Lieber unglücklich als feige?

Es sollte eigentlich jedem halbwegs verständigen Menschen klar sein, dass beispielsweise ein Zwangsgedanke etwas anderes ist als ein Furz, den man beim besten Willen nicht zu unterdrücken vermag. In beiden Fällen scheint sich ein Ereignis der eigenen Kontrolle zu entziehen, aber dennoch sind die Unterschiede zwischen Gedanken und Fürzen doch unübersehbar, selbst wenn uns ein Gedanke stinkt, obwohl wir nicht von ihm lassen können.

Die meisten Menschen werden auch einräumen, dass die menschliche Seele nicht mit dem Darm zu vergleichen ist, selbst dann, wenn diese Menschen, als wackere Materialisten, davon überzeugt sind, dass ihre Psyche eine Funktion ihres Gehirns, also eines körperlichen Organs sei, das natürlich zumindest in dieser Hinsicht mit dem Darm übereinstimmt.

Es bedarf keiner philosophischen Schulung und auch keiner ausgefeilten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, um sich der Tatsache zu vergewissern, dass unser Seelenleben von körperlichen Prozessen kategorial unterschieden ist, ganz gleich, ob wir es als Produkt des Nervensystems oder als Ausfluss einer unabhängigen Sphäre des Geistes betrachten.

Ein Furz ist nicht in der gleichen Weise mein Furz wie ein Gedanke mein Gedanke ist. Der Gedanke trägt seine Bedeutung in sich selbst, wohingegen erst ein Gedanke dem Furz eine Bedeutung zu verleihen vermag. Selbst wem dies nicht auf den ersten Blick plausibel erscheinen vermag, der wird bei genauerem Hinschauen doch nicht umhinkommen, einzuräumen, dass hier keineswegs nur oberflächliche Unterschiede die Tatsache einer grundsätzlichen Gemeinsamkeit von Furz und Gedanken verschleiern, sondern dass es sich hier vielmehr de facto um einen kategorialen Unterschied handelt.

Es ist nicht erforderlich, dies philosophisch auseinanderzulegen. Jeder würde die Vorstellung, unsere Gedanken entwichen unserem Hirn wie Fürze unserem Darm, als abwegig einstufen. Dennoch empfinden auch jene Menschen, die sich durch genaueres Hinschauen mit dieser Erkenntnis ausgerüstet haben, es nicht als befremdlich, wenn von „psychischen Krankheiten“ gesprochen wird, wenn also Probleme im Reich des Seelischen mit körperlichen Störungen gleichgesetzt werden.

Es geht hier nicht darum zu bestreiten, dass Gedanken Produkte des Gehirns seien; sie sind es auch aus meiner Sicht. Aber es handelt sich bei den Gedanken um eine andere, eine grundsätzlich andere Art körperlicher Produkte als bei den Ausscheidungen unseres Darms.

Manche werden einwenden, dass mit dem Begriff „psychische Krankheit“ keineswegs eine solche Gleichsetzung beabsichtigt, sondern nur gemeint sei, dass ein Mensch unter einem seelischen Zustande leide, ihn sich nicht erklären könne und nicht in der Lage sei, ihn aus eigener Kraft zu überwinden, so dass er des Arztes oder eines anderen Helfers bedürfe.

Doch allein, Leiden und Hilflosigkeit rechtfertigen noch nicht den Begriff der Krankheit. Wenn ich, mich mit einer Hand an Wurzelwerk festhaltend, über dem Abgrund schwebe, dann leide ich auch, körperlich und seelisch, doch niemand käme auf die Idee, mich deswegen für krank zu halten, auch wenn ich nichts dringender brauchte als den rettenden Arm, weil mich schon bald meine Kräfte verlassen werden. Wer in beschriebener Lage schwebend abzustürzen droht, der leidet und braucht Hilfe, ist aber ersichtlich nicht krank, sondern in Not.

Zwar sind auch Kranke in Not, aber nicht jeder, der in Not ist, leidet unter einer Krankheit. Zu leiden und in Not zu sein, ist also bei genauerem Hinschauen, kein ausreichender Grund, um von einer Krankheit zu sprechen.

