Wurzeln der militärischen Bewusstseinskontrolle

Rückblick

Vor der Machtergreifung durch die Nazis berichtete die Psychiatrie ziemlich freimütig über die zum Teil barbarischen Methoden, die angewendet wurden, um die so genannten Kriegsneurotiker wieder tauglich für die Front oder zumindest für den Einsatz in der Rüstungsindustrie zu machen. Nachdem das Hitlerreich in Schutt und Asche lag und die grauenvollen Verbrechen ans Licht kamen, die zum Teil auch unter Beteiligung der Psychiatrie begangen wurden, war dies nicht mehr möglich.

Aus diesem Grunde liegen halbwegs ungeschminkte Dokumente zu den harten Methoden der Militärpsychiatrie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur vor. Es gibt aber einige gute Gründe anzunehmen, dass diese Methoden, teilweise in weiterentwickelter Form, auch später während des Kalten Kriegs eingesetzt wurden.

Daher ist hier ein Rückblick in die Zeit vor der Entwicklung und dem ersten Einsatz der Atombombe erforderlich. Es soll anhand von Originaldokumenten gezeigt werden, wie diese Methoden funktionierten und welchen Zweck sie erfüllten.

Man darf annehmen, dass die Gründe, die ihren Einsatz in den Augen der Militärs und Militärpsychiater rechtfertigten, auch während eines potenziellen taktischen Nuklearkriegs bestanden hätten – und dies sogar in erheblich verschärfter Form. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass ein solcher Krieg den Stress für Soldaten und Zivilisten ins Extrem gesteigert hätte. Die Auswirkungen von Extremstress auf die Disziplin sind bekannt und verheerend.

Männliche Hysteriker

Während des 1. Weltkriegs wurden Militärpsychiater mit einer wachsenden Zahl so genannter Kriegsneurotiker konfrontiert. Unter Kriegsneurotikern, die auch als „Kriegszitterer“ bezeichnet wurden, verstand man Menschen, die „im Stahlgewitter“ psychiatrisch dekompensiert und kampfunfähig geworden waren. Sie zeigten Symptome, die man damals als „hysterisch“ diagnostizierte.

Zu den typischen Beschwerden zählten psychisch bedingte Blindheit und Taubheit, Stummheit bei intaktem Sprechorgan, Lähmungen und Zittern ohne erkennbare körperliche Ursache.

27,7 % der Frontkämpfer wurden während des I. Weltkriegs wegen eines psychiatrischen Zusammenbruchs aus der Kampfzone evakuiert, weitere 16,6 % wurden vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen gebracht, schreibt der Historiker Richard A. Gabriel in seinem Buch über die psychiatrische Dimension des modernen Kriegs: The painful field (Gabriel 1988).

Kaufmanns Kur

Die militärische Führung vermutete natürlich, dass ein erheblicher Teil dieser Kranken Simulanten seien. Bei einem anderen Teil jedoch räumte man ein, dass sie ihre Störungen nicht vortäuschten, sondern dass sie tatsächlich unter ihnen litten.

Unabhängig voneinander kamen Militärpsychiater in verschiedenen Ländern auf die Idee, diese Menschen in einer hochsuggestiven Atmosphäre durch starke elektrische Ströme zu kurieren. Die Patienten wurden an den Körperteilen, die ohne physische Ursachen erkrankt waren, äußerst schmerzhaft elektrisiert. Falls erforderlich, wurden besonders empfindliche Zielgebiete ausgewählt, wie beispielsweise die Lippen oder die Hoden.

Im Militärjargon hieß diese Behandlung „Kaufmanns Kur“ – nach dem deutschen Psychiater Fritz Kaufmann, der 1916 einen wissenschaftlichen Artikel über diese Behandlung in einer medizinischen Zeitschrift veröffentlichte und irrtümlich als ihr Erfinder galt. In Wirklichkeit wurde die schmerzhafte Elektrotherapie bereits im 19. Jahrhundert praktiziert.

Nach heutigen Maßstäben handelte es sich dabei um eine Form der Folter-Gehirnwäsche. In jenen Tagen aber sah man darin eine durchaus legitime Behandlungsmethode, wenngleich sich auch Opposition bei Ärzten und sogar auf den Führungsebenen der Streitkräfte regte.

In Frankreich wurde diese Methode beispielsweise von Clovis Vincent sowie von Gustave Roussy & Jean Lhermitte (1918), in Österreich von Wilhelm Neutra (1920) und Julius Wagner-Jauregg, in Deutschland von Fritz Kaufmann, in Großbritannien von Lewis Yealland (1918) sowie von Hunderten weiterer Ärzte eingesetzt.

Dank ihrer schnörkellosen Präzision und Klarheit ist besonders die Schrift Lewis Yeallands (“The Hysterical Disorders of Warfare“, 1918) zur Lektüre zu empfehlen. Der kanadische Psychiater behandelte Kriegsneurotiker nach einem beeindruckenden Konzept. Er verband Elektrofolter mit einfachen, unmissverständlichen Suggestionen. Diese Suggestionen waren Variationen eines Grundthemas, das der Psychiater seinen Patienten bereits zu Beginn der Tortur nahelegte: „Die Therapie wird solange fortgesetzt, bis Sie geheilt sind.“ Klartext: „Sie werden solange gefoltert, bis Sie das gewünschte Verhalten zeigen!“

Ein Beispiel: Der Gefreite, dessen Fall hier geschildert werden soll, hatte an mehreren Schlachten des 1. Weltkriegs teilgenommen. Eines Tages, aus heiterem Himmel, jenseits der Front, sank er bewusstlos nieder – und war stumm. Eine organische Ursache für den Verlust seines Sprechvermögens konnte nicht festgestellt werden. Was wurde nicht alles versucht, um ihn zu behandeln! Er wurde an einen Stuhl gefesselt und mit starken elektrischen Strömen an seinem Nacken und seiner Kehle traktiert. Mit entzündeten Zigaretten wurde seine Zungenspitze verbrannt. Heiße Platten wurden in seinen Mund geschoben. Nichts wollte fruchten. Die Schrecken des Krieges hatten ihn offenbar sprachlos gemacht.

Als hoffnungsloser Fall kam er schließlich zu Lewis R. Yealland, dessen Buch „The Hysterical Disorders of Warfare” der Fortgang seiner nun folgenden „Therapie” zu entnehmen ist.1 Yealland fragte den Gefreiten, ob er geheilt werden wolle. Ein gleichgültiges Lächeln war die Antwort. Der Arzt wies ihn darauf hin, dass er Frau und ein Kind zu Hause habe, dass es seine Pflicht sei, an seiner Heilung mitzuwirken, dass er unentschlossen wirke, dass man sich dies in Zeiten wie diesen aber nicht leisten könne.

Er habe schon einige Patienten seiner Sorte behandelt. Darunter gebe es zwei Typen. Die einen wollten geheilt werden und die anderen wollten nicht geheilt werden. Er wirke so, als ob er der zweiten Gruppe angehöre. Doch es sei im Grunde unerheblich, zu welcher Gruppe er zähle. Er, Yealland mache da keinen Unterschied. Der Gefreite müsse sofort von seiner Stummheit befreit werden.

Daraufhin ließ der Arzt den Soldaten, der nun einen deprimierten Eindruck machte, für einige Stunden allein. Am Abend wurde der Gefreite in den „elektrischen Raum” gebracht. Die Fensterläden waren geschlossen. Das Deckenlicht war ausgeschaltet. Die einzig sichtbare Lichtquelle waren die Kontrollleuchten der Batterie. Yealland befestigte eine Elektrode im Lendenwirbelbereich seines Patienten und führte die andere in seinen Rachen ein. Der Mund des Soldaten wurde durch einen Zungendrücker offen gehalten.

Yealland sagte:

“Sie werden diesen Raum nicht verlassen, bevor Sie wieder genau so gut sprechen, wie Sie es immer taten. Nein, vorher nicht.”

der Arzt elektrisierte den Mann mit einem starken Stromstoß. Der Soldat sprang auf und riss dabei die Drähte aus der Batterie.

“Erinnern Sie sich daran”, sagte Yealland zu ihm, „dass Sie sich sich wie der Held verhalten müssen, der zu sein ich von Ihnen erwarte. Ein Mann, der durch so viele Schlachten gegangen ist, sollte sich besser kontrollieren können als Sie.”

Daraufhin brachte Yealland den Soldaten in eine Postion, aus der er sich nicht mehr befreien konnte und sprach also:

“Sie müssen reden, bevor Sie mich verlassen dürfen!”

Yealland faradisierte ihn nun mehr oder weniger kontinuierlich mit einem etwas schwächeren Strom, während er folgende Worte beständig wiederholte:

“Nicken Sie mit dem Kopf, wenn Sie zu einem Sprechversuch bereit sind.”

Diese Prozedur wurde, mit einigen Unterbrechungen, rund eine Stunde beibehalten. Am Ende dieses Zeitraums konnte der Soldat „ah” flüstern. Yealland fragte ihn, ob er nicht selbst bemerke, dass dies ein Fortschritt sei. Wenn er vernünftig darüber nachdenke, dann müsse er seinem Arzt schon Recht geben, dass er bald wieder sprechen könne.

Yealland fuhr mit der elektrischen Behandlung für etwa eine halbe Stunde fort. Er ermunterte seinen Patienten dabei, „ah”, „bah” oder „cah” zu sagen, doch der Soldat wiederholte nur „ah”. Schließlich ermüdete der Soldat und Yealland fordert ihn deshalb auf, mit ihm im Zimmer auf und ab zu gehen. Währenddessen hielt er ihn an, Vokale zu sprechen.

Der Soldat verlor mit der Zeit vollends seinen Mut und versuchte, den „elektrischen Raum” zu verlassen. Doch Yealland wies ihn darauf hin, dass sich für ihn die Tür erst öffnen würde, wenn er geheilt sei; und er, Yealland, sei bereit, länger mit ihm zu verweilen als der Gefreite mit seinem Arzt.

“I am prepared to stay with you. Do you understand me?”

Diese unmissverständliche Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Mann zeigte auf den elektrischen Apparat und auf seine Kehle. Yealland aber beschied ihm, dass er keine Vorschläge zu machen habe. Er werde die Elektrizität erhalten, wenn Yealland dies für nötig erachte, ob der Gefreite damit einverstanden sei oder nicht.

Obwohl Yealland eigentlich mit der Elektrisierung fortfahren wollte, entschied er sich, weiter mit ihm auf- und abzugehen, um ihm zu zeigen, wer der Herr im Hause sei. Er versuchte, ihn für eine Weile ohne schmerzhafte Stromstöße zum Sprechen zu ermuntern. Wenngleich sich der Gefreite gewaltig Mühe gab, unterschiedliche Laute zu äußern, brachte er nicht mehr als ein „Ah” hervor. Der Patient musste sich schließlich wieder auf seinen Stuhl setzen; die Elektroden wurden befestigt.

Yealland sagte:

“Sie sind nun bereit für die nächste Stufe der Behandlung. Ich werde ihnen starke Stromstöße an Ihrem Nacken geben, und diese werden sich auf ihren Kehlkopf übertragen, und schon bald werden Sie, alles was Sie sagen wollen, flüstern können.“

Nach jedem Elektroschock forderte der Arzt seinen Patienten auf, „ah”, „bah”, „cah”, „dah” zu sagen. Schließlich begann der Soldat zu weinen und sagte stammelnd: „Ich hätte gern ein Glas Wasser.”

Er könne ein Glas Wasser haben, aber erst, wenn er normal sprechen könne. Der Soldat versuchte erneut, den Raum zu verlassen.

Er sei ein Held, der gewaltige Fortschritte gemacht habe, und sein Wunsch, den Raum vor der endgültigen Heilung zu verlassen, entspräche nicht seinem wahren Selbst, sagte der Arzt.

Nach einigem Hin und Her mit ständigem Wechsel von Elektrisierung und Sprechversuchen, sagte Yealland schließlich:

“Es wird spät. Ich werde wohl eine noch stärkere Spannung wählen müssen. Ich möchte Sie nicht gern verletzen, doch, wenn es erforderlich ist, dann muss ich es wohl tun.”

Yealland fuhr mit seiner Behandlung fort, und als der Soldat erneut Anstalten machte, den Raum zu verlassen, sagte er:

“Es gibt keinen Weg nach draußen, es sei denn, Ihre Stimme kehrt zurück. Sie haben einen Schlüssel, ich habe den anderen. Wenn Sie richtig sprechen, öffne ich die Tür und Sie können ins Bett gehen.”

Der Soldat stammelte:

“Ich glaube, Sie haben beide Schlüssel. Machen Sie weiter und bringen Sie es zu Ende.”

