Kritik und Lob der Empirie

Kritik der Empirie

Hin und wieder schreiben mir Psychiatrie-Erfahrene, ich sei letztendlich genauso schlimm wie Psychiater, weil ich mich auf die empirische Forschung und wissenschaftliche Methodik beriefe. Die Wissenschaft stecke ja doch nur mit der Psychiatrie unter einer Decke und es käme vielmehr darauf an, seinen Emotionen freien Lauf zu gewähren und die Sau gegen die Psychiatrie herauszulassen.

Mit Statistiken könne man alles beweisen oder widerlegen. Studien hätten immer nur das Ergebnis, das den Auftraggebern genehm sei. Und wenn ausnahmsweise einmal nicht, dann seien sie außerdem stets so verklausuliert formuliert, dass die Psychiater genau das aus ihnen herauslesen könnten, was ihnen in den Kram passe, auch wenn sie in Wirklichkeit etwas ganz anderes besagten.

Die Wahrheit wüssten ohnehin nur die Betroffenen, und diese müssten zu Wort kommen, sonst niemand. Die inbrünstig vorgetragene Behauptung, die tiefem Leid aus persönlicher Betroffenheit entspringe, dass die Psychiatrie an allem schuld sei, müsste als Beweis des eigenen Standpunkts ausreichen. Die Psychiater und ihre Freunde seien ohnehin Verbrecher, mit denen zu diskutieren Zeitverschwendung sei.

Wenn jemand all jene Vorurteile bestätigen möchte, die gegen die Irren so im Schwange sind, dann habe ich selbstverständlich nichts gegen den Geist solcher Einlassungen; schließlich leben wir in einem freien Land (jedenfalls laut Grundgesetz). Wenn Psychiatrieerfahrene darauf beharren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nichts wert seien, dann machen sie es der Gegenseite leicht, sie als unbelehrbare und ungebildete Ignoranten zu verunglimpfen, die sich im eigenen Interesse der Obhut einschlägig qualifizierter Fachleute unterstellen sollten.

Wer gern mit einer lupenreinen antipsychiatrischen Haltung den Weg ins Abseits antreten möchte, den will ich nicht aufhalten. Er ist schließlich ein freier Mensch, der die Verantwortung für sein eigenes Handeln uneingeschränkt tragen kann und muss. Allerdings kann ich mich mit einer solchen antipsychiatrischen Haltung nicht anfreunden, und erst recht werde ich mir sie nicht zu eigen machen.

Vielmehr halte ich sie sogar für ausgesprochen töricht. Die Wissenschaft taugt heute keineswegs mehr zur ideologischen Legitimation der Psychiatrie. Denn im Licht der wissenschaftlichen Forschung betrachtet steht diese Disziplin vor einem Scherbenhaufen.

Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass die Verfälschung wissenschaftlicher Befunde durch Teile der Pharmaindustrie nachgewiesen wurde und nicht mehr bestritten werden kann. Was als vertrauenswürdig übrig geblieben ist, spricht mehrheitlich nicht zugunsten der momentanen psychiatrischen Praxis. Dies erkennt man aber nur, wenn man sich mit den einschlägigen Studien auseinandersetzt.

Natürlich kann man Kritisches zur Wissenschaft anmerken, aber es gibt nichts Besseres. Das sollte man bei aller Kritik bedenken. Behaupten kann man viel, doch ohne Begründung ist eine Behauptung kein Argument, so plausibel sie auch erscheinen mag.

Die beste Begründung ist immer noch die empirische, also jene, die eine Behauptung systematisch mit der Wirklichkeit vergleicht. Und das ist Wissenschaft, nichts anderes.

Was Wissenschaft wirklich ist, erfährt man nicht durch die Berichte in den Publikumsmedien, die sich meist unreflektiert auf Pressemeldungen stützen, die aus den Presseabteilungen der Universitäten stammen. Was dort zusammengebraut wird, hat vor allem den Sinn, die Öffentlichkeit, Politik und Sponsoren davon zu überzeugen, dass Forschungsmittel in den jeweiligen Projekten gut angelegt sind.

Außerdem möchte man den Medien Sensationen und Innovationen bieten, und so werden munter Mücken zu Elefanten emporstilisiert und alter Wein in neue Schläuche gegossen.

Mit dem Alltag der wissenschaftlichen Forschung hat die Scheinwelt der Medien reichlich wenig zu tun. Dort wird mühsam Stein auf Stein geschichtet und oftmals müssen halb fertige Wände wieder eingerissen werden. Echte Durchbrüche sind selten.

