Manöver unterm Atompilz

Ein gigantischer Menschenversuch

Zwischen 1945 und 1962 verwirklichten die USA 235 atmosphärische Nukleartests im eigenen Land, im Atlantik und im Pazifik. 1963 verpflichteten sich die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und Großbritannien, in Zukunft auf atmosphärische Atomtests zu verzichten.1

Insgesamt nahmen ca. 220.000 militärische und zivile Angehörige der Streitkräfte bzw. des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten an den Atomtests teil (Ponton et al., 1982c, 12). Bei diesen Tests wurden jedoch nicht nur die Waffen überprüft, sondern auch Soldaten und militärisches Hilfspersonal evaluiert. Die militärische und die politische Führung fragte sich, ob die Soldaten den physischen und vor allem den psychischen Anforderungen überhaupt gewachsen seien, die sich mit dem Einsatz von Nuklearwaffen verbanden. US-Soldaten reinigten verstrahlte Schiffe; duckten sich in Schützenlöcher, während die Testwaffen detonierten; Piloten flogen durch nuklear verseuchte Wolken; Rekruten marschierten nach einem Atombombenabwurf durch radioaktives Gelände in der Nähe des Ground Zero; Fallschirmspringer landeten neben Kratern, die Atombomben kurz zuvor in den Wüstenboden Nevadas gegraben hatten.

Crossroads

Im Sommer 1946 realisierten die Amerikaner zwei Nukleartests in der Nähe des Bikini-Atolls im Pazifischen Ozean. Die beiden Tests mit den Namen „Able“ und „Baker“ wurden unter der Bezeichnung „Operation Crossroads“ zusammengefasst. Es handelte sich dabei – nach Trinity sowie den Bomben von Hiroshima und Nagasaki – um die vierte und fünfte Zündung von Atombomben in der Geschichte der Menschheit.

42000 Soldaten und Zivilpersonen, rund 200 Schiffe und 150 Flugzeuge nahmen an der „Operation Crossroads“ teil, die geschätzte 1,3 Milliarden Dollar verschlang (Schwartz, 1998, 101). Über 90 ausgemusterte Schiffe dienten als Ziele für die atomaren Detonationen (Berkhouse et al., 1984, 1).

Um die Ereignisse gebührend zu würdigen, erhielt ein offizieller Schlachtenmaler, Gunnery Sergeant Grant Powers den Befehl, das Spektakel mit Pinsel und Farbe festzuhalten.2

Am ersten Juli 1946 zündeten die Amerikaner eine Bombe namens „Gilda“ (Test „Able“) in der Atmosphäre und am 25. Juli 1946 explodierte „Helen of Bikini“ (Test „Baker“) unter Wasser.

Militärische und zivile Spezialisten setzten sich unter wissenschaftlichen, technischen und militärischen Gesichtspunkten mit Ablauf und Wirkung der Detonationen auseinander (Wassermann & Solomon, 1982, 32 f.). Einer dieser Spezialisten war der Mediziner Oberst James P. Cooney. Er beobachtete bei den teilnehmenden Militärangehörigen, die nicht mit den technischen Details einer Atombombe vertraut waren, Reaktionen intensiver Furcht gegenüber Kräften, die nicht gesehen, gespürt oder wie auch immer wahrgenommen werden können. Die Angst-Reaktionen der Soldaten seien erschreckend gewesen. Auch die uneingeweihten Zivilisten hätten ihre Furcht nicht verleugnen können. Diese Reaktionen seien so intensiv, dass in einem Nuklearkrieg mit erheblichen emotional bedingten Verhaltensstörungen der Soldaten gerechnet werden müsse (Cooney, 1949, 969).

Cooney war kein Greenhorn; er hatte zwei Jahrzehnte als Militärarzt im aktiven Dienst auf dem Rücken und er kannte sich mit den Gräueln des Kriegs sowie den Reaktionen der Männer darauf aus (Hacker, 1994, 19). Man darf annehmen, dass sein Urteil über die psychologischen Auswirkungen von Atombombenexplosionen Hand und Fuß hatte.

Die Aussagen Cooneys stehen in krassem Widerspruch zur Botschaft eines Dokumentarfilms über die Operation Crossroads, der im Auftrag der US Navy produziert wurde. In diesem Film wird ein geordneter Ablauf geschildert, in dem nur sachliche Erwägungen, keineswegs aber irgend welchen auffälligen Emotionen eine Rolle spielten.3

Nach den Abwürfen auf japanische Großstädte waren viele Militärpolitiker angesichts der atemberaubenden Effektivität der Nuklearwaffen davon überzeugt, dass die Atombombe nicht nur die Waffe der Zukunft sei, sondern dass sie auch das Gewicht der verschiedenen Waffengattungen erheblich verändern müsse. Manche meinten, dass die einst so stolze Navy mit ihren Schlachtschiffen und Flugzeugträgern zur Bedeutungslosigkeit herabsinken müsse, weil eine ganze Flotte mit ein paar Atombomben binnen kürzester Zeit versenkt werden könne. Die Zukunft gehöre also der Air Force; diese sei das Trägersystem, für das die Atombombe geschaffen worden sei.

Die Navy teilte diese Auffassung verständlicherweise nicht und mit der „Operation Crossroads“ wollte sie beweisen, dass eine Armada einem Atombombenangriff weitgehend unbeschadet überstehen könne, weil Schiffe schließlich, anders als feste Gebäude aus Glas und Stein, einer Druckwelle nachgeben und in der See rollen könnten.

Die Rolle der Radioaktivität war durchaus bekannt, aber wie groß deren Bedeutung tatsächlich war, mochte man sich noch nicht eingestehen, auch außerhalb der Seestreitkräfte nicht.

Kurz: Die Navy kämpfte auf dem Feld der Öffentlichkeitsarbeit ums Überleben und die „Operation Crossroads“ war eine kostspielige militärische PR-Kampagne (Moore, 1994, 26).

Während die unbemannte Testflotte den atmosphärischen Versuch „Able“ weitgehend unbeschadet überstand, führte der Unterwasser-Test „Baker“ zu heillosen Verwüstungen, ein großer Teil der Schiffe sank. Die radioaktive Verseuchung war verheerend und Versuche, die übrig gebliebenen Schiffe zu dekontaminieren, musste nach anfänglichen Versuchen schließlich weitgehend aufgegeben werden, da dabei die Reinigungsmannschaften einer zu großen Strahlenbelastung ausgesetzt gewesen wären.

Die Mannschaften trugen keine Schutzkleidung und sie waren auch nicht über die Gefahren der Radioaktivität aufgeklärt worden (Weisgall, 1994). Die Navy-Führung hatte nicht mit diesem Ausmaß der Verstrahlung gerechnet, das den angeblichen Hauptzweck der Übung, nämlich die Untersuchung der Auswirkungen atomarer Explosionen auf Kampfschiffe, natürlich vereitelte.

Der dritte, ursprünglich geplante Test „Charlie“ der „Operation Crossroads“ wurde abgesagt.

Die Lektion war einfach, aber für Militärs schwer zu begreifen. Doch sie musste schnell begriffen werden: Die größte Gefahr bei einer Atombombenexplosion waren nicht die Druckwelle und die Hitze, sondern eine unsichtbare, Furcht erregende Gewalt: Strahlung.

Die Naivität der Männer, die bei der Inspektion verseuchter Schiffe und bei den Reinigungsversuchen einer extrem hohen Strahlung ausgesetzt wurden, war laut Bericht eines Augenzeugen atemberaubend. Der Veteran Boley Caldwell, Mitglied eines Messtrupps, berichtete viele Jahre später einem Reporter, dass die Männer nichts begriffen, was sie nicht sehen, hören oder schmecken konnten. Die Radioaktivität brachte sie nicht sofort um, also machten sie sich deswegen keine Gedanken. Sie vertrauen überdies ihren Vorgesetzten, genossen die Sonne, den blauen Himmel und die Zauberwelt des malerischen Südsee-Atolls Bikini (Minutaglio, 1994, 38).

Diese Gelassenheit der jungen Soldaten scheint den panischen Reaktionen zu widersprechen, die Cooney während der Explosionen bei den Augen- und Ohrenzeugen beobachtete. Es gibt offenbar situative und personale Variablen, die menschliche Reaktionen auf atomare Bedrohungen modifizieren. Eine andere Erklärung besteht darin, dass manche Menschen dazu neigten, die „nukleare Panik“ entweder zu verharmlosen oder zu dramatisieren. Möglicherweise aber hatten sich auch die Ereignisse in der Erinnerung Boley Caldwells ein wenig verklärt.

