Mythen der Psychotherapie

Moderne Menschen brauchen keinen „Psychotherapeuten“, der wie eine Mischung aus Arzt, Pfarrer und Schamane auftritt. Sie brauchen keine „Psychotherapie“, die wie eine alleinseligmachende Amtskirche organisiert und staatlich abgesichert ist. Die heutige kassenfinanzierte „Psychotherapie“ entspricht – von rühmlichen Ausnahmen abgesehen – weitgehend noch dem Menschenbild des 19. Jahrhunderts, das in unserer Gesellschaft immer noch nicht völlig überwunden ist und dass sich im psychiatrischen Bereich besonders hartnäckig hält.

Es mag der Orientierung dienen, die Realität der Psychotherapie durch die Lupe der Mythentheorie zu betrachten. Die vorherrschenden Psychotherapie-Mythen haben folgende Struktur:

A. Typ “Kirche”

Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es gibt eine alleinseligmachende Kirche.
  2. Es gibt eine reine Lehre.
  3. Die reine Lehre wird in hohen Schulen vermittelt.
  4. Es gibt eine formale Hierarchie der Priester.
  5. Um auf die höheren Ebenen der Hierarchie aufzusteigen, muss man die hohe Schule absolviert haben.
  6. Die Heilkraft des Priesters wächst mit der Höhe seiner Position in der Hierarchie.

(Beispiele: die heutige Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie)

B. Typ “Sekte”

Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es gibt einen alleinseligmachenden Weg.
  2. Es gibt eine reine Lehre.
  3. Die reine Lehre wird von einem Wundermann vermittelt.
  4. Es gibt eine informelle Priester-Hierarchie der persönlichen Nähe zum Wundermann.
  5. Um auf die höheren Ebenen der Hierarchie aufzusteigen, muss man sich der Gunst des Wundermanns erfreuen.
  6. Die Heilkraft des Priesters hängt von der persönlichen Nähe zum Wundermann ab.

(Beispiele: Die Psychoanalyse zu Zeiten Freuds, diverse esoterische Psycho-Kulte, alle „Psychotherapie“-Systeme, die stark auf eine noch lebende Gründerfigur zugeschnitten sind)

In beiden Modellen gibt es eine strikte Trennung zwischen „Laien“ und „Fachleuten“. Die „Fachleute“ unterscheiden sich von den „Laien“ dadurch, dass sie in eine Lehre eingeweiht wurden und in einer Hierarchie aufgestiegen sind. Sie verfügen über ein „okkultes“ Expertenwissen1, das angeblich nicht durch Bücher vermittelt werden kann, sondern auf höheren Einsichten aus entrückten Quellen (z. B. der heiliggesprochenen eigenen Erfahrung und Praxis) beruht.

Die empirische Psychotherapieforschung stützt keine dieser beiden Psychotherapie-Mythen. Es gibt Tausende von „Psychotherapie“-Studien. Auch wenn man skeptisch gegenüber der Wissenschaft ist, sollte man einräumen, dass sich niemand sonst außer der empirischen „Psychotherapie“-Forschung derart ausführlich und umfangreich mit diesem Gegenstand beschäftigt hat.

Es zeigte sich: Weder die Methoden, noch die Qualifikation des Therapeuten oder seine Berufserfahrung haben einen nennenswerten Einfluss auf das Ergebnis der „Psychotherapie“. Die Daten sprechen da eine ganz eindeutige Sprache, auch wenn sich in einigen Studien bei einigen speziellen Problemen eine eher bescheidene Überlegenheit der einen über die andere Technik zeigen mag.

Beide psychotherapeutischen Mythen („Kirche“ und „Sekte“) beruhen auf Autorität. Bekanntlich nagt die empirische Forschung immer an den Fundamenten jeder Autorität. So auch hier. Die empirische Forschung zerstört den Mythos der Wissenschaftlichkeit aller gängigen „psychotherapeutischen“ Verfahren. Alle kochen nur mit Wasser, so wie der Frisör, der Gastwirt, der Taxifahrer, denen Menschen ihr Seelenleid bekunden, auch.

