Lob der empirischen Psychologie

Als Heilmittel gegen die Parawissenschaft der Psychiatrie1)Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft möchte ich die empirische Psychologie ins Spiel bringen. Sie ist selbstverständlich noch keine reife Wissenschaft wie die Physik oder die Chemie, und sie ist auch keine altehrwürdige Wissenschaft wie die Philosophie, aber sie ist, wenn es um praktische Fragen geht, das Beste, was uns zur Verfügung steht.

Leider verabscheuen viele Leute die empirische Psychologie. Persönlichkeits-, Intelligenz- und Leistungstests beispielsweise sind ihnen ein Gräuel. Sie würden den Menschen nicht gerecht. Dessen Seele könne und dürfe man nicht vermessen. Viel besser seien Entscheidungen, die auf Fingerspitzengefühl, Intuition und persönlicher Erfahrung beruhten.

Es hilft meist wenig, wenn man solchen Leuten sagt, dass Entscheidungen, die auf Fingerspitzengefühl, Intuition und persönlicher Erfahrung beruhen, meist erheblich schlechter sind als Entscheidungen, die auf Grundlage von Tests und mathematischen Modellen gefällt werden.2)Hastie, R; Dawes, R. (2010). Rational Choice in an Uncertain World: The Psychology of Judgment and Decision Making. Thousand Oaks, CA: Sage Publications, Inc.

Diese Menschen sind beseelt von der Reinheit ihres Gefühls; sie leben in einer zahlenlosen Welt; sie können verdammt zornig, zumindest aber sehr störrisch werden, wenn man sie mit den Fakten konfrontiert.

Und so möchte ich ein sehr drastisches und fiktives Beispiel wählen, in der Hoffnung, damit auch das bekanntlich sehr dicke Fell der dünnhäutigen, dem Feinstofflichen zugewandten Menschen zu durchdringen.

Nehmen wir einmal an, es würden Freiwillige für ein sehr riskantes Abenteuer gesucht. Aus Erfahrung mit Projekten dieser Art weiß man, dass nur zwanzig von hundert Kandidaten ein solches Unterfangen überleben werden. Es gilt also, durch ein geeignetes Selektionsverfahren jene Wagemutigen herauszufinden, die dieses Abenteuer mit der höchsten Wahrscheinlichkeit lebend überstehen können.

In unserem Beispiel wollen wir ein Team aus zehn Personen für dieses Projekt auswählen. Die Korrelation zwischen dem Ergebnis des Selektionsverfahrens und dem erfolgreichen Überstehen des Abenteuers bezeichnen wir als die Validität des Instruments.

  • Ein Verfahren besteht darin, die Teilnehmer auszulosen. Jeder hat die gleiche Chance, ausgewählt zu werden. Damit liegt die Validität bei null. Dies bedeutet: Von den zehn Mitgliedern des Teams kehren zwei lebend zurück.

  • Die Validität eines zweiten Selektionsinstruments beziffere sich auf .35. Dies bedeutet, dass vier von zehn Personen das Abenteuer lebend überstehen.

  • Ein drittes Verfahren zeichnet sich durch eine Validität von .65 aus. Dann dürfen wir sechs von zehn Personen lebend zurückerwarten.3)Berechnung siehe: Taylor, H. C. & Russell, J. F. (1939). The relationship of validity coefficients to the practical effectiveness of tests in selection: Discussion and tables. Journal of Applied Psychology, 1939, 23, 565-578.

Es macht schon einen Unterschied, ob wir acht oder vier Personen in den Tod schicken.

Man möge mich nicht falsch verstehen: Ich wünsche mir weder, dass Menschen sich solchen Risiken aussetzen und erst recht nicht, dass wissenschaftlich erforscht werden muss, wie die Überlebensraten in Abhängigkeit von den Selektionskriterien aussehen.

Dieses Beispiel habe ich gewählt, um zu demonstrieren, dass Rationalität bei Entscheidungen Leben retten und dass die maximal mögliche Rationalität nicht ohne Mathematik und empirische Forschung verwirklicht werden kann.

Wenden wir uns der Psychotherapie zu. Für manche handelt es sich hier nicht nur um eine heilende, sondern gleichsam um eine heilige Begegnung zwischen zwei Menschen. Jedes Individuum sei einmalig und jeder Fall sei einzigartig. Ob eine Psychotherapie hilfreich gewesen sei, könne man nicht mit schnöder Statistik und seelenlosen Tests beurteilen. Hier gehe es schließlich um subtile, um feinstoffliche Effekte, die sich der groben Messung entzögen.

Als zur Nüchternheit tendierender Mensch erlaube ich mir dennoch, darauf hinzuweisen, dass auch Feinstoffliches Geld kostet. Geld ist eine Ressource, mit der man pfleglich umgehen soll, was auch viele Feinstoffliche gern beherzigen. Daher wird man wohl nicht umhinkommen, sich einmal etwas genauer anzuschauen, welche Form der Psychotherapie ihre feinstofflichen, ganz zu schweigen von den grobstofflichen, Wirkungen am kostengünstigsten hervorbringt.

