Mobbing

„Der Mensch ist des Menschen Wolf!“

Dieser Satz wird meist dem neuzeitlichen Philosophen Thomas Hobbes zugeschrieben. Erstmals aufgeschrieben wurde er jedoch von dem antiken Komödiendichter Plautus. Diese Erkenntnis dürfte vermutlich älter sein, denn die niederträchtige Behandlung des Mitmenschen gehört vielleicht nicht zum Wesen des Menschen, ist aber ein Charakteristikum der aufgezeichneten menschlichen Geschichte. Der Mensch verhält sich nicht nur niederträchtig, er weiß es auch; mitunter bereut er es, hin und wieder schreibt er darüber.

Mobbing ist kein neues Phänomen. Nur der Name ist neu. In meiner Jugend nannte man es Schikane. Mobbing ist englisch und kommt von „Mob“, die Meute. Die Meute, schreibt der Nobelpreisträger, Romancier und Kulturphilosoph Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“, ist die älteste Form der Vergesellschaftung von Menschen. Sie war schon immer da, lange bevor es die Massen gab. Die natürlichste und älteste Art der Meute sei die Jagdmeute. Sie bildet sich, wenn ein Tier, das der Einzelne nicht oder nur schwer erlegen kann, getötet werden soll. Etwas jünger und mit der Jagd-Meute verwandt ist die Kriegsmeute. Sie setzt eine zweite Meute aus Menschen voraus, gegen die sie sich richtet.

Da sich das Mobbing fast immer gegen eine Einzelperson wendet, ist der Mob im Sinne des Mobbings der archaischen Form der Meute zuzurechnen. Es geht darum, einen Menschen aus der Firma zu ekeln. Für das archaische Unbewusste bedeutet dies, ihn zur Strecke zu bringen, ihn auszulöschen. Tiefenpsychologisch betrachtet, ist das Mobbing dem Lynchen verwandt.

Manche halten ihr Unternehmen zwar für einen Dschungel, damit aber täuschen sie sich. Ein Unternehmen ist ein strukturierter Ablauf menschlicher Aktivität auf rechtlicher Grundlage und durch eine Hierarchie gekennzeichnet. In einem Unternehmen streifen keine halbnackten, blutrünstigen Horden durch die Wildnis – stets bereit anzugreifen oder zu flüchten, zu fressen und gefressen zu werden.

Wenn in einem Unternehmen ein Mob eine Einzelperson zu vernichten trachtet, dann geschieht dies im Verantwortungsbereich einer Unternehmensführung. Diese kann den Beutezug stoppen, die Augen davor verschließen, ihn behindern, fördern oder auch dazu anstiften. Mobbing unterliegt nicht dem Gesetz des Dschungels, sondern es hängt von den Entscheidungen und Unterlassungen übergeordneter Instanzen ab.

Mobbing kann Menschen seelisch vernichten. Es ist daher kein Gesellschaftsspiel und auch kein legitimes Instrument zum kostengünstigen Personalabbau. Betroffene haben ein moralisches Recht zur Gegenwehr.

Dieses moralische Recht muss besonders betont werden. Denn in einer demokratischen Gesellschaft neigen wir dazu, den Einzelnen im Unrecht zu wähnen, wenn sich eine Mehrheit bewusst gegen ihn stellt. Dies ist allerdings falsch, denn man kann, wie uns die Erkenntnistheoretiker lehren, über die Wahrheit nicht abstimmen. Abstimmungen sind kein legitimes Beweisverfahren.

Die moralische Beurteilung fällt grundsätzlich nicht im Sinne der Mobber aus. Die Hetzjagd auf einen Einzelnen ist prinzipiell kein akzeptables Mittel der Auseinandersetzung in einem Unternehmen. Diese Bewertung ist unabhängig von den persönlichen Merkmalen und Taten des Betroffenen und von den Motiven bzw. Umständen der Täter.

Wer also mobbt, setzt sich selbst ins Unrecht und hat sein Recht auf eine faire Behandlung verspielt. Das Opfer hat das moralische Recht auf seiner Seite, wenn es sich skrupellos zur Wehr setzt. Die Gegenwehr sollte, falls möglich, noch gewissenloser sein, noch heimtückischer und verschlagener als die Angriffe. Mobbing ist der falsche Zeitpunkt für christliche Linke-Wanke-rechte-Wange-Spielchen.