Zwei der hoch kontaminierten Schiffe, die „Independence“ und die „Salt Lake City“, wurden nach San Francisco geschleppt und dienten dort kurzzeitig als Laboratorien für radiologisches Training. Die Auszubildenden trugen zwar Schutzkleidung, mussten hinterher aber dekontaminiert werden. Da die Strahlung der Schiffe unverändert hoch blieb, wurden sie schließlich aus der San Francisco Bay geschleppt und versenkt (Marlow, 1983, 29).

Nach offiziellen Verlautbarungen gab es keine Strahlungsopfer unter den Seeleuten der Begleitflotte. Doch einige Soldaten behaupteten, sie seien beeinträchtigt worden und allmählich verbreiteten sich Gerüchte in der Truppe. Einige der Seeleute erkrankten ernsthaft und der Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit in extrem verstrahlten Bereichen war eindeutig. Doch derartige Zwischenfälle wurden von der militärischen Führung vertuscht. Den Medien wurde vorgegaukelt, dass es keine gesundheitsgefährdende radioaktive Belastung der Truppe gegeben habe.

Diese Strategie verfehlte ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit zunächst nicht. Die Nachricht, dass rund 42.000 Mann zwei Nukleardetonationen beobachtet und scheinbar unbeschadet überlebt hatten, trug zur Beruhigung des amerikanischen Volkes bei (Caufield, 1989, 99).

Allerdings war diese Wirkung nur vorübergehend; die Furcht vor atomarer Strahlung und Vernichtung war in den folgenden Jahren des Kalten Kriegs ein Charakteristikum der Seelenverfassung vieler Menschen in allen Teilen der Welt.

Das Bikini-Atoll ist auch heute noch ein Juwel in der Südsee, ein tropisches Paradies. Palmen säumen eine blau-grüne Lagune, über die ein sanftes Lüftchen streift. In dieser Lagune liegen nach wie vor die während der Operation Crossroads versenkten Schiffe, die bei Wracktauchern sehr beliebt sind. 1977 erklärte die Internationale Atomenergie-Behörde, dass es sicher sei, sich auf den Inseln zu bewegen, obwohl die Radioaktivität dort höher ist als auf den anderen Marshall-Inseln, zu denen das Bikini-Atoll zählt.4

Operation Sandstone

Während Hunderte von Journalisten an der „Operation Crossroads“ teilnahmen, was bei Atomwaffenkritikern der Verdacht erregte, es handele sich um eine reine Propagandaaktion, fand die nächste Atomtestserie 1948 auf dem Atoll Enewetak – „Operation Sandstone“ – weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Hier ging es nicht mehr um eine Überprüfung der Effekte von Atomwaffen, sondern um Neuentwicklungen. Die bei den Bikini-Tests eingesetzten Bomben waren demgegenüber auf dem technischen Stand des Sprengkörpers, der Nagasaki auslöschte. Die Geheimhaltung von Details der drei Atombombentests der Sandstone-Serie verfolgte zwei Ziele:

  1. Da sich der Kalte Krieg inzwischen besorgniserregend verschärft hatte, sollte natürlich verhindert werden, dass die Sowjetunion wesentliche Details zur Waffentechnik und -wirkung erfuhr.
  2. Die amerikanische Bevölkerung sollte nicht durch Informationen über die gewaltige Zerstörungskraft der Bomben, die alles Bisherige weit in den Schatten stellte, beunruhigt werden. In den Zeitschriften traten an die Stelle von Bildern Furcht einflößender Atompilze Fotos der Freizeitvergnügungen von Soldaten an malerischen Stränden reizvoller Südseeinseln.

Die neue gegründete „Atomic Energy Commission“, die für die „Operation Sandstone“ verantwortlich war, zensierte daher massiv alle Berichte über diese Testserie (Hunner, 2004, 139). Die Schiffe, mit denen das Personal der Tests in die Südsee gebracht wurde, waren mit Plakaten gepflastert, auf denen die Soldaten zur Verschwiegenheit aufgefordert wurden: „Don’t be a sucker. Keep your mouth shut“, lautete die Aufschrift der Poster, die einen Fisch mit einem offenen Maul zeigten (Titus, 1986, 45).

Operation Ranger

„Operation Ranger“ war die erste Testserie, die auf der „Nevada Test Site“ durchgeführt wurde.5 Für die Wahl eines Geländes in den Vereinigten Staaten waren zwei Gründe maßgebend. Erstens fürchteten die Amerikaner, dass Tests in der Südsee nach Ausbruch des Koreakriegs nicht mehr möglich oder schwierig sein könnten und zweitens spielten auch die hohen Transportkosten bei Atomtests außerhalb der USA eine Rolle.

Unmittelbar nach der Explosion der ersten Testbombe flogen zwei Flugzeuge für physikalische Messungen in den Atompilz. Einige Männer der Besatzung waren zwar wegen der Radioaktivität beunruhigt, aber ihre Vorgesetzten hatten ihnen mitgeteilt, dass sie keine gesundheitlichen Risiken eingingen, da sie sich nur kurz in der Wolke aufhalten würden. Ursprünglich sollte eine unbemannte Drohne eingesetzt werden; dies war jedoch aufgrund technischer Probleme nicht möglich.

Die Besatzung trug beim Eintritt in die nukleare Wolke Sauerstoffmasken und sie wurde aufgefordert, während ihres Aufenthalts im Flugzeug nicht zu essen, zu trinken oder zu rauchen. Eine Stunde nach der Explosion betrat ein Messtrupp das Zielgebiet (Miller, 1991, 89).

Die Atomblitze dieser Testserie waren in Hunderten von Kilometern Entfernung zu sehen, im nahen Las Vegas gingen Fensterscheiben zu Bruch. Beim besonders starken letzten „Schuss“ der Testserie, „Fox“, wurden die Bewohner sogar ausdrücklich davor gewarnt, sich während der Explosion in der Nähe von Schaufensterscheiben aufzuhalten. Dennoch waren besonders günstig gelegene Aussichtspunkte im Umfeld des Testgeländes von Schaulustigen übersät. Es herrschte Volksfeststimmung (Miller, 1991, 103).

Zum ersten Mal erfuhren die Amerikaner nicht nur aus Wochenschauen von den Auswirkungen einer Atombombenexplosion, sie erlebten diese hautnah im eigenen Land. Und dieses Land führte soeben Krieg – in Korea gegen die Kommunisten. In dieser Zeit wurde der Atomwaffeneinsatz in Korea von Militärs und Politikern ernsthaft erwogen (Miller, 1991, 100 f.).

Damals setzten US-Militärs und Rüstungspolitiker erstmals auch die Entwicklung taktischer Nuklearwaffen auf die Tagesordnung. Die Verantwortlichen wollten kleine Atomwaffen, die von der Artillerie oder gar von Panzerfäusten abgeschossen oder als „Landminen“ verwendet werden konnten. Die Armee interessierte sich insbesondere für Mini-Nukes, weil die großen A-Bomben damals nur mit Flugzeugen eingesetzt werden konnten. Der Traum war eine atomare Kleinbombe, deren geringes Gewicht es sogar einem, kräftigen und todesmutigen GI erlaubt hätte, sie im Rucksack ins Ziel zu befördern (Miller, 1991, 102).

Die Eignung von Atombomben für den taktischen Einsatz war dementsprechend auch ein Testziel der Ranger-Serie. Aus diesem Grunde mussten sich Soldaten in einigen hundert Metern Entfernung vom „Ground Zero“ in Schützenlöcher eingraben und so der Explosion beiwohnen (Newtan, 2007, 78).

Operation Greenhouse

„Operation Greenhouse“ war eine ebenfalls 1951 realisierte Serie von Nuklearwaffentests, die allerdings nicht in Nevada, sondern wieder in der Südsee stattfand, auf dem Atoll Enewetak, das schon Schauplatz der „Operation Sandstone“ war. Während dieser Operation wurde zum ersten Mal ein neues Prinzip der Kernexplosion getestet, das zur Entwicklung der Wasserstoffbombe führen sollte. Eines der berühmtesten Bilder der bisherigen Atombombengeschichte zeigt Männer in Strandkleidung auf dem Inselchen Parry, die mit großen Schutzbrillen wie in einem Kino auf Strandstühlen sitzen und die eine Atombombenexplosion beobachten.

