Migration und Humanität

Ein Begriff der Humanität muss zwei Fragen beantworten:

  1. Was ist das Besondere am Menschen?
  2. Wie soll ein Mensch handeln, um seiner Art zu entsprechen.

Da wir nicht außerhalb oder über der Evolution stehen, sind wir Menschen Bestandteile der belebten Natur, genauer, des Tierreichs. In vieler Hinsicht sind wir z. B. den Schimpansen oder Schweinen sehr ähnlich. Es ist eigentlich nur ein Merkmal, das uns von anderen Tieren grundsätzlich unterscheidet – und dies ist unsere Vernunft.

Die Vernunft ermöglicht es uns, über unser Denken nachzudenken und die Resultate unseres Denkens mit anderen auszutauschen. Kein uns bekanntes Lebewesen ist dazu befähigt. Die Vernunft ist unser Alleinstellungsmerkmal in der Natur.

Da wir jedoch trotz dieses Alleinstellungsmerkmals den allgemeinen Bedingungen des Lebens auf diesem Planeten nicht enthoben sind, dienen unsere Fähigkeiten, wie auch die Vernunft, dem Überleben. Deswegen entspricht es unserer Art, unsere Vernunft für ein gutes Leben einzusetzen.

Auf der Basis dieser einfachen Überlegungen können wir nun bestimmen, was Humanität für uns Menschen bedeutet: nämlich mit Vernunft für ein gutes Leben aktiv zu sein. Vernünftig für ein gutes Leben ist man tätig, wenn die eigenen Handlungen das Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen steigern und / oder ihr Unglück mindern. Nur für sich selbst zu sorgen, ist unvernünftig, weil Menschen als Gruppenwesen aufeinander angewiesen sind und weil Egoismus zu Unfrieden führt, der Leid mehrt und Glück mindert.

Politiker und Journalisten werden nicht müde, uns ans Herz zu legen, es sei ein Gebot der Humanität, Flüchtlinge aufzunehmen. Diese kämen schließlich aus Ländern, in denen Krieg oder politische Verfolgung herrsche. Es sei Menschenpflicht, diesen Notleidenden Schutz zu gewähren.

Nehmen wir für den weiteren Verlauf unserer Erörterung jene Migranten heraus, die nur vortäuschen, Flüchtlinge zu sein und die in Wirklichkeit bei uns nur ein besseres Leben suchen. Die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und so genannten Wirtschaftsflüchtlingen ist für eine grundsätzliche Betrachtung des human Gebotenen im Übrigen gar nicht erforderlich. Unterstellen wir also allen Subjekten dieser Analyse, dass sie aus echter Not zu uns kommen.

Sollen wir nun unbedingt versuchen, das wirkliche Elend dieser Menschen zu lindern?

Erinnern wir uns noch einmal daran, was Humanität von uns fordert: Wir sollen durch unser Handeln das Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen steigern und / oder ihr Unglück mindern. Der wohlmeinende Mitbürger, voll des linken, grünen oder christlichen Überschwangs, ruft uns zu: „Ja, wir müssen diesen Menschen unbedingt helfen. Sie leiden, und es liegt an uns, ihr Leiden zu lindern.“

Eine solche Haltung ist leicht nachzuvollziehen. Sie ist leicht nachzuvollziehen, weil ihre Grundlage Gefühle sind. Wer die Welt mit dem Herzen betrachtet, vereinfacht sie kolossal. Wer genauer hinschaut und sie mit den Mitteln der Ratio analysiert, erkennt schnell, dass sie wesentlich komplexer ist. Die Haltung der Linken, Grünen und Christen zur Migration ist also unterkomplex.

Man könnte hier natürlich einwerfen, dies sei gar nicht so schlimm und wie der kleine Prinz behaupten, man sähe nur mit dem Herzens gut. Ob eine solche unterkomplexe Sichtweise allerdings ausreicht, um dem Gebot der Humanität zu folgen, sei dahingestellt.

Wir hatten uns ja, als der Humanität verpflichtete Menschen, vorgesetzt, das Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen zu mehren oder das Unglück der größtmöglichen Zahl von Menschen zu mindern.

Da steht nun das einzelne Individuum vor uns, hungernd, frierend, und bittet um Einlass. Wir lassen unser Herz sprechen und gewähren ihm Zutritt. Dabei haben wir sicher ein gutes Gefühl. Aber wir verfehlen unser Ziel der Humanität.

Die Vernunft ist unser Alleinstellungsmerkmal. Sie macht uns zu menschlichen Wesen. Sie ermöglicht uns, menschlich zu handeln. Lassen wir aber unser Vernunft sprechen, so fragt sie uns: Mit welchen unerwünschten Nebenwirkungen ist dein von guter Absicht geleitetes Handeln verbunden?

Es wäre ja durchaus denkbar, dass von einer anderen Form der Hilfe eine größere Zahl von Menschen profitieren würde. Und möglich wäre es auch, dass unsere Hilfe das Elend unbeteiligter Dritter vergrößert. Ohne uns solche Fragen zu stellen, dürfen wir keine Humanität für uns beanspruchen. Im Gegenteil: Wer nur mit dem Herzen sieht und nur im Überschwang der Gefühle handelt, begibt sich in die Gefahr, besinnungslos und somit inhuman zu agieren.

2 Antworten auf „Migration und Humanität“

  1. Sehr geehrter Herr Gresch,

    das Denken bezüglich Humanität und Vernunft ist nicht nur bei Linken und den Christen unterkomplex, sonder gerade bei den Anhängern rechter Bewegungen. Die gehen so weit, die Menschen in Kategorien einzuteilen und im schlimmsten Falle Wertkategorien aufzustellen, was den Wert von bestimmten Menschen angeht.

    Am humansten erscheint es mir, z. B. die Fluchtursachen zu bekämpfen – ergo – dafür zu sorgen, das Menschen nicht länger von Armut und Krieg betroffen sind. Dazu gehört, das Wirtschaftssystem, wie auch unseren irrationalen Anteil auf den Prüfstand gestellt werden. Nur mit anderen wirtschaftlichen und auch menschlichen Grundlagen lassen sich Dinge wie Armut und Krieg wirksam beseitigen.

    MfG

    Silvia B.

    1. Die Fluchtursachen zu beseitigen, ist sicher ein edles Anliegen. Allein um es zu verwirklichen, muss man hohe Hürden überwinden. Wie viel Zeit wird es kosten, sich auch nur darauf zu einigen, welche Phänomene tatsächlich ursächlich sind? Selbst wenn dies gelänge – woran zu zweifeln ist – so steht zu befürchten, dass einige mächtige Menschen vom Weiterbestehen der Ursachen profitieren. Sie werden sich wehren. Ihr Widerstand muss also erst einmal gebrochen werden. Dies kann dauern. Was tun Sie bis dahin mit den Migranten?

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