Und nun sollte man einmal tief durchatmen und sich fragen, ob diese Befunde wirklich überraschend sind. Es ist sicher nicht erstaunlich, dass wir dazu neigen, ein menschliches Unternehmen, in dem es um Heil und Heilung geht, geistig nach uralten Mustern zu erfassen und einzuordnen, nämlich nach dem Muster „Kirche“ oder „Sekte“, „Schamane“ oder „Priester“. Diese Muster setzen eine Hierarchie voraus – und wir Menschen neigen dazu, unsere Verhältnis hierarchisch zu ordnen, sowohl gedanklich, als auch in der Wirklichkeit. Wir schauen auf die oben in der Hierarchie und halten sie für besonders wichtig. „Die da unten“, das Fußvolk zählt nicht.

Sicher, ich höre den Einwand: „Kein Psychotherapeut betrachtet seine Patienten oder Klienten als Fußvolk, als minderwertig.“ Stimmt: Jeder „Psychotherapeut“ wird betonen, wie groß seine Wertschätzung für Sie sei. Dennoch zögert er nicht, Ihnen Diagnosen anzuhängen, die, um es milde zu formulieren, nicht selten hochgradig beleidigend sind. Ein Double Bind, eine doppelte Botschaft, die sich der Reflexion entzieht, die nicht thematisiert werden darf.

Wie auch immer: Viele Patienten bzw. Klienten lassen sich diese Diagnosen nur zu gern anhängen. Sie schauen zu ihren „Therapeuten“ auf. So sind wir Menschen nun einmal gestrickt, vor allem, wenn es uns schlecht geht. Dann fehlt den meisten das Selbstbewusstsein, dass sie gerade in einer prekären Situation dringend benötigen würden.

Aber auch hier spricht die Psychotherapieforschung eine eindeutige Sprache: Der mit Abstand wichtigste Erfolgsfaktor der Psychotherapie ist die Selbstheilungskraft des Klienten oder Patienten. Die „Arbeit“ machen, wie so oft, die Menschen „ganz unten“.

Erfolge bei dieser „Arbeit“ sollten eigentlich das Selbstbewusstsein der Klienten steigern. Doch in „Psychotherapie“-Systemen nach dem Muster „Kirche“ oder „Sekte“ ist dies nicht der Fall. In diesem wird der Erfolg auf die „Leistung“ des „Therapeuten“ bzw. des „Gurus“ zurückgeführt. Das ist aber kontraproduktiv.

Die kirchen- bzw. sektenförmigen „Psychotherapien“ haben dennoch nach wie vor eine nützliche Funktion – für Menschen, die in den überkommenen hierarchisch-autoritätsgläubigen Geisteshaltungen befangen sind, für Menschen, für die Erfolg weniger wichtig ist als Anpassung und Unterordnung.

Diese Menschen, die das Leben über sich ergehen lassen, brauchen so etwas, natürlich. Nichts anderes. Es sind Menschen, die keine Verantwortung für sich selbst, für ihre eigene Innenwelt übernehmen wollen. Diese Menschen verändern zu wollen, ist aussichtslos. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Zumindest unseren Kindern sollten wir ein solches Dasein ersparen.

Für jene, die das Glück hatten, nicht derart deformiert worden zu sein, könnte sich ein neuer Mythos als hilfreich erweisen, der Mythos der Beratung.

C. Typ “Beratung” (beruhend auf dem kontextuellen Modell)

Dieser Typ ist durch folgende Glaubenssätze gekennzeichnet:

  1. Es geht nicht um „Psychotherapie“ im Sinne eines medizinischen Verständnisses, sondern um die Analyse eines Ist-Zustandes, die Bestimmung eines Soll-Zustandes und die Auswahl von Wegen und Mitteln, die zu diesem Soll-Zustand führen könnten.
  2. Die Weltsicht des Klienten ist entscheidend. Seine Maßstäbe, Werte, Vorlieben und Abneigungen zählen.
  1. Der Berater liefert Input (Wissen, Hypothesen, alternative Sichtweisen) und gibt Feedback (auf Basis der Werte des Klienten).
  2. Der Berater ist nicht „Arzt“, „Heiler“ oder „Priester“, sondern der Begleiter (Sherpa im Gebirge der Seele) seines Klienten.
  3. Die Beziehung zwischen Berater und Klienten beruht nicht auf Autorität oder “überlegenem Wissen”, sondern auf zuvor definierten Aufgabenverteilungen und Zielen.

