Nischen

Wer sich, bedingt durch widrige Lebensumstände oder aus Bequemlichkeit, dazu verführen ließ, den Lebensstil eines „psychisch Kranken“ auszuprägen, ist nicht dazu verdammt, in diesem würdelosen Zustand zu verharren. Es gibt Hoffnung. Die Widrigkeiten des Lebens und die menschlichen Schwächen, die all dem zugrunde liegen (Gier, Neid, Machtstreben etc.), lassen sich durch einen Einstellungswandel nicht aus der Welt schaffen. Aber auf die innere Freiheit, die jedem winkt, der Tatsachen mutig ins Auge blinkt, muss niemand, niemand verzichten.

Wenn wir einmal vom Marketing des psychiatrisch-pharma-ökonomischen Komplexes absehen, dann ist der bedeutendste Faktor unter den Einflussgrößen, die zur freiwilligen Übernahme der Rolle eines „psychisch Kranken“ beitragen, die menschlich-allzumenschliche Neigung zum Selbstbetrug.

Man handelt sich mit einer psychiatrischen Diagnose zwar jede Menge Ärger ein; aber in vielen Betroffenen nagt die, meist unbewusste, jedenfalls unreflektierte, Angst, dass sie sich noch mehr Ärger einhandeln, wenn sie sich nicht in diese Rolle flüchten oder fügen. Der Selbstbetrug besteht darin, sich dies, sich diese Feigheit vor der Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen und ihren tatsächlichen Ursachen, nicht einzugestehen.

Man kann sich selbstverständlich in der Nische des „psychisch Kranken“, wenn auch in der Regel nicht behaglich, so doch leidlich einrichten, sofern das System, um Aufstände zu vermeiden, diese Nischen mit dem Notwendigsten ausstattet. Mancher, der diese Nische nur zu gern wieder verlassen würde, sagt, ihm fehle die Kraft dazu. Er habe es versucht und immer wieder versucht, aber er schaffe es nicht, bekundet er, mit dem Ausdruck tiefster Verzweiflung oder abgründiger Resignation in seinen Zügen. Dass es sich hier um ein klassisches Suchtverhalten handelt, sollten eigentlich selbst Leute mit stark ausgeprägtem Hang zur modischen Scheuklappe bemerken.

Menschen, die sich selbst für „psychisch krank“ halten, leiden, wie alle Süchtigen, aus entscheidungstheoretischer Sicht darunter, dass sie kein „deferred gratification pattern“ ausgeprägt haben. Sie können nicht auf die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen zugunsten längerfristiger Ziele (Belohnungssaufschub) verzichten. Sie flüchten sich also in ihre psychisch kranke Nische, weil sie sich dort eine säuglingshafte Minimalversorgung erhoffen.

Dies trifft sicher nicht auf alle zu, aber doch auf sehr viele. Die schwach ausgeprägte Fähigkeit zum Belohnungsaufschub ist allerdings keineswegs ein Symptom einer psychischen Krankheit. Sie ist vielmehr die Folge einer kontinuierlichen Verhinderung bzw. Entmutigung von Lernprozessen, die ein „deferred gratification pattern“ ausbilden könnten. Und sie ist das Resultat systematischer Belohnung von Verhalten, das nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung strebt.

Und so sieht man dann die lieben Kleinen, kaum dass sie laufen und sprechen können, sich mit Fastfood und süßer Limo vollstopfend und abfüllend, vor dem Trash-TV hocken, innerlich bereits auf dem Weg zu einer Erfolg versprechenden Karriere als „psychisch kranker“ Empfänger von Transferleistungen.

Einige Leute jedoch, die unter ihrem Dasein leiden, kämen nicht im Traum auf die Idee, sich als „psychisch krank“ zu bezeichnen. Dazu sind sie viel zu stolz. Den Gefallen tun sie sich nicht, und erst recht nicht anderen. Das sind die wahren Helden unserer Zeit. Manche Psycho-Gurus sagen, es sei ganz, ganz falsch, die Zähne zusammenzubeißen. Vielmehr müsse man seinen Gefühlen freien Lauf lassen – am besten natürlich beim Guru in der Gruppe oder Praxis. Dennoch: Haltung bewahren – das mag altmodisch sein; aber es hilft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.