Luther

Luther sei ein streitbarer Augustinermönch gewesen, sagte Angela Merkel unlängst in einer Rede zum Luther-Jahr. Das war er, in der Tat. Streitbar war er auch gegen Juden und Muslime, so dass wir ihn nach heutigen Maßstäben wohl als Antisemiten und Islamophoben bezeichnen müssen.

Dies ist inzwischen auch selbst dem gutgläubigsten Kirchenschaf bewusst. Und man glaubt zu wissen, dass Antisemitismus und Islamophobie nicht nur schlecht im Allgemeinen, sondern auch unchristlich im Besonderen seien. Dieses Bewusstsein erzeugt eine kognitive Dissonanz. Wie konnte der grundgute Luther zugleich und unvermindert ein so böser Mensch sein?

Unser Geist leidet unter kognitiven Dissonanzen. Sie werden als quälend empfunden. Er versucht, sie aufzulösen. Wir suchen nach einfachen und zugleich stimmigen Erklärungen. Da die Wirklichkeit vielschichtig ist, springen diese meist nicht gerade ins Auge. Deswegen muss man die Augen solange reiben, bis sie tränen und so nur ein unscharfes Bild wiedergeben.

Und das kommt dann im Fall Luthers dabei heraus: Der Reformator sei im Kern ein guter Kerl, aber auch ein Kind seiner Zeit gewesen. Der Zeitgeist war also für seine antisemitischen und antimuslimischen Entgleisungen verantwortlich.

Ach, so war das also! Wir müssen demgemäß nur noch den Zeitgeist abschälen wie die obere, unansehnliche Haut einer Zwiebel – und schon kommt ein Luther hervor, den man unbesorgt verehren und feiern darf.

Allein, der Zeitgeist ist kein Ding und erst recht keine Person, die absichtsvoll handeln und Menschen beeinflussen könnte. Er ist ein Abstraktum. Wir heben vorherrschende Denkweisen eines raumzeitlichen Gebildes menschlicher Aktivität hervor und nennen sie „Zeitgeist“. Die Leute dachten damals einfach so, meinen wir damit.

Und sie dachten so, weil sie so waren. Luther hatte keinen „guten Kern“, der aus anderem Stoff gemacht war als das antisemitische und islamophobe Gewand, das nur der gängigen Mode entsprach. Luther war aus dem Garn der christlich-abendländischen Kultur gestickt, auf die wir uns so gern berufen, wenn wir vollmundig von „europäischer und christlicher Leitkultur“ sprechen.

Religionen sind Erzählungen. Sie sagen uns, was gut und was böse ist. In Klassengesellschaften läuft dies in Prinzip darauf hinaus, die ungleiche Verteilung von Macht und Wohlstand als etwas im Grunde Gutes darzustellen. Religionen erzählen uns aber nicht nur, was gut und was böse ist, sondern auch, wer die Guten und wer die Bösen sind. Schlussendlich sind natürlich wir, die Gläubigen die Guten, sofern wir unserem Glauben treu bleiben und die Bösen sind die Anderen, wenngleich es natürlich immer wieder sehr seltene Ausnahmen gibt.

Solche Erzählungen, die den Raum der moralischen Gefühle betreffen und mit denen wir schon in jungen Jahren konfrontiert werden, sind hartnäckig. Auch wenn wir uns rational bereits von der Religion, mit der wir aufwuchsen, abgewandt haben, bleibt der emotionale Untergrund bestehen, oft unbewusst.

Ob ihm dies nun gefällt oder nicht: Wer Luther als guten Kerl mit zeitbedingten Abirrungen feiert, beschönigt damit im Grunde sich selbst. Es ist der eigene, intellektuell unredliche Umgang mit den christlich-abendländischen Feindbildern, der hier gefeiert wird.

Was ist angesichts solcher Überlegungen von der „bedingungslosen Solidarität mit Israel“ zu halten, von dem Bekenntnis, dass die Sicherheit dieses Staats zur deutschen Staatsräson gehöre? Unbedingte Standpunkte in einer unvorhersehbaren, unberechenbaren Welt ließen mich schon immer skeptisch werden. Eine unverrückbare Flagge wird in schwankenden Boden gerammt. Man riecht förmlich das verzweifelte Bemühen, mit dem eigenen, verdrängten, verleugneten emotionalen Untergrund zu recht zu kommen.

Abwehr
Ein Charakteristikum von massiven psychischen Abwehrprozessen ist die resultierende eingeschränkte Fähigkeit zur Differenzierung im Urteil.

Unsere Solidarität gebührt Israel, weil es auf der Leiter der Zivilisation um einige Stufen höher geklettert ist als all seine Feinde. Stiege es auf dieser Leiter wieder herab auf das Niveau seiner Widersacher, müsste diese Einschätzung neu bedacht werden.

Nicht zu vergessen: die Willkommenskultur. Sie war ja verbunden mit einer kommunikativen Unkultur gegenüber Andersdenkenden. Es waren vor allem Muslime, die da mit offenen Armen begrüßt wurden. Wer da nicht mitspielen wollte, wurde ohne weitere Prüfung des Sachstands zum Nazi erklärt.

Auch dieses Phänomen lässt alle roten Lämpchen aufleuchten. Ich schrieb bereits: Ein Charakteristikum von massiven psychischen Abwehrprozessen ist die resultierende eingeschränkte Fähigkeit zur Differenzierung im Urteil.

Wenn man die Rede der Kanzlerin zum Luther-Jahr liest, so könnte man den Eindruck gewinnen, dieser wackere Mann sei ein Vorreiter des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats. Und wäre der Zeitgeist nicht gewesen…

Was nun die Herzlichkeit betrifft, mit denen Muslime willkommen geheißen werden, so darf man sie, moralisch einwandfrei, durchaus auch von der Sprosse auf der oben erwähnten Leiter, die sie einnehmen, abhängig machen. So viel Differenzierung muss sein und tut not – auch wenn sie denjenigen schwerfällt, die ihr christlich-abendländisches kulturelles Erbe mental noch nicht verarbeitet haben.

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