Neuropsychotherapie

Wir wissen, dass keine der bisher getesteten Psychotherapie-Methoden effektiver ist als ihre Konkurrenten, dass professionelle Psychotherapeuten nicht besser psychotherapieren können als Laien und dass der Erfolg von Psychotherapien im Wesentlichen davon abhängt, ob Klienten und Psychotherapeuten fest an den Erfolg der jeweils ergriffenen Maßnahme glauben. Wird die Psychotherapie dadurch besser, dass man ihr das Wörtchen „Neuro“ voranstellt und die Befunde der Neurowissenschaft einzubeziehen versucht?

Der Psychotherapeut Klaus Grawe hat z. B. in seinem Buch „Neuropsychotherapie“ (2004) versucht, einen neurobiologisch aufgerüsteten psychotherapeutischen Ansatz zu entwickeln. Hier finden sich beeindruckende Sätze zur Tätigkeit eines „Neuro-Psychotherapeuten“, wie etwa der folgende:

Vor seinem inneren Auge sieht er die seit langem überaktivierte und deshalb hypertrophierte Amydala von Frau H., die selektiv überempfindlich auf emotional negative Situationen anspricht (Grawe 2004: 30).”

Derartiges wird er allerdings auch nur mit seinem inneren Auge sehen, denn selbst die fortgeschrittensten Methoden der neurowissenschaftlichen Forschung, die so genannten bildgebenden Verfahren, besitzen noch nicht die Reife, um valide Erkenntnisse über mentale Prozesse zu liefern.

Der Neurowissenschaftler und behavioristische Psychologe William Uttal schreibt in seinem Buch “Mind and Brain”:

Es ist durchaus möglich, dass zwei unterschiedliche neuronale Netzwerke dasselbe fMRI-Resultat1 hervorrufen. Deswegen gibt es keine funktionelle Beziehung zwischen einem fMRI-Bild und der Aktivität des kritischen und essentiellen Netzwerks, von dem Hebb vorherwissend hervorhob, dass es das psycho-neuronale Äquivalent kognitiver Prozesse sei. Kurz: Die makroskopischen neuronalen Netzwerke, die mit fMRI-Systemen studiert werden, sind nicht dieselben wie die mikroskopischen neuronalen Netzwerke, die (aufgrund ihrer Komplexität) gar nicht untersucht werden können. Diese Netzwerke zu verbinden, ist nichts anderes als neurowissenschaftliche Wortspielerei (Uttal 2011).”

Vereinfacht zusammengefasst: Selbst die fortschrittlichsten Verfahren der Neurowissenschaft sind viel zu grobkörnig zur Analyse der mikroskopischen Hirnprozesse, die unser Denken und Fühlen repräsentieren. Gerade aber um diese höheren kognitiven Funktionen, um unsere Erwartungen, Planungen, Einschätzungen und Entscheidungen, geht es in der Psychotherapie – und es bringt diese Disziplin nicht weiter, wenn man sie mit den vorläufigen und fragwürdigen Erkenntnissen der Neurowissenschaft drapiert.

William R. Uttal ist emeritierter Professor der Ingenieurwissenschaften (Arizona State University) und emeritierter Professor der Psychologie (University of Michigan). Er schrieb zahlreiche Bücher zu Fragen der kognitiven Neurowissenschaft und Psychologie. Er gilt als einer der besten Kenner der neueren neurowissenschaftlichen Forschung. Seine Position ist unmissverständlich:

Der Psychologie ist mit einem behavioristischen Ansatz, der sich auf beobachtbare Parameter menschlicher Aktivität konzentriert, besser gedient als mit den Ableitungen eines reduktionistischen Mentalismus (Uttal 2011).“

Es ist natürlich verlockend, die Strahlkraft der bunten Bilder, die uns die Neurowissenschaft präsentiert, als Marketinginstrument für die Psychotherapie zu nutzen. Wer allerdings meint, dass Psychotherapie ein Geschäft sei, das auf Vertrauen, Authentizität und Ehrlichkeit beruht, sollte dieser Verlockung widerstehen.