Formen des Mobbings

Wenn es um Gemeinheiten geht, kennt die menschliche Erfindungsgabe offenbar kaum Grenzen. Dies gilt auch und besonders fürs Mobbing. Die folgenden Beispiele ließen sich beliebig vermehren:

  • Dem Opfer werden Fehler angekreidet, die ihm gar nicht unterlaufen sind

  • Es wird in Gegenwart von anderen Mobbern, aber ohne sonstige Zeugen für dumm und unzurechnungsfähig erklärt

  • Es wird sozial isoliert; man zeigt ihm die kalte Schulter

  • Ihm werden Verstöße gegen Regeln vorgeworfen, an die sich sonst niemand hält

  • Die Täter streuen rufschädigende Gerüchte über das Mobbing-Opfer

  • Bisher Unbeteiligte werden ermutigt, sich gegen das Opfer zu wenden

  • Die Leistungen des Opfers werden – vor allem gegenüber Vorgesetzten – wahrheitswidrig entwertet

  • Seine Arbeit wird sabotiert, Zusagen werden nicht eingehalten

  • Ihm werden Leistungsziele vorgegeben, die es unmöglich erfüllen kann.

Prinzipien der Verhaltensänderung

Mobbing, die systematische Schikane am Arbeitsplatz durch Kollegen und/oder Vorgesetzte, ist eine ernsthafte Bedrohung Ihrer Karriere, Ihrer psychischen Gesundheit und sogar Ihres Lebens. Daher ist es unbedingt erforderlich, so früh wie möglich Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Mobbing kann jeden treffen, zumeist aber richtet es sich gegen Mitarbeiter, die sich aus Sicht der Mobber nicht wehren können. Mobbing findet nicht selten mit stillschweigender Duldung, mitunter sogar Förderung durch die Führungsebene statt. Wird demgegenüber das Mobbing durch die Unternehmensleitung aktiv bekämpft, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Mobbings erheblich. Nicht selten dürfte es genügen, wenn der Chef bzw. ein hochrangiger Mitarbeiter den Gemobbten „vor versammelter Mannschaft“ aufrichtig lobt oder in Schutz nimmt.

Die Mobber können psychologisch motiviert sein oder wirtschaftliche Interessen verfolgen. Zu den psychologischen Motiven zählen Sadismus oder Weitergabe von Druck bei Überlastung. Wirtschaftliche Motive sind u. a. Konkurrenzkampf oder das Erzwingen einer „kostengünstigen“ Kündigung.

Mobbing kann nicht durch „Diplomatie“ oder Kompromisse überwunden werden. Betroffene sind das Opfer einer im Grunde kriminellen Attacke und müssen sich mit aller Entschlossenheit dagegen wehren. Es gilt, Ruhe zu bewahren, sich nichts anmerken zu lassen, die Situation gründlich zu analysieren und gezielt zurückzuschlagen.

Wichtige Schritte zur Verhaltensänderung

  • Analyse Ihrer Innenwelt: Was bewirkt das Mobbing bei Ihnen? Welche Einstellung haben Sie gegenüber den Mobbern? Wie wirkt sich das Mobbing auf Ihr Selbstwertgefühl aus? Welche psychischen Energien und Fähigkeiten stehen Ihnen zur Bekämpfung der Mobber zur Verfügung?

  • Analyse der Außenwelt: Wer sind die Mobber? Welche Macht haben sie? Welche Motive verfolgen sie? Wo sind ihre Schwachstellen? Wer unterstützt sie? Mit wem könnten Sie sich gegen sie verbünden?

  • Entwicklung einer Strategie zur Beendigung des Mobbings

  • Motivierung zur Gegenwehr durch „kriegerische“ Auto-Suggestionen

Hier darf man keine halben Sachen machen. Wer den Gegner nicht „vernichtet“, ihm das Mobben also für alle Zeiten verleidet, hat vielleicht, nach einem halbherzigen Gegenschlag, vorübergehend Ruhe; aber bei der nächstbesten Gelegenheit entbrennen die Attacken wieder in voller Stärke. In solchen Augenblicken gibt es zwischen Sieg und Niederlage nur das schiere, gähnende Nichts.

Mobbing: Tactics and Strategy

Nicht jede Gemeinheit und Grausamkeit am Arbeitsplatz ist Mobbing. Jeder ist einmal ungerecht – und manche Kollegen können wir aus realen oder unerfindlichen Gründen nicht leiden. Wir sind dann vielleicht nicht immer so freundlich und kollegial, wie man dies mit Fug und Recht von uns erwarten könnte. Das ist betrieblicher Alltag – und wer das nicht ertragen kann, der ist einfach zu gut für unsere Welt.

