Machtspiele

Viele Menschen fürchten sich vor „psychisch Kranken“. Oft ist es nur ein Unbehagen, man geht „instinktiv“ auf Distanz. Mitunter äußert sich die Furcht auch in offener Ablehnung. Eine Krankheit ist ein Prozess, den der Betroffene nicht oder allenfalls teilweise kontrollieren kann. Der „psychisch Kranke“ wirkt bedrohlich, weil man vermutet, dass er sich nicht immer hinlänglich im Griff habe. Man rechnet jederzeit damit, dass er etwas Unverantwortliches oder Unvernünftiges tut und dass er dabei womöglich sich und / oder anderen schadet.

Außer Kontrolle? Manche dieser Menschen, die sich als „psychisch krank“ empfinden, spielen mit dieser Furcht. Sie lassen ihre Mitmenschen wissen, dass ihre „psychische Krankheit“ automatisch wieder aufflammen oder sich verstärken könne, wenn man sich nicht sehr rücksichtsvoll um sie kümmere bzw. wenn man ihnen dieses oder jenes verweigere. Die Mitmenschen hätten sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben, da sie, die „Kranken“, ja nichts für ihre „Krankheit“ könnten.

Wer als „Normaler“ an das Konzept der „psychischen Krankheit“ glaubt, ist solchen Erpressungsversuchen hilflos ausgeliefert. Oft ist den Betroffenen gar nicht bewusst, dass sie andere erpressen. Sie haben dieses Motiv verdrängt. Verdrängung ist Selbstbetrug. Denn man kann nichts aus dem Bewusstsein verbannen, wenn man nicht weiß, dass es existiert. Die „psychische Krankheit“ ist somit häufig ein Machtspiel, das gern von relativ Ohnmächtigen gespielt wird, die keine bessere Möglichkeit zu haben glauben, sich mit ihren Anliegen durchzusetzen.

Dass es bei derartigen Machtspielen nicht ohne Blessuren auf allen Seiten abgeht, dürfte sich von selbst verstehen. Der „psychisch Kranke“ kann dann seine Mitmenschen anklagen, sie würden auf einem hilflosen Kranken, der für seinen Zustand nichts könne, erbarmungslos herumtrampeln. Das ist die Munition für weitere Machtspiele. Der Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler, dem die Rolle des Machtstrebens im Feld der „psychischen Krankheiten“ sehr wohl bewusst war, schreibt in seinem Buch „Menschenkenntnis“:

Das Ziel der Überlegenheit ist ein geheimes Ziel. Infolge der Einwirkung des Gemeinschaftsgefühls kann es sich nur im Geheimen entfalten und verbirgt sich immer hinter einer freundlichen Maske (Adler 1927).“

Dieser Einschätzung kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen. Manche „psychisch Kranke“ verbergen ihr Machtstreben keineswegs stets hinter einer freundlichen Maske. Der rasende und tobende „Schizophrene“ ist alles andere als freundlich. Aber er verbirgt sich hinter einer Maske, die der freundlichen zumindest gleichwertig ist, nämlich hinter der Maske der Unschuld. Dies ist einer der Gründe, warum sich manche „psychisch Kranke“ an ihre Diagnose klammern wie an einen Rettungsring. Dank dieser Diagnose gelten sie als nicht voll verantwortlich, als Opfer eines Mechanismus, der sich ihrer Kontrolle entzieht. Dies enthebt sie der Notwendigkeit, ihr Machtspiel hinter einer freundlichen Maske zu spielen.

Solche Machtspiele, bei denen der „Normale“ beinahe unausweichlich der Verlierer und der „psychisch Kranke“ der Gewinner ist, speisen ein Hauptmotiv für das Unbehagen, das viele Menschen in der Gegenwart „psychisch Kranker“ empfinden. Selbstverständlich erzeugen solche Machtspiele Leiden, auch bei den „psychisch Kranken“, weil sie oftmals mit einem zähen Ringen verbunden sind, aber nicht selten leiden die Angehörigen mehr als jene, die angeblich „psychisch erkrankt“ sind.

Diese Position stellt natürlich einen Tabubruch dar. Viele erdulden lieber die Zumutungen ihrer „psychisch kranken“ Angehörigen, als dass sie sich dem Zorn hingeben, der sie ergreifen müsste, wenn sie sich die Wahrheit eingestehen würden. Viele meinen, durch solche Überlegungen gäbe man den „psychisch Kranken“ die Schuld. Doch das ist keineswegs der Fall. Mitunter leben die Betroffenen unter so misslichen Lebensbedingungen, dass ihnen kaum etwas anderes übrig bleibt, als das Machtspiel der „psychisch Kranken“ zu spielen.

Dennoch: trotz aller mildernden Umstände haben die „psychisch Kranken“ natürlich die Verantwortung für sich selbst. Man sollte sich, bevor man von „psychisch Kranken“ spricht, lieber die sozialen Systeme genauer anschauen, in denen derartige Phänomene auftauchen. Aus meiner Sicht entscheiden sich die betroffenen Individuen zwar, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen, aber sie unterliegen dabei meist sozialen und ökonomischen Bedingungen, die ihnen wenig Alternativen bieten.1

Was bleibt beispielsweise einer Frau mit einem lieblosen Ehemann, außer Rand und Band geratenen Kindern und mobbenden Kollegen am Arbeitsplatz denn anderes übrig, als „depressiv“ zu werden? Die „psychische Krankheit“ kann durchaus die Sprache sein, mit der man berechtigte Ansprüche anmeldet. Machtspiele sind an sich nichts Schlechtes. Auch ihre Missdeutung als „psychische Krankheit“ kann hilfreich sein, wenn die Aufdeckung ihrer systemischen Ursachen fruchtlos wäre, weil man die Verhältnisse ja doch nicht zu ändern vermag.

Hier geht es nur darum, offensichtliche Sachverhalte beim Namen zu nennen, vor denen man nur zu gern die Augen verschließt. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, Schuld zuzuweisen. Ebenso wenig aber gibt es einen vernünftigen Grund, Verantwortung zu bestreiten. Außer Kontrolle? Jeder, der sie sehen will, kann die systemischen Faktoren erkennen, die Menschen geneigt stimmen, derartige Machtspiele zu spielen. Dennoch sind die Menschen diesen Systemeffekten nicht ausgeliefert wie Reaktionsautomaten. Begriffe man sie als Reaktionsautomaten, so würde dies eine einseitige Schuldzuweisung implizieren: Verantwortlich wären dann Familie, Arbeitgeber, Schule, Behörden oder die Psychiatrie, beispielsweise. Dass niemand hilflos systembedingten Zwängen ausgeliefert ist, beweisen jene Menschen, die unter vergleichbaren Bedingungen andere Wege als „psychisch kranke“ Machtspiele gefunden haben, sich Geltung zu verschaffen. Der Einwand, dass die einen durch biologische Einflussgrößen davor geschützt und die anderen dazu gedrängt würden, „psychisch krank“ zu werden, wird durch die Tatsache entkräftet, dass es trotz jahrzehntelanger Forschung mit modernen Methoden nicht gelungen ist, solche Faktoren zu identifizieren.

Literatur

Adler, A. (1927, 1993). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Psychologie Fischer, Fischer Taschenbuch Verlag

***

Häufig dürfen sie sich tatsächlich keine Hoffnung machen, dass konstruktive Lebensentwürfe anerkannt oder gar belohnt würden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.