Dennoch ist, zumindest in den Naturwissenschaften, in langfristiger Betrachtung der Fortschritt nicht zu leugnen und der Ertrag kommt uns früher oder später im alltäglichen Leben zugute. Die heute vielfach zur Schau gestellte Wissenschaftsfeindlichkeit (nicht nur mancher Psychiatrie-Erfahrener) mutet angesichts des allgegenwärtigen technischen Fortschritts grotesk an.

Dennoch will ich die Einwände gegen die Wissenschaft nicht gering schätzen; in ihnen steckt zweifelsfrei ein wahrer Kern:

  • Natürlich gibt es korrupte Wissenschaftler, die Studien verfälschen oder gar erfinden. Aber es ist ein Prinzip der Wissenschaft, dass Untersuchungen repliziert werden müssen, wenn sie als beweiskräftig gelten sollen. Und so besteht die berechtigte Hoffnung, dass Replikationsversuche fragwürdiger Untersuchungen scheitern, wenn sich ehrliche Forscher der Sache annehmen.
  • Natürlich gibt es schlechte Studien, die den gängigen methodischen Anforderungen nicht genügen. Da die Studien jedoch in Forschungsberichten dokumentiert werden, kann man die Mängel herausarbeiten und kritisieren. Sofern die Berichte wesentliche Fragen zur Methodik nicht beantworten, kann man ihren Wert herabstufen oder sie vollständig verwerfen.
  • Natürlich sagt die Statistik nichts über den Einzelfall. Ob beispielsweise ein Medikament, das bei 95 Prozent der Konsumenten Schaden anrichtet, auch Herrn Meyer schädigen wird, wissen wir nicht. Selbst wenn Herr Meyer es genommen hat und Schäden bei ihm auftreten, können wir nicht sicher sagen, ob die Schäden durch das Medikament oder durch andere Faktoren verursacht wurden. Zuverlässiges Wissen über den Einzelfall gibt es nicht. Wir können aber mit Recht fordern, dass ein Medikament oder ein Verfahren, das im statistischen Schnitt mehr schadet als nutzt (wie beispielsweise Neuroleptika) nicht mehr angewendet werden darf.
  • Natürlich gibt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht wissenschaftlich erforscht werden können. Der gesamte Bereich menschlicher Subjektivität, unsere Innenwelt, entzieht sich naturgemäß dem Zugriff durch die objektivierende wissenschaftliche Forschung. Andererseits aber gibt es dort genug Dinge, die wissenschaftlicher Forschung zugänglich sind.
    Es ist durchaus ein Erkennungsmerkmal von Versuchen ideologischer Manipulation, wenn jemand vorgibt, er besäße objektives Wissen zur Subjektivität anderer Menschen, das er nicht auf dem Wege herkömmlicher Forschung, sondern durch außerordentliche, esoterische Methoden gewonnen habe.
    „Grobstofflicher“ Wissenschaft sind die „feinstofflichen“ Wirkungen einer Psychotherapie beispielsweise nicht zugänglich, klar. Die meisten „Patienten“ wollen aber wissen, ob das störende Verhalten nach der Psychotherapie verschwunden sein wird oder nicht. Und das kann man auch mit den Mitteln profaner Wissenschaft feststellen und systematisch erforschen.
  • Natürlich redet die Wissenschaft häufig über die Köpfe der Menschen hinweg, als wolle sie vom gemeinen Volk gar nicht verstanden werden und nur Eindruck schinden. Andererseits aber sei eingeräumt, dass die meisten Menschen ohnehin nicht nach Beweisen, sondern nach plausiblen Erklärungen streben.
    Das allerdings haben Psychiatrie und Pharmawirtschaft auch erkannt, und ihre Marketingmaschinerie versteht es ausgezeichnet, sich mit stromlinienförmigen Parolen und eingängigen „Erkenntnissen“ ins Gemüt der Normalverbraucher einzuschleichen. Die können das besser als Psychiatriekritiker und vor allem: Die haben mehr Geld, um ihre Botschaft zu verbreiten.
  • Natürlich hat die Wissenschaft häufig keine klaren, einfachen, eindeutigen Erkenntnisse oder gar Wahrheiten zu bieten, die es mit den grobschlächtigen Schlagzeilen der Propaganda aufnehmen könnten. Es ist aber auch nicht besonders klug, mit Steinschleudern gegen Panzer anzutreten. Auf dem Feld der Propaganda werden Psychiatrie und Pharmawirtschaft ihren Kritikern immer überlegen sein.
    Es ist rührend zu sehen, wie sich manche Psychiatriekritiker bemühen, es den Marketing-Experten gleichzutun. Es ist nur nicht damit zu rechnen, dass dies die eigentlichen Zielgruppen vor lauter Rührung auch anerkennen.
  • Natürlich ist es schwer, wissenschaftlich zu argumentieren, wenn der heilige Zorn im Gedärm wütet. Wer aber seinen Impulsen nachgibt, entspricht genau dem Bild, das sich die Gesellschaft von den Irren macht. Das ist beileibe nicht klug.
    Wer ein Kontrastprogramm zum „Experten“ abgibt, der von oben herab, mit sonorer Stimme pseudo-objektive „Erkenntnisse“ verkündet, indem er mit schriller Stimme sein Betroffenheit herausbrüllt, erreicht bestenfalls Pyrrhus-Siege: Politiker, die an Wählerstimmen denken, setzen dann vielleicht kosmetische Maßnahmen durch, aber am Grundsätzlichen ändert sich nichts.
  • Es ist vielmehr klug, in wohlwollender Haltung zu kritisieren. Man sollte stets mit der Möglichkeit rechnen, dass der Kritisierte Recht haben könnte. Saubere, redliche, nicht korrupte empirische Wissenschaft ist der beste Schiedsrichter. Überlassen wir ihm das Urteil.