Zwar glaube ich nicht, dass wir auf mentalistische Begriffe und Hypothesen vollständig verzichten können; aber wir sollten mit diesen so sparsam wie möglich verfahren. Die Verwendung des Begriffs der „psychischen Krankheit“ verbietet sich daher von selbst, weil allein schon der Term „Psyche“ mit seiner Fülle mentalistischer Implikationen heillos weit entfernt ist von einer beobachtbaren Realität. Selbst der simpelste Gedanke lässt sich nicht irgendwo im Gehirn lokalisieren, sondern er beruht auf Netzwerken, die sich über das Nervensystem verteilen; und so ist es sicher zielführender, sich auf das Verhalten des gesamten menschlichen Organismus zu konzentrieren.

Die so genannten psychischen Krankheiten fasse ich als Gewohnheiten auf. Sie beruhen auf einer Kette kleiner Entscheidungen, die man als verdecktes Verhalten betrachten kann. Sie werden gefällt, ohne dass sich der Mensch klar darüber sein muss, welche gravierenden Konsequenzen sie haben können. Sie werden aufrechterhalten, obwohl sie die jeweils grundlegenden Probleme nicht lösen, weil sie eine gewisse Erleichterung bringen. Gewohnheiten setzen sich u. a. aus Prozessen des Denkens, Fühlens, Wahrnehmens und Handelns zusammen. Diese Prozesse können teilweise direkt beobachtet bzw. ohne umfassende Zusatzannahmen aus dem Kontext des Verhaltens erschlossen werden.

Psychotherapie nach dem medizinischen Modell und erst recht Neuro-Psychotherapie sind überflüssig. Es gibt keine Krankheiten, die mit „Psychotherapie“ geheilt werden müssten; und es gibt keinen sachlichen Grund, psychologische Maßnahmen mit Spekulationen über die neuronalen Grundlagen mentaler Prozesse anzureichern.

Fraglos brauchen manche Leute, die sich ihren schädlichen Gewohnheiten hilflos ausgeliefert fühlen, mitmenschliche Unterstützung. Nicht hilfreich sind allerdings irgendwelche Methoden, mit denen ein „Therapeut“ das Verhalten und Erleben seines Klienten zu verändern trachtet. Wer sich entscheidet, mit schädlichen Gewohnheiten zu brechen, hat nichts davon, wenn ihm ein Therapeut mit irgendwelchen Methoden den Weg zu einer Neuorientierung zu ebnen versucht. Man denke doch nur an die vielen Leute, die mit Diäten abnehmen wollen und die nach geraumer Zeit dicker sind als jemals zuvor.

Was zählt, ist meine felsenfeste Entscheidung und die Beobachtung meines eigenen Verhaltens. Bringt, was ich tue, mich meinem Ziel näher oder entfernt es mich von ihm. Ich muss also nur konsequent jedes Verhalten, das mich an mein Ziel heranführt, uneingeschränkt und kompromisslos positiver bewerten als Verhalten, das mich von meinem Ziel abirren lässt.

Dazu brauche ich keinen Therapeuten, das kann ich selbst. Wohl aber kann Ermutigung und verständnisvolle Begleitung hilfreich sein. Keine besonderen Fähigkeiten muss ich beherrschen, keine ausgefeilten Techniken muss ich anwenden; nein, es genügt allein, ehrlich zu mir selbst zu sein und konsequent.

Von den Behavioristen unterscheide ich mich dadurch, dass für mich Begriffe wie „Entscheidung“, „Ziel“, „Wille“, „Erwartung“ und „Beharrlichkeit“ nicht etwa zu vermeiden, sondern vielmehr zentral sind. Mit den Behavioristen stimme ich hinsichtlich der Überzeugung überein, dass beobachtbares Verhalten der Dreh- und Angelpunkt jeder wissenschaftlichen Psychologie sein sollte.

Könnte man beobachtbarem Verhalten 1 zu 1 – auf der relevanten mikroskopischen Ebene lokalisierbare – neuronale Prozesse zuordnen, dann ließe es sich vernünftig über Neuro-Psychotherapie diskutieren. Aber das kann man nicht und man wird es vermutlich aufgrund der schier atemberaubenden Komplexität der relevanten mikroskopischen neuronalen Netzwerke niemals können.

