Morbus Szasz

Das Krankheitsbild

Eine der häufigsten Krankheiten in modernen Industriegesellschaften wird in der Regel falsch diagnostiziert. Dadurch entstehen enorme Kosten für Therapien und Medikamente, die vermeidbar wären. Es handelt sich hier um eine iatrogene, also um eine von Ärzten erzeugte Krankheit. Sie ist keine Krankheit im engen, medizinischen Sinn, sondern eine schwerwiegende geistige und emotionale Verwirrung mit metaphorischem Krankheitswert. Sie wird nach ihrem Erstbeschreiber, dem Psychiater Thomas Szasz, auch Morbus Szasz genannt. Die Psychiatrische Identitätsstörung (PIS), so die offizielle Bezeichnung, zeichnet sich durch das folgende „Krankheitsbild“ aus:

A. Charakteristische Symptome.

Folgende Symptome bestehen für mindestens einen Monat:

  • Wahn. Der Patient glaubt, an einer angeblich psychischen Krankheit zu leiden. Er wähnt, dass diese eingebildete Krankheit auf einer Hirnstörung beruhe. Er hält unverbrüchlich an seiner Überzeugung fest, obwohl eine solche Hirnstörung mit den objektiven, naturwissenschaftlichen Methoden der Medizin nicht nachgewiesen werden kann. Häufig glaubt der Erkrankte auch, seine fantasierte psychische Krankheit habe genetische Ursachen, obwohl es auch dafür keinerlei wissenschaftliche Beweise gibt. In einigen Fällen wird die These der Hirnstörung aber auch durch den Glauben an ein frühkindliches Trauma als Ursache der angeblichen psychischen Krankheit ersetzt oder ergänzt.

  • Illusionen. Der Patient missdeutet Psychiater oder psychologische Psychotherapeuten als Experten für seine angebliche, in Wirklichkeit aber nur auf o. g. Wahn beruhende psychische Krankheit. Er ist extrem empfänglich für die Suggestionen dieser illusionären „Fachleute“.

  • Desorganisierte Sprechweise. Der Patient hat seine Fähigkeit verloren, über seine seelischen Zustände zusammenhängend in einer allgemein verständlichen Alltagssprache zu sprechen. Er vermischt Begriffe der Umgangssprache beständig mit Termen aus einer pseudomedizinischen Fachsprache, denen er eine wahnhafte Bedeutung beimisst.

  • Grob desorganisiertes Verhalten. Der Patient weicht der Auseinandersetzung mit seinen alltäglichen Lebensproblemen aus und sucht zunehmend Kontakt zu Menschen, die er als Experten zur Lösung seiner Schwierigkeiten missdeutet. Diese Fehldeutung ist auch nicht korrigierbar, beispielsweise durch die offensichtlichen Misserfolge dieser scheinbaren „Experten“. Er gehorcht den Anweisungen dieser „Fachleute; dies führt zu bizarren Verhaltensmustern.

  • Negative Symptome. Der Patient neigt dazu, durch Missbrauch einer bestimmten Art von Drogen (der so genannten Psychopharmaka) Symptome wie beispielsweise flache Affekte, Alogie und Willensschwäche hervorzurufen.

B. Soziale, berufliche Leistungseinbußen. Die o. g. charakteristischen Symptome führen häufig zur Gefährdung oder zum Verlust des Arbeitsplatzes, zu Problemen in Partnerschaft und Ehe, zu Ehescheidungen und sozialer Isolation. Die Fähigkeit, sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern, ist durch den übermäßigen Kontakt mit den bereits erwähnten falschen Experten deutlich eingeschränkt.

C. Dauer. Die Zeichen dieses Störungsbildes halten für mindestens sechs Monate an. Dabei müssen die unter A genannten Symptome mindestens einen Monat lang gezeigt werden. Die sechsmonatige Periode kann aber auch prodromale Abschnitte beinhalten (beispielsweise auffälliges, zwanghaftes Interesse an psychiatrischen Themen).

D. Ausschluss einer Compliance-Störung. Die Symptomatik ist nicht die Folge einer freiwilligen, der Not gehorchenden Anpassung an eine Unterbringung oder Behandlung gegen den Willen des Patienten (Zwangspsychiatrisierung). Die Symptomatik ist nicht die Folge einer erzwungenen Anpassung durch Folter und Gehirnwäsche zur Durchsetzung der so genannten „Krankheitseinsicht“.

E. Ausschluss von Substanzeinfluss / medizinischem Krankheitsfaktor. Die Symptomatik wird nicht zwecks Erfüllung der Bedingungen einer verlorenen Wette unter volltrunkenen Stammtischbrüdern vorgetäuscht. Sie ist auch keine Nebenwirkung einer Hirnschädigung durch Elektroschocks oder psychochirurgische Eingriffe.

F. Beziehung zu einer tief greifenden Entwicklungsstörung. Bei einer Vorgeschichte mit Psychiatrisierungen in Kindheit und Jugend wird die zusätzliche Diagnose einer Psychiatrischen Identitätsstörung (PIS, Morbus Szasz) nur dann gestellt, wenn mindestens einen Monat lang besonders ausgeprägte einschlägige Wahnsymptome bestehen.

