Leidenschaftliche Liebe zur Psychiatrie

Viele sehen in mir den fundamentalistischen Psychiatriekritiker, einige verorten mich gar in der „antipsychiatrischen Ecke“ und so wird es manche überraschen, von mir zu hören, dass ich in Wirklichkeit ein leidenschaftlicher Befürworter der Psychiatrie bin (mit Ausnahme der Zwangspsychiatrie, die ich fanatisch ablehne).

Für meine durch und durch wohlwollende Einstellung zur freiwillig beanspruchten Psychiatrie sind insbesondere zwei Gründe verantwortlich:

  1. Als konservativer Linker bin ich Anhänger einer Philosophie der Freiheit. Die individuelle Freiheit sollte aus meiner Sicht nicht durch willkürliche staatliche Verbote, durch unziemlichen sozialen oder ökonomischen Druck beschränkt werden. Ihre Verwirklichung darf allerdings nicht zu Lasten der Freiheitsrechte anderer erfolgen; daher ist die soziale der individuellen Freiheit übergeordnet. Jeder Mensch sollte einen individuellen Freiheitsspielraum zugeordnet bekommen, in dem er nach Gutdünken schalten und walten kann, wobei dieser Freiheitsspielraum seine Grenzen an den ebenso berechtigten Freiheitsspielräumen anderer findet.
    Und so bleibt es jedem erwachsenen Menschen überlassen, selbst zu entscheiden, welche Produkte und Dienstleistungen er für sich in Anspruch nehmen will. Dies gilt natürlich auch für die Angebote der Psychiatrie und Pharmaindustrie. Es wäre ja auch ein Widersinn, wenn ich einerseits,
    gemäß meiner konservativ linken Grundhaltung, die Freigabe aller Drogen fordere, andererseits aber das Verbot von Psychopharmaka propagieren würde.
  2. Gemessen an ihrem Anspruch, „psychische Krankheiten“ zu diagnostizieren, zu heilen oder zu lindern, ist die Leistungsbilanz der Psychiatrie grottenschlecht. Die diagnostischen Verfahren sind nicht valide, die Psychotherapien nicht effektiver als Placebobehandlungen, die „Medikamente“ entweder nicht wirksamer als Zuckerpillen oder sie rufen schwer wiegende neurologische Störungen bzw. Abhängigkeiten hervor.
    Obwohl ich niemanden daran hindern will, sich nach Gusto in eine psychiatrische Behandlung zu begeben, so werde ich nicht müde, darauf hinzuweisen, dass hier das Preis-Leistungs-Verhältnis ganz und gar nicht stimmt. Auch wenn die Kasse die Behandlungskosten übernimmt, so zahlen wir letztlich doch alle dafür.
    Wählt man jedoch einen realistischeren Maßstab als den einer Krankenbehandlung (nämlich den der Repression), so zeigt sich, dass die Psychiatrie hochgradig effektiv ist.
  3. Dafür spricht eindeutig und unmissverständlich die Tatsache, dass sie in großer Zahl „Patienten“ hervorbringt, die sich „krankheitseinsichtig“ zeigen, die brav ihre „Medikamente“ schlucken, die sich mit ihrer Hilfe in die ihnen zugedachte gesellschaftliche Rolle als „psychisch Kranke“ fügen; kurz, viele, die vor einer Behandlung gestört haben und eventuell darunter litten, stören nach einer Behandlung nunmehr etwas weniger oder gar nicht mehr und dadurch wurde womöglich auch ihr Leiden gelindert.
    Ob sie im Sinne eines
    gelingenden Lebens tatsächlich geheilt wurden, steht auf einem anderen Blatt; doch gemessen an den Kriterien der Repression ist diese Frage unerheblich. Und solange sich die Betroffenen wünschen, von der Psychiatrie unterdrückt zu werden, kann ich dagegen auch keine überzeugenden Einwände vorbringen.
  4. In einer Gesellschaft, die humanistische Ideale verwirklicht, wären die genannten Gründe sicher obsolet, weil in einem solchen Gemeinwesen niemand das Bedürfnis hätte, sich psychiatrisch behandeln zu lassen und auch das Kollektiv keinen Bedarf an einer Entstörung dieser Art geltend machen würde. Allein, wir leben in einem kapitalistischen System, das die Fähigkeit vieler Menschen, Lebensprobleme vernünftig zu meistern, bei weitem überfordert und aus diesem Grund existiert die Psychiatrie.
  5. Sie ist eine rationalei Lösung für Lebensprobleme in einem irrationalen System, in dem die Freiheit von vielen zugunsten der Freiheit weniger beeinträchtigt wird. Selbst in einem kapitalistischen System gäbe es bessere Lösungen als die Psychiatrie (die auf der Ebene der professionell begleiteten Selbsthilfe angesiedelt sind), aber solange die große Mehrheit der Menschen lieber die Psychiatrie hätte, werde ich diese Form der Hilfe selbstverständlich leidenschaftlich unterstützen, weil ich die Freiheit meiner Mitbürger achte. Dass diese Unterstützung bei der Zwangspsychiatrie in all ihren Erscheinungsformen kompromisslos ihre Grenze findet, ergibt sich aus der Logik meiner politischen Grundhaltung und wurde bereits erwähnt.