Die empirische Psychologie hat sich dankenswerterweise auch dieser Frage angenommen. Die Befunde wurden beispielsweise von Robyn Dawes zusammengetragen. Es zeigte sich, dass psychotherapeutische Laien keine schlechteren Ergebnisse erzielen als Profis.4)Dawes, Robyn (1996). House of Cards: Psychology and Psychotherapy Built on Myth. New York: Free Press

Da also der Erfolg einer Psychotherapie nicht von der Art des Studiums und der Therapieausbildung abhängt, könnte man durchaus darauf verzichten, von Psychotherapeuten zu verlangen, dass sie zuvor kostspielige Studiengänge und Trainings durchlaufen, bevor sie in diesem Beruf tätig werden dürfen. Das bringt ja doch nichts, verschlingt aber Unsummen.

Weniger „qualifizierte“ Leute könnten und würden auf einem freien Markt ihre Dienstleistungen auch billiger anbieten, ohne dass deswegen von ihnen schlechtere Ergebnisse zu erwarten wären. Dass Krankenkassen trotz eindeutiger Befundlage hier stillhalten, ist allerdings vielleicht doch nicht jenes gewaltige Rätsel, das es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Die große Masse der Menschen, die in der Solidargemeinschaft der Versicherten zusammengefasst sind, weiß von all dem nichts: Und was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß.

Es ist nicht unmenschlich, kalt und seelenlos, mit quantitativen Methoden Licht in menschliche Verhältnisse zu bringen. Erstaunliches kommt zum Vorschein, und mit diesen Erkenntnissen kann man zum Wohl der Menschen wirken. Methodisch einwandfreie Studien der empirischen Psychologie sind nichts Böses, sondern sie sind Voraussetzung des Guten.

Allerdings, dies räume ich ein, kann man die Ergebnisse solcher Studien auch missbrauchen, wenn man Schlüsse aus ihnen zieht, die angesichts des Untersuchungsdesigns und der Daten nicht gerechtfertigt sind.

So ist es beispielsweise abwegig, aus Unterschieden der durchschnittlichen Intelligenzquotienten zu folgern, dass es kluge und dumme „Rassen“ gäbe. Ebenso bizarr ist es, aus Korrelationen zwischen Verhaltensmustern und Hirnparametern abzuleiten, die so genannten psychischen Krankheiten würden durch Hirnanomalien verursacht. Absurd ist es auch zu behaupten, die so genannten bipolaren Störungen teilweise angeboren seien, weil die Konkordanzraten bei eineiigen Zwillingen höher ausfielen als bei zweieiigen.

Leider neigen auch empirische Psychologen zu derartigen Fehlinterpretationen von Daten, obwohl sie es, dank ihrer Ausbildung, eigentlich besser wissen müssten.

Nicht ungerechtfertigt ist es aber, von zwei Selektionsverfahren jenes auszuwählen, dass die beste prognostische Validität besitzt und berechtigt ist es auch, sich für die kostengünstigste Variante von Psychotherapie zu entscheiden.

Von der empirischen Psychologie darf man, jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt, keine überwältigenden Einsichten in das Wesen des Menschen erwarten, wohl aber bietet sie pragmatische Orientierungen für die Wechselfälle des praktischen Lebens. Es gibt guten Grund, jene Experten, die sich auf ihre Intuition, auf ihr Fingerspitzengefühl, auf Erkenntnisse höherer Ebenen berufen, zum Teufel zu jagen, wenn sie sonst nichts Handfestes zu bieten haben.

Dies gilt natürlich auch für all die Hokuspokus-Psychologen, die sich aufs esoterische Pferd geschwungen haben und sich über Wirksamkeitsnachweise ihrer Verfahren erhaben wähnen. Und dies trifft gleichermaßen auf jene angeblich wissenschaftlich arbeitenden Psychologen zu, die „methodenkritisch“ quantitative Methoden verschmähen, aber über keine nachweislich besseren Alternativen verfügen.

Die Schwächen der empirisch psychologischen Forschungsmethoden sind bekannt; man könnte Bücher mit ihnen füllen. Sie würden wesentlich besser funktionieren, wenn Menschen Naturgegenstände wie Moleküle oder Automaten wie Computer wären… und nicht so schrecklich unberechenbar, wie sie es manchmal tatsächlich sind.

Doch wenn man stattdessen wortreiche Bücher schreibt, in denen über das Wesen des Menschen spekuliert wird, dann setzt sich letztendlich jener durch, der das ausgefeilteste rhetorische Geschick besitzt (auf Deutsch: der am besten labern kann); und das ist für mich keine wünschenswerte Alternative zur sicher fehlbaren (und missbrauchbaren) empirischen Forschung.