Die Naivität, die sich in diesem Bild ausdrückt, ist atemberaubend; doch die Männer blieben nicht lange naiv. Zehn Minuten nach der Explosion zeigten Messungen, dass ihre Haare erheblich verstrahlt waren; sie duschten vier-, fünfmal, um die Kontamination zu reduzieren. Da sie keine Film-Dosimeter trugen, erfuhren sie niemals, wie viel Strahlung sie insgesamt abbekommen hatten (Masco, 2006, 60 f.).

Operation Buster-Jangle

Operation Buster-Jangle war die zweite Serie atmosphärischer Nukleartests auf dem Testgelände in der Wüste von Nevada. Während dieser Testserie im Oktober und November 1951 fanden zum ersten Mal Truppenübungen „unter dem Atompilz“ statt. Diese Übungen wurden unter dem Begriff „Exercises Desert Rock“ zusammengefasst.

Die Aufgabe dieser Manöver bestand im Wesentlichen darin, Soldaten auf ihre Verwendung auf taktisch nuklearen Schlachtfeldern vorzubereiten. Während der Testserie „Buster-Jangle“ wurden die Manöver 1 bis 3 durchgeführt, insgesamt wurden 8 Manöver unter dieser Bezeichnung verwirklicht. Die Soldaten sollten lernen, einen taktischen Atomkrieg zu führen und dabei ihre Furcht vor den Wirkungen der Nuklearwaffen unter Kontrolle zu halten.

An den drei Übungen, die während der „Operation Buster-Jangle“ durchgeführt wurden, nahmen insgesamt ungefähr 6500 Soldaten teil. Weitere 2500 Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten übernahmen logistische Aufgaben oder verwirklichten wissenschaftliche Untersuchungen.

Die Testserie bestand aus sieben „Schüssen“ (shots), die Übungen fanden während der Abwürfe „Dog“, „Sugar“ und „Uncle“ statt. Zu den Übungen zählten Beobachterprogramme, taktische Manöver und die Untersuchung der Schadwirkungen. Die taktischen Manöver mit 883 Soldaten erfolgten nach dem „Shot Dog“ (Ponton et al., 1982, 1).

Die Ziele der „Exercises Desert Rock“ während der „Operation Buster-Jangle“ lauteten:

  • Evaluation des militärischen Gebrauchs atomarer Waffen
  • Training des militärischen Personals für den taktischen Einsatz nuklearer Sprengköpfe
  • Untersuchung der psychologischen Reaktionen des militärischen Personals auf die Explosion von Atombomben
  • Erforschung der Auswirkungen atomarer Explosionen auf Tiere und militärische Ausrüstung
  • Analyse des Effekts nuklearer Waffen auf Feldbefestigungen und Verteidigungsstrukturen
  • Festlegung der notwendigen Maßnahmen zur Strahlungssicherheit und entsprechende Instruktion der Mannschaften (Ponton et al., 1982a, 46 f.).

Die Teilnehmer des Beobachtungsprogramms wurden zunächst über die Funktionsweise, die Wirkungen einer Atombombe und das Verhalten während einer Explosion aufgeklärt. Kurz vor dem „Shot“ mussten sie sich mit dem Rücken in Richtung Ground Zero hinhocken. Sie waren dabei etwa neun Kilometer von Ground Zero entfernt. Nach dem ersten Blitz durften sie sich umdrehen und den Atompilz betrachten. Beim „Shot Dog“ wurden sie noch am selben Tag zum Grund Zero gefahren, um die militärische Ausrüstung zu inspizieren, die dort zu Testzwecken aufgebaut worden war. Bei den anderen Übungen erfolgte diese Inspektion ein bzw. zwei Tage nach der Explosion (Ponton, 1982a, 50 f.).

Das Szenario des taktischen Manövers lässt sich wie folgt skizzieren:

“Ein militärisch überlegener Aggressor ist in den Westen der USA eingedrungen. Er hat eine starke Abwehrlinie etabliert, die Durchbruchsversuchen mit konventionellen Waffen widerstand. Um in die Offensive zu gehen und die Linien des Feindes zu durchbrechen, antworten die Truppen der Vereinigten Staaten mit dem ‚Shot Dog‘. Nach der Detonation dringen sie vor, um die feindliche Position zu erobern (Ponton et al., 1982a, 54).“

Die Teilnehmer des Manövers wurden zu einem Battalion Combat Team zusammengefasst. Es hatte folgende Aufgaben:

  • Vorbereiten taktisch defensiver Positionen
  • Beobachten der nuklearen Explosion
  • Durchführen eines nuklearen Manövers
  • Besichtigen der „Display Areas“ (Ponton et al., 1982a, 54).

Am 1. November 1951 um 7:00 (Pacific Standard Time) explodierte in 432 Metern Höhe über dem Nevada Proving Ground eine Atombombe mit der Sprengkraft von 21 Kilotonnen6: „Shot Dog“ (Ponton et al., 1982b, 60).

Die obersten Schichten des Atompilzes erreichten eine Höhe von 14 Kilometern.

Die Teilnehmer des taktischen Manövers beobachteten die Explosion aus 11 Kilometer Entfernung. Vor der Detonation erhielten sie eine kurze Belehrung darüber, was sie zu erwarten hatten (Ponton et al., 1982b, 68). Etwa eine Stunde nach der Explosion bewegten sie sich zu ihrer vorbereiteten Verteidigungsstellung. Um 11 Uhr begannen die Manöverteilnehmer damit, die Position des Feindes, die an der nächsten Stelle 460 Meter von Ground Zero entfernt war, zu attackieren. Sie marschierten, begleitet von „Radiology Safety Monitors“, in fünfzehn Kolonnen auf „Ziel A“ zu; dabei hatten sie Gelegenheit, die Wirkungen der Explosion auf Tiere und Ausrüstungsgegenstände in Augenschein zu nehmen. Sie erreichten die Position nach einstündigem Marsch (Ponton et al., 1982b, 68).

Danach rückten sie zu den „Display Positions“ in 900 und 1350 Metern Entfernung vom Explosionszentrum vor. Später wurden sie mit Trucks zu einer weiteren, sechs Kilometer von Ground Zero entfernten „Display Position“ transportiert. Das Manöver endete mit der Fahrt zur Dekomtaminationsstation.

Mitarbeiter eines Projekts zur Erforschung der psychischen Reaktionen auf die nuklearen Detonation (HumRRO) begleiteten eine der Kolonnen während ihrer Attacke auf Ziel A, um die Reaktionen der Soldaten und eventuelle Einstellungsänderungen gegenüber der Atombombe zu dokumentieren (Ponton et al., 1982a, 55).

Der Strahlenschutz während der Übungen beinhaltete folgende Maßnahmen:

  • Orientierung und Training
  • Persönliche Dosimetrie
  • Gebrauch von Schutzkleidung
  • Monitoring
  • Einsatzbesprechungen
  • Dekontaminierung (Ponton et al., 1982a, 115)

Forschung zu Buster-Jangle

Im Sommer 1951 vereinbarten das amerikanische Verteidigungsministerium und die „George Washington University“, ein Forschungsbüro für „menschliche Ressourcen“ einzurichten (Human Resources Research Office, HumRRO). Dieses Büro erhielt den Auftrag, Trainingsmethoden, Motivation und Moral der „Atomsoldaten“ während der „Exercises Desert Rock“ zu untersuchen (Titus, 1986, 60).

Außerdem wurde das „John Hopkins University Operations Research Office (ORO)“ angeheuert, um das Verhalten der Truppe während der Übungen zu studieren (Manning, 1995, 56).

Die beiden Forschungseinrichtungen kamen in ihrer Auswertung der Buster-Jangle-Manöver zu stark voneinander abweichenden Einschätzungen.

  • HumRRO vertrat die Auffassung, dass die Truppen durch eine gründliche Aufklärung, gute Planung und straffe Führung zu einer „vernünftigen“ Einstellung gegenüber der Atombombe gelangen würden.
  • ORO gab jedoch zu bedenken, die Veränderungen des Blutdrucks und der Herzrate zeigten, dass die Männer besorgter seien, als ihre „mutigen Reden“ erkennen ließen. Außerdem würden die im Manöver gewonnenen Erkenntnisse vermutlich nicht auf schlechter ausgebildete und motivierte Soldaten zutreffen.
    Darüber hinaus monierte ORO, dass die Manöverbedingungen nicht sehr realistisch gewesen seien (Titus, 1986, 61 f.).