Der Strom, antwortete der Arzt, habe schon gute Arbeit geleistet, aber der Gefreite verkrampfe sich noch zu sehr. Er müsse also noch stärkeren Strom einsetzen. Dann werde er schon bald richtig sprechen können.

Der Arzt elektrisierte seinen Patienten nunmehr mit extrem starkem Strom. Nach etwa zehn Minuten konnte der Soldat sprechen, ohne auch nur geringfügig zu stammeln. Daraufhin wurde mit nämlicher Methode das Armzittern des Gefreiten erfolgreich behandelt.

Man möge sich vor Augen halten, dass hier kein Kapitel aus einem schlechten Horror-Roman nacherzählt, sondern aus einem medizinischen Lehrbuch referiert wurde. Yealland war keineswegs ein Außenseiter seines Fachs. Die von ihm beschriebene Methode der Behandlung von „Kriegshysterikern” war während der beiden Weltkriege allgemein üblich, weltweit.

In den Archiven der Bibliotheken finden sich zahlreiche Fachbücher mit Fallgeschichten, die den Erfolg dieser Suggestivverfahren mit starken elektrischen Strömen dokumentieren. Auch wenn damals randomisierte Therapie-Experimente mit Kontrollgruppen noch nicht üblich waren, kann es wohl keinen begründeten Zweifel daran geben, dass die Ärzte mit diesen rabiaten Methoden durchaus Erfolg hatten und effektiver waren als ihre Kollegen, die sanftere Verfahren anwendeten.

Diese Verfahren wurden nämlich in einem militärischen Rahmen eingesetzt. Die militärischen Vorgesetzten hatten also einen guten Überblick darüber, was mit den so oder anders behandelten Soldaten geschah. Sie konnten feststellen, ob sie an die Front zurückkehren konnten oder nicht, ob sie in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden konnten oder nicht, ob sie hinterher Behindertenrente beantragten oder nicht. Dass diese Verfahren weltweit angewendet wurden, unter diesen Bedingungen, spricht dafür, dass sie im Sinne der Militärs funktionierten.

Eine ungeschönte Beschreibung

Wilhelm Neutra fühlt sich in seiner Schrift „Seelenmechanik und Hysterie“ (1920) genötigt, den Leser durch ausführliche, wenn nicht ausschweifende philosophische und psychologische Betrachtungen auf sein eigentliches Thema hinzuführen. Doch sobald er dann zur Sache kommt, schildert er seine Methode sehr drastisch, unmissverständlich und beinahe lustvoll. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Form der Folter handele und bekennt sich auch dazu. Sie sei leider nur im militärischen Rahmen anwendbar, weil allein hier der notwendige Zwang ausgeübt werden könne; in diesem Rahmen aber feiere sie Triumphe.

Er schreibt:

“Dergestalt sind viele Funktionsstörungen als paradoxe Erfolge der Selbstheilungstendenz zu deuten. Erst wenn der Zustand ein andauernd qualvoller ist und sich nicht als erträglich zu gestalten erweist, dann entschließt sich die Heilbereitschaft, ich möchte beinahe sagen wehmutsvoll, zur Preisgabe der Hysterie. Die Heilbereitschaft wächst mit der Qual. In der Anwendung der schmerzhaften Pinselfaradisation können wir dies sozusagen experimentell erkennen. Betrachten wir irgendein Beispiel. Ein hysterisch Gelähmter mit kompletter Astasie-Abasie2 möchte zwar seinem präsidialbewussten Willen entsprechend wieder gesund sein; seine innere Heilbereitschaft sei aber, nehmen wir an, viel zu gering, um durch irgendein Suggestivmittel zur Gesundheit zu führen. Der Kranke wird deshalb der Schmerzbehandlung unterzogen, um seine Qualen zu vermehren, die eben an sich absolut nicht ausreichen, um eine genügende Expansion des Gesundungstriebes zu erzeugen. Seine Beine werden also mit dem faradischen Pinsel bearbeitet. Zunächst liegt der Patient dabei ganz ruhig und außer den durch den elektrischen Strom ausgelösten Muskelzuckungen tritt keine aktive Bewegung in die Erscheinung. Die Heilbereitschaft besteht noch nicht. Würde man in diesem Stadium den Patienten auf die Beine stellen, so wäre er immer noch vollkommen unfähig, auch nur einen Augenblick zu stehen. Wir verstärken den Strom und damit die Schmerzempfindung. Der Patient zeigt nun mimische Schmerzäußerungen, verzieht das Gesicht und beginnt ev. zu weinen. Gleichzeitig krampft er aktiv irgendwelche Muskeln der Beine zusammen, auch solche, die, nicht vom elektrischen Strome getroffen, sich nicht passiv kontrahieren. Die Heilbereitschaft wird rege und erzeugt immer wieder aktive Beinbewegungen, sobald der Schmerz durch den elektrischen Pinsel einsetzt. Aus der Tiefe der völlig unbewussten Schmerzreaktion taucht die Bewegungsmöglichkeit ins Halbbewusstsein empor. Aber dieser Grad reicht noch immer nicht aus und es wäre verfehlt, es dabei bewenden zu lassen. In diesem Stadium würde das Maximum des Erfolges darin bestehen, dass schon die Angst vor dem neuerlichen Elektrisieren die Beinbewegungen ermöglicht, aber ein Stehen oder sogar Gehen wäre noch vollkommen ausgeschlossen. Um den Erfolg rasch zu komplettieren, wird der Strom neuerdings verstärkt. Die mimischen Schmerzäußerungen oder das Weinen verwandelt sich in Zorn und Raserei. Der Patient wehrt sich aus Leibeskräften, um sich der Qual zu entziehen. Die Kaltblütigkeit des Arztes, der sine ira3 zielbewusst weiterarbeitet, und die Handfestigkeit seiner Gehilfen, die dem Patienten die Unzulänglichkeit seiner Fluchtversuche beweist, steigert endlich die Heilbereitschaft bis zu einer solchen Expansion, dass die Steh- und Gehfähigkeit eintritt. Aber noch ist das therapeutische Martyrium gewöhnlich nicht zu Ende. Während früher nur die Befreiung von der Qual erstrebt wurde, ist in diesem Zeitpunkte oft nur die grobe Funktionsstörung gewichen, die volle Heilung jedoch noch nicht erzielt. Der Patient kann jetzt wohl stehen und gehen, aber sein Gang ist ungelenk, unelastisch, unkoordiniert. Die Heilbereitschaft der Hysterie begnügt sich damit nicht bloß, sondern strebt geradezu nur eine derartige Besserung des Zustandes an, als notwendig ist, um die Lustbilanz aktiv zu machen. Wir müssen uns eben nur daran erinnern, dass die Hysterie psychenergetisch ein Ziel des Lusttriebes und ein Werk der in seinem Dienste stehenden Krankheitsbereitschaft sei. Um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, setzt nun der Arzt seine Folterarbeit fort, bis endlich der Lusttrieb, diesmal aber in seiner Verkleidung als Heilbereitschaft sich in die Gesundheit flüchtet, die unter den gegebenen Umständen einzig und allein die Qualfreiheit verbürgt.“

Neutra führte die kriegsbedingte Hysterie auf einen unterbewussten Konflikt zwischen Selbsterhaltungstrieb und Kampfmoral (Patriotismus, soldatische Ehre) zurück. Die hysterischen Symptome stellten also einen Kompromiss dar, seien eine Flucht in die Krankheit, durch die der Erkrankte das Gesicht wahren und gleichermaßen auch strafrechtliche Konsequenzen vermeiden könne. Es handele sich bei der Kriegsneurose nicht um eine Simulation, da der Patient diese Konfliktlösung nicht mit bewusstem Willen anstrebe.

Das Pansen

Während des 2. Weltkriegs entwickelte der Psychiater Friedrich Panse eine verschärfte Form der Elektrobehandlung von Kriegsneurotikern. Panse war externer Gutachter der Aktion T4, also Mittäter beim Massenmord der Nazis an den so genannten psychisch Kranken während des Dritten Reichs.

Im Nachkriegsdeutschland wurde er zwar vor Gericht gestellt, aber freigeprochen und schließlich sogar wieder Direktor einer Nervenklinik sowie Universitätsprofessor. Er trat 1967 in den Ruhestand und starb 1973. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches rückten bekanntlich viele Spezialisten, die durch ihr Verhalten während der Nazizeit belastet waren, wieder in gehobene Positionen auf. Sie wurden gebraucht.

Panse kombinierte die „Elektrotherapie“ mit einen ausgeklügelten System von Suggestionen. Sein Verfahren ging unter dem Begriff „Pansen“ in die Medizingeschichte ein. Einen guten Überblick über das Verfahren bietet Marco Bernhard Kaul in seiner Dissertation über einen anderen Anwender des Pansens, Günter Elsässer (Kaul 2012).

Die entscheidende Komponente des Pansens ist der schmerzhafte Hautreiz durch hohe galvanische Ströme. Es handelte sich dabei um unerträgliche Schmerzen, und folglich mussten die Soldaten während der Behandlung festgehalten oder fixiert werden.

Man darf diese Methode nicht mit der Elektrokrampftherapie verwechseln, die mit Stromstößen durchs Gehirn arbeitet und heute nur unter Betäubung angewendet wird. Es ging bei Pansen aber darum, die Soldaten bei vollem Bewusstsein einer aufwühlenden Schmerzerfahrung auszusetzen. Als zweite Komponente neben dem Schmerz trat die Suggestion hinzu. Es wurde den Soldaten, während sie gefoltert wurden, beispielsweise gesagt:

“Sie werden merken, wie der gefühllose Arm tot und heiß wird. Das ist der erste Schritt zur Heilung.“

Zunächst wollte die Führung der Wehrmacht die Anwendung dieser äußerst brutalen Methoden ohne Zustimmung des betroffenen Soldaten nicht gestatten. Da sich die Lage an der Front jedoch verschärfte und die Zahl der psychisch dekompensierten Soldaten stieg, wurde sie schließlich auch ohne Einverständnis der „Patienten“ freigegeben. Daraufhin wurde das Pansen aufgrund seiner bemerkenswerten Effizienz zur Methode der Wahl, um „Kriegshysteriker“ zu behandeln (Forsbach 2012).

Cameron

Donald Ewen Cameron war Präsident des Weltverbandes der Psychiatrie (WPA). Er bediente sich während des Kalten Kriegs ebenfalls der Elektrizität zur Formung des Verhaltens seiner Patienten. Seine Methoden waren nicht minder brutal wie die Kaufmann-Kur oder das Pansen. Eines der von ihm erprobten Verfahren nannte er Depatterning Treatment. Dabei traktierte seine Opfer allerdings nicht mit elektrischen Strömen an schmerzempfindlichen Körperteilen, sondern mit massiver Elektrokrampftherapie, deren Zielgebiet der Kopf bzw. das Gehirn ist.

Die Patienten durchliefen drei Phasen, die Cameron und Mitarbeiter wie folgt beschreiben:

“In der ersten Phase der Störung der Raum-Zeit-Vorstellung sind deutliche Erinnerungsmängel vorhanden, aber es ist dem Individuum möglich, eine Raum-Zeit-Vorstellung aufrechtzuerhalten. In anderen Worten: Es weiß, wo es ist, wie lange es sich schon dort befindet und wie es dorthin gekommen ist. In der zweiten Phase hat der Patient seine Raum-Zeit-Vorstellung verloren, doch er fühlt klar, dass eine solche Vorstellung vorhanden sein sollte. Er ist ängstlich und besorgt, doch er kann nicht sagen, wo er sich befindet und wie er dorthin gelangte. In der dritten Phase ist nicht nur die Raum-Zeit-Vorstellung verloren gegangen, sondern auch jedes Gefühl dafür, dass eine solche Vorstellung vorhanden sein sollte (Cameron et al. 1962).“

Cameron hoffte, bei seinen „Patienten“ eine differentielle Amnesie erzeugen zu können, mit der Folge, dass die „pathologischen“ Erinnerungen und Verhaltensmuster nicht so leicht zurückkehren würden wie die „gesunden“ (Cameron 1960).

Erst nach seinem Tode wurde bekannt, dass seine Forschungen im Rahmen des Gehirnwäscheprogramms MKULTRA von der CIA gefördert wurden (Collins 1988). Dieses und ähnliche Programme der CIA hatten u. a. das Ziel, Menschen dazu zu bringen, jedem Befehl zu gehorchen, und koste er auch das eigene Leben.