Genau dies ist das Motiv, warum die moderne Psychiatrie seit ihrer Geburt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, mit ungebrochenem Eifer nach Hirnprozessen sucht, die angeblich den so genannten psychischen Krankheiten zu Grunde liegen. Und nur, wenn man ihr die bisherige grandiose Erfolglosigkeit dieses Unterfangens unter die Nase reibt, dann fabuliert die moderne Psychiatrie sich ersatzweise einen „psychologischen Krankheitsbegriff“ herbei, um die Gemüter zu beruhigen.

Das Dilemma der Psychiater ist leicht zu erkennen und daher ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass sie sich an den Begriff der „psychischen Krankheit“ klammern, denn ohne ihn wären sie ja für seelisches Leiden nicht zuständig und könnten damit auch nicht ihr Einkommen generieren, wobei es sich um eine Tätigkeit handelt, an deren Früchten man sich zweifelsfrei erfreuen kann, so dass die Hartnäckigkeit des Festhaltens am Begriff „psychische Krankheit“ in den Modellen der psychologischen Lerntheorie durchaus eine gefällige Erklärung zu finden vermag.

Doch bei den Menschen, die keine Psychiater, sondern bereits Patienten der Psychiatrie sind oder jederzeit werden könnten, sieht die Interessenlage anders aus. Für sie gibt es keinen finanziellen Anreiz, sich mit Klauen und Zähnen am Begriff „psychische Krankheit“ festzuklammern – es sei denn, sie wollten sich wegen einer solchen frühverrenten lassen.

Wenn wir also von solchen randständigen ökonomischen Gründen einmal absehen, generiert die „psychische Krankheit“ beim Patienten kein Einkommen, vielmehr besteht ein nicht unerheblicher Teil seiner Lebenshaltungskosten via Krankenversicherung sogar aus dieser Position.

Früher dachte ich, dass Menschen den Terminus „psychische Krankheit“ verwenden wie die Begriffe Tisch, Stuhl und Nierenversagen, weil ihnen die entsprechende Ideologie, das seelisches Leiden eine Krankheit sei und des Arztes bedürfe, von Kindesbeinen an eingehämmert wurde. Heute habe ich erhebliche Zweifel daran, dass Ideologisches, wenngleich sicher nicht unbedeutend, zur alleinigen Erklärung dieses Phänomens ausreicht.

Früher frönte ich allerdings auch einem idealistischen Menschenbild und neigte dazu, wenn Menschen von diesem abwichen, geheime Verführer und Demagogen dafür verantwortlich zu machen. Inzwischen hat der Zahn der Zeit an diesem Menschenbild genagt.

Ich will ein Beispiel geben: Luisa fühlt sich traurig und leer, oft ist sie den Tränen nahe, nichts macht ihr mehr Freude, sie findet nur noch schwer in den Schlaf, sie ist verlangsamt und ihr Kopf fühlt sich an, als sei er mit Watte vollgestopft worden.

Mit ihrem innen Ohr hört sie die Stimme ihrer längst verstorbenen Mutter: „Kind, reißt dich am Riemen, lass dich nicht so hängen, mach was aus deinem Leben, dann geht’s dir auch wieder besser, der Egon war sowieso nicht der Richtige für dich… Aber ich habe dir ja schon immer prophezeit, dass es mit dir einmal ein böses Erwachen gibt, du kommt doch irgendwie nach deinem Vater…“.

Luisa könnte sich nun aufraffen, die Zähne zusammenbeißen, sich dazu zwingen, ihrem Leben eine entscheidende Wendung zu geben, um ihre Mutter Lügen zu strafen und Charakterstärke unter Beweis zu stellen. Allein, es will ihr nicht gelingen, noch nicht einmal ein entsprechender Vorsatz mag in ihr aufkeimen.

Auf den ersten Blick gibt es keinen vernünftigen Grund, warum man daraus nicht schließen sollte, dass Luisa tatsächlich charakterschwach sei, genauso, wie es ihre eigene Mutter schon immer empfunden und offen ausgesprochen hat. Luisa selbst kann sich zunächst dieser Einsicht kaum verschließen und so muss es wohl nicht eigens erwähnt werden, wie sich dies auf ihre Seelenlage auswirkt.

Das Schlimme: Luisa weiß, in den tiefsten Tiefen ihrer Seele, dass sie über alle inneren Hilfsquellen verfügt und dass auch ihre Lebenssituation Chancen in Fülle bietet, um das Ruder wieder herumzureißen – allein, dumpfen Antrieben folgend lässt sie sich treiben wie ein Blatt im Wind.