(Beispiele: Common Factors Movement, Ronald Leifers buddhistischer Ansatz)

Kontextuelles Modell

Die moderne “Psychotherapie”-Forschung stützt das kontextuelle Modell der Psychotherapie, das erstmals von Frank & Frank (19912) formuliert wurde. Dieses Modell erklärt die Wirksamkeit von “Psychotherapie” wie folgt:

  1. Es gibt eine emotionale, vertrauensvolle Beziehung zwischen einem Hilfesuchenden und einem Helfer.
  2. Die Beziehung findet in einem Handlungsfeld statt, dessen Mission die “Heilung” ist („healing setting“).
  3. Der Hilfesuchende glaubt, dass der Helfer ihm in diesem Handlungsfeld helfen kann und will.
  4. Hilfesuchender und Helfer lassen sich von einer gemeinsamen Erklärung des Problems und der Wege zu seiner Überwindung leiten (wobei diese Erklärung keineswegs „wahr“ sein muss).
  5. Hilfesuchender und Helfer vollziehen ein „Ritual“ (praktizieren ein Verfahren, wenden Methoden an), um das Ziel des Hilfesuchenden zu erreichen.
  6. Helfer und Hilfesuchender sind davon überzeugt, dass sie das Problem des Hilfesuchenden gemeinsam meistern können.

Damit keine Missverständnisse entstehen, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass unter einem „healing setting“ keineswegs zwangsläufig das Behandlungszimmer eines „Psychotherapeuten“ zu verstehen ist. Es kann auch der Stammplatz an der Theke sein, beispielsweise. Es ist allerdings ein Missverständnis zu glauben, man könne auf Methoden verzichten, nur weil sie allesamt – statistisch betrachtet – gleich wirksam sind. Irgend eine „Methode“ muss man immer anwenden, das gehört zum „Spiel“ dazu.

Das kontextuelle Modell legt nahe, Methoden auszuwählen, die u. a. mit

  1. dem Weltbild,
  2. der Kultur und
  3. den Hypothesen des Klienten zu den Ursachen der Störung und den besten Wegen zu ihrer Überwindung

soweit wie möglich übereinstimmen.

Auch das Gespräch am Tresen oder im Friseur-Salon wird einer besonderen Methode folgen, wenn es erfolgreich ist. Dies gilt sogar dann, wenn der „Therapeut“ in diesen Fällen gar nicht weiß, dass er ein „Therapeut“ ist, geschweige denn, dass er einer „Methode“, also den Regeln eines „therapeutischen“ Spiels folgt. Manche Leute haben so etwas einfach im Blut. Dennoch unterscheiden sich hilfreiche, heilende Gespräche im Alltag von normalen Unterhaltungen. Dies ist leider noch unzulänglich erforscht, man könnte viel daraus lernen.

Da es auf die Art der Methoden gar nicht ankommt, sondern darauf, dass der Klient „auf sie schwört“, kann man natürlich auch mit alternativen oder esoterischen Methoden arbeiten, wenn der Klient diesen Methoden vertraut und deren Anwendung wünscht. Generell gilt, dass alles, was die genannten Faktoren der Wirksamkeit von „Psychotherapie“ verstärkt, verwirklicht werden sollte. Heilsam ist alles, was eine positive Erwartung stimuliert.

Es sollte unmittelbar einleuchten, dass eine „Psychotherapie“ mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitert, wenn der „Therapeut“

  • dem Klienten eine Diagnose anheftet, mit der er sich nicht identifizieren kann,
  • ihm ein Störungsmodell mitteilt, dass ihm nicht plausibel erscheint,
  • ihn mit Methoden behandelt, die ihm widerstreben.

Der Klient wird dann kein Vertrauen zu seinem Therapeuten und keine Hoffnung auf Erfolg entwickeln und demgemäß kein gutes Arbeitsbündnis eingehen oder die „Therapie“ abbrechen. Dies gilt für formale „Psychotherapien“ genauso wie für Alltagsgespräche, die in problemlösender Absicht geführt werden.

Einer der Gründe dafür, dass Laien tendenziell die besseren „Psychotherapeuten“ sind, besteht darin, dass sie es einfacher haben als psychoschulisch Verbildete, diese doch eigentlich recht einfachen Sachverhalte zu durchschauen. Professionelle „Psychotherapeuten“ sind ja nur zu oft Opfer ihrer Ausbildung, weil sie die Lehren ihrer Psychoschulen nicht kritisch zu analysieren vermögen.