Man darf, dies sei noch einmal betont, die „Elektrotherapien“ wie die „Kaufmann-Kur“ bzw. das „Pansen“ nicht mit der Elektrokrampftherapie verwechseln, obwohl die genannten Verfahren insgesamt salopp auch mit dem Begriff „Elektroschock“ angesprochen werden. Bei der so genannten Elektrokrampftherapie werden Ströme, heute meist unter Betäubung des Patienten, durch das Gehirn gejagt. Demgegenüber werden bei der „Kaufmann-Kur“ oder beim „Pansen“ absichtlich unterschiedliche Körperstellen mit sehr schmerzhaften Strömen traktiert.

Da die Intensität des Schmerzes hier ausschlaggebend für den „Behandlungserfolg“ ist, werden bevorzugt besonders schmerzempfindliche Körperpartien, wie beispielsweise die Genitalien, elektrisiert. Die Schmerzen waren so stark, dass die „Patienten“, also die Folteropfer entweder angeschnallt oder von mehreren starken Männern festgehalten werden mussten, um sie an der Flucht zu hindern.

Demgegenüber gehört der Schmerz nicht zu den Wirkfaktoren der Elektrokrampftherapie, deren Heil-Effekt nach heutigem Wissensstand vermutlich weitgehend auf dem Placeboeffekt beruht (Read & Bentall 2010).

Kein Placeboeffekt, sondern eine reale Auswirkung der durchs Gehirn geleiteten elektrischen Ströme, ist allerdings die Amnesie. Und auf diese, und nicht auf mutmaßliche Heilwirkungen, kommt es den Gehirnwäschern an.

Cameron verwendete starke Ströme und schockte seine Patienten sehr häufig; dadurch werden gravierende Amnesien wahrscheinlicher. Bevor wir uns dem potenziellen Nutzen solcher Methoden zur Vorbereitung auf einen atomaren Schlagabtausch zuwenden, müssen wir uns zunächst mit den grundlegenden Problemen eines taktischen Nuklearkriegs in dicht besiedelten Gebieten auseinandersetzen.

Taktischer Nuklearkrieg

Während des Kalten Krieges sollte eine Invasion sowjetischer Panzer durch den Einsatz taktischer Nuklearwaffen auf deutschem Boden gestoppt werden. Mit anderen Worten: Soldaten des westlichen Bündnisses, also auch deutsche, sollten auf deutschem Boden Atomwaffen zünden, um die Sowjets aufzuhalten. Da hätte es bestimmt das eine oder andere Problem mit der Kampfmoral gegeben. Dies war den Militärs natürlich bewusst. Dafür spricht die bereits zitierte Erkenntnis des ranghohen Generals Heinz Trettner (1977).4

Offenbar behielten die Optimisten die Oberhand, denn die Strategie des Einsatzes taktischer Nuklearwaffen wurde während des Kalten Kriegs nicht revidiert. War dies ein unbegründeter Optimismus? Immerhin gab es die Militärpsychiatrie mit ihrem breiten Schatz an Erfahrungen. Vielleicht erfahren unsere Urenkel einmal – wenn die Archive geöffnet werden – mit welchen Methoden die Militärpsychiatrie in dieser Frage operierte bzw. zu operieren gedachte. Bis dahin bleibt uns nur die Phantasie.

Beflügelt wird die Phantasie bei der Lektüre alter Zeitungen. Am 11. 12. 1959 hielt der wehrpsychiatrische Berater der Bundeswehr, Prof. Dr. med. Max Mikorey einen Vortrag in der Kienslesbergkaserne in Ulm zum Thema: „Der Mensch in der Paniksituation“.

Die Schwäbische Donau-Zeitung berichtete am 14. 12. 1959, welche Maßnahmen dem Psychiatrieprofessor vorschwebten:

“Soldaten sollten so dressiert werden, dass gar keine Panikreaktion eintrete. Ungeschulte Kämpfer besäßen zu viel Selbsterhaltungstrieb. Der ‚innere Schweinehund‘ müsse ihnen ausgetrieben werden.“

Der Kommandierende General habe, so schrieb die Zeitung, dem Psychiater in einer kleinen Ansprache bescheinigt, dass dessen Ausführungen auch aus militärischer Sicht als fachgerecht anerkannt würden.

In seiner Dissertation „Creating Deterrence For Limited War“ beschreibt der Historiker Ingo Trauschweizer (2006) eine Zusammenkunft im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsminsterium, die sich als Meilenstein für den weiteren Verlauf des Kalten Kriegs in Deutschland erweisen sollte. Am 13. November 1964 traf sich der amerikanische Verteidigungsminister McNamara mit seinem deutschen Kollegen Kai-Uwe von Hassel. In von Hassels Gefolge befanden sich der Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner und General Bernd Freitag von Loringhoven.5

Heinz Trettner bezweifelte, dass die strategische nukleare Abschreckung noch glaubwürdig sei. „Flexible Response”, die gestufte Abschreckung sei nunmehr erforderlich. Diese Einschätzung teilte er mit dem amerikanischen Verteidigungsminister und dessen frischgebackenem Stabschef General Earle G. Wheeler. Die massive Vergeltung solle einem nuklearen Überraschungsangriff oder einem totalen konventionellen Angriff des gesamten Warschauer Paktes vorbehalten bleiben.

Die deutsche Generalität hatte sich auch eine Alternative zum weltweiten atomaren Overkill ausgedacht. General von Loringhoven trug das Konzept vor: Im Falle eines Angriffs der Sowjets auf Westdeutschland sollten Heer und Luftwaffe mit konventionellen Mitteln zurückschlagen. Gleichzeitig aber sollten atomare Landminen, die so genannte Atomic Demolition Munition (ADM), die bereits entlang der deutsch-deutschen Grenze deponiert worden waren, gezündet werden. Sobald NATO-Truppen in Gefahr stünden, zerstört zu werden, sollten zusätzliche taktische Atomwaffen eingesetzt werden. Eine weitere Eskalation könne vermieden werden, wenn die sowjetische Aggression auf dieser Stufe gehalten werden könne. Nach diesem deutschen Konzept sollten die Nuklearwaffen nur auf deutschem Boden und nicht gegen die sowjetischen Kommunikationslinien eingesetzt werden.

Zwischen 1953 und 1958 waren die amerikanischen Streitkräfte bereits mit taktischen Nuklearwaffen ausgestattet worden. Zu diesen zählen Kurzstreckenraketen, Haubitzen, Kanonen und natürlich Atomic Demolition Munition (Maiorano 1983).

Der Vorschlag der deutschen Generalität war damals nicht gerade bahnbrechend neu. Bereits am 23. März 1955 explodierte, wie bereits geschildert, auf dem amerikanischen Atomtestgelände in Nevada eine kleine Atombombe (Atomic Demolition Munition) im Rahmen eines Manövers, in dem die Führung eines taktischen Nuklearkriegs geübt wurde. Dass sich nun auch die Deutschen von dieser Idee so begeistert zeigten, dürfte Wohlklang in amerikanischen Ohren gewesen sein.

Mitte Dezember 1964 wurden die Pläne zur Verteidigung Mitteleuropas mit ADM der deutschen Öffentlichkeit bekannt. Dies führte u. a. zu Anrufen besorgter Bürgermeister im Verteidigungsministerium. Im Lauf der folgenden Jahre wurde das ADM-Konzept immer wieder einmal publik, löste stets einen Sturm im Wasserglas aus und wurde danach wieder vollständig verdrängt. Deshalb konnte jeder neue Bericht über den geplanten taktischen Nuklearkrieg in Deutschland von den Medien als große Enthüllung bisher unbekannter Tatsachen verkauft werden. Die bisher letzte derartige Enthüllung erfolgte anlässlich der Veröffentlichung eines Buchs Detlef Balds zur Politik Helmut Schmidts, über das noch zu sprechen sein wird.

Field Manuals

Das Field Manual 5-102 der US-Armee6 aus dem Jahre 1985 enthält Anweisungen, wie heranrückende Feinde aufzuhalten sind bzw. ihr Vormarsch zu verzögern ist. Ein Kapitel beschäftigt sich mit nuklearen Sprengkörpern, der sog. „Atomic Demolition Munition“.

Dabei handelt es sich um atomare Sprengsätze mit einer Sprengkraft zwischen 10 Tonnen bis maximal 15 Kilotonnen. Diese nuklearen Sprengsätze sind verhältnismäßig klein; selbst die größten können von zwei bis drei starken Männern getragen werden. Daher werden sie auch als Kofferbomben bezeichnet.

Die „Atomic Demolition Munition“ hat, laut Field Manual 5-102, spezielle Eigenschaften, die sie auf dem Schlachtfeld besonders wünschenswert macht. Da sie eine wesentlich höhere Zerstörungskraft als konventioneller Sprengstoff besitze, seien die Anforderungen an die Logistik und das Personal bei ihrem Einsatz erheblich reduziert. Die „Atomic Demolition Munition“, kurz ADM, besäße einen signifikanten Vorteil gegenüber jedem anderen Einsatzsystem, wenn absolute Treffsicherheit erforderlich ist.

Klar: Wenn zwei, drei Soldaten einen atomaren Sprengsatz an einer Autobahnbrücke anbringen, dann kann diese Zielgenauigkeit naturgemäß nicht im entferntesten durch einen Bombenabwurf bzw. Atomkanonen- oder Raketenbeschuss erreicht werden. Bomben, Granaten oder Raketen müssten daher wegen der geringeren Treffsicherheit eine wesentlich höhere Sprengkraft besitzen, um genauso effektiv zu sein wie die ADM.

Bekanntlich wechseln heranrückende Panzerverbände häufig unvorhersehbar ihre Richtung, weil sie dem Gegner natürlich nicht ins offene Messer rennen wollen. Mit mobiler ADM kann man ihm aber folgen und ihn an geeigneter Stelle mit geballter Ladung erwarten. Konventioneller Sprengstoff müsste, um denselben Zweck zu erfüllen, in erheblich größeren Mengen herbeigeschafft werden; er wäre also bei weitem nicht so flexibel.

Man könnte die nuklearen Sprengsätze unauffällig mit einem Kleinwagen oder einem Handkarren, wenn nicht sogar auf dem Rücken eines starken Mannes, transportieren.

Die ADM sei, so heißt es im bereits zitierten Manual, dementsprechend eine rundum positive Waffe: Atomarer Niederschlag (Fallout), freigesetzte Strahlung und Kollateralschäden könnten kontrolliert und minimiert werden. Im Grunde, so argumentieren die Autoren des Field Manuals, stelle sich die Frage „konventionell“ oder „atomar“ vielfach im realen Kriegsleben überhaupt nicht – rein technisch und militärisch betrachtet. Viele Tunnel z. B. könnten mit konventionellem Sprengstoff gar nicht ernsthaft beschädigt, geschweige denn zerstört werden – und zwar wegen der gewaltigen Mengen Sprengstoff, die benötigt würden, um die Explosionswirkung eines so großen Raumes an einem einzigen Punkt zu konzentrieren.

Eine Mini-Nuke sei hier ein wahrer Segen. Ein einziger kleiner atomarer Sprengsatz, in der Mitte des Tunnel platziert, würde diesen dermaßen demolieren, dass der Feind Wochen zu tun hätte, um ihn wieder passierbar zu machen. Ähnliches gelte auch für Autobahnen. Mit konventionellem Sprengstoff könne man bestenfalls ein paar Löcher reißen, die der Angreifer leicht mit Behelfsbrücken überwinden könne. Und selbst dieser geringe Effekt würde sehr viel Personal, Transport-Kapazität und Arbeitszeit binden.

Doch eine ADM, die unterhalb oder auf der Fahrbahn explodierte, würde ein Hindernis hinterlassen, das den Feind zum Bau einer festen Brücke zwingen und ihn selbst dann mehrere Tage beschäftigen würde, wenn er nicht unter Feuer stünde. Und dann erst die Brücken. Keine Plackerei mehr. Ein ADM-Feuer-Team könnte eine Brücke, für deren Sprengung eine konventionelle Einheit mehrere Kompanie-Stunden benötige, in wenigen Minuten in Schutt und Asche legen.

Doch nicht nur Tunnel, Straßen und Autobahnen eignen sich als Ziele für die Kofferbomber. Das Armee-Handbuch nennt als weitere Objekte massive Dämme, Kanäle, Startbahnen, Verschiebebahnhöfe, Häfen, Industrieanlagen, Kraftwerke, Versorgungsdepots und enge Talabschnitte.

Nicht nur zum Stoppen des Vormarsches feindlicher Verbände, sondern auch zum Angriff sind Mini-Nukes eine feine Sache, schwärmen die Autoren des Field Manuals 5-102. Mit ihrer Hilfe kann man die Flanken einer angreifenden Formation schützen. Man kann Hindernisse hinter den feindlichen Linien schaffen, um ihn an der Flucht zu hindern (wozu hat man schließlich Fernspäher?). Man kann die erste von der zweiten Angriffswelle des Feindes trennen, wenn man zwischen beiden ein paar Mini-Nukes hochgehen lässt. Die Anwendungsmöglichkeiten sind – militärisch betrachtet – letztlich nur durch die mangelnde Phantasie der Anwender begrenzt.