 

Lob der Empirie

Als Heilmittel gegen die Parawissenschaft der Psychiatrie möchte ich die empirische Psychologie ins Spiel bringen. Sie ist selbstverständlich noch keine reife Wissenschaft wie die Physik oder die Chemie, und sie ist auch keine altehrwürdige Wissenschaft wie die Philosophie, aber sie ist, wenn es um praktische Fragen geht, das Beste, was uns zur Verfügung steht.

Leider verabscheuen viele Leute die empirische Psychologie. Persönlichkeits-, Intelligenz- und Leistungstests beispielsweise sind ihnen ein Gräuel. Sie würden den Menschen nicht gerecht. Dessen Seele könne und dürfe man nicht vermessen. Viel besser seien Entscheidungen, die auf Fingerspitzengefühl, Intuition und persönlicher Erfahrung beruhten.

Es hilft meist wenig, wenn man solchen Leuten sagt, dass Entscheidungen, die auf Fingerspitzengefühl, Intuition und persönlicher Erfahrung beruhen, meist erheblich schlechter sind als Entscheidungen, die auf Grundlage von Tests und mathematischen Modellen gefällt werden.1

Diese Menschen sind beseelt von der Reinheit ihres Gefühls; sie leben in einer zahlenlosen Welt; sie können verdammt zornig, zumindest aber sehr störrisch werden, wenn man sie mit den Fakten konfrontiert.

Und so möchte ich ein sehr drastisches und fiktives Beispiel wählen, in der Hoffnung, damit auch das bekanntlich sehr dicke Fell der dünnhäutigen, dem Feinstofflichen zugewandten Menschen zu durchdringen.

Nehmen wir einmal an, es würden Freiwillige für ein sehr riskantes Abenteuer gesucht. Aus Erfahrung mit Projekten dieser Art weiß man, dass nur zwanzig von hundert Kandidaten ein solches Unterfangen überleben werden. Es gilt also, durch ein geeignetes Selektionsverfahren jene Wagemutigen herauszufinden, die dieses Abenteuer mit der höchsten Wahrscheinlichkeit lebend überstehen können.

In unserem Beispiel wollen wir ein Team aus zehn Personen für dieses Projekt auswählen. Die Korrelation zwischen dem Ergebnis des Selektionsverfahrens und dem erfolgreichen Überstehen des Abenteuers bezeichnen wir als die Validität des Instruments.

  • Ein Verfahren besteht darin, die Teilnehmer auszulosen. Jeder hat die gleiche Chance, ausgewählt zu werden. Damit liegt die Validität bei null. Dies bedeutet: Von den zehn Mitgliedern des Teams kehren zwei lebend zurück.
  • Die Validität eines zweiten Selektionsinstruments beziffere sich auf .35. Dies bedeutet, dass vier von zehn Personen das Abenteuer lebend überstehen.
  • Ein drittes Verfahren zeichnet sich durch eine Validität von .65 aus. Dann dürfen wir sechs von zehn Personen lebend zurückerwarten.2

Es macht schon einen Unterschied, ob wir acht oder vier Personen in den Tod schicken.

Man möge mich nicht falsch verstehen: Ich wünsche mir weder, dass Menschen sich solchen Risiken aussetzen und erst recht nicht, dass wissenschaftlich erforscht werden muss, wie die Überlebensraten in Abhängigkeit von den Selektionskriterien aussehen.

