Mandschurische Kandidaten

Am 11. 12. 1959 hielt der wehrpsychiatrische Berater der Bundeswehr, Prof. Dr. med. Max Mikorey einen Vortrag in der Kienslesbergkaserne in Ulm zum Thema: „Der Mensch in der Paniksituation“.

Die Schwäbische Donau-Zeitung berichtete am 14. 12. 1959, welche Maßnahmen dem Psychiatrieprofessor vorschwebten:

“Soldaten sollten so dressiert werden, dass gar keine Panikreaktion eintrete. Ungeschulte Kämpfer besäßen zu viel Selbsterhaltungstrieb. Der ‚innere Schweinehund‘ müsse ihnen ausgetrieben werden.“1)Zitiert aus: Weidmann, A. M. (2006). Professor Dr. med. Max Mikorey (1899-1977) Leben und Werk eines Psychiaters an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Dissertation, Technische Universität München, Seite 252

Der Kommandierende General habe, so schrieb die Zeitung, dem Psychiater in einer kleinen Ansprache bescheinigt, dass dessen Ausführungen auch aus militärischer Sicht als fachgerecht anerkannt würden.

In einem Artikel des Spiegels heißt es, Mikoreys Darstellung sei „vom Offizierkorps unter dem Kommandierenden General, Generalleutnant Pemsel, mit starkem Beifall bedacht“ worden.2)Der Spiegel, 06.01.1960, Max Mikorey

Leider wissen wir nicht, welche Methoden Mikorey vorschwebten, um Soldaten den inneren Schweinehund auszutreiben und ihren Selbsterhaltungstrieb zu schwächen. Laut einer Dissertation Weidmanns 3)siehe oben äußerte er sich zu diesem Thema in seinen Schriften zwar weitschweifig, aber sehr vage.

Wir wissen aber, dass seit Beginn des Kalten Kriegs der US-Geheimdienst CIA sowie das amerikanische Militär Gehirnwäscheforschung betrieben. Sie verfolgten u. a. das Ziel der Entwicklung von Verfahren, mit denen man Menschen zur bedingungslosen Ausführung von Befehlen zwingen könne.

Es hat sich eingebürgert, Menschen dieser Art als „Mandschurische Kandidaten“ zu bezeichnen. Dies war allerdings nicht die offizielle Bezeichnung der CIA.4)Marks, J. (1979, 1991). The Search for the Manchurian Candidate. The CIA and Mind Control. New York, Times Book

Ein CIA-Dossier vom 25. Januar 1952 beschreibt die Ziele eines dieser Forschungsprogramme, des Projekts Artischocke wie folgt:

1. „Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können.
2. Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?
3. Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt?
4. Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden.“5)Memorandum for: Chief, Medical Staff, Subject: Project Artichoke, Evaluation of ISSO role, 25 January 1952, MORI ID 144686 / Dies ist eine CIA-Akte, die nach dem Freedom-of-Information-Gesetz freigegeben werden musste.

Der Mandschurische Kandidat ist die Antwort auf die dritte Frage.

Unter einem „Manchurian Candidate“ versteht man einen Menschen, der in zumindest zwei Persönlichkeiten gespalten ist. Diese wissen nichts voneinander. Die eine Persönlichkeit führt ein ganz normales Leben, ist z. B. Hausfrau oder Tankwart. Die andere aber ist in Diensten von Geheimdiensten als Attentäter, als Doppelagent oder ins sonstigen klandestinen Arbeitsfeldern tätig. Durch ein geheimes Schlüsselwort kann diese zweite Persönlichkeit aktiviert werden.6)Mit diesem Thema habe ich mich ausführlich in meinem Buch „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ auseinandergesetzt.

Wurden tatsächlich Mandschurische Kandidaten kreiert? Ein Kenner der Materie, der amerikanische Psychiater Colin Ross schreibt:

“Studien zum mandschurischen Kandidaten führen zu der Schlussfolgerung, dass die Erzeugung einer iatrogenen multiplen Persönlichkeit viel mehr Kontrolle und Einfluss erfordert, als in einer ambulanten Therapie mit ein oder zwei Stunden wöchentlich möglich ist.“ 7)Ross, C. A. (2000). Bluebird. Deliberate Creation of Multiple Personality By Psychiatrists. Richardson, TX: Manitou Communications

Dies bedeutet, dass Derartiges nicht im Rahmen einer regulären Psychotherapie entstehen kann. Ross ist davon überzeugt, dass es sich bei den Mandschurischen Kandidaten um multiple Persönlichkeiten handelt, die von Ärzten in militärischen oder geheimdienstlichen Kontexten künstlich hervorgerufen wurden.