Folgt man diesem Handbuch des US-Militärs, dann sind kleine taktische Nuklearwaffen also eine durchaus sinnvolle Option in der modernen Kriegsführung. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit den Sowjets.

Eine Schwachstelle sind, wie immer, die Menschen. Zum Glück gibt es auch für den „Human Factor“ ein Handbuch der Armee, das Field Manual 22-51 (29. 09. 1994).7

Die Drohung einer nuklearen Eskalation, so heißt es dort, hänge über jeder militärischen Operation, die Atomwaffenbesitzer einschließe. Während des Kalten Krieges hätte sich die Auffassung durchgesetzt, dass ein globaler Atomkrieg unweigerlich zum nuklearen Winter und zum Untergang der Menschheit führe. Neuere Computer-Simulationen zeigten aber, dass der nukleare Winter nur partiell sei. Ebenso falsch sei die Befürchtung, dass jeder Einsatz von Atomwaffen zwangsläufig zu einer globalen Eskalation und zum nuklearen Winter führe. Weder die Atombomben auf Japan, noch die zahlreichen atmosphärischen Atomtests hätten einen negativen Effekt auf das Weltklima gehabt.

Diese weit verbreiteten falschen Überzeugungen seien natürlich auch nicht spurlos an den US-Soldaten vorüber gegangen. Die meisten US-Soldaten würden daher im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung glauben, dass der Weltuntergang bevorstehe. Die elektronischen Kommunikationsstörungen während einer Schlacht und die feindliche Propaganda würden diesen Irrglauben noch verstärken. Dies führe zur Hoffnungslosigkeit – im Sinne der während des Kalten Kriegs allgemein herrschenden Überzeugung, dass es in einem Atomkrieg keinen Gewinner geben könne. Es sei unbekannt, welche Auswirkungen diese Hoffnungslosigkeit auf unangemessen ausgebildete Soldaten habe. Einige Soldaten seien negativ durch Filme, Bücher und TV-Shows beeinflusst worden, die Mythen und grobe Übertreibungen hinsichtlich der Auswirkungen von Strahlung hervorgerufen hätten.

Daher heißt es im Field Manual 22-51 bündig:

“Wir müssen die Soldaten mental und emotional auf den Schock vorbereiten, der sich einstellt, wenn sie zum ersten Mal eine nukleare Attacke hören und sehen.“

Ein erster, wichtiger Schritt bestünde darin, die Soldaten mit realistischen Informationen über die Risiken unterschiedlich intensiver Strahlung zu versorgen. Informationen über die wahren Gefahren, besonders bei niedrigen Niveaus radioaktiver Strahlung, sollten mit den Schäden verglichen werden, die durchs Rauchen, Röntgen-Untersuchungen und Flügen in großer Höhe verursacht werden können.

Das Manual schildert einer Reihe weiterer Maßnahmen aus dem Arsenal der modernen Psychologie und Verhaltensmodifikation. Ob derartige Methoden die Befürchtungen von Soldaten tatsächlich beschwichtigt können, ist fraglich. Wie sich Soldaten in den heißen Zonen atomarer Schlachten tatsächlich verhalten werden, wird man wahrscheinlich erst dann erfahren, wenn der erste Krieg dieser Art stattfindet.

Vermutlich würden sich in einem solchen Krieg in der Regel an vorderster Front nur jene Soldaten bewähren, die von Kindesbeinen an durch eine spezielle Form der Gehirnwäsche auf eine atomare Schlacht und die eventuell erforderliche Selbstopferung vorbereitet wurden.

In Deutschland werden seit 1990 keine Sperrvorrichtungen für konventionelle Munition und ADM (Kammern in Brückenpfeilern, Schächte etc.) mehr gebaut. Der Feind von einst hat sich aufgelöst. Gegen den Feind von heute könnte man in unserem Land auch dann nicht mit ADM vorgehen, wenn er selbst mit Mini-Nukes ausgerüstet wäre.

Der Kampf gegen den Terrorismus ist in dieser Hinsicht asymmetrisch. Ein Terrorist könnte beispielsweise das Frankfurter Kreuz mit Mini-Nukes in die Luft jagen, aber die Bundeswehr könnte ihm zur Strafe keine ADM unter den Gebetsteppich stecken.8 Und so liegt es nahe, sich, auch vorbeugend, an Staaten schadlos zu halten, die angeblich oder tatsächlich Terroristen unterstützen.

In einem Papier des amerikanischen Militär-Gremiums „Joint Chiefs of Staff” (Vereinigter Generalstab) aus dem Jahre 2005 heißt es:

„Verantwortliche Sicherheitsplanung erfordert die Vorbereitung auf Bedrohungen, die möglich, aber heute vielleicht unwahrscheinlich sind. Die Lektionen der Militärgeschichte bleiben klar: Unvorhersagbare, irrationale Konflikte treten ein. Die Streitkräfte müssen sich darauf vorbereiten, Waffen und Fähigkeiten entgegen zu treten, die existieren oder existieren werden, auch wenn in naher Zukunft keine unmittelbar wahrscheinlichen Kriegsszenarien gegeben sind. Um die Abschreckung des ABC-Waffeneinsatzes zu maximieren, ist es wesentlich, dass die US-Streitkräfte den effektiven Einsatz nuklearer Waffen vorbereiten und dass sie bereit sind, Nuklearwaffen zu verwenden, falls dies zur Vorbeugung oder Vergeltung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen notwendig ist (Joint Chief of Staff 2005).“

Man sollte also nicht so naiv sein zu wähnen, dass die Gefahr des Atombombeneinsatzes nach dem Ende des Kalten Kriegs gebannt sei. Im Gegenteil: Da die USA offenbar beständig und zunehmend von Diktatoren – die heimlich, sehr heimlich Massenvernichtungsmittel besitzen oder diese zu produzieren bzw. sich zu beschaffen versuchen – bedroht werden, ist der Einsatz amerikanischer Atomwaffen heute so wahrscheinlich wie seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr.

Das Dilemma der Nuklearstrategen

Die taktischen Nuklearwaffen in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Besonderheit, dass der Radius der Kollateralschäden weit größer war als der Radius der Schadeinwirkungen auf den Feind. Außerdem war die Treffsicherheit wesentlich geringer als in unseren heutigen Zeiten des durch Satelliten überwachten, computergesteuerten präzisen Todes durch chirurgische Schnitte mit begrenzten Kollateralschäden. Heute steht auch die Neutronenbombe zur Verfügung, die ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen Feindschäden und Kollateralschäden aufweist.

Damals aber hätte man sehr viele taktische Nuklearwaffen zünden müssen, um die sowjetischen Panzer an der deutsch-deutschen Grenze zu stoppen – die Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung in unserem dicht besiedelten Land wären verheerend gewesen.

Mit exakten Treffern aber hätte man Kollateralschäden wesentlich verringern können. Die Bomben hätten zur richtigen Zeit und am richtigen Ort losgehen müssen, nämlich dann, wenn sich eine größere Zahl sowjetischer Panzer in ihrem Schadensradius befand. Dabei kam es schon damals weniger auf die Detonationskraft, sondern vor allem auf die Strahlung an. Die Mini-Nukes waren direkte Vorläufer der Neutronenbombe, verursachten allerdings erheblich größere Kollateralschäden. Es war also entscheidend, sie zum richtigen Zeit am richtigen Ort zu zünden (Richter 1982). Man hätte dann die militärischen Ziele mit wesentlich weniger und schwächeren Mini-Nukes erreichen und so die Belastung – dies war zumindest die Hoffnung – auf ein für die deutsche Bevölkerung „erträgliches“ Maß reduzieren können.

Damals war es noch nicht möglich, Waffen und Kommunikationssysteme gegenüber dem elektromagnetischen Puls von Atomwaffen zu härten. Hätten die Angreifer eine Atomwaffe in großer Höhe gezündet, so wären im weiten Umkreis alle elektronischen Kommunikationssysteme ausgefallen, Zündkabel wären durchgebrannt, Zeitzünder hätten nicht mehr funktioniert.

Angreifende Panzertruppen ändern natürlich häufig ihre Richtung, um der feindlichen Abwehr zu entgehen. Die einzige Möglichkeit, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit ADM zu zünden, hätte darin bestanden, dass die Anwender den angreifenden Panzerverbänden hinterherfahren und sich selbst mit diesen Nuklearwaffen in die Luft sprengen (Suicide Bombing nach Art der Nato?)

Die Militärstrategen kannten die Bedeutung des elektromagnetischen Pulses damals bereits und deswegen wurden in die ADM mechanische Zeitzünder eingebaut. Diese aber waren nicht sehr zuverlässig; sie gingen häufig zu früh oder zu spät los; sie arbeiteten nicht präzise genug für den punktgenauen Einsatz der Mini-Nukes (Rawnsley & Brown o. J.).

Wenn man die Sache nüchtern betrachtet, so wird man wohl einräumen müssen, dass die Verteidigung Deutschlands mit ADM auf Selbstmord-Bomber angewiesen war. Eine Verteidigungsstrategie, die dem Personal, das die Bomben bediente, eine halbwegs realistische Überlebenschance gewährt hätte, wäre mit einem völlig inakzeptablem Verhältnis von Feind- zu Kollateralschäden verbunden gewesen.

Geschichten von Veteranen

Die 3. US-Panzerdivision (3rd Armored Division „Spearhead”) bewachte während des Kalten Krieges die deutsch-deutsche Grenze. Sie besaß natürlich auch ein beachtliches Waffenarsenal, um die sowjetischen Panzer im Falle eines Angriffs aufzuhalten. Zu diesen Waffen zählte ein Koffer. In diesem Koffer befand sich ein kleiner nuklearer Sprengsatz, eine sog. Special Atomic Demolition Munition (SADM) namens MK-54.

Arnold Dutcher war 1971 als Soldat der „Spearhead-Division” in Deutschland. Er schreibt in seinen Erinnerungen an diese Zeit:

„Während meines Einsatzes in Deutschland trainierte ich hauptsächlich mit der MK-54 SADM. Sie war die leichteste und kompakteste der ADM-Waffen.” Die Mission seiner Einheit, des ADM-Platoons bestand darin, „Dinge in die Luft zu sprengen, die dann Hindernisse wurden, um die Armeen des Ostblocks auf ihrem Weg nach Westen zu stoppen.”

Als Ziele kamen z. B. Autobahnen in Frage. Der Einsatz der Kofferbombe wurde beständig geübt. Ein häufiges Übungsgebiet war ein Autobahnabschnitt in der Nähe Hanaus. Die Einsatzgruppe hielt die Zufahrt zum Standort der Bombe frei, beseitigte Unterholz, entfernte Äste und andere Gegenstände, die das Fahrzeug der Truppe behindert hätten. Die letzten Meter mussten sie den Koffer tragen, der insgesamt etwa 75 kg schwer war.

Die Bombe sollte durch eine internen Zeitschalter gezündet werden. Dutcher und seine Kameraden hatten allerdings den Befehl, in Sichtweite auf die Detonation zu warten.

“Dies bedeutete er erhebliches Risiko für das Team”, schreibt Dutcher, „aber wir wussten, wie wir in Deckung gehen und uns selbst schützen konnten.”9

Die militärische Führung des Westens war damals davon überzeugt, dass die Sowjets einen Angriff auf Westdeutschland mit Atombombenzündungen im Weltraum über Deutschland beginnen würden, um durch den elektromagnetischen Puls die Kommunikation des westlichen Bündnisses zu stören und die Elektronik lahmzulegen. Dann wären aus ordinären Zündkabeln gigantische Antennen für die Energie des elektromagnetischen Pulses geworden.

Damals war es nämlich noch nicht möglich, die Elektronik und die Kommunikationssystem gegenüber dem elektromagnetischen Puls zu härten. Man lief also Gefahr, dass die nuklearen Landminen überhaupt nicht oder zum falschen Zeitpunkt hochgegangen wären. Wollte man sicherstellen, dass die kleinen Atombomben punktgenau beim Herannahen sowjetischer Panzerverbände explodierten, um die Verstrahlung Deutschlands möglichst gering zu halten, dann brauchte man Leute zur Zündung der Bomben von Hand.

Man bedenke: In dieser Zeit gab es auch nicht die heute zur Routine gewordene, höchst effiziente Überwachung von Schlachtfeldern durch Satelliten. Um Zündkabel gegenüber dem Puls zu härten, hätte man sie tief eingraben müssen – eine Unmöglichkeit angesichts der Tatsache, dass Panzerverbände im Krieg aus guten Gründen oftmals unerwartet ihre Route ändern.