  6. Selbstverständlich verurteile ich auch niemanden, der die Rolle des „psychisch Kranken“ übernimmt, auch wenn ich ihm nicht abkaufe, dass er tatsächlich an einer „psychischen Krankheit“ leidet. Für mich ist das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit eines der wichtigsten Grundrechte überhaupt. Daher halte ich es auch für legitim, seine Persönlichkeit zu entfalten, indem man sich als „psychisch Kranker“ in Szene setzt. Mir scheint dies in vielen Fällen nicht angemessen zu sein; aber selbstverständlich kann ich von niemanden erwarten, dass er sich meine Sicht der Dinge zu eigen macht.
  7. Ich bin gemäßigter Empiriker; dies bedeutet, dass Erkenntnisse, die aus der Sinneserfahrung stammen, aus meiner Sicht Vorrang haben sollten. Meine Psychiatriekritik speist sich daher überwiegend aus den Ergebnissen der empirischen Forschung. Als konservativer Linker jedoch bin ich ein bedingungsloser Verteidiger der geistigen Freiheit und akzeptiere daher uneingeschränkt auch Grundhaltungen, die der meinen entgegengesetzt sind. Wer auf einer solchen Basis zu der Überzeugung gelangt, dass die Psychiatrie das Gelbe vom Ei sei, der mag mit seiner Überzeugung glücklich werden.
  8. Dies bringt mich zwanglos zur moralischen Frage, ob Psychiater böse seien. Solange ihre Dienstleistungen und Produkte von ihren Kunden freiwillig beansprucht werden, kann man davon natürlich nicht sprechen. Wer meint, er müsse die Rolle „des psychisch Kranken“ inszenieren und bedürfe des Arztes zu diesem Zwecke, der hat selbstverständlich auch ein Recht dazu. Wer aber einen berechtigten Bedarf deckt, der kann deswegen unmöglich als böse bezeichnet werden. Der Psychiater macht hier ja auch nur von seinen Freiheitsrechten Gebrauch, die mir heilig sind. Problematischer ist die moralische Frage in der Zwangspsychiatrie. Diese heißt ja so, weil hier den Menschen die „Segnungen“ der Psychiatrie aufgezwungen werden. Spontan kann man dies durchaus als böse bezeichnen.
    Nach genauerem Hinsehen muss man aber einräumen, dass die in der Zwangspsychiatrie tätigen Psychiater nicht nur im Einklang mit höchstrichterlicher Rechtsprechung, sondern auch in Übereinstimmung mit der Meinung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung handeln. Wer könnte es ihnen also verdenken, wenn sie unter diesen Bedingungen ihre Zwangsmaßnahmen für moralisch gerechtfertigt halten?
    Zwar sind sie es aus meiner links konservativen Perspektive nicht; sie sind es womöglich auch von anderen Rechtspositionen aus betrachtet nicht; aber da man seine eigene Einstellung nicht verabsolutieren darf, fällt es mir dennoch schwer, die Mitarbeiter der Zwangspsychiatrie moralisch zu verdammen. Zumindest muss ich einräumen, dass auch sie ihrem Gewissen folgen und es gut meinen könnten.
  9. Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,
    Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
    Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
    Verweile doch, du bist so schön!
    Es kann die Spur von meinen Erdetagen
    Nicht in Äonen untergehn.
    – Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
    Genieß‘ ich jetzt den höc
    hsten Augenblick.“
    So heißt es in Goethes Faust. In einem freien Volk, das auf freiem Grund steht, gibt es selbstverständlich auch keine Zwangspsychiatrie. Heute aber haben wir sie, und ich fürchte, sie wird uns auch durch die kommenden Jahrzehnte begleiten. Dort werden Menschen gegen ihren Willen an ihre Betten gefesselt und mit schweren Nervengiften traktiert. Dort sind Menschen weitgehend rechtlos und der Gnade ihrer Ärzte ausgeliefert. Wer dort arbeitet, möge dies vor seinem eigenen Gewissen verantworten. Ein endgültiges moralisches Urteil maße ich mir nicht an. Allerdings handelt sich sich bei der Zwangspsychiatrie nicht um jene Form der Psychiatrie, die ich leidenschaftlich befürworte.
  10. Die von mir befürwortete Psychiatrie ist eine Veranstaltung, die freie Bürger auf Grundlage ihrer Überzeugungen und von Verträgen unter sich ausmachen. Meine leidenschaftliche Befürwortung der Psychiatrie ist keine Ironie, sie kommt von Herzen und daher spiele ich hier auch nicht mit Worten. Die Leidenschaft gilt jedoch nicht der Psychiatrie an sich, die ich für eine Pseudowissenschaft und für praktisch unzulänglich halte, sie entflammt vielmehr für das Recht der Menschen, nach Belieben jene Dienstleistungen und Produkte in Anspruch zu nehmen, nach denen ihnen der Sinn steht. Und ich habe keinen Anlass, diesen Sinn für weniger begründet zu halten als meinen eigenen. Der Sinn beruht immer auf einer Entscheidung des Einzelnen; er fußt nicht in einer objektiven Wertordnung, die man allen Mitmenschen als verbindlich aufzwingen könnte.

Sie ist rational, weil sie offenen oder „sanften“ Zwang gegenüber Menschen legitimiert, der ansonsten demokratisch-rechtsstaatlich nicht zu rechtfertigen wäre, der aber unter gegebenen Bedingungen unausweichlich ist. Sie ist jedoch nicht optimal, weil auch im kapitalistischen System die Bedingungen so verändert werden könnten, dass psychiatrischer Zwang nicht erforderlich ist.

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