Dieses Beispiel habe ich gewählt, um zu demonstrieren, dass Rationalität bei Entscheidungen Leben retten und dass die maximal mögliche Rationalität nicht ohne Mathematik und empirische Forschung verwirklicht werden kann.

Wenden wir uns der Psychotherapie zu. Für manche handelt es sich hier nicht nur um eine heilende, sondern gleichsam um eine heilige Begegnung zwischen zwei Menschen. Jedes Individuum sei einmalig und jeder Fall sei einzigartig. Ob eine Psychotherapie hilfreich gewesen sei, könne man nicht mit schnöder Statistik und seelenlosen Tests beurteilen. Hier gehe es schließlich um subtile, um feinstoffliche Effekte, die sich der groben Messung entzögen.

Als zur Nüchternheit tendierender Mensch erlaube ich mir dennoch, darauf hinzuweisen, dass auch Feinstoffliches Geld kostet. Geld ist eine Ressource, mit der man pfleglich umgehen soll, was auch viele Feinstoffliche gern beherzigen. Daher wird man wohl nicht umhinkommen, sich einmal etwas genauer anzuschauen, welche Form der Psychotherapie ihre feinstofflichen, ganz zu schweigen von den grobstofflichen, Wirkungen am kostengünstigsten hervorbringt.

Die empirische Psychologie hat sich dankenswerterweise auch dieser Frage angenommen. Die Befunde wurden beispielsweise von Robyn Dawes zusammengetragen. Es zeigte sich, dass psychotherapeutische Laien keine schlechteren Ergebnisse erzielen als Profis.3

Da also der Erfolg einer Psychotherapie nicht von der Art des Studiums und der Therapieausbildung abhängt, könnte man durchaus darauf verzichten, von Psychotherapeuten zu verlangen, dass sie zuvor kostspielige Studiengänge und Trainings durchlaufen, bevor sie in diesem Beruf tätig werden dürfen. Das bringt ja doch nichts, verschlingt aber Unsummen.

Weniger „qualifizierte“ Leute könnten und würden auf einem freien Markt ihre Dienstleistungen auch billiger anbieten, ohne dass deswegen von ihnen schlechtere Ergebnisse zu erwarten wären. Dass Krankenkassen trotz eindeutiger Befundlage hier stillhalten, ist allerdings vielleicht doch nicht jenes gewaltige Rätsel, das es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Die große Masse der Menschen, die in der Solidargemeinschaft der Versicherten zusammengefasst sind, weiß von all dem nichts: Und was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß.

Es ist nicht unmenschlich, kalt und seelenlos, mit quantitativen Methoden Licht in menschliche Verhältnisse zu bringen. Erstaunliches kommt zum Vorschein, und mit diesen Erkenntnissen kann man zum Wohl der Menschen wirken. Methodisch einwandfreie Studien der empirischen Psychologie sind nichts Böses, sondern sie sind Voraussetzung des Guten.

Allerdings, dies räume ich ein, kann man die Ergebnisse solcher Studien auch missbrauchen, wenn man Schlüsse aus ihnen zieht, die angesichts des Untersuchungsdesigns und der Daten nicht gerechtfertigt sind.

So ist es beispielsweise abwegig, aus Unterschieden der durchschnittlichen Intelligenzquotienten zu folgern, dass es kluge und dumme „Rassen“ gäbe. Ebenso bizarr ist es, aus Korrelationen zwischen Verhaltensmustern und Hirnparametern abzuleiten, die so genannten psychischen Krankheiten würden durch Hirnanomalien verursacht. Absurd ist es auch zu behaupten, die so genannten bipolaren Störungen teilweise angeboren seien, weil die Konkordanzraten bei eineiigen Zwillingen höher ausfielen als bei zweieiigen.

Leider neigen auch empirische Psychologen zu derartigen Fehlinterpretationen von Daten, obwohl sie es, dank ihrer Ausbildung, eigentlich besser wissen müssten.

Nicht ungerechtfertigt ist es aber, von zwei Selektionsverfahren jenes auszuwählen, dass die beste prognostische Validität besitzt und berechtigt ist es auch, sich für die kostengünstigste Variante von Psychotherapie zu entscheiden.

Von der empirischen Psychologie darf man, jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt, keine überwältigenden Einsichten in das Wesen des Menschen erwarten, wohl aber bietet sie pragmatische Orientierungen für die Wechselfälle des praktischen Lebens. Es gibt guten Grund, jene Experten, die sich auf ihre Intuition, auf ihr Fingerspitzengefühl, auf Erkenntnisse höherer Ebenen berufen, zum Teufel zu jagen, wenn sie sonst nichts Handfestes zu bieten haben.