Ed Mitchell, ein Offizier der US-Armee im Ruhestand, erinnert sich an seine Zeit in Deutschland:

“Ich hatte die Aufgabe, … Personal auszuwählen, das die Aufgabe erledigen konnte, doch das als entbehrlich betrachtet wurde.”10

Ein anderer Offizier, Rowe Attaway fügt im Hinblick auf den Ernstfall hinzu:

“Einsatzgruppen hätte man mit 7-Tage-Rationen versorgt, erwartet, dass sie die zugewiesene Aufgabe erledigen und dann abgeschrieben (written off the books).”11

Der Umgang mit den Mini-Nukes galt unter Soldaten scheinbar als Himmelfahrtskommando. Es nützt ja nicht viel, nur irgendwo große Krater in die Landschaft zu sprengen. Um die kann der Feind natürlich herum fahren. Dafür braucht er etwas länger, aber er kommt dennoch zum Ziel. Besser ist es, die Ladung zu zünden, wenn der Feind ihr ganz nahe ist. Dazu muss man in der Nähe bleiben und rechtzeitig auf den Knopf drücken. Dann aber hat der Anwender vermutlich nicht mehr genug Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

Für das Konzept eines begrenzten Atomkriegs waren die Mini-Nukes im Kalten Krieg einfach unentbehrlich – und so brauchte man auch Menschen, die sie an der Front oder gar hinter den feindlichen Linien einsetzten. Ron Chiste war als GI in Deutschland und diente in der 3. US-Panzerdivision. Im Mai 1972 erhielt er den Befehl, die taktischen Atomwaffen scharf zu machen.

Was war geschehen? Präsident Richard Nixon hatte am 8. des Monats angeordnet, dass der nordvietnamesische Hafen von Haiphong zur Bombardierung freigegeben werden solle. Das Weiße Haus war sich nicht sicher, wie die Russen reagieren würden.12

Chiste irrt sich hier im Detail: Nixon hatte angeordnet, dass der Hafen vermint werden solle; gleichzeitig hatte er Flächenbombardements in Nordvietnam befohlen.

Über den Einsatz dieser und anderer Atombomben auf deutschem Boden entschied die USA allein. Die wenigsten Deutschen wussten, was ihnen drohte. Nur ein paar Politiker. Ob die wohl noch im Lande gewesen wären, wenn Dutcher oder andere US-Boys unsere Autobahnen mit Atombomben in die Luft gesprengt hätten?

Ron Chiste erinnert sich an ein sog. EDP-Briefing, also eine Lagebesprechung zur Einnahme der Kriegsposition. EDP bedeutet: Emergency Deployment Position. Das Briefing war streng geheim, die Fenster wurden abgedunkelt und Wachen standen vor den Türen. Am Ende der Lagebesprechung waren Fragen erlaubt. Chiste sagt, er müsse damals wohl noch sehr naiv gewesen sein. Er fragte nämlich, wie viel Zeit das Bataillon denn habe, um in Stellung zu gehen. Die älteren Offiziere trauten ihren Ohren nicht. Der Instrukteur antwortete cool:

“Sie werden keine Zelte mitnehmen, keine Feldküchen oder irgend etwas dergleichen. Die C- und B-Batterien werden über die Fulda rasen und die A-Batterie wird in Reserve gehalten. Wir rechnen nicht damit, dass C und B zurückkehren werden.”

Ron Chiste betitelte seinen Bericht mit der Überschrift: „The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap.”13 Die Geschützgruppen, die in Position gebracht werden sollten, waren nuklearfähig.

Im Fulda-Gap erwartete man einen Angriff sowjetischer Panzerverbände. Um diesen abzuwehren, benötigte man offensichtlich Himmelfahrtskommandos.

In einer Besprechung des Buchs von Detlef Bald zur „Politik der Verantwortung” (Bald 2008) in der Süddeutschen Zeitung vom 2.3.2009 heißt es:

“Am 23.Oktober 1973 wurden in den ‘Deutschen Einsatzbeschränkungen für ADM’ die ‘Four German No’s’ für die Nato verbindlich eingeführt und in einem vertraulichen Briefwechsel von Bundeskanzler Brandt mit US-Präsident Nixon im April 1974 bestätigt.
Die Punkte waren: 1. Kein Atomminen-Gürtel an der Grenze; 2. Keine Vorab-Delegation der politischen Entscheidungsgewalt zum Atomwaffeneinsatz an eine militärische Kommandobehörde; 3. Keine militärischen Planungen ohne Schutz der Zivilbevölkerung; 4. Keine Vorbereitung von Sprengkammern oder -schächten in Friedenszeiten. Wie wichtig diese Festlegungen waren, zeigt, dass noch 1970 bei einer neuen Rheinbrücke in Düsseldorf, der ‘Kniebrücke’, Kammern für nukleare Sprengladungen angebracht werden sollten. In Düsseldorf entstand dann, so de Maizière, ‘die erste Rheinbrücke ohne Sprengkammern’.”14

Nach Einführung der deutschen Einsatzbeschränkungen wurden die ADM offenbar von der Grenze in grenzferne Depots der Amerikaner zurückverlegt. Die Bundeswehr unterhielt so genannte „Spezial Sperrzüge”, deren Aufgabe darin bestand, die ADM von einem Sonderwaffenlager der Amerikaner abzuholen, zum vorgesehenen Sperrpunkt zu bringen und zu bewachen.

Ein Informant, der 1978 als Wehrpflichtiger in einem „Spezial Sperrzug” diente, erzählte, wie die entsprechenden Übungen abliefen (persönliche Mitteilung). Er fuhr mit einem Spezialtransporter zu den Amis. Dort wurde die Bombe aufgeladen. Ein US-Soldat setzte sich mit entsicherter Waffe auf den Beifahrersitz. Dann ging es quer durch Deutschland zum Sperrpunkt. Wie verbindlich die „Four German No’s“ wohl tatsächlich waren?

Mandschurische Kandidaten

Leider wissen wir nicht, welche Methoden Mikorey vorschwebten, um Soldaten den inneren Schweinehund auszutreiben und ihren Selbsterhaltungstrieb zu schwächen. Wir wissen aber, dass seit Beginn des Kalten Kriegs der US-Geheimdienst CIA sowie das amerikanische Militär Gehirnwäscheforschung betrieben, u. a. mit dem Ziel, Verfahren zu entwickeln, mit denen man Menschen zwingen könne, jeden Befehl auszuführen, und koste er auch das eigene Leben. Es hat sich eingebürgert, Menschen dieser Art als „Mandschurische Kandidaten“ zu bezeichnen; dies ist allerdings nicht die offizielle Bezeichnung der CIA (Marks 1979).

Ein CIA-Dossier vom 25. Januar 1952 beschreibt die Ziele eines dieser Forschungsprogramme, des Projekts Artischocke wie folgt:

1. „Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können. 2. Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden? 3. Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt? 4. Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden (Memorandum 1952)?“

Der Mandschurische Kandidat ist die Antwort auf die dritte Frage. Wurden tatsächlich Mandschurische Kandidaten kreiert? Ein Kenner der Materie, der amerikanische Psychiater Colin Ross schreibt:

“Studien zum mandschurischen Kandidaten führen zu der Schlussfolgerung, dass die Erzeugung einer iatrogenen multiplen Persönlichkeit viel mehr Kontrolle und Einfluss erfordert, als in einer ambulanten Therapie mit ein oder zwei Stunden wöchentlich möglich ist (Ross 2000).“

Dies bedeutet, dass Derartiges nicht im Rahmen einer regulären Psychotherapie entstehen kann. Ross ist davon überzeugt, dass es sich bei den Mandschurischen Kandidaten um multiple Persönlichkeiten handelt, die von Ärzten in militärischen oder geheimdienstlichen Kontexten künstlich hervorgerufen wurden. Bei einer solchen hausen angeblich mehrere Persönlichkeiten unter einer Schädeldecke, wobei jedoch die meist aktive Persönlichkeit, der so genannte „Host“ nichts von den anderen Persönlichkeiten in seinem Inneren weiß.

Dem Mandschurischen Kandidaten ist in seinem Alltagsleben ebenso wenig bewusst, dass er in seinem Inneren programmierte Persönlichkeiten beherbergt, die für bestimmte Aufgaben, beispielsweise ein Attentat, vorgesehen sind.

Aus meiner Sicht ist es nicht erforderlich, das Konzept des Mandschurischen Kandidaten mit einer zweifelhaften psychiatrischen Diagnose, der sog. Multiplen Persönlichkeitsstörung bzw. Dissoziativen Identitätsstörung, zu überfrachten. Richtig aber ist fraglos die Einschätzung von Ross, dass ein Mandschurischer Kandidat nicht im Rahmen einer gewöhnlichen Psychotherapie erzeugt werden kann.

Nach meiner Theorie15 ist die Produktion eines Mandschurischen Kandidaten an folgende Minimalvoraussetzungen gebunden, die vermutlich nur eine geheimdienstliche oder militärische Organisation, im Verborgenen und unter Missachtung der Gesetze, verwirklichen kann:

  1. Der Betroffene wird entführt und einer Folterkonditionierung durch das Suggestivverfahren unterzogen. Durch Folter werden Menschen, sobald erst einmal ihr Bruchpunkt erreicht ist, hochgradig suggestibel. In diesem Zustand wird ihnen eingeschärft, was von ihnen erwartet wird.
  2. Durch Elektroschockbehandlung wird der Betroffene seiner Fähigkeit beraubt, sich an seine Programmierung zu erinnern. Man gibt ihm Zeit, sich zu erholen und frischt sein Gedächtnis, sofern erforderlich, mit sorgfältig frisierten Informationen wieder auf. Dann wird er, ausgerüstet mit einer Legende, die seine Abwesenheit erklärt, wieder in seinen Alltag entlassen.
  3. Durch zuvor vereinbarte Parolen kann man ihn nun steuern, sofern die Behandlung erfolgreich war. Ausgelöscht wird nämlich nur die Fähigkeit, die Erinnerung an die Konditionierung ins Bewusstsein zu rufen. Die Konditionierung aber wird nicht gelöscht, im Gegenteil. Da er Betroffene nicht über sie nachdenken kann, ist sie besonders löschungsresistent. Sie ist überdies durch die unbewusste Furcht vor weiterer Folter geschützt.

Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung wird im englischen Sprachraum als „trauma-based (seltener: torture-based) mind control“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Form der Erziehung und Ausbildung, die bedingungslos gehorsame Menschen („manchurian candidates“) hervorbringen soll. „Bedingungslos“ bedeutet, dass diese Menschen jeden Befehl befolgen, sogar wenn dies für sie den sicheren Tod zur Folge hat, und dass ihr Gehorsam nicht von der persönlichen Anwesenheit der Bewusstseinskontrolleure abhängt.

Foltergestützte Bewusstseinskontrolle ist – salopp gesprochen – eine Mischung aus Folterkammer, Kadettenanstalt und Schauspielschule. Die Resultate dieser Erziehung und Ausbildung sind mentale Sklaven“ – mental, weil sie nicht in Ketten gelegt und von Sklaventreibern bewacht werden müssen, um im Sinne der Bewusstseinskontrolleure zu funktionieren.

Das übergeordnete Ziel der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeit besteht darin, einen Menschen so abzurichten, dass er

  1. sich selbst und andere glauben macht, eine integrale, einheitliche, „normale“ Persönlichkeit zu sein
  2. sich gleichzeitig aber so verhält, als ob mehrere, klar voneinander abgegrenzte, selbständige Persönlichkeiten unter seiner Schädeldecke hausten.

Die Täter verwandeln ihr Opfer also in einen Schauspieler, der sich vollständig mit seinen Rollen identifiziert und der nicht weiß, dass er schauspielert. In einem demokratischen Rechtsstaat modernen Typs verbieten sich die offene Anwendung von Methoden wie Kaufmanns Kur und das Pansen von selbst. Würden solche Verfahren angewendet, wäre nicht nur ein Sturm öffentlicher Empörung die zwangsläufige Folge, auch die Staatsanwaltschaft müsste sich einschalten.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Elsässer, ein Assistent Panses während des Dritten Reichs, die von seinem Chef entwickelte Form der Elektrofolter noch 1961 in einem Handbuch der Psychiatrie beschönigend und verharmlosend rechtfertigte, ohne dass die Fachwelt daran Anstoß nahm (Riedesser & Verderber, 1996, 205).

Denkbar ist jedoch, dass solche Methoden im Geheimen praktiziert werden und dass die Erinnerung der Opfer an die Torturen durch psychiatrische Methoden ausgeschaltet wird. Im Rahmen der Produktion Mandschurischer Kandidaten sind Kaufmanns Kur und das Pansen wieder denkbar. Es würde sich dann um eine Form der „Stealth Torture“ handeln, die für demokratische Staaten charakteristisch ist (Rejali 2007).