Behandlung des Morbus Szasz

Zur Behandlung der Psychiatrischen Identitätsstörung haben sich folgende Heilmittel bewährt:

  • Schocktherapie. Beim Auftreten von Symptomen sofort unter die eiskalte Dusche. Nachher gut abfrottieren und anschließend ins Bett.

  • Lektüre der Bücher von Thomas Szasz. Am besten im Zustand größtmöglicher geistiger Klarheit und Wachheit.

  • Business as usual. In nicht-akuten Phasen widmet sich der Gefährdete am besten seinen alltäglichen Obliegenheiten und meidet die müßige gedankliche Auseinandersetzung mit psychiatrischen oder psychologischen Themen.

  • Patientenverfügung. Um sich vor Krankheitserregern abzuschirmen, muss unbedingt eine entsprechende Patientenverfügung ausgefertigt werden.

  • Stimmenhören. Zur Kunst alltäglicher Seelenpflege gehört das Stimmenhören wie das Zähneputzen zur Zahnpflege. Es gilt, sein inneres Ohr vor allem für Stimmen zu öffnen, die uns vor den Folgen einer Psychiatrischen Identitätsstörung warnen.

  • Gedankenstopp. Akute Phasen einer Psychiatrischen Identitätsstörung deuten sich vor allem dadurch an, dass der Betroffene zunehmend und zwanghaft seelische Zustände mit dem Krankheitsbegriff assoziiert. Solche Gedanken sind sofort zu stoppen, indem man am besten laut „PIS Stopp!“ sagt. Falls dies laut nicht möglich ist, kann man ersatzweise auch in Gedanken (innere Stimme) und mit besonderem Nachdruck „PIS Stopp!“ rufen.

  • Unsinn. Diese Methode stammt aus dem Spektrum des homöopathischen Denkens: Gleiches heilt Gleiches. Wen Psychiatrisches anwandelt, der kann dies mit vergleichbarem Unfug übertrumpfen (beispielsweise mit Esoterischem). Doch hier ist natürlich Vorsicht geboten, um bleibende Schäden oder größere finanzielle Verluste zu vermeiden.

  • Aversionstherapie. Es kann für Menschen mit Tendenz zur Psychiatrischen Identitätsstörung sehr heilsam sein, sich die Folgen einer Behandlung mit Psychopharmaka vor Augen zu führen. Hilfreich sind da beispielsweise Bücher wie Peter Breggins „Giftige Psychiatrie“ oder Robert Whitakers „Anatomy of an Epidemic“.

  • Statistik und empirische Methodenlehre. Wer in diesen Disziplinen firm ist, hat immer etwas zu lachen. Er muss nur einen Blick auf die psychiatrische Forschungsliteratur werfen, und schon ist alles wieder gut. Lachen ist bekanntlich gesund.

  • Umdeuten. Falls alle Stricke reißen, kann man auch versuchen, die Psychiatrische Identitätsstörung positiv zu sehen. Zu diesem Zwecke ist es am besten, den Beruf zu wechseln und sich ein Betätigungsfeld in der Psychiatrie oder bei Herstellern von Psychopharmaka zu suchen. Dann sieht plötzlich alles ganz, ganz anders aus. Man wechselt die Fronten, zahlt nicht mehr drauf, sondern kassiert selbst.

Ursachen des Morbus Szasz

Über die Ursachen der Psychiatrischen Identitätsstörung kann man trefflich streiten. Auf empirische Studien kann man sich leider nicht stützen, da die Ursachen bisher noch nicht systematisch erforscht wurden. Dass es sich hier um eine iatrogene Erkrankung handelt, dürfte auf wohl außer Frage stehen, allein: Warum erkranken nicht alle Menschen daran, die in den Sog der einschlägigen wirtschaftlichen und politischen Interessen geraten?

Ist’s Dummheit, die anfällig macht? Oder Knechtseligkeit? Ins Extrem gesteigerte Suggestibilität? Hier liegt ein breites Forschungsfeld brach, das niemand, der sein Geld vom Staat oder aus der Wirtschaft bekommt, urbar machen möchte.

Es drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass auch sonst niemand so genau wissen will, was sich hinter der PIS verbirgt. Dass die Betroffenen an ihrem Wahn festhalten, erstaunt zwar nicht, denn das Unkorrigierbare ist ja gerade ein definitionsgemäßes Charakteristikum der Paranoia. Dass aber auch nicht betroffene Steuerzahler und Mitglieder der Solidargemeinschaft der Versicherten angesichts gewaltiger Kosten nicht einmal skeptisch ihre Augenbrauen heben, ist schon verblüffend.

Psychiatrische Diagnosen stigmatisieren. Dies ist ab einem IQ > 70 selbsterklärend. Dennoch wehren sich viele Menschen nicht gegen psychiatrische Diagnosen, schlimmer, sie lassen nichts unversucht, bis ihnen endlich das ersehnte Etikett angeheftet wird, erst von den lieben Mitmenschen („Geh‘ doch mal zum Psychiater!“) und dann endlich offiziell vom Experten.

