Marketing

Das politische System hat kein besonders ausgeprägtes Interesse an Alternativen zur medikamentösen Behandlung von Störern, auch wenn vereinzelt Einrichtungen dieser Art geduldet, mitunter sogar gefördert werden. Die vermeintliche Knopfdrucklösung durch Griff zu Psychopharmaka ist einfach zu verlockend; sie verspricht das günstigste Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Dies behauptet jedenfalls die Marketing-Maschine des psychiatrisch-psychopharmakologischen Komplexes. Doch wie glaubwürdig ist diese Marketing-Maschine?

Es kann wohl kein Zweifel mehr daran bestehen, dass einflussreiche Kreise innerhalb der Pharmaindustrie die Psychopharmaka-Forschung in erheblichem Ausmaß verzerrend und zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Inzwischen haben sich die großen Pharma-Unternehmen allerdings weitgehend aus der Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Es heißt, das Gebiet sei ihnen zu riskant und andere Bereiche seien Gewinn versprechender.

Der entscheidende Grund wurde von Fibiger benannt.1 Er dürfte letztlich darin bestehen, dass die psychiatrische Forschung den Pharma-Unternehmen keine Zielgebiete im Hirn zu nennen vermag, für die man Medikamente mit neuen Wirkmechanismen, also patentfähige und damit profitable Substanzen entwickeln könnte. Fibiger, Ex-NIMH-Direktor Thomas Insel und andere Experten meinen, dies liege insbesondere daran, dass die psychiatrische Forschung immer noch mit den Diagnosemanualen DSM bzw. ICD arbeite, deren „Krankheitsbilder“ nicht im geringsten mit dem übereinstimmten, was wir heute über die Arbeitsweise des Gehirns wissen.

Seit ein paar Jahren wird auch in den Kreisen der psychiatrischen Wissenschaft Kritik an Psychopharmaka und am biologischen Modell „psychischer Krankheiten“ laut; und böse Zungen behaupten, dies sei die Rache dafür, dass aus Pharma-Kreisen nicht mehr so viel Geld an die Universitäten und in die Taschen der einschlägig tätigen Wissenschaftler fließt. Wenn erst einmal der Patentschutz für die heute noch geschützten, gängigen Psychopharmaka abgelaufen sein wird, dann mag sich dieses Phänomen noch verstärken.

Heute wird die These, dass Psychopharmaka gestörte Hirnprozesse korrigierten (chemische Ungleichgewichte usw.), von der Zunft zwar immer noch mehrheitlich vertreten, aber wie lange noch? Dass es sich dabei um Schwindel und Betrug handelt, hat beispielsweise Joanna Moncrieff in ihrem Buch „The Myth of the Chemical Cure: A Critique of Psychiatric Drug Treatment“ (2007) gezeigt. Wird man diese offensichtlich abwegige Fiktion auch dann noch vertreten, wenn ärztlicherseits von der Pharmaindustrie nur noch, wenn überhaupt, sehr wenig zu holen sein wird?

Dass die Pharmaindustrie die pharmakologische Forschung und die Verbreitung ihrer „Erkenntnisse“ zu ihren Gunsten massiv beeinflusst hat, darf als gesichert gelten. Akribisch recherchierte Bücher wie Ben Goldacres „Bad Pharma“ belegen dies. Wer’s eilig hat, kann sich den Übersichtsartikel von Stamatakis, Weiler & Ioannidis (2013) anschauen. Die Autoren gelangen zu dem Fazit:

Wir verorteten eine Fülle konsistenter Evidenz, die demonstrierte, dass die Industrie Mittel erschuf, um alle Prozesse zu beeinflussen, die die Forschung, Strategie, Ausgaben, Praxis und Ausbildung im Gesundheitswesen bestimmen. Als Resultat dieser Einflüsse werden die Vorteile von Medikamenten und anderen Produkten häufig übertrieben, ihre möglichen Schadwirkungen heruntergespielt; und klinische Richtlinien, medizinische Praxis und Entscheidungen für Ausgaben im Gesundheitswesen sind voreingenommen (Stamatakis et al. 2013).“

Dieser Befund gilt insbesondere für die psychiatrisch-psychopharmakologische Forschung. Denn in diesem Bereich gibt es keine objektiven Maßstäbe für „Krankheiten“ und deren Ausprägungen. Dem Erfindungsgeist sind hier also kaum Grenzen gesetzt. Wer sich beispielsweise über die explosionsartige Entwicklung von Verschreibungen für Kinder mit Schulproblemen wundert, sollte sich oben skizzierten Sachverhalt noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen.