Das muss nicht sein. Sie hat diverse Möglichkeiten, sich aus ihrer Situation herauszulügen, ohne dass sie sich der Qual unterziehen müsste, ihren dumpfen Antrieben Paroli zu bieten.

  • Sie geht also zunächst zum Psychiater. Dieser sagt: „Nein, sind sind nicht charakterschwach. Sie leiden unter einem gestörten Hirnstoffwechsel. Dafür können Sie nichts. Nehmen Sie nach Anweisung diese Pillen, dann wird es Ihnen schon bald besser gehen.“
  • Luisa möchte sich nicht als hinkrank abstempeln lassen. Bei ihrem Psychiater ist ihr ohnehin das Psychische zu kurz gekommen. Daher geht sie nun zu einer psychologischen Psychotherapeutin, die ihr die beste Freundin empfohlen hat. Die Psycho-Dame sagt: „Nein, Sie sind nicht charakterschwach. Aus ihren Erzählungen, Ihrer Mimik, Ihrer Haltung schließe ich, dass Sie als Kind schwer traumatisiert wurden. Wie war denn eigentlich Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?“
  • Luisa hat aber eher ein gespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter, die ihr, obwohl schon lange tot, immer noch mit Vorhaltungen und Abwertungen ihrer Person auf der Seele liegt. Davon jedoch will die psychologische Psychotherapeutin so recht nichts wissen. Also entscheidet sich Luisa schließlich, nach der Lektüre eines bunten Blattes im Wartezimmer ihres Zahnarztes, einen Heilpraktiker aufzusuchen. Und dieser spricht also: „Nein, Sie sind nicht charakterschwach. Ihre Depression ist die Folge ungünstiger Erdstrahlen in ihrer Wohnung einerseits und einer Konstellation der Gestirne, die sie dafür empfänglich macht, andererseits.“

Was Luisa niemals hören wird, zu welchem Helfer auch immer sie noch gehen wird, ist genau das, was sie eigentlich hören möchte, weil sie schließlich „depressiv“ ist und genau deswegen braucht sie das, sie braucht einen, der ihr sagt:

„Ihre Mutter hatte doch recht!“

Darum erstaunt es uns auch nicht, wenn wir erfahren, dass Luisa sich zu einer Therapeuten-Touristin entwickelt hat und inzwischen auch schon in einer indischen Ayurveda-Klinik sowie bei den indianischen Trommlern in Arizona war. Doch keiner, niemand, niemand wollte sich dazu verstehen, ihr die ersehnte Wahrheit ins Gesicht zu sagen:

„Ihre Mutter hatte natürlich recht. Guck dich doch nur an, du Zicke.“

Denn so etwas sagt man einfach nicht. So etwas sagt man doch einer schwer leidenden, selbstmordgefährdeten Frau nicht, selbst wenn die „Betroffene“ sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich den wahren Grund für ihr Leiden zu erfahren: Feigheit. Selbstzerstörerische, ansteckende Mutlosigkeit.

Luisa sagt, sie ginge Tag für Tag durch die Hölle. Dann kann ja diese wenig schmeichelhafte Einsicht eigentlich auch keine Steigerung des Leidens mehr bringen. Warum sich ihr also verschließen? Doch, gemach! Wer wird denn gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Vielleicht ist die Feigheit ja das Symptom einer Krankheit, die auf einem gestörten Gehirnstoffwechsel, verbunden mit sexuellem Missbrauch durch den Vater sowie dem ungünstigen Einfluss von Erdstrahlen beruht, wobei die ungünstige Konstellation der Gestirne noch erschwerend hinzukommt.

Ja, und wenn nicht? Macht das einen Unterschied? Die Feigheit bleibt. Die Weigerung, das Leben zu akzeptieren, so wie es ist, bleibt auch. Die Feigheit ist’s, die klar ins Licht tritt, wenn alle medizinischen und esoterischen Hilfskonstruktionen zur Rettung des Selbstwertgefühls in sich zusammenbrechen.

Und was sich zudem zeigt, ist noch viel schlimmer: Es ist nicht verboten, die Feigheit zu überwinden.

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