also das Rationale, das Rechenhafte, das Selbstbeherrschte überwiegt. Und so muss den Menschen Gelegenheit gegeben werden, hin und wieder über die Stränge zu schlagen, um sich des Überdrucks zu entledigen.

Jede repressive Gesellschaft schafft sich Institutionen, in denen dies in geregelter Form möglich ist. Dafür steht der Karneval als Beispiel. Und so gibt es auch eine Institution, die es uns gestattet, den Impuls zur Diskriminierung sozial verträglich auszuleben. Denn es darf doch einfach nicht sein, politische Korrektheit hin oder her, dass sich andere das, was wir uns verbeißen müssen, schmerzhaft verbeißen müssen, frech und straflos herausnehmen. Die gehören doch empfindlich bestraft und, wenn dies nichts fruchtet, weggesperrt für immer, oder? Wer würde denn nicht gern einmal die schwere Last der Vernunft abwerfen und hemmungslos herumspinnen? Wer würde denn nicht einmal das Zentnergewicht der Pflicht von sich tun, jammern, wehklagen und sich hängenlassen?

Sie sagen es: Wir tun das nicht, denn wir sind die Guten, die Korrekten, und damit wir auch politisch korrekt sein und dennoch unsere Ressentiments ausleben können, bedürfen wir einer Institution, die uns vom schlechten Gewissen wegen unserer Rachegedanken entlastet. Zum Glück gibt es die Psychiatrie. Ja, dank der Psychiatrie dürfen Sie, lieber Leser, ein Guter bleiben, auch wenn sie am Arbeitsplatz, im Geselligkeitsverein, im Bus auf der Kaffeefahrt oder im Ehebett die Zwangseinweisung gefährlicher Irrer fordern, oder, besser, doch lieber von psychisch Kranken sprechen.

Denn deswegen müssen sie kein schlechtes Gewissen entwickeln. Schließlich sind die psychisch Kranken gar nicht in der Lage, krankheitsbedingt nicht in der Lage, Verantwortung für sich zu übernehmen, und deswegen muss helfender Zwang auf sie ausgeübt werden, damit sie wieder zurück in die Spur und unter die Kappe geführt werden. Und wenn dies mit harter Hand bewerkstelligt wird, so handelt es sich dabei dennoch nicht um Folter und Gehirnwäsche, sondern um eine Heilbehandlung, für die, so darf man mit Fug erwarten, der Betroffene hinterher in aller Regel dankbar sein wird, sobald wieder Vernunft und Bürgersinn in seinem Dachstüberl sich breitzumachen vermochten.

Und schließlich dienen diese Maßnahmen gegen gefährliche Irre auch unser aller Sicherheit. Wer an einem beliebigen Tag das Stichwort „Psychiatrie“ in das Suchfeld bei „Google News“ eingibt, wird feststellen, dass in neun von zehn Artikeln davon die Rede ist, dass ein Mensch wegen Gewalttätigkeit oder wegen des Verdachts, er könne eine solche, ohne Herr seiner Sinne zu sein, in Zukunft begehen, in die Psychiatrie musste. Wenn es sonst kaum etwas Nennenswertes über die Psychiatrie zu berichten gibt, dann scheinen gefährliche Irre doch ein erhebliches gesellschaftliches Problem darzustellen, vor dem man die Augen nicht verschließen darf.

Auch ein politisch korrekter Mensch, der mitmenschliches Wohlwollen wie ein dezentes Parfüm vor sich herträgt, muss sich hier nicht zur Naivität verpflichtet fühlen. Dies wäre verantwortungslos, gerade gegenüber den Schwachen in unserer Gesellschaft, gegenüber Frauen und Kindern, die ja die bevorzugten Opfer dieser gefährlichen Irren sind.

Wenn Sie, lieber Leser, so denken, dann schlagen Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens frönen sie in sozial verträglicher und akzeptierter Form ihrem dumpfen Drang zur Diskriminierung von Sündenböcken und zweitens entledigen sie sich auch des Pakets, das mit Tonnengewicht auf ihrer Schulter ruht, und das zu tragen sie sich als zivilisierter Mensch verpflichtet fühlen.

Dieses Paket ist die Vernunft, die sie nun aber, für ein Weilchen, neben sich stellen dürfen, wenn es um diese gefährlichen Irren geht, denen natürlich ihr volles Mitgefühl gilt und die sie deswegen auch mit ihrem Kosenamen „psychisch Kranke“ anzusprechen sich angewöhnt haben. Ja, jetzt, hier, im Windschatten der Psychiatrie, dürfen sie den Dschungel in sich spüren und die freie Luft atmen, die der Hetzmeute um die Nase weht. Ja, auch das ist, auf seine, auf seine ganz spezielle Art, Karneval, und darum sind Psychiater, die gut als Büttenredner durchgehen könnten, im deutschen Fernsehen so beliebt. Blutiger Ernst ist doch viel leichter mit Humor zu ertragen.

Und wenn wir schon die Falschen behandeln, dann wollen wir uns dabei doch nicht die gute Laune verderben lassen. Wo so herzhaft gelacht wird, muss sich kein schlechtes Gewissen entfalten, nicht wirklich. Solange die grundlegenden Mechanismen der menschenrechtsverletzenden Diskriminierung nicht in Frage gestellt werden, wird uns das Lachen ja auch nicht vergehen oder gar im Halse stecken bleiben. Der psychisch Kranke hat nun einmal den schwarzen Peter, und wenn er ein Spielverderber ist und sich darüber auch noch beklagt, dann sitzt er zu recht da, wo er nicht sein will. So ist das Leben nun einmal.

Beim Karneval sind wir alle Narren, aber nur uneigentlich, in Wirklichkeit sind wir alle normal, oder fast alle, bis auf die wenigen, die nicht wissen, was sich gehört – also: wer was, wann, wo machen darf oder nicht darf. Es ist halt nicht immer Karneval. Das ist so, das bleibt so, und daran wird sich auch nichts ändern, solange die dialektische Einheit von Apollinischem und Dionysischem zerrissen ist. In uns allen ist eine Urerinnerung an ein goldenes Zeitalter lebendig, in dem das Rationale, das Rechenhafte, das Kalkulierte und das Spontane, das Irrationale, das ungehemmt Lustvolle eine glückhaft harmonische Einheit bildeten. Ein Anflug dieser Harmonie, lehrt Leo Kofler, überkommt uns auch heute noch im Spiel – vorübergehend, und dieses Glücksgefühl ist stets mit der Gefahr verbunden, süchtig zu entarten.

Karneval und Psychiatrie sind zwei Seiten einer Medaille – und Ausdruck der existenziellen Misere, die Menschen in Klassengesellschaften niederdrückt.

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Kofler, L. (1967). Der asketische Eros. Wien: Europa Verlag

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