Skepsis gegenüber den Medikamenten, die uns der Arzt verschreibt, ist also leider durchaus angebracht. Dummerweise kann der Laie kaum die Frage beantworten, ob die Medikamente tatsächlich so sicher und nützlich sind, wie man dies eigentlich erwarten sollte. Und leider ist auch der Mediziner vielfach mit dieser Frage überfordert. Wie also soll man sich verhalten? Es ist sicher unklug, Medikamente einzunehmen, die gar nicht erforderlich sind. Wenn es nicht-medikamentöse Alternativen gibt, ist man fraglos gut beraten, die Pillen im Röhrchen zu lassen.

Wer nun meint, dies könne nur der Arzt entscheiden, muss wissen, dass der lange Arm von „Big Pharma“ auch bis ins Arztzimmer reicht. Gewisse Kreise innerhalb der Pharma-Industrie haben sehr effektiv die Axt an das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gelegt; dies ist wohl das Schlimmste, was überhaupt geschehen konnte. Wer im Internet oder in der Buchhandlung nach Aufklärung über Krankheiten sucht, musst damit rechnen, dass die Pharma-Industrie bei diesen „Informationen“ ihre Hand im Spiel hatte. Autoren, die nicht an hervorgehobener Stelle zu erkennen geben, dass sie keine Interessenkonflikte haben oder die diese, wenn doch, nicht offenbaren, machen sich bereits verdächtiger, als dies in einem Bereich mit erheblichen Konsequenzen für Leben und Gesundheit hingenommen werden kann.

Es geht hier um ein Milliarden-Business. Dass „Big Pharma“ an den „Stellschrauben“ dieses Geschäfts dreht, sollte nicht überraschen. Nirgendwo sonst ist die Effektivität und Sicherheit von Medikamenten so umstritten wie in der Psychiatrie. Dies ist nicht verwunderlich. Da psychiatrische Diagnosen nicht valide sind, ist es schwierig, Wirkungen und Nebenwirkungen entsprechender „Heilmittel“ zu beurteilen – und dies wäre auch dann schwierig, wenn „Big Pharma“ die Resultate nicht verfälschen würde. Wie soll man denn ein Medikament testen, wenn man noch nicht einmal so genau sagen kann, ob ein Patient in der Versuchsgruppe die „Krankheit“ überhaupt hat bzw. ob ein Patient in der Kontrollgruppe sie nicht hat?

Es gibt bekanntlich keine objektiven Tests, um das Vorliegen einer „psychischen Krankheit“ sicher festzustellen. Man kann nicht die Zahl der Krebskranken oder der Patienten mit Fußpilz beliebig vermehren. Im psychiatrischen Bereich ist dies jedoch durchaus möglich. Man muss nur die Zahl der „Krankheitsbilder“ vergrößern und / oder vorhandene Diagnosen weniger streng gestalten bzw. auslegen. Dass den Herstellern der einschlägigen Produkte diese Möglichkeit nicht verborgen geblieben ist, dürfte auf der Hand liegen.

Jeder Mensch, der als „psychisch krank“ diagnostiziert wird, ist ein potenzieller Kunde für die Pharma-Industrie. Selbst wenn er die Medikamente gar nicht schluckt, sondern nur im Nachtkästchen hortet, klingeln die Kassen. Ob er als „psychisch krank“ diagnostiziert wird, hängt nicht von objektiven Tests ab, sondern von der Meinung des Arztes. Die Kriterien, die sich im diagnostischen Handbuch finden, sind ziemlich vage, was man daran erkennen kann, dass die diagnostischen Verfahren nicht nur nicht valide, sondern auch nicht besonders reliabel sind. Auf Deutsch: Zwei Ärzte sind sich hinsichtlich eines Patienten oftmals nicht einig. Es bleibt also genügend Spielraum fürs Diagnostizieren nach Gusto.

Ich bin weit davon entfernt, die Pharmaindustrie zu tadeln. Vielmehr wüsste ich gar nicht, wie sie sich unter den gegebenen Bedingungen in unserem Wirtschaftssystem anders verhalten sollte als wie beschrieben. Entweder man macht das Geschäft oder man ist eher früher, als später draußen. Ich bin ebenso weit davon entfernt, die Patienten zu tadeln. Da der Informationsmarkt massiv durch Einflüsse aus der Pharmaindustrie verzerrt wurde, wird ihnen kaum eine Chance geboten, sich mit alternativen Sichtweisen auseinanderzusetzen.