Mobbing ist etwas anderes als das Abladen von Frust bei Leuten, die nichts dafür können. Die Schlüssel-Merkmale des Mobbings sind Absicht und Wiederholung. Die Attacken der Mobber sind nicht spontan, keine Ausgeburten von schlechter Laune oder mangelnder Selbstdisziplin bzw. Herzensbildung. Die Angriffe der Mobber sind wohlerwogen und oft geplant. Häufig stimmen sich die Mobber ab wie eine Hetzmeute. Und die Angriffe werden regelmäßig wiederholt. Sie sollen wirken wie der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Das ist die Strategie der tausend Nadelstiche. Ein weiteres Kennzeichen des Mobbings ist die Tarnung. Die Gemeinheiten werden so verwirklicht, dass kein unbeteiligter Zeuge die Täter belasten könnte. In aller Regel ist jeder, der bei einer Mobbing-Attacke anwesend ist, auch in das Komplott verstrickt. Mobbing ist also eine Form der Verschwörung. In fast allen Fällen besteht das übergeordnete Ziel des Mobbings darin, das Opfer aus der Firma zu treiben.

Mitunter gibt man sich auch mit geringeren Zielen zufrieden, wenn beispielsweise verhindert werden soll, das der Gemobbte befördert wird. Dies ist auch der Grund, warum Mobbing fast immer mit stillschweigender (eventuell auch offener) Duldung durch die Unternehmensleitung erfolgt. Keine Unternehmungsleitung hat es nämlich gern, wenn die Belegschaft auf eigene Faust Personalpolitik im Besonderen oder Unternehmenspolitik im Allgemeinen betreibt, auf eigene Faust. Hat es beim Mobbing den Anschein, als sei das Management dagegen, aber hilflos, so trügt dieser in aller Regel. Hier gilt der Leitsatz der Verschwörungstheoretiker: „Nichts ist, was es zu sein scheint!“

Giftige Unternehmen

Warum dulden manche Unternehmen das Mobbing oder stiften gar dazu an? Sicher, es gibt rationale Gründe. Mobbing ist mitunter ein effektives Mittel, „überflüssige“ Arbeitnehmer ohne Abfindung loszuwerden. Manche Unternehmer lassen Mobbing auch zu, damit Arbeitnehmer Dampf ablassen können, einen Sündenbock haben und ihre Wut nicht gegen die Unternehmensführung richten.

Da Mobbing aber das Betriebsklima und damit die Arbeitsmoral untergräbt und manchen Angestellten mehr Macht gibt, als ihnen gut tut, verursacht Mobbing im Schnitt mehr Schaden als Nutzen. Meist ist es also keineswegs rational, Mobbing zu akzeptieren oder gar zu fördern.

Der Grund dafür, dass es häufig dennoch geschieht, ist m. E. eine vergiftete Atmosphäre, die Mitarbeiter und Führungskräfte erfasst hat. Sie zeichnet sich u. a. durch folgende Merkmale aus:

  • Weit verbreiteter Ärger und tief sitzende Frustrationen

  • Wer mobbt, wird bewundert, der Gemobbte lächerlich gemacht

  • Die Arbeitsabläufe sind dysfunktional, die organisatorischen Strukturen sind „pathologisch“

  • Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind auf allen und zwischen allen Ebenen der Hierarchie gestört

  • Die für Unbeteiligte ins Auge springenden Probleme des Unternehmens werden verleugnet, Außenstehenden wird eine heile Welt vorgegaukelt

  • Die Kontrollsysteme sind unsensibel und ineffektiv

Diese Atmosphäre ist in aller Regel das Produkt gravierender Fehlhaltungen des Managements: Ihm ist der Profit wichtiger als die Menschen, es denkt kurzfristig, es ist mental Lichtjahre von den Mitarbeitern entfernt und es neigt dazu, Arbeitnehmerrechte mit Füßen zu treten. Hier ist meist ein Managertyp am Werke, der sich jede Neigung zur menschlichen Bindung im Unternehmen wegtrainiert hat, der dies aber hinter einer Fassade professioneller Freundlichkeit, aus der mitunter die Krallen gehässiger Ironie hervorbrechen, mehr oder weniger geschickt verbirgt.

Globalisierter Turbo-Kapitalismus

In ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“ (dtv, 2010) beschäftigt sich die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen nicht nur, aber auch mit dem Mobbing. Dieses und andere Formen der systematischen Demütigung von Menschen bezeichnet sie als Perversion. In ihrem Fazit schreibt sie:

„Zahlreiche leitende Persönlichkeiten und Staatsmänner, die doch Vorbild der Jugend sein sollten, scheren sich nicht um Moral, wenn es darum geht, sich einen Rivalen vom Hals zu schaffen oder sich an der Macht zu halten… In dieser Situation reichen ein oder mehrere perverse einzelne in einer Gruppe, in einem Unternehmen oder einer Regierung schon aus, damit das ganze System pervers wird.“ Sie fügt hinzu: „In einem System, das nach dem Gesetz des Stärkeren, des Gerisseneren funktioniert, sind die Perversen König.“

Es ist offensichtlich, dass der neoliberale Kult solche Systeme perverser Niedertracht fördert. Denn nach dieser Ideologie ist jeder seines Glückes Schmied. Gemeint ist hier die, wie sollte es anders sein, niederträchtige Version dieses Spruchs. Wer fleißig und klug sei, so heißt es, habe stets Erfolg, und wer Misserfolg erleide, sei entsprechend faul und dumm.

