Nation und Freiheit

Frühes 19. Jahrhundert. Das alte Europa war infolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege zusammengebrochen. Bürgerliche Liberale hefteten Freiheit und Nationalstaat auf ihre Fahnen. Diese beiden Begriffe stellten einst eine unlösbare Einheit dar. Die Konservativen leisteten Widerstand. Erst später bemächtigten sie sich der Idee des Nationalstaats. Die Folgen sind bekannt. 1945 lagen weite Teile Europas in Schutt und Asche.

Nie wieder! Das war die Parole der Europäer in der Nachkriegszeit. Nie wieder sollte der Zwist zwischen den europäischen Nationen solch verheerende Konsequenzen haben. Eine europäische Gemeinschaft sollte entstehen. Heute ist sie entstanden und sie befindet sich nunmehr schon wieder im Prozess des Zusammenbruchs. Den Völkern ist die Kontrolle über ihre Angelegenheiten entglitten. Sie ächzen unter dem Diktat eines bürokratischen Molochs, hinter dessen postdemokratischer Fassade sich die Herrschaft der Lobbyisten verbirgt.

Und wieder flattern die Fahnen des Nationalstaats im Wind der Freiheit. Viele Menschen in Europa wollen ihr Land zurück. Sie wollen ihre Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Dies ist eine zutiefst freiheitliche Sehnsucht. Nation und Freiheit sind zwei Seiten einer Medaille. Doch wenn sich die Nationalisten, die Rechtskonservativen, die Reaktionäre der großen Idee des Nationalstaats, dieser bedeutendsten Erfindung der Neuzeit bemächtigen, wenn sie den Freiheitsnektur durch das Zuckerwasser des Chauvinismus ersetzen, dann droht erneut Zerstörung und noch einmal auf unvorstellbarem Niveau.

Die Fahne des Nationalstaats flattert wieder im Wind der Freiheit, überall in Europa. Von See her bläht sie schottischer Sturm, eine gallo-romanische Brise lässt sie in Barcelona knattern und knallen. Auf Korsika leuchtet sie vor blauem Himmel im mediterranen Sonnenschein. Sogar Regierungen europäischer Staaten bieten dem Monster in Brüssel und Straßburg die Stirn. Freiheit und Nation!

Doch leider, leider ist das Bild nicht so klar wie einst im jungen 19. Jahrhundert, als bürgerliche Revolutionäre Einigkeit und Recht und Freiheit ersehnten. Heute sind leider viele Bewegungen zur Stärkung des nationalen Gedankens in Europa nationalistisch, autoritär, ja zutiefst rückschrittlich. Einst schrieb Marx: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“1)Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 8, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, S. 115-123, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1972

Hitler pervertierte den Freiheitsbegriff, indem er in völkisch interpretierte. Den Nationalsozialisten ging es um die Freiheit Deutschlands, um sein vermeintliches Recht des Stärkeren, um das Recht zum Plündern und Ausbeuten anderer Völker. Das war die Tragödie. Kommt nun die Farce?

Hat das Pack die AfD gewählt? Oder waren es die Abgehängten? 2)Das ist der Kosename für „Pack“. Waren es Menschen, die ihr Land zurück, die ihre eigenen Angelegenheiten selbst kontrollieren, die dem Monster die Stirn bieten wollten? Wer auch immer, haben sie tadellose Ritter deutscher Freiheit gewählt?

Man muss schmunzeln bei dieser Frage, bis einem die Gesichtszüge entgleisen. Ebenso wenig, wie man einen Pudding an die Wand nageln kann, ist es möglich, klar zu sagen, wofür diese Partei eigentlich steht – wenn nicht jetzt, so doch in der nächsten Woche. Wenn ich mich recht entsinne, sagte Rainer Wendt einmal, so besoffen könne er gar nicht sein, dass er die AfD wähle.

Ja, leider flattert die Fahne des freiheitlichen Nationalstaats in Europa nur zu oft vor einem Heerzug von Komödianten.

Fußnoten   [ + ]

1. Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 8, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, S. 115-123, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1972
2. Das ist der Kosename für „Pack“.

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