Operation Tumbler-Snapper

“Operation Tumbler-Snapper“ war eine Serie atomarer Tests, die im Frühjahr 1952 in der Nevada Test Site realisiert wurde. Sie bestand aus acht „Shots“; während dieser Tests fand die vierte Serie der Manöver-Serie „Desert Rock“ statt (Exercise Desert Rock IV).

Wie bei „Buster-Jangle“ bestanden diese Übungen aus Beobachterprogrammen und taktischen Manövern. Die Reaktionen der Soldaten auf die Detonationen und die mit den Übungen verbundenen Anforderungen wurden wieder psychologisch erforscht. In die Exercise Desert Rock IV waren insgesamt 7350 Teilnehmer involviert (Ponton et al., 1982c, 1).

Ergebnisse:

  1. Die Information der Soldaten verbesserte sich durch eine vierstündige Belehrung erheblich.
  2. Durch die Belehrung waren die Soldaten vor allem über die möglichen Gesundheitsgefährdungen gut informiert und neigten dazu, die Auswirkungen der Explosion für gefährlicher zu halten als vor der Belehrung.
  3. Die Belehrung verminderte scheinbar die Angst der Soldaten davor, an einem solchen Manöver teilzunehmen.
  4. Andere Gefühle außer der Angst konnten durch die Belehrung nicht nennenswert verändert werden.
  5. Die Furcht war nicht so stark, dass sie das Verhalten der Soldaten beim Manöver nach der Explosion nachhaltig beeinträchtigt hätte.
  6. Die Furcht der Soldaten wurde nicht stärker oder schwächer, nachdem sie die Schäden gesehen hatten, die durch die Bombe angerichtet wurde.
  7. Nach der Bombenexplosion stieg die Zahl der Soldaten, die ihre Bereitschaft bekundeten, freiwillig an weiteren derartigen Manövern teilzunehmen.
  8. Das Vertrauen der Soldaten in ihre Ausrüstung und die Fähigkeit der Experten, sicher mit der Bombe umzugehen, erreichte ihren Höhepunkt nach Beendigung des Manövers (Jones, 1995 102 f.).

Bei der Interpretation dieser Befunde sollte man nicht vergessen, dass die Soldaten unter massivem sozialen Druck standen, als sie die Fragen der Forscher beantworteten. Schließlich war es das Hauptziel dieser Manöver, den Soldaten die Furcht vor einem Einsatz unter den Bedingungen eines Atomkriegs zu nehmen, sie an die Bombe zu gewöhnen, und dies dürfte den Männern auch nicht verborgen geblieben sein.

Eine wesentliche Aufgabe dieser Testserie bestand darin, die amerikanische Öffentlichkeit über die angebliche Möglichkeit zu informieren, mit taktischen Nuklearwaffen einen Aggressor zu stoppen, ohne große städtische Zentren und die Bevölkerung in Mitleidenschaft zu ziehen. Aus diesem Grund wurden Reporter zu der Exercise Desert Rock IV eingeladen (Ponton et al. , 1982c, 26).

Damals wurden zwei Elemente als wesentlich für eine Verteidigungsstrategie betrachtet, die sich entscheidend auf Nuklearwaffen stützte:

  1. Als Mittel der Abschreckung vor einem allgemeinen Krieg oder offener Aggression sollte die Air Force mit effektiven Atombomben ausgerüstet werden.
  2. Um einer begrenzten Aggression gegen einen Verbündeten der USA zu begegnen, musste die Armee für den Einsatz taktischer Nuklearwaffen ausgebildet werden (Ponton et al., 1982c, 26).

Am besten konnten sich die Truppen natürlich durch entsprechende Manöver mit diesem neuen Waffentyp vertraut machen (Ponton et al., 1982c, 26). Die Ziele und Abläufe der Übungen während der Operation Tumbler-Snapper entsprachen zwar im Wesentlichen denen der „Exercises“ während Buster-Jangle; sie unterschieden sich jedoch in einigen nicht unerheblichen Details: So räumte die „Atomic Energy Commission“ der Army beispielsweise einen wesentlich größeren Spielraum hinsichtlich der Strahlungssicherheit ein. Und so mussten die Beobachter die Atombombenexplosionen aus viel geringerer Distanz beobachten, nämlich nur 6400 Meter von Ground Zero entfernt (Ponton et al., 1982c, 60).

„Exercise Desert Rock IV“ bestand aus zwei Programmen:

  1. Die Teilnehmer beobachteten Atombombenexplosionen und erhielten Unterweisungen zu den Effekten der Detonationen.
  2. Die Teilnehmer übten den Einsatz von Nuklearwaffen und erfuhren deren Wirkungen aus nächster Nähe (Ponton et al., 1982c, 64).

Eine zentrale Fragestellung der taktischen Übung lautete, ob die Standard-Truppenbewegungen unter den Bedingungen radioaktiver Verseuchung realisiert werden konnten (Ponton et al., 1982c, 67).

Das erste taktische Manöver dieser Testserie erfolgte nach „Shot Charlie“. Es handelte sich dabei um eine Bombe mit einer Sprengkraft von 31 Kilotonnen, die am 22. April 1952 in ca. 1000 Metern Höhe explodierte (Ponton & Maag, 1982a, 84).

Dem Manöver lag folgendes Szenario zugrunde:

“Ein Angreifer mit übermächtigen Kräften war in die westlichen Vereinigten Staaten eingedrungen und hatte die eigenen Kräfte zum Rückzug gezwungen. Der Aggressor hatte sodann eine Verteidigungslinie aufgebaut, die den Angriffen der eigenen Kräfte widerstanden hatte. Um die Linien des Aggressors zu durchbrechen, planten die eigenen Kräfte einen Nuklearschlag. Eine Serie von Atombomben sollte hinter den Linien des Feindes niedergehen, um die Attacke vorzubereiten. Die tatsächliche Detonation sollte einen dieser Nuklearschläge und die Manövertruppen ein Element der eigenen Kräfte repräsentieren (Ponton et al. , 1982c, 70).“

Nach dem Atomschlag landeten Fallschirmspringer hinter der Linie des Feindes, um dessen Kommunikation zu unterbrechen. Schließlich rückten die Bodentruppen vor, um ihr Ziel einzunehmen (Ponton & Maag, 1982a, 97). Das Manöver endete, nachdem sich die Fallschirmspringer mit den Bodentruppen vereint hatten (Ponton & Maag, 1982a, 101).

Die „Battalion Combat Teams“ bestanden aus Soldaten der Armee, der Luftwaffe und des Marine Corps.

Im Anschluss an die Belehrung wurden sie mit Lastwagen zu den Schützengräben in 6400 Metern Entfernung von Ground Zero gefahren, um die Explosion der Atombombe zu beobachten. Nach der Detonation verließen sie, angeführt von Strahlensicherheitsbeauftragten, die Schützengräben und bewegten sich auf das Manöverziel zu. Nachdem sie ihr Ziel erreicht hatten, besichtigten sie die Ausrüstung an den „Display Positions“. Danach kehrten sie zur Dekontamination nach Camp Desert Rock zurück (Ponton et al., 1982c, 71 f.).

Das Programm für die Beobachter, die nicht an der taktischen Übung teilnahmen, gestaltete sich wie folgt: Die Belehrungen begannen 75 Minuten vor der Detonation und endeten 15 Minuten danach. 10 Minuten vor der Explosion führte der Instrukteur die Männer in die Schützenlöcher und -gräben. Zwei Minuten vor der Zündung knieten sich die Soldaten in den Gräben oder Löchern hin, bedeckten ihre Gesichter mit ihren Händen und lehnten sich an die vordere Wand des Schützenlochs bzw. -grabens. Drei Sekunden nach dem Blitz der Explosion erhielten sie den Befehl, sich aufzurichten, um den Feuerball und den Atompilz zu betrachten. Etwa 15 Sekunden nach der Detonation erreichte die Druckwelle die Gräben und Löcher und beeinträchtigte die Sicht. Danach überprüften die Strahlenbeauftragten die radioaktive Belastung des Umfelds. Nachdem dies als sicher betrachtet wurde, gaben sie die „shot area“ für die Aktivität der Truppe frei (Ponton & Maag, 1982a, 92). I

m Rahmen des Presseprogramms „Operation Scribe“ nahmen Journalisten an den Vorbereitungen dieses Atomtests teil und besichtigten militärische Einrichtungen. Die Reporter beobachteten die Detonation aus einer Entfernung von mehr als 15 Kilometern (Ponton & Maag, 1982a, 85).