Wir setzen eine Ratte in einen Käfig. Sie hat zwei Tasten vor sich, A und B. Drückt sie Taste A, erhält sie in siebzig Prozent aller Fälle Futter der Sorte Rattenglück. Drückt sie die Taste B, so bekommt sie Rattenglück nur bei dreißig Prozent aller Versuche. Die Ratte lernt schnell, nur noch die Taste A zu drücken. Nun nehmen wir die Ratte aus dem Käfig und geben ihr, unabhängig von Tastendrücken, Rattenglück zu fressen. Aber wir haben Rattenglück mit einem Mittel versetzt, das Übelkeit erregt. Schnell begreift die Ratte das böse Spiel und meidet Rattenglück.

Nun wird das Tier wieder in den Käfig gesetzt, es betätigt Taste A und erkennt Rattenglück. Was geschieht? Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn die Ratte nur gelernt hat, die richtige Taste zu drücken, wird sie eventuell noch Taste B betätigen. Wenn sie dann ebenfalls Rattenglück erhält, wird sie gar keine Taste mehr drücken.

Anders sieht die Sache aus, wenn die Ratte so gründlich trainiert wurde, dass eine Gewohnheit zum Tastendruck entstanden ist. Die Ratte wurde also nicht aus dem Käfig genommen, sobald sie den Zusammenhang zwischen den Tasten und der Belohnungswahrscheinlichkeit gelernt hatte, sondern die Übung wurde noch eine geraume Zeit fortgesetzt. Man spricht hier vom Überlernen.

In diesem Fall wird die Ratte auch weiterhin Taste A drücken und das Futter fressen, obwohl sie gelernt hat, dass ihr von Rattenglück schlecht wird (Dickinson 1985).

Ähnlich ergeht es auch uns Menschen. Allerdings brauchen wir viel länger Zeit als Ratten, bis wir erkannt haben, dass wir durch ausschließlichen Druck auf Taste A unsere Belohnungswahrscheinlichkeit optimieren können. Manche erkennen das auch nie. Der Grund: Wir vermuten ein System und versuchen, dem Trick des Versuchsleiters auf die Schliche zu kommen, indem wir mit diversen Tastendruck-Kombinationen experimentieren.

Ansonsten aber verhalten wir uns ganz ähnlich wie die Ratten. Auch wir können uns von Gewohnheiten nur schwer lösen, selbst wenn sie ihre ursprüngliche Nützlichkeit offensichtlich eingebüßt haben. Hier denke ich beispielsweise an einen schüchternen jungen Mann. Er erkennt, dass ein, zwei Gläschen Bier ihm seine Scheu vor dem weiblichen Geschlecht nehmen und dass er, leicht beschwipst, auf Partys bei den jungen Damen gut ankommt. Aus den ein, zwei Gläschen werden jedoch im Laufe der Zeit drei, vier, fünf oder mehr, kurz: das Trinken wird ihm zu Gewohnheit. Obwohl die Damen nunmehr den Besoffenen regelmäßig abblitzen lassen, glaubt er, von seiner Gewohnheit nicht mehr lassen zu können.

Was kann uns Neuro-Psychotherapie hierzu verraten? Dass beim Saufen diese oder jene Teile des Gehirns aktiviert werden? Dass Alkohol Lust erzeugt oder Unlust vermeidet, wussten wir auch schon zuvor. Das Neuro-Gerede fügt dem vorhandenen psychologischen Wissen nur eine redundante Ebene hinzu. Sonst ist da nichts, nicht wirklich.

Kurz: Es gibt keine Theorie oder mutmaßliche Erklärung dafür, wie mentale Prozesse aus neuronalen hervorgehen (Uttal 2011)“, schreibt William Uttal.

Die Vorstellung, dass es in dieser Frage dank bildgebender Verfahren rasante Fortschritte gäbe, sei ein durch die Medien in den Köpfen vieler Laien erzeugter Irrglaube. „Psychotherapeuten“ sollten weniger mit ihrem „inneren Auge“ sehen, sondern mit ihren äußeren Augen Verhalten beobachten.

Literatur

Dickinson, A. (1985). Actions and Habits: The Development of Behavioural Autonomy. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, volume 308, pages 67—78

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe

Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

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Functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI) ist das heute vorherrschende bildgebende Verfahren.

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