Um was geht es in der „Psychotherapie“? Der Klient will sich verändern. Der Helfer kann ihm einen Rat geben, ihn auf Bewährtes hinweisen, ihn vor Gefahren warnen. Aber sich verändern, also die eigentliche Arbeit machen muss der Klient schon selber. Dazu kann er keine Theorie brauchen, die er nicht versteht oder die nicht mit seinem Denken und Fühlen übereinstimmt. Ihm nützen Methoden nichts, die seinen Lebenserfahrungen und seinen Erfahrungen mit sich selbst widersprechen. Ihm nützen also keine Klugscheißer und Besserwisser als Helfer. Er braucht Leute, die ihn dabei unterstützen, seine inneren Hilfsquellen zu aktivieren und sinnvoll zu koordinieren. Wenn Tarot, I Ging und Astrologie dabei helfen… warum nicht? Wenn Psychoanalyse dabei hilft… warum nicht? Verhaltenstherapie… warum nicht.

Es kommt darauf an, dass diese Mittel und Ideen als Instrumente eingesetzt werden, um das Vertrauen des Klienten auf die eigene Kraft zu verstärken. Wenn der „Therapeut“ damit aber vor allem unter Beweis stellen will, was für ein „toller Hecht“ er doch ist, dann kann die Veranstaltung nur in die Hose gehen.

Vor einiger Zeit fand ich in einem Internet-Gästebuch einer Suchttherapie-Einrichtung einen Eintrag eines ehemaligen, sehr, sehr dankbaren Patienten über den Leiter dieses Hauses, der mit dem Satz endete: „Zu Herrn Dr. X kann ich nur aufblicken!“

Ich traute meinen Augen kaum. Dieser Eintrag stand da, unkommentiert, und er stand da immer noch, als ich sechs Wochen später den Link zu diesem Gästebuch noch einmal anklickte. Der Patient, der diesen Eintrag verfasste, wusste vermutlich nicht, dass er damit ein vernichtendes Urteil über diese Einrichtung im Allgemeinen und über diesen Herrn Dr. X im Besonderen fällte.

Marketing-Leute wissen: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Was nützt dem Kunden ein Gerät mit tollen Funktionen, wenn er diese gar nicht braucht. Was nützt dem Klienten eine hochgeistige, wissenschaftlich durchgestylte „Psychotherapie“ oder gar Neuro-Psychotherapie, wenn die mit seinen inneren Hilfsquellen, seinen Bedürfnissen und Zielen gar nichts zu tun hat? Was nützt einem Patienten eine „Therapie“, wenn er hinterher dankbar zum Personal aufschaut, anstatt sich selbst auf die Schulter zu klopfen, stolz zu sein, auf die eigene Leistung?

Psychotherapie“ ist bemerkenswert effektiv. Dies kann man trotz aller Kritik nicht sinnvoll bezweifeln. Es gibt zahllose Patientenbefragungen, die eindeutig die Ergebnisse der Studie des Apotheken-Blättchens bestätigen.3 Die große Mehrheit der Patienten zeigt sich zufrieden mit den Bemühungen ihrer „Psychotherapeuten“. Das ist besser als anderes herum, klar.

Psychotherapie“ könnte aber noch effektiver sein. Meines Erachtens ist der beste Weg zur Effektivitätssteigerung die bessere Beachtung und Erforschung der allgemeinen Faktoren des kontextuellen Modells. Selbstverständlich ist der beste Weg aus einem seelischen Tief immer noch die Selbsthilfe. Mir ist aber bewusst, dass dieser Weg vielen Menschen verschlossen ist. Psychotherapie im Sinne einer Beratung und im Rahmen eines kontextuellen Modells ist mit Sicherheit die am wenigsten schädliche Alternative zur Selbsthilfe.

Laut Freud z. B. kann man nicht ohne eine vorherige Lehranalyse zur vollen Erkenntnis der psychoanalytischen Wahrheit gelangen; er raunte auch gegen Ende seines Lebens, dass die Dissidenten seiner Lehrer womöglich nicht voll analysiert gewesen und daher dem Widerstand gegen seine unfehlbaren Einsichten erlegen seien.

2 Frank, J. D. & Frank, J. B. (1991). Persuasion and Healing: A Comparative Study of Psychotherapy. (3rd ed.). Baltimore: John Hopkins University Press

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