Dem Mandschurischen Kandidaten ist in seinem Alltagsleben ebenso wenig bewusst wie einer so genannten multiple Persönlichkeit, dass er in seinem Inneren weitere Persönlichkeiten beherbergt. Erst recht ist ihm nicht klar, welche z. T. selbstmörderischen Aufgaben ihr zugedacht wurden.

Aus meiner Sicht ist es nicht erforderlich, das Konzept des Mandschurischen Kandidaten mit einer zweifelhaften psychiatrischen Diagnose, der sog. Multiplen Persönlichkeitsstörung bzw. Dissoziativen Identitätsstörung, zu überfrachten. Darunter versteht man eine so genannte psychische Krankheit. Der Zustand, in dem sich ein Mandschurischer Kandidat befindet, wurde aber nicht durch eine Krankheit hervorgebracht. Er ist vielmehr das Ergebnis einer zielgerichteten Aktivität, einer Dressur. 8)Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung

Richtig aber ist fraglos die Einschätzung von Ross, dass ein Mandschurischer Kandidat nicht im Rahmen einer gewöhnlichen Psychotherapie erzeugt werden kann. Diese Manipulation erfordert ein Ausmaß der Kontrolle über ihr Opfer, die in diesem Kontext nicht ausgeübt werden kann – jedenfalls dann nicht, wenn der Psychotherapeut sich an Recht und Gesetz hält.

Nach meiner Theorie ist die Produktion eines Mandschurischen Kandidaten an folgende Minimalvoraussetzungen gebunden, die vermutlich nur eine geheimdienstliche oder militärische Organisation, im Verborgenen und unter Missachtung der Gesetze, verwirklichen kann:

  1. Der Betroffene wird entführt und einer Folterkonditionierung durch mit einem Suggestivverfahren unterzogen.9)Siehe hierzu meinen Artikel: Die harten Methoden der Psychiatrie Durch Folter werden Menschen, sobald erst einmal ihr Bruchpunkt erreicht ist, hochgradig suggestibel. In diesem Zustand wird ihnen eingeschärft, was von ihnen erwartet wird.
  2. Durch Elektroschockbehandlung wird der Betroffene seiner Fähigkeit beraubt, sich an seine Programmierung zu erinnern. Man gibt ihm Zeit, sich zu erholen und frischt sein Gedächtnis, sofern erforderlich, mit sorgfältig frisierten Informationen wieder auf. Dann wird er, ausgerüstet mit einer Legende, die seine Abwesenheit erklärt, wieder in seinen Alltag entlassen.
  3. Durch zuvor vereinbarte Parolen kann man ihn nun steuern, sofern die Behandlung erfolgreich war. Ausgemerzt wird nämlich nur die Fähigkeit, die Erinnerung an die Konditionierung ins Bewusstsein zu rufen. Die Konditionierung aber wird nicht gelöscht, im Gegenteil. Da der Betroffene nicht über sie nachdenken kann, ist sie besonders löschungsresistent. Sie ist überdies durch die unbewusste Furcht vor weiterer Folter geschützt.

Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung wird im englischen Sprachraum als „trauma-based (seltener: torture-based) mind control“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Form der Erziehung und Ausbildung, die bedingungslos gehorsame Menschen („manchurian candidates“) hervorbringen soll.

„Bedingungslos“ bedeutet, dass diese Menschen jeden Befehl befolgen, sogar wenn dies für sie den sicheren Tod zur Folge hat, und dass ihr Gehorsam nicht von der persönlichen Anwesenheit der Bewusstseinskontrolleure abhängt.

Foltergestützte Bewusstseinskontrolle ist – salopp gesprochen – eine Mischung aus Folterkammer, Kadettenanstalt und Schauspielschule. Die Resultate dieser Erziehung und Ausbildung sind mentale Sklaven“ – mental, weil sie nicht in Ketten gelegt und von Sklaventreibern bewacht werden müssen, um im Sinne der Bewusstseinskontrolleure zu funktionieren.

Das übergeordnete Ziel der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeit besteht darin, einen Menschen so abzurichten, dass er

  1. sich selbst und andere glauben macht, eine integrale, einheitliche, „normale“ Persönlichkeit zu sein
  2. sich gleichzeitig aber so verhält, als ob mehrere, klar voneinander abgegrenzte, selbständige Persönlichkeiten unter seiner Schädeldecke hausten.

Die Täter verwandeln ihr Opfer also in einen Schauspieler, der sich vollständig mit seinen Rollen identifiziert und der nicht weiß, dass er schauspielert.