Unsere Parlamentarier allerdings, die bekanntlich nur ihrem Gewissen verantwortlich sind, sollten sich überlegen, ob die Brieftasche wirklich ein guter Standort für das Gewissen ist. Meine Hoffnung ruht auf dem Selbstregulierungsmechanismus der Marktwirtschaft. Die Pharma-Industrie hat sich weitgehend aus der Psychopharmakaforschung zurückgezogen, weil es ihr seit Jahren nur noch selten gelingt, neue Psychopharmaka mit innovativem Wirkmechanismus patentieren zu lassen. Daher hat man sich profitableren Arbeitsgebieten zugewandt. Zur Zeit läuft das Geschäft noch hervorragend aufgrund bestehender Patente. Doch wenn diese erst einmal abgelaufen sind, dann dürfte auch das Interesse schwinden, den Markt entsprechend zu beeinflussen.

Schon jetzt steigt – vor allem in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten – die Zahl kritischer Psychiater beständig. Da also in absehbarer Zeit der Psychopharmakamarkt von Generika beherrscht wird und da ein Patent ein produktspezifisches Monopol darstellt, wird sich dieser Markt in Zukunft als weniger attraktiv für die Pharmawirtschaft darstellen, denn die Extraprofite, die aus der Monopolstellung erfließen, sind dann nicht mehr möglich. Es bleibt abzuwarten, wie sich dies auf die Beliebtheit der Psychopharmaka auswirken wird. Wenn erst einmal überwiegend Generika angeboten werden, wird der Konkurrenzkampf zwischen den Generika-Produzenten natürlich zunehmen. Ob die zu erwartenden Preiskämpfe mit Konsumsteigerungen verbunden sein werden, bleibt abzuwarten.

Der Sektor ist mit anderen Bereichen des Pharmamarkts schwer zu vergleichen, denn, anders als anderswo, bestimmt nicht die Natur, sondern der Arzt, ob jemand eine „psychische Krankheit“ hat oder nicht. Wie werden sich Ärzte verhalten, wenn sie nicht mehr so intensiv von Pharma-Referenten „betreut“ werden, weil die Generika-Industrie aufgrund des geringeren Preises der Generika hierfür weniger Geld ausgibt?

Der Rückzug der Unternehmen aus der Pharmaforschung zeigt, dass sich diese Produzenten in absehbarer Zeit keine Erfolge in der psychiatrischen Forschung erhoffen, die es gestatten würden, neue, patentfähige Medikamente zu kreieren. Man mag dies als nüchternes Fazit von Leuten deuten, die sich wieder daran erinnert haben, dass sie doch eigentlich wissen sollten, wie Geld verdient wird. Offenbar hat man nun auch hinsichtlich der Psychopharmakaforschung erkannt, dass man kein gutes Geld schlechtem hinterherwerfen darf.

Korrupte Ärzte im Griff der Pharmaindustrie – dieses Schwarz-Weiß-Schema ist sicher allzu stark vereinfacht. Selbstredend hat die Psychiatrie auch ihre Schwarzwaldkliniken, mit guten Ärzten, deren kleine menschliche Schwächen sie nicht daran hindern, schlussendlich alles wieder ins Lot zu bringen. Darum halten ja auch die meisten Menschen die Psychiatrie, trotz mancher Missstände, für eine notwendige Institution.

Trotz der berechtigten Relativierung einer allzu holzschnittartigen Skizze der Beziehungen zwischen Psychiatrie und Pharmaindustrie, sollte man sich allerdings stets auch vor Augen halten, was es für die Betroffenen bedeutet, mit psychiatrischen und dies heißt überwiegend mit psychopharmakologischen Mitteln wieder ins Lot gebracht worden zu sein. Der Preis für die häufig fragwürdigen Wirkungen der Psychopharmaka ist die Übernahme der Rolle des „psychisch Kranken“. Dies heißt: teilzuhaben an einer Veranstaltung, in der Lebensprobleme als „Krankheiten“ inszeniert werden.

Literatur

Moncrieff, J. (2007). The Myth of the Chemical Cure. London: Palgrave Macmillan

Stamatakis, E. et al. (2013). Undue industry influences that distort healthcare research, strategy, expenditure and practice: a review. Eur J Clin Invest. 2013 May;43(5):469-75. doi: 10.1111/eci.12074. Epub 2013 Mar 25

***

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.