Die wissenschaftliche Begleitforschung, die von denselben Institutionen wie bei Buster-Jangle verwirklicht wurde, konzentrierte sich bei dieser Übung besonders auf das Verhalten der Soldaten im Bereich der Schützengräben. Außerdem wurden Einstellungsveränderungen nach den Belehrungen sowie nach der Manöverteilnahme gemessen (Ponton et al. , 1982c, 72).

Am 1. Mai 1952 um 8:30 Uhr explodierte in etwa 317 Metern Höhe eine 19-Kilotonnen-Bombe über Yucca Flat, einem Wüstengelände innerhalb der Nevada Test Site: Shot Dog.

Am Beobachterprogramm nahmen 350 Angehörige von Marine- und Navy-Einheiten teil, das taktische Manöver wurde von der „Marine Corps Provisional Atomic Exercise Unit“ bestritten (Ponton & Maag, 1982a, 145). Die Schützengräben für die Beobachter waren 6400 Meter von Ground Zero entfernt (Ponton & Maag, 1982a, 148).

Das Szenario des taktischen Manövers lautete:

“Ein Aggressor mit überlegenen Kräften hatte eine Insel namens Yucca besetzt. Die eigenen Kräfte wurden zum Rückzug gezwungen. Der Angreifer hatte eine Linie starker Verteidigungspositionen ausgebaut, die den Attacken der eigenen Kräfte widerstanden. Um in die Offensive zu gehen und die feindliche Linie zu durchdringen, attackierten die Verteidiger der Insel den Angreifer mit Shot Dog. Zunächst landeten drei Divisionen der Marines auf der Insel und übernahmen dort nach der Bombenexplosion am Boden und in der Luft die Kontrolle (Ponton & Maag, 1982a, 150).“

Aufgrund der extrem hohen radioaktiven Strahlung konnte dieses Manöver allerdings nicht stattfinden (Ponton & Maag, 1982a, 151).

Am 1. Juni 1952 um 3:55 Uhr (Pacific Standard Time) detonierte im Testgelände von Nevada eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 15 Kilotonnen, die sich an der Spitze eines ca. 91 Meter hohen Turms befand: Shot George (Ponton & Maag, 1982b, 82). Shot George war Bestandteil eines taktischen Manövers, an dem 1300 Armee-Soldaten teilnahmen (Ponton & Maag, 1982b, 83).

Neben den sonst üblichen Zielen der taktischen Nuklearmanöver hatte diese Übung die Aufgabe, die grundlegenden Schutzmaßnahmen zu trainieren (Ponton & Maag, 1982b, 86).

Das Truppenmanöver der Armee wurde dem folgenden Szenario entsprechend verwirklicht:

“Ein Aggressor mit überlegenen Kräften hatte den nordwestlichen Teil der Vereinigten Staaten und mit einer nach Osten gerichteten Attacke begonnen, um die gesamte USA einzunehmen. Die eigenen Truppen versuchten, den Angreifer zu einer umfassenden Massenattacke zu zwingen, um seine Truppen aus der Deckung zu ziehen. Der Aggressor war bis zu einer Linie starker Befestigungsanlagen im Bereich von Yucca Flat vorangeschritten und bereitete sich auf einen weiteren Angriff vor. Zwischenzeitlich hatten sich die eigenen Truppen südlich von Ground Zero eingegraben und waren bereit, eine Gegenattacke mit einer Atombombe zu starten, die von einer 280 mm Kanone abgeschossen werden sollte.7

Nach dem Abschuss sollten die eigenen Truppen die Position des Gegners einnehmen und den verbliebenen Rest der feindlichen Truppen vernichten (Ponton & Maag, 1982c, 88).

Die Truppe beobachtete die Explosion aus einer Entfernung von 6400 Metern (Ponton & Maag, 1982c, 88). Der überwiegende Teil der Soldaten befand sich in Schützengräben, jedoch blieben die Besatzungen von fünf Panzern während der Detonation in ihren Fahrzeugen. Unmittelbar nach der Explosion und nachdem die Druckwelle vorübergezogen war, mussten die Infanteristen ein Ziel im Bereich der Detonation attackieren (Ponton & Maag, 1982c, 89). Auch die Panzer starteten sofort in Richtung eines Ziels südlich von Ground Zero. Auf eine Überprüfung der Strahlungssicherheit vor Marschbeginn wurde verzichtet (Ponton & Maag, 1982c, 90).

Operation Upshot-Knothole

Operation Upshot-Knothole war eine Serie von Nukleartests, die zwischen dem 17. März und dem 4. Juni 1953 in der Nevada Test Site (Nevada Proving Ground) stattfand. Die Serie bestand aus elf Tests: dem Abschuss einer Atomkanone, drei Flugzeugabwürfe und 7 Turmexplosionen. Rund 21000 Personen wurden Zeugen dieser Versuche (Ponton et al., 1982d, 1).

Das Herzstück dieser Testserie war die „Exercise Desert Rock V“, an der Angehörige aller vier Teilstreitkräfte (Heer, Luftwaffe, Marine und die Marine-Infanterie) teilnahmen (Ponton et al., 1982d, 1). Die Zahl der Soldaten, die an diesen Manövern mitwirkten, betrug rund 18.000 (Ponton et al., 1982d, 40).

Die Ziele der „Exercise Desert Rock V“ entsprachen im Wesentlichen denen der vorhergehenden „Exercises Desert Rock“ (Ponton et al, 1982d, 60). Es gab allerdings eine bemerkenswerte Neuerung: Ein Programm sollte die Fähigkeit von entsprechend ausgebildeten Offizieren messen, eine sichere Entfernung vom Ground Zero zu berechnen. Den Offizieren, die freiwillig an diesem Programm teilnahmen, wurde dann erlaubt, die Explosion aus der von ihnen kalkulierten Distanz zu beobachten (Ponton et al., 1982d, 66).

  • Beim Schuss „Nancy“ (24 Kilotonnen) beobachteten vier Armee-, vier Navy- und ein Air-Force-Offizier die Detonation aus 2290 Metern Entfernung.
  • “Badger“ (23 Kilotonnen) sahen sechs Armee- und sechs Marine-Corps-Offiziere aus 1830 Metern Entfernung.
  • Beim Shot „Simon“ (43 Kilotonnen) waren sieben Armee- und ein Navy-Offizier genau so weit entfernt (Ponton et al., 1982d, 70).

Ungefähr 13000 Soldaten nahmen an den taktischen Manövern während der Schüsse „Annie“, „Nancy“, „Badger“, „Simon“, „Encore“ und „Grable“ teil (Ponton et al., 1982d, 66).

Die militärische Führung entwickelte folgendes Szenario für die taktischen Manöver:

“Ein Aggressor mit überlegenen Kräften hatte den westlichen Teil der Vereinigten Staaten okkupiert und die eigenen Truppen zum Rückzug gezwungen. Der Angreifer hatte eine starke Verteidigungslinie etabliert, die den bisherigen Angriffen widerstanden hatte. Die eigenen Kräfte planten nunmehr einen Gegenangriff mit Nuklearwaffen, um die feindliche Linie zu durchbrechen. Der jeweilige Atomtest repräsentierte einen dieser Nuklearschläge und die Manövertruppen stellten Teile der eigenen Kräfte dar (Ponton et al., 1982d, 75).“

Während der Manöver näherten sich einzelne Truppenteile dem Ground Zero nach der Explosion bis auf 460 Meter (Ponton et al., 1982d, 76).

Operation Teapot

Die „Operation Teapot“ war eine Serie von einem nicht-nuklearen und 14 nuklearen Tests, die zwischen dem 14. Februar und dem 15. Mai 1955 in der Nevada Test Site stattfanden. Daran nahmen rund 11000 Soldaten und andere Angehörige des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten teil. Ca. 8000 Soldaten manövrierten beim Exercise Desert Rock VI (Ponton et al., 1981a, 1).

Während dieser Übung wurde zum ersten Mal eine Mini-Nuke (Atomic Demolition Munition) getestet, nämlich beim „Shot ESS“ (Ponton et al., 1981a, 6).