In einem demokratischen Rechtsstaat modernen Typs verbieten sich die offene Anwendung von Methoden wie Kaufmanns Kur und das Pansen von selbst. Würden solche Verfahren angewendet, wäre nicht nur ein Sturm öffentlicher Empörung die zwangsläufige Folge. Auch die Staatsanwaltschaft müsste sich einschalten.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Günter Elsässer, ein Assistent Panses während des Dritten Reichs, die von seinem Chef entwickelte Form der Suggestivtherapie mit schmerzhaften Strömen noch 1961 in einem Handbuch der Psychiatrie beschönigend und verharmlosend rechtfertigte, ohne dass die Fachwelt daran Anstoß nahm.10)Riedesser, P. & Verderber, A. (1996). „Maschinengewehre hinter der Front“. Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie. Frankfurt am Main: Fischer, 205 Über ein solches Verfahren zu schreiben ist die eine, es anzuwenden eine andere Sache.

Denkbar ist zweifellos, dass solche Methoden im Geheimen praktiziert werden und dass die Erinnerung der Opfer an die Torturen durch psychiatrische Methoden ausgeschaltet wird.

Im Rahmen einer geheim gehaltenen Produktion Mandschurischer Kandidaten sind Kaufmanns Kur und das Pansen durchaus denkbar. Es würde sich dann um eine Form der „Stealth Torture“ handeln, die für demokratische Staaten charakteristisch ist.11)Rejali, D. (2007). Torture and Democracy. Princeton and Oxford: Princeton University Press

Einige Menschen in einigen NATO-Staaten behaupten, sie seien Opfer einer derartigen foltergestützten Bewusstseinskontrolle geworden. Sie können dies allerdings nicht beweisen.

Man kann solche Menschen natürlich als „Verschwörungstheoretiker“ einordnen oder sie zu „paranoiden Schizophrenen“ erklären. Bevor man dieses Etikett vergibt, könnte man aber auch in Erwägung ziehen, sich den einen oder anderen Gedanken zu machen. Wäre es nicht möglich, dass demokratische Staaten wie die Deutschland mandschurische Kandidaten tatsächlich benötigten? Sahen sie sich vor Aufgaben gestellt, die anders nicht hätten bewältigt werden können.

Hier denke ich zum Beispiel an Selbstmord-Kommandos, die im Rahmen eines taktischen Nuklearkriegs unvermeidlich geworden wären.12)Siehe hierzu meine Artikel: Die Verteidigung Deutschlands durch den Einsatz von Mini-Nukes auf deutschem Boden; Erinnerungen von US-Veteranen an Mini-Nukes im Kalten Krieg Die NATO-Strategie sah ja vor, bei einem eventuellen Angriff des Warschauer Pakts mit taktischen Nuklearwaffen zu reagieren und diese auf deutschem Boden einzusetzen.

Von solchen Gedanken sollten allerdings Menschen Abstand nehmen, die sich in einem Programm für betreutes Denken befinden. Dies bedeutet u. a., dass sie sich überwiegend durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die oligopolistische Qualitätspresse informieren. In derartigen Programmen wären solche Überlegungen kontraproduktiv. Ohnehin darf man die Risiken und Nebenwirkungen selbständigen Denkens nicht unterschätzen. Nur zu leicht eckt man damit an. Und was dann?

Fußnoten   [ + ]

1.Zitiert aus: Weidmann, A. M. (2006). Professor Dr. med. Max Mikorey (1899-1977) Leben und Werk eines Psychiaters an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Dissertation, Technische Universität München, Seite 252
2.Der Spiegel, 06.01.1960, Max Mikorey
3.siehe oben
4.Marks, J. (1979, 1991). The Search for the Manchurian Candidate. The CIA and Mind Control. New York, Times Book
5.Memorandum for: Chief, Medical Staff, Subject: Project Artichoke, Evaluation of ISSO role, 25 January 1952, MORI ID 144686 / Dies ist eine CIA-Akte, die nach dem Freedom-of-Information-Gesetz freigegeben werden musste.
6.Mit diesem Thema habe ich mich ausführlich in meinem Buch „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ auseinandergesetzt.
7.Ross, C. A. (2000). Bluebird. Deliberate Creation of Multiple Personality By Psychiatrists. Richardson, TX: Manitou Communications
8.Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung
9.Siehe hierzu meinen Artikel: Die harten Methoden der Psychiatrie
10.Riedesser, P. & Verderber, A. (1996). „Maschinengewehre hinter der Front“. Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie. Frankfurt am Main: Fischer, 205
11.Rejali, D. (2007). Torture and Democracy. Princeton and Oxford: Princeton University Press
12.Siehe hierzu meine Artikel: Die Verteidigung Deutschlands durch den Einsatz von Mini-Nukes auf deutschem Boden; Erinnerungen von US-Veteranen an Mini-Nukes im Kalten Krieg