Merkel – ein Mechanismus zur Reduktion politischer Komplexität

Unsere Welt ist komplex. Dies gilt besonders für die Sphäre der Abstraktion, die Politik. Da sie aufs Allgemeine zielt, fehlt ihr das Anschauliche, Bildhafte.

Selbst bei maximaler kognitiver Anstrengung gelingt es uns nur unzulänglich, die politische Welt zu durchschauen. Die Vielzahl der Variablen ist einfach zu groß und oft wissen wir noch nicht einmal, welche Einflussgrößen in einem bestimmten Fall tatsächlich relevant sind.

Den Menschen zeichnen zwei Charakteristika aus, die sich vermutlich in der Evolution herausgebildet haben.

  1. Wir suchen nach Erklärungen. Wir brauchen sie wie das tägliche Brot. Ohne Erklärungen fühlen wir uns unwohl.
  2. Wir sind geistige Faulpelze. Wir scheuen die rationale Auseinandersetzung und bevorzugen das Intuitive und Spontane. Bevor wir uns der Anstrengung des Nachdenkens unterziehen, handeln wir doch lieber aus dem Bauch heraus.

Dies bringt evolutionäre Vorteile. Erklärungen sorgen selbst dann für Ordnung unseres Verhaltens, wenn sie falsch sind. Und die intuitiven und spontanen Reaktionen reichen meistens aus, um das Dasein zu bewältigen.

Jedoch nicht immer. Irrationalität kann fatal sein.

Da die Welt komplex und die Menschen geistig träge sind, konnte sich ein Gewerbe entfalten und florieren, nämlich das der Politiker. Ihre Aufgabe ist es u. a., politische Realität zu vereinfachen.

Betrachtet man Angela Merkel nicht als Persönlichkeit, sondern nimmt ihre psychopolitische Funktion ins Visier, so könnte man sie als die Verkörperung eines Mechanismus zur Reduktion politischer Komplexität bezeichnen und den Namen „Merkel“ als Kürzel dafür verwenden. Daraus ließe sich dann auch das Tätigkeitswort „merkeln“ ableiten.

Uns allen ist noch ihr Slogan „Wir schaffen das!“ in Erinnerung! Gut gemerkelt, kann man da nur sagen. Man bedenke: Angesichts eines chaotischen Prozesses, der Migration Tausender und Abertausender in kurzer Zeit sagt sie diese drei magischen Worte: „Wir schaffen das!“

Das war der Code, der die Denkweise ihre Anhänger fortan übercodierte, Komplexität reduzierte. Ein vielschichtiger Prozess mit politischen, wirtschaftlichen, soziologischen, psychologischen, juristischen und staatstheoretischen Implikationen wurde auf moralischen Konflikt heruntergebrochen. Wenn wir nur wollen, dann schaffen wir das auch, und wer daran nicht glaubt, der will nicht, der ist ein böser Mensch.

Selbst jetzt, zwei Jahre später, selbst jetzt also, da sie zeigt, dass alles so einfach nun auch wieder nicht ist, wirkt die Magie der drei Worte nach. Immer noch ist es schwierig, rational über diese Frage zu debattieren. Wer einen sachlichen, moralfreien Ton anschlägt, setzt sich dem Verdacht aus, ein Rassist zu sein.

Die Migration ist ein abstraktes Problem. Es geht gar nicht um die traurigen Kulleraugen eines Kleinkinds auf den Armen seiner schönen Mutter, deren schwarzes Haar unter ihrem schmucken Kopftuch hervorquillt. Emotionen und Personen spielen keine Rolle. Hier geht es vielmehr in erster Linie um Mathematik. Doch dies will dem geistigen Faulpelz nicht in den Kopf. Merkel macht Selfies mit Flüchtlingen. Sie lächeln leutselig. Das ist der Mechanismus zur Reduktion politischer Komplexität durch Personalisierung und Emotionalisierung.

Auf dem Essener Parteitag sagt sie mit Blick auf das geforderte Burka-Verbot: „Bei uns heißt es: Gesicht zeigen, deswegen ist die Vollverschleierung nicht angebracht, sie sollte verboten sein.“ Denn: „Unser Recht hat Vorrang vor Ehrenkodex, Stammesregeln und der Scharia.“

Symbolpolitik ist ein wesentliches Moment des Merkelns. Der Schleier symbolisiert den Islam und reduziert das Problem mit ihm auf eine Bekleidungsfrage. Sie zu lösen, heißt, unserem Recht Vorrang zu verschaffen vor: Ehrenkodex, Stammesregeln und Scharia. Mit anderen Worten: Wenn es uns nur gelingt, Oberflächen-Phänomene zu korrigieren, dann steht einem gedeihlichen Zusammenleben mit den Muslimen nichts mehr im Wege und das christliche Abendland ist gerettet.

Doch der Islam ist keine Zwiebel. Man kann die oberste, unansehnliche Haut nicht einfach wegschneiden und dann den guten Kern genießen. Die Scharia z. B. ist kein Gesetzbuch, dass man außer Kraft setzen könnte, ohne diese Religion insgesamt zu beschädigen. Sie ist vielmehr eine Projektion des Korans, der Sira und der Hadithen auf die alltägliche Lebenspraxis muslimischer Gemeinschaften und Staaten. Wer die Scharia ausmerzt, hat nicht einen anderen, einen besseren Islam, sondern der hat die Islam abgeschafft. Doch dies nur am Rande.

Angela Merkel wird nicht müde zu betonen, dass Angst kein guter Ratgeber für politisches Handeln sei. Sie hofft wohl, dass der denkfaule Bürger vorm Fernsehgerät dies plausibel findet. Sie weiß: Viele trauen dem Augenschein. Den Mutigen gehört die Welt. Da fallen einem doch gleich jede Menge Leute ein, die es durch Mut und Unerschrockenheit zu etwas gebracht haben.

Doch schaut man genauer hin, ergibt sich ein anderes Bild. Angst ist so alt wie die Menschheit, sogar im Tierreich kommt sie vor. Sie muss also eine evolutionäre Funktion besitzen. Wir müssen hier nicht diskutieren, welche dies sein könnte. Um dies herauszufinden, muss man kein Fachmann sein. Es genügt, nur einmal tief durchzuatmen und seinen Verstand einzuschalten.

Zum Merkeln zählt nicht, Rationalität zu verunglimpfen oder kritisches Nachdenken zu verteufeln. Die Kunst besteht vielmehr darin, die Lust zur geistigen Aktivität gar nicht erst anzustacheln und stattdessen den Faulpelz zu streicheln. Die brave Bürger soll weiter wohlig schlummern, es wird für ihn gesorgt, vor Gefahren wird er beschützt.

Wenn der Mechanismus zur Reduktion politischer Komplexität greift, so erzeugt er das Gegenteil des Idealbilds repräsentativer Demokratien, des mündigen Bürgers.

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