Die Aufgabe der „Exercise Desert Rock VI“ bestand in erster Linie darin, einen Einstellungswandel bei den teilnehmenden Soldaten zu bewirken; die Botschaft lautete: So mächtig diese Waffe auch immer sei, so könne sie doch kontrolliert und nutzbringend eingesetzt werden. Trotz ihrer Zerstörungsgewalt gebe es Möglichkeiten des Schutzes auf dem Schlachtfeld (Ponton et al., 1981a, 54).

Beim „Shot Apple 2“ beobachteten zehn Offiziere die Detonation freiwillig aus einer wesentlich geringeren Entfernung als die anderen Beobachter. Sie hockten dabei in Schützengräben, die nur 2380 Meter vom Ground Zero entfernt waren (Ponton et al., 1981a, 61).

Die Sprengkraft dieser Bombe war auf 40 Kilotonnen berechnet worden, sie betrugt tatsächlich aber „nur“ 29 Kilotonnen.

Am 5. Mai 1955 explodierte um 5:10 Uhr (Pacific Standard Time) in der Nevada Test Site eine 29-Kilotonnenbombe an der Spitze eines ca. 152 Meter hohen Turms: Shot Apple 2 (Ponton et al., 1981b, 9).

Bestandteil dieses Tests war eine Übung der „Task Force RAZOR“. Unmittelbar nach der Detonation setzten sich rund 1000 Soldaten, 89 gepanzerte Fahrzeug sowie 19 Hubschrauber in Richtung Ground Zero in Bewegung (Ponton et al., 1981b, 11). Die Aufgabe dieser Übung bestand darin, unter Beweis zu stellen, dass ein Panzer-Bataillon in der Lage sei, unmittelbar nach einer nuklearen Detonation ein Ziel in der Nähe des Ground Zero zu erobern (Ponton et al., 1981b, 28).

Als die Radioaktivität in den Panzern, die dem Ground Zero am nächsten gekommen waren, die 1,0 R/h-Grenze erreicht hatte, ordnete der Kommandant der Einsatzgruppe einen Linksschwenk an, durch den sich die Formation wieder vom Ground Zero entfernte. Die Entfernung der Panzer mit Radioaktivität über dem Grenzwert betrug in diesem Augenblick 890 Meter von Ground Zero. Zwei Panzer, die vorübergehend den Kontakt mit der Formation verloren hätten, näherten sich Ground Zero sogar auf 820 Meter (Ponton et al., 1981b, 35).

Am 23. März 1955 detonierte um 12:30 Uhr in der Nevada Test Zeit eine kleine Nuklearbombe, eine so genannte „Atomic Demolition Munition“ (ADM), mit einer Sprengkraft von einer Kilotonne, in einem Schacht von etwa 20 Metern Tiefe (Ponton et al., 1981c, 23). Die ADM grub einen rund 29 Meter tiefen Krater mit ca. 88 Metern Durchmesser. Die Bombe schleuderte Tonnen radioaktiv verseuchter Erde in die Luft (Ponton et al., 1981c, 24).

Operation Plumbbob

Die „Operation Plumbbob“ war eine Serie von Atombombentests, die zwischen dem 24. April und dem 7. Oktober 1957 in der Wüste von Nevada stattfand. Sie umfasste 24 nukleare Detonationen; rund 18000 Soldaten und Zivilkräfte nahmen an dieser Operation teil. Während einiger dieser Tests wurden die „Exercises Desert Rock VII und VIII“ verwirklicht (Harris et al., 1981, 1), in die ca. 16000 Soldaten des Heeres, der Kriegsmarine, des Marine Corps sowie der Luftwaffe involviert waren (Harris et al., 1981, 55, 97). Bei neun Tests der Plumbbob-Serie waren Medienvertreter zugelassen.8

Beim „Shot Hood“ wurde eine zweistufige Fusionsbombe mit einer Sprengkraft von 74 Kilotonnen getestet. Nach der Detonation verwirklichten Marineinfanteristen ein Manöver mit Hubschrauber-Unterstützung im Bereich des Grund Zero (Harris et al., 1981, 55, 99). An dieser Übung waren 2500 Soldaten beteiligt.9

Nach „Shot Smoky“ übten Infanteristen den taktischen Nuklearkrieg (Harris et al., 1981, 55, 99 f.).

Während der „Operation Plumbbob“ wurden im Auftrag der deutschen Bundesregierung unterirdische Schutzräume getestet, deren Technik von deutschen Ingenieuren entwickelt worden war (Cohen & Bottenhofer, 1960).

Exercise Ivy Flats

Die „Exercise Ivy Flats“ war Bestandteil der „Operation Dominic II“ (auch Operation Sunbeam genannt), einer Testserie, die vom 7. bis zum 17. Juli 1962 in der Nevada Test Site stattfand. Dabei handelte es sich um ein Manöver während des ersten und einzigen Tests der atomaren Panzerfaust „Davy Crockett“. In diese Übung waren rund 1000 Soldaten involviert.

Der Abschuss der „Davy Crockett“ wurde als „Little Feller I“ bezeichnet (Ponton et al., 1983, 1). „Shot Little Feller I“ detonierte am 17. Juli 1962 (Pacific Daylight Time) in der Nevada Test Site.

Das Szenario der Übung, die mit diesem Schuss verbunden war, setzte voraus, dass die USA bereits in einen taktischen Nuklearkrieg verwickelt worden war. Ein motorisiertes Infanterie-Bataillon hatte die Aufgabe, die rechte Flanke der Division durch Eroberung des Ziels 1 zu schützen. Dem Kommandanten des Bataillons standen Davy-Crockett-Waffen zur Verfügung. Eine dieser Waffen war mit dem nuklearen Sprengkopf bestückt; die anderen waren mit hochexplosiver Munition geladen, die Atomexplosionen simulieren sollten. Kurz nach der Detonation von „Little Feller 1“ wurde eine feindliche Bedrohung entdeckt. Das Bataillon setzte dann zwei simulierte Schüsse mit Atombomben ein, um diese Bedrohung zu neutralisieren (Ponton et al., 1983, 161 f.).

Die auf einen Personentransporter montierte Abschussvorrichtung für die Atombombe war 2853 Meter vom Einschlagspunkt entfernt (Ponton et al., 1983, 164). 26 Minuten nach der Detonation des nuklearen Sprengsatzes erhielten die Soldaten den Befehl, ihre Fahrzeuge zu besteigen und zum Ziel 1 zu fahren, das sich in der „Shot Area“, also in der Nähe des Ground Zero befand (Ponton et al., 1983, 164 f.).

Die beim Shot Little Feller 1 gezündete Atombombe besaß nur eine sehr geringe Sprengkraft von 22 Tonnen; der durch sie erzeugte Krater war daher viel zu klein, um ein nennenswertes Hindernis für heranrückende Panzerverbände darzustellen (Rooke &; Strange, 1965). Die wesentliche Funktion des Davy-Crockett-Waffensystems besteht also darin, feindliche Soldaten durch radioaktive Strahlung zu töten.

Diese Waffe gefährdete aufgrund ihrer geringen Reichweite allerdings auch die Soldaten, die sie einsetzten, da sie bei ungünstigen Winden dem radioaktiven Fallout ausgesetzt gewesen wären. Aufgrund ihrer Beweglichkeit und Flexibilität erfreute sie sich aber seit ihrem ersten Einsatz im Manöver Sunbeam großer Beliebtheit bei Militärs und auch bei Politikern.

Und dies nicht nur in den Vereinigten Staaten. So bekundete beispielsweise Franz-Joseph Strauß Interesse an dieser Waffe für die Bundeswehr und erklärte am 2. August 1962, dieses System berge im Gegensatz zu den großen taktischen Kernwaffen nicht die Gefahr, sofort einen globalen Atomkrieg auszulösen.

Die Vereinigten Staaten rüsteten aber nur die eigenen Truppen in Deutschland mit dieser Waffe aus und weigerten sich, sie einem NATO-Partner einschließlich der Bundeswehr zu verkaufen. Die Amerikaner fürchteten, die Kontrolle über den Einsatz nuklearer Waffen zu verlieren.10

Vineberg-Report

Im Auftrag des Verteidigungsministeriums der USA verfasste Robert Vineberg vom Human Resources Research Office (HumRRO) der George-Washington-Universität in Washington DC eine Studie über die psychologischen Faktoren im Nuklearkrieg, deren letzte Fassung 1965 dem „Chief of Research and Development“ des Heeresamtes („Department of the Army“) der Vereinigten Staaten übergeben wurde (Vineberg, 1965).