Es gibt natürlich auch eine humane, die stoische Variante dieses Gedankens: Jeder ist seines Glückes Schmied, weil, welches Schicksal uns auch immer widerfahren möge, wir selbst – und niemand sonst – entscheiden, wie wir darauf reagieren, ob wir uns die gute Laune verderben lassen wollen. Obwohl also keineswegs jeder Gemobbte seines Glückes Schmied im neoliberalen Sinne ist, so ist er es doch im stoischen Verständnis dieser Einstellung.

Doch die Freunde des Mobbings denken eher nicht an Philosophen wie Epiktet, wenn sie behaupten, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Daher bezweifeln die Anhänger neoliberaler Positionen oft auch, dass ein Mensch Opfer von Mobbing geworden sei. Derjenige, heißt es dann, habe sich seine Probleme selbst eingebrockt. Wie man in den Wald schreie, so schalle es heraus. Wenn aber das Opfer an seinem Elend schuld ist, dann gibt es auch keinen Grund, das System zu ändern.

Der globalisierte Turbo-Kapitalismus hat perverse Niedertracht zwar nicht hervorgebracht, aber er verstärkt sie u. a. durch Unterwanderung der nationalen Solidarität. Der Patriarch, der in seiner Villa am Hang domizilierte und von dort auf seine Fabrik im Tal herabschaute, die er mit Strenge, gelegentlich auch mit harter Hand führte, ist zwar ein kitschiges Bild, dennoch steckt in ihm ein wahrer Kern: In einem patriarchalisch geführten Unternehmen waren Arbeiter und kleine Angestellte besser vor Mobbing geschützt als in heutigen Betrieben, deren global operierende Besitzer ihre Aktienpakete nur noch als Geldanlage betrachten und die entsprechend häufig wechseln.

Zum Schluss noch ein Wort zur stoischen Haltung: Wenn man zur Gegenwehr gezwungen ist, muss man hart, sehr hart zurückschlagen, jedoch ohne offenen, profanen Zorn und Verbitterung. Es ist anzustreben, beim Gegner so viel Schaden wie irgend möglich anzurichten, allerdings nicht aus egoistischen oder egozentrischen Motiven, sondern aufgrund grundsätzlicher Erwägungen.

Nie und nimmer wollen wir in einer Welt leben, in der es Mobbern leicht gemacht wird. Durch unseren Kampf müssen wir dazu beitragen, unsere Mitmenschen vor dem Schicksal zu bewahren, Opfer der äußersten Niedertracht zu werden. Es ist nie zu spät, in heiligem Zorn gerechte Rache zu üben – sogar dann, wenn es für uns dabei nichts zu gewinnen gibt.

Nachwort

Nicht jeder, der behauptet, gemobbt zu werden oder sich als gemobbt empfindet, ist auch tatsächlich von solchen Schikanen betroffen. Mitunter schlüpfen Menschen in die Rolle des Opfers, weil sie

  • die Schuld für eigenes Versagen anderen in die Schuhe schieben

  • sich in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rücken

  • eigenes Fehlverhalten nicht zugeben

  • oder sich sonstige Vorteile verschaffen bzw. Nachteile abwenden wollen.

Und so sei eingeräumt, dass es für Vorgesetzte nicht immer leicht ist zu entscheiden, ob tatsächlich ein Fall von Mobbing vorliegt oder ob er es beispielsweise mit einem „Querulanten“ oder einer „Mimose“ zu tun hat.

Es versteht sich aber von selbst, dass Vorgesetzte zeitnah überprüfen müssen, was an Mobbing-Vorwürfen dran ist; keinesfalls dürfen sie darauf warten, dass sich das Problem von allein lösen wird.

Denn, sofern tatsächlich Mobbing vorliegt, wird das Nicht-Eingreifen des Vorgesetzten von den Mobbern als Ermutigung empfunden und auch von den Opfern so gedeutet. Dann wird der Vorgesetzte zwangsläufig zum Mittäter, auch wenn er sich passiv verhält.

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