Die folgende Liste von Motiven, sich klaglos als „psychisch krank“ medikalisieren zu lassen, also dem Morbus Szasz zu verfallen, ist natürlich spekulativ, da, wie bereits erwähnt, empirische Studien zu diesem Krankheitsbild noch nicht vorliegen.

  1. Manche Menschen leiden unter seelischen Problemen, die sie nicht verstehen. Sie glauben, dringend Hilfe von Fachleuten zu benötigen. Sie wissen zwar, dass psychiatrische Diagnosen stigmatisieren, aber sie nehmen dies ohne überzeugende Begründung in Kauf. In Gesprächen mit solchen Menschen habe ich fast immer festgestellt, dass ihnen sehr wohl bewusst ist, wie irrational ihr Verhalten ist. Sie wissen, dass unser Leben ein Auf und Ab ist, dass seelische Probleme sich oft von allein in Luft auflösen, dass Psychotherapien auch nicht viel mehr als schöne Worte, dass Pillen auf Dauer keine Lösung sind und dass die Unterstützung durch Freunde oder die Selbsthilfe oftmals größere Wirkung zeigen als professionelle Angebote. Alternativlosigkeit ist also keine hinlängliche Erklärung für das in Rede stehende Verhalten.

  2. Manche Menschen glauben, dass sie ihren Mitmenschen, der Gesellschaft allgemein oder gar dem lieben Gott Leistung schulden. Sie fürchten, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, sie ängstigen sich vor dem Versagen und den damit verbundenen Schuldgefühlen. Um das befürchtete Scheitern zu vermeiden, entziehen sie sich den bedrohlichen Aufgaben, indem sie „psychisch krank“ werden. Da man heutzutage „psychische Krankheiten“ als Gehirnstörungen auffasst, sind sie nicht etwa faul oder gar asozial, sondern Opfer pathologischer Prozesse, die sich auch bei bestem Willen ihrer Kontrolle entziehen. Sie sind also, so lautet diese Logik, über die sie sich natürlich keine Rechenschaft ablegen, als „psychisch Kranke“ unschuldig und ihre Verweigerung der Aufgabenbewältigung kann ihnen nicht als mutwillige Leistungszurückhaltung angelastet werden.

  3. Manche Menschen leiden unter einem Mangel an Zuwendung. Sie simulieren körperliche Erkrankungen. Der Arzt deutet diese als psychosomatische Störungen und behandelt sie entsprechend, nämlich durch Zuwendung. Manche dieser Menschen wählen den kürzeren Weg, verzichten auf die Simulation physischer Leiden und präsentieren dem Arzt sogleich eine Reihe von einschlägigen Symptomen der so genannten psychischen Erkrankungen. Die Stigmatisierung durch die psychiatrische Diagnose wird in diesen Fällen mitunter sogar als Argument gebraucht, um noch mehr Zuwendung einfordern zu können.

  4. Manche Menschen leiden unter seelischen Problemen, fühlen sich wegen der damit verbundenen Leistungsminderung schuldig und betrachten die Stigmatisierung durch eine psychiatrische Diagnose als verdiente Strafe, die sie bußfertig auf sich zu nehmen gewillt sind.

  5. Manche Menschen tragen die Stigmatisierung, die sie sich selbst durch die Konsultation des entsprechenden Experten eingebrockt haben, wie ein Fanal vor sich her, weisen unermüdlich auf die Diskriminierung hin, die sie unschuldig zu erdulden hätten, um eigene Schuldgefühle wegen unzulänglicher Leistungen auf andere zu projizieren.

  6. Manche Menschen produzieren die einschlägigen Symptome „psychischer Krankheiten“, um sich an jenen zu rächen, die angeblich dafür verantwortlich sind. In diese Kategorie gehören manche „Traumaopfer“. Über das tatsächliche Motiv ihres Verhaltens legen sich diese Menschen keine Rechenschaft ab.

  7. Manche Menschen übernehmen die Rolle des „psychisch Kranken“, weil ihnen diese in ihrem sozialen System zugeschrieben wurde und weil sie nicht den Mut und die Kraft hatten, sich dagegen zu wehren.

  8. Manche Menschen langweilen sich. Sie betrachten die „psychische Krankheit“ als Eintrittskarte ins Disneyland der Psychiatrie. Dort, so glauben sie, könnten sie dem grauen Alltag für eine Weile entkommen. Dass eventuell eine Horrorshow auf sie wartet, wollen sie nicht wahrhaben.

  9. Manche Menschen möchten gern gegängelt werden. Sie leiden unter der Freiheit. Es ist ihnen zu mühsam, zu aufreibend, für sich selbst zu entscheiden. Sie scheuen die Verantwortung für ihr eigenes Leben. Der Arzt soll ihnen sagen, was zu tun ist.

  10. Manche Menschen sind hoffnungslos verliebt in Helfer. Diese „Gekränkten“ sind ja ach so empfindlich und verletzlich. Der rücksichtsvollste, der feinfühligste Helfer unter der Sonne ist der Prinz ihres Herzens. Und wehe, er enttäuscht sie. Dann kommt der nächste „Superhelfer“ an die Reihe.

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