Bereits der erste Satz der Zusammenfassung dieses Berichts kennzeichnet die damalige Forschungssituation, die sich bis auf den heutigen Tag nicht wesentlich verändert hat:

“Die wahrscheinliche Reaktion des Menschen auf das psychologische Trauma einer nuklearen Schlacht ist weitgehend unbekannt (Vineberg, 1965, v).“

Zur realistischen Planung eines solchen Gefechts und zur Vorbereitung der Soldaten darauf sei es aber dennoch erforderlich, über eine Schätzung zu verfügen, die so akkurat wie beim gegenwärtigen Erkenntnisstand möglich sei. Da bisher – abgesehen von den Atombombenabwürfen auf japanische Städte – noch kein Nuklearkrieg stattfand, war Vineberg gezwungen, sein Modell menschlichen Verhaltens in taktisch nuklearen Gefechten weitgehend mit allgemeinen Erkenntnissen über Reaktionen auf extremen Stress (vor allem in Kriegssituationen) zu begründen.

Die Reaktionen der Bewohner Hiroshimas und Nagasakis auf die Atombombenabwürfe sind nur bedingt verallgemeinerbar, weil die Japaner vollkommen ahnungslos waren und die Überlebenden auch nach den Detonationen nicht wussten, dass sie einer verheerenden Strahlung und tödlichem Fall-out ausgesetzt waren.

Als weitere Gründe für die eingeschränkte Generalisierbarkeit der Befunde nennt Vineberg:

  • Kulturelle Unterschiede zwischen Japanern und Amerikanern
  • Die Bomben trafen die Zivilbevölkerung; Soldaten könnten sich anders verhalten
  • Die Auswirkungen zukünftiger Atombomben könnten andere sein
  • In zukünftigen Atomkriegen wird es wahrscheinlich Schutzmaßnahmen gegen nukleare Attacken geben, die in Hiroshima und Nagasaki fehlten
  • Die Abwürfe erfolgten am Ende eines mehrjährigen Kriegs; die Reaktionen könnten sich je nach der Dauer des vorherigen Kriegsstresses unterscheiden (Vineberg, 1965, 5).
  • Vermutlich aufgrund fehlender Informationen über die Art der Bombe, der sie ausgesetzt waren, reagierten die Bewohner Hiroshimas und Nagasakis kaum anders als die Einwohner anderer Städte, die schwere konventionelle Bombardements erdulden mussten.
  • Es wurde kein stärkerer Anstieg psychiatrischer Störungen nach den Atombombenabwürfen festgestellt; und auch die Moral der Bürger der nuklear bombardierten Städte sank nicht stärker als der Durchhaltewille der anderen Japaner (Vineberg, 1965, 6).

Trotz dieser Einschränkungen der Aussagekraft vorhandener Daten gelangt der Vineberg-Report zu einer relativ optimistischen Einschätzung.

  • Gut ausgebildete Soldaten würden in einem Nuklearkrieg nicht wesentlich anders reagieren als in konventionellen Kriegen.
  • Eine scharfe, qualitative Grenze bezüglich der Reaktionen auf Stress zwischen konventioneller und taktisch nuklearer Kriegsführung sei jedenfalls nicht zu erkennen.
  • Es sei auch nicht mit einem Zusammenbruch der militärischen Ordnung oder mit amoralischem und chaotischem Verhalten bei Soldaten oder Zivilisten zu rechnen.

Ein Veteran erinnert sich

Ob die Einschätzung Vinebergs realistisch war, kann niemand sicher sagen, denn zum Glück fand noch kein taktischer Nuklearkrieg statt. Daher wäre es absurd zu versuchen, Vinebergs Hypothesen zu widerlegen.

Stattdessen soll ein Augenzeuge zu Wort kommen, Tom Saffer.11 Er war im Alter von 22 Jahren Zeuge des Nukleartests PRISCILLA. Seine Einheit hieß: „Forth Provisional Atomic Marine Corps Exercise Brigade.“

“Der offensichtliche Grund, warum wir dort waren, bestand darin zu lernen, was es mit einem Atomkrieg auf sich hatte.“

“Ich fürchte, dass unser Feind unsere Regierung war, die uns hierher brachte, ohne unser Wissen um Einverständnis bezüglich der möglichen und tatsächlichen Konsequenzen.“

Saffer erinnert sich an folgende Lautsprecheransage:

“Guten Morgen, meine Herren, willkommen im Land der gigantischen Pilze. Sie werden nun näher an einer Nuklearwaffe oder Atombombe sein, als irgendwer seit Hiroshima.“

Im Schützengraben:

“Man sagte uns, wir sollten niederknien, unsere Unterarme über unsere Augen zu legen und unsere Augen fest zu schließen. Dann begann der Countdown. Unsere rechte Schulter wies in Richtung der Explosion. Man sagte uns, dass wir nicht aufschauen dürften – und niemand wagte, dies zu tun. Dann begann der Countdown – 5, 4, 3, 2, 1… Wir hörten einen scharfen Klick und dann diese intensive Hitze im Nacken. Das Schockierendste war, dass man zwei Knochen in seinem Unterarm sehen konnte, und ein helles rotes Licht. Innerhalb weniger Sekunden trafen Schockwellen der Bombe auf die Gräben und ich wurde von einer Grabenwand an die andere geworfen – vor und zurück. Ich verlor sogar den Boden unter meinen Füßen. Ich fürchtete mich unglaublich.“

„Ich hatte nichts dergleichen erwartet und hörte später, dass dieser Test die wissenschaftliche Vorhersage um den Faktor 4 übertraf.“

„Was ich damals nicht erkannte, war, dass ich nuklearer Strahlung ausgesetzt wurde. Darüber hatte ich noch nie etwas gehört, und darüber erfuhr ich erst sehr viel später etwas.“

„Die Gräben brachen über den Leuten zusammen. Sie mussten Soldaten ausgraben.“

„Plötzlich begann der Fallout. Wir standen im atomaren Niederschlag, mit dem nicht gerechnet worden war. … Er kam als weiß-graue Asche nieder.“

Die Soldaten wurden mit Lastautos in einen Bereich gebracht, der weniger als 300 Yards von Ground Zero entfernt war.

“Es war heiß unter unseren Füßen und da war sonst nichts mehr.“

Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts ein Mann in einem Schutzanzug auf. Er zeigte auf seinen Geigerzähler und forderte die Männer mit Gesten auf, die Gegend zu verlassen. Sie war offensichtlich hochgradig verstrahlt.

“Wir standen in unserem Felduniformen herum, wie bei einem Picknick, kein Schutz, keine Warnung. Der Major sagte: ‚Meine Herren, wir haben genug gesehen, gehen wir!‘ Also gingen wir zu den Fahrzeugen zurück und fuhren zu den Schützengräben. Von dort brachten uns Busse zu Camp Desert Rock zurück.“

Die Männer wurden dekontaminiert, indem man den Staub mit einem Besen von ihren Uniformen wischte.

“Die Tiere auf einem Testgelände, das ich später besuchte, wurden besser kontaminiert als wir, denn sie wurden mit Wasser und Seife gewaschen und abgeschrubbt. Wir durften für Stunden nach der Explosion nicht duschen.“

Jahre später begriff Saffer, warum er unter diesen Bedingungen an diesem Test teilnehmen musste.

“Ich erkannte, dass wir hierher gebracht wurden, um die Effekte der Explosion an uns zu testen, so wie an der Ausrüstung, so wie an Tieren, die draußen in Käfigen waren, sie wollten sehen, wie wir physiologisch und psychologisch darauf reagieren.“

Saffer war Platoon Leader mit 27 Leuten unter sich. Er musste ihnen erzählen, dass sie nichts zu befürchten hatten. Er flößte ihnen diese Zuversicht weisungsgemäß ein, obwohl er wusste, dass es die größte Lüge seines bisherigen Lebens war. Er musste es tun, weil eine Übung mit 2.100 Marines bevorstand.