Dies gilt natürlich auch für all die Hokuspokus-Psychologen, die sich aufs esoterische Pferd geschwungen haben und sich über Wirksamkeitsnachweise ihrer Verfahren erhaben wähnen. Und dies trifft gleichermaßen auf jene angeblich wissenschaftlich arbeitenden Psychologen zu, die „methodenkritisch“ quantitative Methoden verschmähen, aber über keine nachweislich besseren Alternativen verfügen.

Die Schwächen der empirisch psychologischen Forschungsmethoden sind bekannt; man könnte Bücher mit ihnen füllen. Sie würden wesentlich besser funktionieren, wenn Menschen Naturgegenstände wie Moleküle oder Automaten wie Computer wären… und nicht so schrecklich unberechenbar, wie sie es manchmal tatsächlich sind.

Doch wenn man stattdessen wortreiche Bücher schreibt, in denen über das Wesen des Menschen spekuliert wird, dann setzt sich letztendlich jener durch, der das ausgefeilteste rhetorische Geschick besitzt (auf Deutsch: der am besten labern kann); und das ist für mich keine wünschenswerte Alternative zur sicher fehlbaren (und missbrauchbaren) empirischen Forschung.

Was zählt, sind die Zahlen. Das sagt ja schon ihr Name. Nicht die „Vermessung der Seele“ ist unmenschlich; inhuman aber können die Zwecke sein, die damit angestrebt werden. Die Welt ist rätselhaft, daran kann auch die empirische Psychologie nichts ändern. Aber immerhin kann sie uns mitunter vor falschen Entscheidungen bewahren. Mag nämlich die Welt auch voller ungeklärter, vielleicht auch unerklärbarer Geheimnisse stecken, so ist sie dennoch kein reines Chaos, sondern sie unterliegt Regelmäßigkeiten, die enthüllt werden können, zumindest teilweise.

Die empirische Psychologie ist, wie jede empirische Wissenschaft, ausgesprochen antiautoritär. Im Lichte der Forschung betrachtet zählen die Lehrmeinungen der Gelehrte nämlich nicht. Es kommt auf Fakten an. Natürlich sind auch in der empirischen Psychologie autoritäre Muster nur zu gut bekannt; doch diese beruhen auf außerwissenschaftlichen Einflüssen.

Je weiter eine Wissenschaft sich jedoch vom Richterstuhl der Fakten entfernt, desto klarer tritt Autorität als innerwissenschaftliches Kriterium hervor. Welchen anderen Maßstab beispielsweise für die Stimmigkeit einer Interpretation von Goethes Faust könnte es denn geben als die Autorität des Interpreten? Wenn es um Goethes Faust geht, mag man das hinnehmen. Falls aber zum Beispiel die menschliche Freiheit auf dem Spiel steht, dann reicht mir die Autorität eines Psychiaters nicht, der einen Menschen zum „psychisch Kranken“ und für „gefährlich“ erklärt.

Auch geisteswissenschaftliche Psychologen, die jeden Einzelfall in seiner Besonderheit würdigen möchten und das quantitative Vorgehen als amerikanische Abirrung verschmähen, möchte ich nicht am Werke sehen, wenn menschliche Schicksale ernsthaft betroffen sind.

Sagen wir es deutlich: Die überwiegende Mehrheit der Psychiater und der Psychologen stehen heute de facto der Esoterik näher als der Wissenschaft. Empirische Methoden werden zwar angewendet, aber nicht selten nur – bewusst oder unbewusst verfälschend -, um Vorurteile zu bestätigen, und nicht, um sie zu falsifizieren. Die Forschung soll die Autorität erhöhen und nicht so weit wie möglich ersetzen.

Wer aber so arbeitet, begründet keine echte Autorität, er maßt sie sich nur an. Weit davon entfernt, die natürliche Autorität des Könners zu bestreiten, bekämpfe ich doch mit aller Entschiedenheit die falsche Autorität der rhetorisch Gewitzten (auf Deutsch: der Schwätzer).

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Hastie, R; Dawes, R. (2010). Rational Choice in an Uncertain World: The Psychology of Judgment and Decision Making. Thousand Oaks, CA: Sage Publications, Inc.

Berechnung siehe: Taylor, H. C. & Russell, J. F. (1939). The relationship of validity coefficients to the practical effectiveness of tests in selection: Discussion and tables. Journal of Applied Psychology, 1939, 23, 565-578.

Dawes, Robyn (1996). House of Cards: Psychology and Psychotherapy Built on Myth. New York: Free Press

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