Einige Menschen in einigen NATO-Staaten behaupten, sie seien Opfer einer derartigen foltergestützten Bewusstseinskontrolle geworden. Sie können dies allerdings nicht beweisen.

Candy Jones

Rückblick

Um die Geschichte der Candy Jones zu verstehen, muss man sich zunächst mit den Möglichkeiten der Hypnose auseinandersetzen. Anders als im 20. experimentierten Psychiater und andere Gelehrte an den Universitäten im 19. Jahrhundert ziemlich freimütig mit dem Potenzial der Hypnose, menschliche Identitäten zu modifizieren. Daher ist es hier, wie bei den Elektrofoltermethoden, erforderlich, zum Verständnis des Einsatzes der Hypnose in der Militärpsychiatrie des Kalten Kriegs auf frühere Dokumente zurückzugreifen.

Charles Robert Richet (1850 – 1935) war einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Der französische Arzt war Professor für Physiologie in Paris; 1913 erhielt er den Nobelpreis für seine Studien zum menschlichen Immunsystem. Doch Richets Interessen beschränkten sich keineswegs auf sein medizinisches Fachgebiet. Er schrieb Bücher über geschichtliche Themen, Soziologie, Philosophie und Psychologie, sogar Theaterstücke und Lyrik. Seine besondere Leidenschaft aber galt Themen, die heute tendenziell als fragwürdig oder gar abseitig betrachtet werden, zumindest in naturwissenschaftlichen Kreisen. Zu diesen Themen zählten die Parapsychologie und die experimentelle Hypnose (Nobel Lectures 1967).

Bei seinen hypnotischen Experimenten (Binet 1896, 249; Richet 1884) entdeckte er mehr oder weniger durch Zufall die Flüchtigkeit des menschlichen Selbsts. Nachdem er seine Versuchspersonen in Hypnose versetzt hatte, gehorchten sie seinem Befehl, ihre Identität, ihr Alter, ihre Kleidung, ihr Geschlecht, ihre soziale Stellung, ihre Nationalität und das Zeitalter, in dem sie lebten, vollständig zu vergessen. All diese Eckpunkte eines normalen Selbst waren ausgelöscht. Ihr Identitätsbewusstsein hatte sich in eine blank geputzte Schiefertafel verwandelt.

Nun konnte Richet seinen Versuchspersonen eine Idee suggerieren, die an die Stelle des hypnotisch ausradierten Selbstbewusstseins trat: die Idee einer neuen Identität, die sich, genährt durch die Kraft der Phantasie, in ihrer Vorstellungswelt ausbreitete. Die Versuchspersonen agierten und reagierten nun so wie der Charakter, der ihnen suggeriert worden war. Ihre Handlungen, ihre unwillkürlichen Bewegungen, ihr Denken und ihre Äußerungen hatten sich perfekt der hypnotisch eingepflanzten Identität anverwandelt. Richet konnte nicht nur eine, sondern eine nahezu beliebige Zahl alternativer Persönlichkeiten in seinen Versuchspersonen hervorrufen. Eine Frau beispielsweise verwandelte er nacheinander in einen Bauern, eine Schauspielerin, einen General, einen Priester und eine Nonne.

Die Experimente Richets inspirierten auch andere Wissenschaftler im späten 19. Jahrhundert, z. B. den bedeutenden Sexualwissenschaftler und Hypnoseforscher Albert Moll (1862 – 1939). Einer männlichen Versuchsperson (Moll 1890) z. B. suggerierte der Arzt, sie sei Moll und er, also der Arzt, sei diese Versuchsperson (genannt X). X verwandelte sich in „Dr. Moll“ und bat Moll, nunmehr also „X“, Platz zu nehmen und begann, seinen „Patienten“ in genau derselben Weise zu hypnotisieren, wie ihn zuvor der Arzt schon viele Male in Trance versetzt hatte.

Moll betont, dass seine Versuchspersonen keineswegs immer konsequent waren, sondern mitunter aus der Rolle fielen; beispielsweise sei eine Versuchsperson, die zuvor in Friedrich den Großen verwandelt worden war, in einem imaginären Eisenbahnwagen gefahren (obwohl es zur Zeit des Preußenkönigs natürlich noch keine Eisenbahnen gab).

Derartige Fehler könnten aber durch hypnotische Dressur meist verhindert werden. Es ist aber unwahrscheinlich, dass allein mit den Mitteln der Hypnose Mandschurische Kandidaten kreiert werden können, die im Ernstfall, also an der Front eines taktischen Nuklearkriegs, tatsächlich zuverlässig funktionieren. Die Hypnose allein dürfte fast immer nicht effektiv genug sein, um den angeborenen Selbsterhaltungstrieb zu überwinden.

Die Geschichte eines Pinup-Girls

Eine bezaubernde Frau

Sie war ein Sex-Symbol, ein Pinup-Girl, ihre Fotos hingen im Spind vieler amerikanischer Soldaten im 2. Weltkrieg. Sie hieß Jessica Wilcox (1925-1990). Bekannt wurde sie unter ihrem Künstlernamen Candy Jones. Während des Kriegs gegen Nazi-Deutschland und gegen das brutale System des Tennos erwies sie sich als glühende amerikanische Patriotin. Sie unterhielt mit ihren Shows die Soldaten an der Front, in unmittelbarer Nähe der Schlachtfelder. Sie war 1,93 groß, schlank und wohlgeformt, hatte atemberaubend lange Beine; ihr Bild erschien in „Yank“, einem Magazin mit Millionenauflage, das von den US-Streitkräften herausgegeben wurde und das die Moral der Soldaten heben sollte. Besonders beliebt waren Fotos, die sie in einem Bikini mit Polka-Punkten zeigten. Sie wurde in die Streitkräfte aufgenommen und erhielt den Rang eines Leutnants.

Ihre Karriere begann 1941, nachdem sie den Wettbewerb „Miss Atlantic City“ für sich entschieden hatte. John Powers, Gründer einer erfolgreichen Model-Agentur, engagierte sie sofort. Doch Powers gab ihr kaum Chancen, sich zu profilieren, bezahlte sie schlecht, und so wechselte sie wenig später zu Harry Conovers Agentur. Der Mann, früher selbst erfolgreicher Dressman, machte sie zum Star. 1943 wurde sie zum „Model of the Year“ gewählt. Sie unterzog sich einer Schauspiel- und Gesangausbildung und erhielt eine Hauptrolle in einem Stück, dass mit großen Erfolg am Broadway aufgeführt wurde.

Während einer Tour, die sie an die Kriegsschauplätze im Pazifik führte und die von der USO (United Service Organisation) veranstaltet wurde, erkrankte sie an Malaria und einer weiteren Infektionskrankheit. Innerhalb kürzester Zeit fielen ihr die Haare aus, ihre Gesichtsfarbe verwandelte sich in ein krankes Gelb. In einem Militärkrankenhaus der philippinischen Hauptstadt Manila begegnete sie einem jungen Militärarzt, der ihr weiteres Schicksal entscheidend mitbestimmen sollte; in ihren späteren Erinnerungen an die nun folgenden Jahre verschweigt sie seinen Klarnamen und nennt ihn „Gilbert Jensen“.

Falsche Freunde

Nach dem Krieg eröffnete sie eine Schule für Models in New York. Nach einem Einbruch in ein Büro in demselben Haus, in dem sich auch ihre Schule befand, kontaktierte sie ein FBI-Agent und bat sie, eine Aufgabe für diese Polizeibehörde zu übernehmen. Ihr Büro sollte als fiktive Adresse für Briefe fungieren, die eigentlich für das FBI bestimmt waren. Da sie sich geehrt fühlte, ihrem Land dienen zu dürfen, und wohl auch, weil sie gerade knapp bei Kasse war, übernahm sie diese Aufgabe.

In dieser Zeit begegnete sie auch „zufällig“ einem General, den sie während des Krieges kennen gelernt hatte und der sie bat, einen Kurierdienst für ihn zu übernehmen. Sie hatte ihm erzählt, dass sie nach San Francisco müsse, um eine wichtige Modenschau zu besuchen, und da traf es sich gut, dass genau dorthin ein Brief zu expedieren war, der dem normalen Postweg aus Gründen der Geheimhaltung nicht anvertraut werden durfte.

Und so wartete sie wenig später in einem Hotel in San Francisco auf ihre Kontaktperson. Sie erhielt schließlich einen entsprechenden Anruf; als Mittelsmann entpuppte sich – Gilbert Jensen. Jensen bot ihr an, nebenberuflich für die CIA zu arbeiten. Dieser Job sei, so sagte er, sehr lukrativ und sie könne sich zudem auch weiterhin ohne Einschränkungen um ihre Model-Schule kümmern. Da ihr Geschäft nicht besonders gut lief, stimmte sie nach einigem Bedenken schließlich zu. Sie wusste allerdings nicht, was sich tatsächlich hinter diesem Job verbarg. Dies sollte sie erst später, nach einem langen Leidensweg erfahren.

Schenkt man ihren Erinnerungen Glauben, so war Jensen Mitarbeiter eines Projekts der CIA, dessen Aufgabe darin bestand, Menschen mit psychiatrischen Methoden in willenlose mentale Sklaven („manchurian candidates“) zu verwandeln.

“Long John“ Nebel

1973 heiratete Candy Jones den New Yorker Radio-Talkshow-Moderator „Long John“ Nebel. Bereits in der Hochzeitsnacht bemerkte der Talkmaster, dass mit seiner Braut etwas nicht stimmte. Sie litt an spontanen, unerklärlichen Stimmungsschwankungen, die so fundamental waren, dass sie wie vollständige Persönlichkeitsveränderungen wirkten.

Dieses Phänomen zeigte sich auch am Tag danach und Nebel begann, sich für ihre Psycho-Geschichte zu interessieren. Sie gestand ihm schließlich, dass sie für das FBI bzw. die CIA gearbeitet und auch sonst allerlei streng geheime Aufgaben für die Regierung übernommen habe.

In der folgenden Zeit klagte Candy häufig über Schlaflosigkeit. John, der sich seit Jahren mit Hypnose beschäftigte, schlug ihr vor, sie zu hypnotisieren, um ihre Schlaflosigkeit zu überwinden. Seine Frau behauptete, nicht hypnotisierbar zu sein, ließ sich jedoch auf einen Versuch ein. Wenig später schon befand sie sich in einem tiefen somnambulen Zustand. Die Behandlung zeigte Erfolg: Immer wenn John sie in Hypnose versetzte und ihr einen gesunden Schlaf suggerierte, war sie am folgenden Morgen gut ausgeschlafen und munter.

Daraufhin beschränkten sich die hypnotischen Sitzungen nicht mehr allein auf die Einleitung eines erholsamen Schlafes, sondern zudem wurden Erinnerungen an ihre Kindheit, die spontan in ihr Bewusstsein traten, zum Gegenstand einer systematischen Analyse mit den Mitteln der Hypnose.

Nebel wendete die Methode der Altersregression an, bei der dem Hypnotisanden suggeriert wird, er sei wieder ein Kind und erlebe seine frühe Vergangenheit aus kindlicher Sicht. Mit diesem Verfahren fand Nebel heraus, dass Candy Jones in ihrer Kindheit offenbar schwer traumatisiert worden war. Es zeigte sich mit dem Fortschritt des hypnotischen Prozesses, dass Candy ein Alter Ego, ein zweites Ich entwickelt hatte.

Diese Alternativpersönlichkeit namens Arlene war von den seelischen Verletzungen, die Candy in ihrer Kindheit erlitten hatte, subjektiv nicht betroffen. Nebel entschloss sich, die weiteren Hypnose-Sitzungen auf Tonband aufzuzeichnen. In langen Monologen berichtete Candy nun, dass sie von Gilbert Jensen, der nach ihrem Bekunden für die CIA arbeitete, hypnotisiert worden war. Der CIA-Psychiater setzte dabei vermutlich auch Drogen ein, durch die das Einleiten der Hypnose erleichtert und die Trance vertieft wurde.

Erinnerungen

Candy konnte sich zunächst auch unter Hypnose durch Nebel nicht daran erinnern, was während der hypnotischen Sitzungen mit Jensen geschehen war. Später stellte sich heraus, dass der CIA-Psychiater eine posthypnotische Amnesie erzeugt hatte, die Candys Erinnerungen blockierte. Schon während der ersten Sitzung mit Candy hatte Jensen von der Spaltpersönlichkeit Arlene erfahren, und diese nahm er nun zum Anknüpfungspunkt, um systematisch eine ausgefeilte multiple Persönlichkeitsstruktur bei seinem Opfer zu entwickeln.