Beim nächsten Test, HOOD, waren seine Reaktionen durch die PRISCILLA-Erfahrung vorgeprägt:

“Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich bei HOOD in den Schützengraben ging, so schrecklich hyperventilierte, dass ich glaubte, in Ohnmacht zu fallen. Ich schwitzte, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geschwitzt hatte. Ich war buchstäblich durchweicht vor Schweiß. Ich erinnere mich, dass der Schweiß aus den Seiten der Gasmaske lief, die ich trug. Ich konnte spüren, wie das Wasser von meinen Fingern tropfte – so sehr schwitzte ich, weil ich glaubte, das Ende meines Lebens sei gekommen.“

„Nach HOOD hatten wir eine Aufgabe – die ganze Brigade. Die Aufgabe bestand darin, die Hügel an beiden Seiten des Tales zu besetzen und dann offensichtlich jedermann auszuschalten, der sich von Ground Zero aus auf uns zubewegte. Wir waren uns natürlich bewusst, dass dort niemand überlebt hätte, und so war dieser Teil der militärischen Übung ein Witz. Wir lachten alle darüber.“

„Es gab einen Wettbewerb zwischen Armee und Marines. Es ging darum, wer am nächsten herangehen und noch funktionieren konnte.“

In Internet finden sich viele ähnliche Berichte von Veteranen. Sie stehen in deutlichem Widerspruch zu Forschungsergebnissen der Psychologen. Obwohl es selten als vernünftig betrachtet werden kann, empirische Studien mit Einzelfallberichten in Frage zu stellen, scheint hier eine Ausnahme erwägenswert zu sein. Es bestand ein massives Interesse der Militärs daran, etwaige Panikreaktionen der Soldaten herunterzuspielen. Dieses Interesse könnte die Objektivität der beteiligten Forscher beeinträchtigt haben.

Ein General schreibt Klartext

Der ranghohe deutsche General Heinz Trettner schrieb:

„Selbst wenn man so optimistisch ist zu glauben, dass Soldaten so ausgebildet und erzogen werden können, dass sie das Grauen der atomverwüsteten Schlachtfelder unberührt zu durchschreiten und ihre taktischen Aufträge plangemäß auszuführen vermöchten – ich teile diesen Optimismus nicht -, kann doch niemand von der unvorbereiteten und ungeschützten Bevölkerung ähnliches erwarten. Wer einen Atomtest beigewohnt oder Filme von Tierversuchen bei den Atomexplosionen gesehen hat, macht sich da keine Illusionen. Mit einer demoralisierten Bevölkerung und einem zerstörten Land im Rücken kann sich aber auch der beste Soldat in einem modernen Krieg nicht behaupten (Trettner, 1977, 70).“

Literatur

Berkhouse, L. et al. (1984). Operation Crossroads – 1946. Washington DC: Defense Nuclear Agency. Grant Number: DNA 001-79-C-0472

Caufield, C. (1989). Multiple Exposures. Chronicles of the Radiation Age. Chicago: University of Chicago Press

Cohen, R. & Bottenhofer, A. (1960). Test of German Underground Personnel Shelters. New York, N. Y.: Amman and Whitney

Cooney, J. P. (1949). Psychological Factors in Atomic Warfare. American Journal of Public Health and The Nations Health, Vol. 39, No. 8, August

Harris, P. S. et al. (1981). Plumbbob Series, 1975. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-78-C-0311, Washington D.C.

Herken, G. (1992). Cardinal Choices: presidential science advising from the atomic bomb to SDI. New York: Oxford University Press

Hunner, J. (2004). Inventing Los Alamos. The Grows of an Atomic Community. Norman, Ok.: University of Oklahoma Press

Jones, F. D. (1995). NEUROPSYCHIATRIC CASUALTIES OF NUCLEAR, BIOLOGICAL, AND CHEMICAL WARFARE, in: Zajtchuk, R. et al. (ed.) War Psychiatry. Department of the Army, Office of The Surgeon General, Borden Institute. Seiten 85-111, Zitat Seite 102 f.

Manning, M. (1995). Atomic Vets Battle Time. Bulletin of the Atomic Scientists, 51 (1), Jan-Feb, 54-60

Marlow, S. (1983). A daughter’s story. Bulletin of the Atomic Scientists, 39 (1), 29-30

Miller, R. L. (1991). Under the Cloud. The Decade of Nuclear Testing. The Woodlands, TX: Two Sixty Press

Minutaglio, B. (1994). Boley Caldwell wants an apology. Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. 50, No. 3, May/June, 35-38

Moore, M. (1994). The Able-Baker-Where’s-Charlie-Follies. Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. 50, No. 3, May/June

Ponton, J. et al. (1981a). Operation Teapot, 1955. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1981b). Shot Apple 2. A Test of the Teapot Series, 5 May 1955. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1982c). Shots Ess Through Mess and Shot Zucchini. The Final Teapot Tests, 23 March – 15 May 1955. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1982a). Operation Buster-Jangle 1951. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. Et al. (1982b). Shots ABLE to EASY. The First Five Tests of the Buster-Jangle-Series, 22 October – 5 November 1951. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1982c). Operation Tumbler-Snapper, 1952. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1982d). Operation Upshot-Knothole, 1953. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. et al. (1983). Operation Dominic II, Shots Little Feller II, Johnny Boy, Small Boy, Little Feller One, 7 July – 17 July 1962. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. & Maag, C. (1982a). Shots Baker, Able, Charlie, and Dog. The First Tests of the Tumbler-Snapper Series, 1 April – 1 May 1952. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Ponton, J. & Maag, C. (1982b). Shots Easy, George, Fox, and How. The Final Tests of the Tumbler-Snapper Series, 7 May – 5 June 1952. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA

Rooke, A. D. & Strange, J. N. (1965). Operation Sun Beam, Shots Little Feller I and II, Project Officers Report – Project 1.9, Crater Size and Shape, POR-2263 (Ex) (WT-2263 (Ex)). Washington DC: Defense Nuclear Agency

Schwartz, S. I. (1988). Atomic Audit. Costs and Consequences of U. S. Nuclear Weapons Since 1940. Washington D. C.: The Brookings Institution

Titus, C. (1986). Bombs in the backyard : atomic testing and American Politics. Reno: University of Nevada Press

Trettner, H. (1977). Zur Problematik der Taktischen Nuklearwaffen in Europa. Militärpolitik 1/1977, S. 70

Vineberg, R. (1965). Human Factors in Tactical Nuclear Combat. Technical Report 65-2. Prepared for Office, Chief of Research and Development, The Department of the Army. Contract DA 44.188.ARO.2. Washington D. C.: George Washington University, Human Resources Research Office

Wassermann, H. & Solomon, N. (1982). Killing Our Own. The Disaster of America’s Experience with Atomic Radiation. New York: Dell, Delta Books

Weisgall, J. M. (1994). Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll. Annapolis, ML: Naval Institute Press

Signed at Moscow August 5, 1963, Ratification advised by U.S. Senate September 24, 1963, Ratified by U.S. President October 7, 1963, U.S. ratification deposited at Washington, London, and Moscow October 10, 1963, Proclaimed by U.S. President October 10, 1963, Entered into force October 10, 1963 – http://www.state.gov/t/isn/4797.htm

Department of the Navy – Naval Historical Center: Operation Crossroads – Bikini Atoll

Operation Crossroads (1946). Producer: Handy (Jam) Organization; Sponsor: U.S. Navy, Commander Joint Task Force One

4International Atomic Energy Agency: Conditions at Bikini Atoll

Dieses Testgelände wurde bis 1955 als Nevada Proving Ground bezeichnet und danach in Nevada Test Site umgetauft. Aus Gründen der Vereinfachung wähle ich durchgehend letztgenannte Bezeichnung.

Zum Vergleich: Die über Hiroshima abgeworfene Bombe „Little Boy“ besaß eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen.

Dieser Abschuss durch eine Kanone war allerdings nur imaginär; der erste reale Test einer Atomkanone erfolgte 1953 während der Testserie „Upshot-Knothole“ (Shot Grable).

8 Schreiben von Morse Salisbury, Atomic Energy Commission, an Elmer B. Staats, Operations Coordinating Board, 26. April 1957

Nevada Test Organization: Background Information on Nevada Nuclear Tests, Las Vegas, Nevada, 15. Juli 1957, AZ 4/0670

11 Interview mit Tom Saffer, US Marine Corps, veröffentlicht auf der Web Site von PBS. Das Interview fand auf dem Gelände der ehemaligen Nevada Test Site statt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.