Was zählt, sind die Zahlen. Das sagt ja schon ihr Name. Nicht die „Vermessung der Seele“ ist unmenschlich; inhuman aber können die Zwecke sein, die damit angestrebt werden. Die Welt ist rätselhaft, daran kann auch die empirische Psychologie nichts ändern. Aber immerhin kann sie uns mitunter vor falschen Entscheidungen bewahren. Mag nämlich die Welt auch voller ungeklärter, vielleicht auch unerklärbarer Geheimnisse stecken, so ist sie dennoch kein reines Chaos, sondern sie unterliegt Regelmäßigkeiten, die enthüllt werden können, zumindest teilweise.

Die empirische Psychologie ist, wie jede empirische Wissenschaft, ausgesprochen antiautoritär. Im Lichte der Forschung betrachtet zählen die Lehrmeinungen der Gelehrte nämlich nicht. Es kommt auf Fakten an. Natürlich sind auch in der empirischen Psychologie autoritäre Muster nur zu gut bekannt; doch diese beruhen auf außerwissenschaftlichen Einflüssen.

Je weiter eine Wissenschaft sich jedoch vom Richterstuhl der Fakten entfernt, desto klarer tritt Autorität als innerwissenschaftliches Kriterium hervor. Welchen anderen Maßstab beispielsweise für die Stimmigkeit einer Interpretation von Goethes Faust könnte es denn geben als die Autorität des Interpreten? Wenn es um Goethes Faust geht, mag man das hinnehmen. Falls aber zum Beispiel die menschliche Freiheit auf dem Spiel steht, dann reicht mir die Autorität eines Psychiaters nicht, der einen Menschen zum „psychisch Kranken“ und für „gefährlich“ erklärt.

Auch geisteswissenschaftliche Psychologen, die jeden Einzelfall in seiner Besonderheit würdigen möchten und das quantitative Vorgehen als amerikanische Abirrung verschmähen, möchte ich nicht am Werke sehen, wenn menschliche Schicksale ernsthaft betroffen sind.

Sagen wir es deutlich: Die überwiegende Mehrheit der Psychiater und der Psychologen stehen heute de facto der Esoterik näher als der Wissenschaft. Empirische Methoden werden zwar angewendet, aber nicht selten nur – bewusst oder unbewusst verfälschend -, um Vorurteile zu bestätigen, und nicht, um sie zu falsifizieren. Die Forschung soll die Autorität erhöhen und nicht so weit wie möglich ersetzen.

Wer aber so arbeitet, begründet keine echte Autorität, er maßt sie sich nur an. Weit davon entfernt, die natürliche Autorität des Könners zu bestreiten, bekämpfe ich doch mit aller Entschiedenheit die falsche Autorität der rhetorisch Gewitzten (auf Deutsch: der Schwätzer).

PS: Natürlich ist auch im Reich der empirischen Psychologie nicht alles Gold, was glänzt. Leider verstößt man auch hier gewohnheitsmäßig gegen eherne Regeln der Wissenschaft. Zu diesen zählt die Notwendigkeit der Replikation. Dies heißt: Wer wissenschaftlich ernst genommen werden will, verlässt sich nicht auf den Befund einer Studie. Es ist unbedingt erforderlich, Experimente zu wiederholen. Erst wenn unterschiedliche, voneinander unabhängige Forscherteams ein Experiment reproduzierten und zu denselben Resultaten gelangt sind, kann man diese als empirisch erhärtet betrachten. Leider sind solche Replikationen in der empirischen Psychologie eher die Ausnahme als die Regel.5)Matthew C. Makel, Jonathan A Plucker & Boyd Hegarty (2012). Replications in Psychology Research: How Often Do They Really Occur? Perspectives on Psychological Science, 7(6) 537-542 Man kann sich mit der schnöden Wiederholung eines Experiments nun einmal keine Sporen verdienen. Karriere macht man nur, wenn man „bahnbrechend Neues“ auf den Markt bringt. So wird leider oft Irrelevantes und mutmaßlich Falsches angehäuft. Doch in diesem Haufen Mist findet man auch immer wieder wahre Perlen, nämlich gut abgesicherte Ergebnisse. Das tröstet ungemein.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft
2.Hastie, R; Dawes, R. (2010). Rational Choice in an Uncertain World: The Psychology of Judgment and Decision Making. Thousand Oaks, CA: Sage Publications, Inc.
3.Berechnung siehe: Taylor, H. C. & Russell, J. F. (1939). The relationship of validity coefficients to the practical effectiveness of tests in selection: Discussion and tables. Journal of Applied Psychology, 1939, 23, 565-578.
4.Dawes, Robyn (1996). House of Cards: Psychology and Psychotherapy Built on Myth. New York: Free Press
5.Matthew C. Makel, Jonathan A Plucker & Boyd Hegarty (2012). Replications in Psychology Research: How Often Do They Really Occur? Perspectives on Psychological Science, 7(6) 537-542