Candy hatte, wie sich später unter Hypnose zeigen sollte, in ihrer Kindheit noch weitere Spaltpersönlichkeiten herausgebildet, doch der Militärpsychiater konzentrierte sich auf Arlene. Candy wurde abgerichtet, Aufgaben für die CIA zu erledigen, ohne sich später daran erinnern zu können. Die Aufträge wurden ihr in Form so genannter posthypnotischer Befehle erteilt. Sie erhielt die Kommandos also, während sie sich in einem hypnotischen Trance-Zustand befand, und musste diese dann zu einem vereinbarten Zeitpunkt bzw. unter vorher festgelegten Bedingungen im „Wachzustand“ verwirklichen.

Sie wurde u. a. als hypnotische Kurierin eingesetzt, deren Nachrichten tief in ihrem Unbewussten eingegraben waren und an die sie sich nur erinnern konnte, wenn sie mit einem bestimmten Schlüsselsatz dazu aufgefordert wurde, um sie nach ihrem Report sofort wieder zu vergessen. Während einer Kurierfahrt nach Taiwan wurde sie von angeblichen chinesischen Geschäftsleuten in ein Landhaus gebracht, dort an einen Stuhl gefesselt, mit elektrischen Kontakten verbunden und brutal gefoltert. Die Männer unterzogen sie einem Verhör; angeblich interessierten sie sich für den Inhalt eines Briefes, den sie, einem hypnotischen Befehl folgend, einem Unbekannten übergeben hatte. Auch bei späteren Kurierfahrten nach Asien wurde sie elektrisch gefoltert.

Es liegt nahe zu vermuten, dass sich die Folterer nicht im geringsten für die Informationen interessierten, die sie angeblich verraten sollte, sondern dass sie mit Jensen kooperierten und dass die Folter Bestandteil der Gehirnwäsche war. Durch Folter kann die Empfänglichkeit für hypnotische Suggestionen erheblich intensiviert und die Zuverlässigkeit bei der Verwirklichung posthypnotischer Befehle extrem gesteigert werden.

Unter Nebels Hypnose erinnerte sich Candy daran, dass sie im Trainingszentrum der CIA, Camp Peary, mit den Techniken verdeckter Operationen vertraut gemacht wurde. Sie erlernte die Kunst gut getarnter Brandstiftung, den Einsatz von unauffälligen Mordinstrumenten, das Schießen mit diversen Feuerwaffen etc. Jensen hatte sie, sofern die Erinnerungen Candys zutreffen, mit hypnotischen Mitteln programmiert, sich auf Kommando selbst zu töten. Da sie offenbar nicht mehr benötigt wurde, hatte ihr Jensen bereits den entsprechenden Suizidbefehl gegeben, aber die Heirat mit Nebel und dessen hypnotische Intervention durchkreuzten diesen Plan.

Donald Bain

Jones und Nebel entschlossen sich, ihre Geschichte zu veröffentlichen. Sie kontaktierten den Schriftsteller Donald Bain. Bain hatte bereits eine Biographie Nebels verfasst. Er begann 1974 mit seiner Arbeit an diesem Buch; er hörte sich die Tonbänder an, sprach stundenlang mit Jones und Nebel, recherchierte über Hypnose und Gehirnwäsche. Das Buch erschien 1976 unter dem Titel: „The Control of Candy Jones“. In einem Vorwort bezeichnet der namhafte Hypnose-Spezialist Herbert Spiegel das Buch als faszinierend und überzeugend; bestätigt, dass die beschriebenen hypnotischen Manipulationen durchaus möglich seien, weist aber darauf hin, dass eine Verifikation aus externen Quellen noch ausstehe und erforderlich sei.

Das Buch erregte zunächst großes Aufsehen; Bain und Jones starteten eine Publicity-Tour durch die Vereinigten Staaten; doch nach einiger Zeit verstummten sie. Candy Jones hatte einen Vertrag mit einem Filmstudio unterzeichnet, der sie dazu verpflichtete, bis zum Erscheinen des Films keine Publicity mehr für das Buch zu machen; der Film wurde jedoch nie gedreht.

Schon bald nach Veröffentlichung des Buches wurden Zweifel an Candys Geschichte laut. John Nebel, so hieß es, sei ein notorischer Schwindler, der schon öfter versucht habe, derartige Fantasiegeschichten zu lancieren. Dass Bains Werk, die Arbeit eines Unterhaltungsschriftstellers, im Playboy-Verlag erschienen sei, spräche ohnedies Bände.

Dass die CIA jedoch versucht hat, mit den Mittel der Hypnose – unterstützt durch Drogen, sensorische Deprivation, Elektroschocks und physischen Zwang – künstliche multiple Persönlichkeiten zu erzeugen, steht allerdings außer Zweifel. Die entsprechenden Beweise hat der amerikanische Psychotherapeut Colin A. Ross in seinem Buch „Bluebird“ (2000) akribisch zusammengetragen. Er äußert sich in diesem Buch auch zum Fall Candy Jones, und zwar ähnlich wie Herbert Spiegel. Es sei denkbar, dass die Geschichte wahr sei, aber dies sei keineswegs bewiesen.

Nicht neu

Die Methoden, mit denen angeblich Jensen und seine Spießgesellen in Taiwan arbeiteten, waren allerdings damals schon nicht neu. Bereits im letzten Drittel des 19. und insbesondere Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte die Psychiatrie, wie schon berichtet, Methoden, um mit den Mittel der Hypnose multiple Persönlichkeiten zu erzeugen und das Verhalten von Menschen systematisch durch Elektrofolter zu formen. Die Waffen, mit denen Jensen und Kollegen die Seele von Candy Jones mutmaßlich eroberten und kolonisierten, wurden bereits lange zuvor von der Psychiatrie und insbesondere der Militärpsychiatrie geschmiedet.

Auch wenn heutige Psychiater über diese „vergessenen“ Kapitel aus der Geschichte ihrer Zunft überrascht sein mögen, so waren die Methoden zur künstlichen Erzeugung multipler Persönlichkeiten und zur Verhaltensformung durch „Faradisierung“ zu Zeiten der „Control of Candy Jones“ jedem nicht mehr ganz jungen Psychiater durchaus geläufig. In diesem Licht betrachtet, gewinnt die Geschichte der Candy Jones erheblich an Plausibilität. Überdies stand die Notwendigkeit bedingungslos gehorsamer Menschen angesichts der Erfordernisse eines taktischen Nuklearkriegs in Zeiten des Kalten Kriegs außer Frage.

Auf seiner Website schreibt der Autor des Buches über Candy Jones, Donald Bain anlässlich einer Neuausgabe seines Werks:

“Immer wieder tauchen Fragen zum ursprünglichen Buch auf. Die 20th Century Fox bezahlte einen bedeutenden Geldbetrag dafür, als ein Film-Vehikel für Jane Fonda, doch sie drehte den Streifen nie, trotz Drehbüchern von drei der Besten Hollywoods und weigerte sich, sie an Dutzende von Produzenten zu verkaufen, die ein Interesse daran bekundeten, den Film zu machen. Warum? Die CIA versuchte, das Buch zu unterdrücken, wie dies auch einer der Ärzte tat, ein Doktor der Stars, der die Mind-Control-Experimente der Agentur anführte.“16

Warum wurde der Film nicht gedreht, obwohl er damals wie heute beste Erfolgsaussichten gehabt hätte bzw. haben würde? Das Buch unterscheidet sich von vielen heutigen „Erfahrungsberichten“ angeblicher Mind-Control-Opfer vor allem dadurch, dass die geschilderten Methoden weitgehend den Verfahren entsprechen, deren Effektivität bereits im letzten Drittel des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts solide dokumentiert wurde.

Vielleicht macht gerade dies das Buch so gefährlich, immer noch. Candy Jones starb 1990 im Alter von 64 Jahren an Krebs. In einem Nachruf rühmte die New York Times ihre Verdienste als Model, Lehrerin und Autorin. Ihr Schicksal als mutmaßliches Opfer eines Gehirnwäscheprogramms wird ebenso wenig erwähnt wie das Buch von Donald Bain: The Control of Candy Jones. Es ist immer noch uneingeschränkt lesenswert.

Camouflage?

Immer wieder werden Stimmen laut, dass auch in Deutschland Kinder von Satanisten in schwarzen Messen rituell missbraucht und absichtlich zu multiplen Persönlichkeiten gemacht würden.17 Solche Thesen werden natürlich vor allem im Internet verbreitet, zumeist in obskuren Websites. Viele zweifeln daran. Der Grund: Es seien noch niemals Satanisten wegen solcher Taten rechtskräftig verurteilt worden. Die Satanismus-Gläubigen kontern, dass die Satanisten sehr mächtig seien und polizeiliche Ermittlungen behindern oder gar verhindern könnten. Wie mächtig müssten Satanisten sein, die so etwas können? Wäre es möglich, dass wieder einmal nichts ist, was es zu sein scheint?

Drei Tatsachen:

  • Die CIA und andere Behörden untersuchten während des Kalten Kriegs in langjährigen und kostspieligen Forschungsprojekten die Möglichkeit, Menschen durch Gehirnwäsche in willenlose mentale Sklaven zu verwandeln, die wie Automaten jeden Befehl ausführen, und koste es auch das eigene Leben.
  • Die Nato gründete und kommandierte unter Führung der CIA während des Kalten Kriegs in allen demokratischen Staaten Europas geheime Partisanenorganisationen (z. B. die italienischen Gladio-Einheiten), die aktiv werden sollten, wenn das nicht-kommunistische Europa von der Sowjetunion besetzt würde.
  • Während des Kalten Kriegs sollte die Bundesrepublik Deutschland im Falle eines Angriffs der Sowjetunion mit der so genannten „Atomic Demolition Munition” (kleine nukleare Sprengsätze) verteidigt werden, deren Effizienz durch Selbstmordbomber erheblich gesteigert worden wäre – durch Vergrößerung der Schadwirkung auf den Feind bei gleichzeitiger Verminderung der Kollateralschäden.

Diese drei Tatsachen sind verbürgt. Authentische Akten beweisen, dass es sich hier nicht um haltlose Verschwörungstheorien handelt. Es liegt nahe, eine mehr als nur oberflächliche Verbindung zwischen diesen drei Tatsachen zu vermuten. Doch das ist Spekulation. Bisher sind noch keine Akten aufgetaucht, die einen Zusammenhang zwischen dem Gehirnwäsche-Projekten der CIA (MKULTRA, Bluebird, Artichoke u. ä.), der Stay Behind Organization und der taktischen NATO-Nuklearstrategie belegen.

Aber eine Reihe von Menschen behaupten, Opfer derartiger Gehirnwäsche-Methoden geworden zu sein, versichern, sie seien für Himmelfahrtskommandos dieser Art abgerichtet worden (Hersha 2001; Rutz 2001). Die Glaubwürdigkeit dieser Menschen lässt sich nicht einschätzen, da sie keine handfesten Belege für ihre Geschichten vorlegen können; aber angesichts der geschilderten Umstände, Fakten, Problemlagen und Interessen gibt es keinen vernünftigen Grund, die Wahrheit der Berichte nicht zumindest in Erwägung zu ziehen.

Die Hypothese: Den sog. satanisch rituellen Missbrauch gibt es nicht – es gibt ihn doch. Es gibt ihn nicht, weil die sog. satanischen Rituale nur vorgetäuscht sind. Es gibt ihn doch, weil der Missbrauch real ist. Es handelt sich dabei um eine ausgeklügelte Form der Gehirnwäsche. Mit ihr werden mentale Sklaven produziert – mit Aufgaben im militärischen und/oder geheimdienstlichen Bereich. Diese militärischen und/oder geheimdienstlichen Projekte werden, so lautet diese Hypothese, durch den Pseudo-Satanismus perfekt getarnt. Es handelt sich hier um eine falsche Fährte.

Vorteile: Sie führt ins Nichts. Und sie diskreditiert jeden, der sie ernst nimmt, als Spinner oder Verschwörungstheoretiker. Die Suche nach satanistischen Sekten, die Menschen zum Zwecke der Gehirnwäsche unter Drogen setzen, mit Elektroschocks traktieren, hypnotisieren und foltern, bleibt erfolglos. Kein Wunder. Aber war da nicht noch was? Gibt es nicht Organisationen, die nachweislich Menschen zum Zwecke der Gehirnwäsche unter Drogen setzen, mit Elektroschocks traktieren, hypnotisieren und foltern?

Es mag zwar sein, dass einige der Täter tatsächlich Okkultisten sind. Es mag auch sein, dass sich okkulte Zirkel oder destruktive Kulte an diesen Taten beteiligen. Fakt und nachgewiesen aber ist, dass hochrangige Psychiater in die Gehirnwäsche-Projekten der CIA involviert waren. Und dass diese Psychiater Okkultisten waren, ist weder bekannt, noch wahrscheinlich. Die absichtliche Spaltung der Persönlichkeit u. a. durch Drogen, Hypnose, sensorische Deprivation, Elektroschocks und Folter aber ist keine sakrale Handlung, auch nicht in den abseitigsten Kulten, sondern sie verfolgt erkennbar militärische, geheimdienstliche, ökonomische und nicht zuletzt auch wissenschaftliche Ziele.

Im Kern handelt es sich bei diesem Verfahren im Übrigen um die „Elektrotherapie mit starken elektrischen Strömen”, also um eine psychiatrische Foltermethode, bekannt beispielsweise unter den Namen „Kaufmanns Kur” und „Pansen”, die, wie beschrieben, während der beiden Weltkriege zur „Behandlung” von „Kriegsneurotikern” durchaus gebräuchlich war (Riedesser & Verderber 1996).

Nach dieser Hypothese stand das Ziel, Spezialeinheiten für nukleare Himmelfahrtskommandos während eines erwarteten Dritten Weltkriegs aufzubauen, zwar am Anfang dieses Gehirnwäsche-Projekts, doch dabei blieb es nicht. Als die sowjetische Invasion auf sich warten ließ, hatten die Täter Zeit und Muße, über andere Aktions- und somit Legitimationsmöglichkeiten nachzudenken. So wurden – so lautet die Hypothese – die gehirngewaschenen mentalen Sklaven auch als Terroristen eingesetzt, die durch Entführungen und Attentate die Völker des „freien Europas” in Angst und Schrecken versetzten. Damit wollte man den Ruf nach dem starken Mann provozieren und die Bereitschaft fördern, Einschränkungen der demokratischen und der bürgerlichen Freiheiten zu akzeptieren.

Nahrung findet diese Hypothese im Reich der Spekulationen. Ein Beispiel dafür ist das umstrittene Field-Manual 30/31, Supplement B aus dem Jahr 1970, das angeblich aus der Feder des US-Generals W. C. Westmoreland stammen soll (Ganser 2005). Dort beklagt er, dass kommunistische Unterwanderer ihre Regierungen durch Gewaltverzicht mitunter in falscher Sicherheit wiegen.

Er schreibt:

“In solchen Fällen sollten dem US-Militärgeheimdienst alle Mittel zur Verfügung stehen, gezielte Operationen zu starten, die sowohl die Regierungen der Gastländer, als auch die Öffentlichkeit von der Gefahr einer Rebellion und der Notwendigkeit eines Gegenangriffs überzeugen. Zu diesem Zweck sollte der US-Militärgeheimdienst alles daran setzen, Agenten mit Spezialaufträgen in die aufständische Bewegung einzuschleusen, welche die Aufgabe haben, spezielle Aktionsgruppen innerhalb der radikaleren Elemente der Bewegung zu bilden. Entsteht eine der oben genannten Situationen, sollten diese durch den US-Geheimdienst kontrollierten Gruppen eingesetzt werden, um je nach Lage des Falls entweder gewaltfrei oder auch gewaltsam einzugreifen.”

Die US-Regierung bezeichnet diese Zeilen Westmorelands jedoch als sowjetische Fälschung. Ein Field Manual 30-31 existiere zwar, auch ein Anhang A, Supplement B sei jedoch eine Falschinformation, heißt es auf einer Website der Regierung. Einen überzeugenden Beweis für diese These kann die US-Regierung allerdings nicht vorlegen.

Der einschlägig forschende Historiker Daniele Ganser hält Field Manual 30-23 B nach wie vor für authentisch. Seine Argumentation in einer Fachzeitschrift für Geheimdienste und nationale Sicherheit (Ganser 2006) klingt durchaus überzeugend, vermag letzte Zweifel allerdings nicht auszuräumen. Wenn Westmorelands Supplement eine Fälschung ist, dann passt sie zumindest gut ins Bild, das sich aus besser abgesicherten Quellen zusammenstellen lässt.

Wie auch immer: Eine Vielzahl von Fakten spricht dafür, dass die USA in Europa während des Kalten Kriegs eine „Strategie der Spannung” verfolgten, um die Linke durch inszenierten Terrorismus zu diskreditieren (vgl. z. B. Kellmann, 1999).

Ins Konzept dieser „Strategie der Spannung” passt auch der „Satanismus” – nahtlos. Schon 1979 (also vor der satanistischen „Hysterie” aus den Vereinigten Staaten) schrieb der Okkultismus-Experte Horst Knaut:

“Es gibt geschützte religiöse Klausen, ‘Klöster’ und ähnliche Okkultverstecke weitverstreut, in denen man ungehindert untertauchen kann, in denen man lehren, planen, drucken und Bomben basteln kann. In denen Menschen verschwinden können, ohne dass Nichteingeweihte davon erfahren… Dort kann Gehirnwäsche angewandt werden. Dort können Menschen für alle Zwecke psychologisch disponiert, ja abgerichtet werden. Experten hat der religiöse, okkultistische Untergrund genügend anzubieten – Experten für kriminelle, gesellschaftsfeindliche, zerstörerische Lehren. Ich kann nur schmunzeln, wenn die ‘Terroristen’ stereotyp immer wieder in Neubauwohnungen mit Garagen in der Nähe vermutetet werden. Das sind nur kleine Außenbasen – ihre häuslichen und geistigen Wohnungen sind woanders. (Knaut 1979).”

Das klingt doch wie eine Idealbesetzung. Deutsche Okkultisten – mit ihren bestens dokumentierten Verbindungen zum Nazismus und zu Geheimdiensten – verbünden sich im Kalten Krieg mit einer Geheimarmee im Geiste einer „Strategie der Spannung”. 1 und 1 zusammenzählen? Man wird einfach den Verdacht nicht los, dass 2 dabei herauskommt.

Doch selbst dann, wenn sich der Verdacht zur Gewissheit zu verdichten scheint, bleibt die Unterstellung, die Gehirnwäsche durch Satanisten (trauma-based mind control) sei eine militärisch-geheimdienstliche Camouflage, natürlich eine Hypothese. Man kann sie unbesorgt ins Reich der Verschwörungstheorien verbannen. Dies wäre zwar nach menschlichem Ermessen nicht vernünftig; aber wer sagt uns denn, dass es immer klug sei, vernünftig zu sein?

Selbstverständlich bewegen wir uns hier in einer Grauzone, in der alle Dokumente, Aussagen, Gerüchte mit übergroßer Vorsicht zu genießen sind. Einen endgültigen Beweis für die Hypothese wird sich vermutlich niemals finden lassen, denn Organisationen, denen so etwas zuzutrauen ist, hinterlassen in aller Regel keine Papierspuren und selten gibt es Zeugen, die nicht nur reden, sondern die tatsächlich etwas wissen.

Dass das Suggestivverfahren und das Depatterning Treatment existierten und angewendet wurden, ist erwiesen. Ob die beschriebene Kombination von Elektrofolter und Elektrokrampftherapie zum Zwecke der Erzeugung Mandschurischer Kandidaten tatsächlich realisiert wurde, ist allerdings fraglich.

Nicht fraglich ist freilich, dass die CIA mandschurische Kandidaten kreieren wollte. Nicht fraglich ist auch, dass die CIA sowohl das Depatterning Treatment, als auch das Suggestivverfahren (Kaufmann, Panse) kannte. Nur können wir nicht beweisen, dass sie beide Verfahren kombinierte, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Dass die CIA mittels Hypnose mandschurische Kandidaten unter Laborbedingungen erschaffen konnte, steht fest; dies ergibt sich aus freigegebenen Akten (Ross 2000). Entsprechende Experimente fanden im Übrigen bereits im 19. Jahrhundert statt.

Allerdings sind Zweifel daran berechtigt, dass die hypnotische Konditionierung allein robust genug ist, um einen zuverlässigen Einsatz derartiger Mandschurischer Kandidaten im Feld zu gestatten. Mit den soeben beschriebenen harten Methoden (Elektrofolter) allerdings sieht die Sache vermutlich schon anders aus.

Es gibt natürlich Kritiker, die tief von der Überzeugung durchdrungen sind, bei der Psychiatrie handele es sich um einen Haufen von bösartiger Gaudiburschen, die außer Schandtaten nichts Rechtes zu Stande bringen. Sie wähnen, dass deswegen natürlich auch Mandschurische Kandidaten nichts weiter seien als eine unausgegorene Fantasie.

Es ist müßig, sich mit solchen Leuten zu streiten, denn sie lassen sich von einem tiefen inneren Bedürfnis leiten, bei Psychiatern nichts als Unfähigkeit zu entdecken. Und wer ein solches, beinahe religiös inbrünstiges Motiv in sich trägt, mit dem kann man – oder präziser: mit dem sollte man nicht diskutieren.

Die Aktivität von Geheimdiensten und militärischen Spezialeinheiten findet in einer Grauzone statt. Die Grenzen zur Kriminalität sind mitunter fließend. Die Risiken, die Forscher hier eingehen, darf man nicht unterschätzen; und vieles unterliegt dem Siegel strenger Geheimhaltung. Es ist also widersinnige Narretei zu fordern, dass man in diesem Gebiet die Methoden normaler Wissenschaft anwenden müsse, um Licht ins Dunkel zu bringen. Leute, zu deren Berufsbild das Tarnen und Täuschen zählt, werden sich bei einem solchen Anliegen vermutlich nicht unbedingt als brauchbare Kooperationspartner erweisen.

Historiker, die im Bereich der harten Methoden forschen, müssen versuchen, ein Puzzle aus Hinweisen unterschiedlicher Gediegenheit zusammenzusetzen – in der Hoffnung, so zu einer indirekten Beweisführung auf Grundlage von Indizien zu gelangen. Oft, nur zu oft kommen dabei aber allenfalls Plausibilitätserwägungen heraus. Dies spricht nicht gegen die Qualität der entsprechenden Forschungen, sondern dies liegt in der Natur der Sache.

Die erste Garnitur der Psychiatrie war aktiv, um für die CIA nach Wegen zu suchen, den Mandschurischen Kandidaten zu kreieren. Und das war keine wissenschaftliche Grundlagenforschung, das war auch kein Freizeitvergnügen. Es ging um knallharte geheimdienstliche und militärische Erfordernisse des Kalten Kriegs und einer drohenden nuklearen Auseinandersetzung zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.

Psychiater sind nicht generell unfähig, auch wenn manche Kritiker dies gern so hätten. Man muss eben genau hinschauen, um differenziert zu beurteilen, wozu sie fähig sind oder sein könnten.

Literatur

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Diese Schrift wurde 1920 veröffentlicht. Lewis Ralph Yealland war ein kanadischer Arzt, der während des 1. Weltkriegs in Großbritannien praktizierte. Er betrachtete den so genannten „Shell Shock” nicht als physische Krankheit, sondern als Ausdruck eines Mangels an Disziplin und Pflichtbewusstsein. Die betroffenen Soldaten wurden taub, blind, lahm und prägten die absonderlichsten körperlichen Symptome aus, ohne dass sich dafür eine medizinische Ursache finden ließ oder auch nur plausibel war.

Unfähigkeit zu gehen und zu stehen

3Ohne Zorn, unbewegt

Trettner war Generalmajor unter Hitler und von 1964 bis 1966 Generalinspekteur der Bundeswehr.

Von Loringhoven war ein Zeuge der letzten Tage im Führerbunker.

6Field Manual 5-102: Countermobility

8Ein Leser machte mich darauf aufmerksam, dass es auch Terroristen gäbe, die keine Muslime seien und die deswegen keine Gebetsteppiche hätten. Da Gebetsteppiche aber ohnehin keine Option zum nuklearen Gegenschlag sind, halte ich diesen an sich berechtigten Einwand im vorliegenden Zusammenhang für weniger bedeutsam.

NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers – From Arnold Dutcher: Atomic Demolition Munitions (ADM) Platoon, 23rd Engineer Bn, 3AD

10VII Corps Special Troops, VII Corps: THE SECRET MISSION

11 VII Corps Special Troops, VII Corps: THE SECRET MISSION

12 NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The Day That President Nixon Ordered Nukes On-The-Ready, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD

13 NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD

15 Zu dieser Theorie habe ich mich ausführlich in meinem Buch „Hypnose, Manipulation, Bewusstseinskontrolle“ geäußert. Eine Veranschaulichung des Vorgehens findet sich in meinem Roman „Ein Mann mit acht Augen“.

17 Dieses Thema wird demnächst in einem weiteren Blog-Beitrag vertieft.

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