Von der Kernspaltung zur Atombombe

Vorbemerkung

Die Atombombe hat nicht nur unsere Sicht des Krieges verändert, sondern unsere Weltsicht insgesamt. Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki nagt die Furcht vor dem Grauen des nuklearen Infernos in unserer Seele. Niemand ist davon frei, weder die Zivilbevölkerung, noch die Soldaten. Und deswegen hat die Atombombe auch den Stellenwert der Psychiatrie in der modernen Welt neu bestimmt.

Militärs und Politiker fragten, wie sich Soldaten und Zivilisten angesichts eines Atomkriegs verhalten würden, ob die eigenen Leute den Herausforderungen besser gewachsen seien als die Truppen und die Volksmassen des Gegners. Und die Psychiatrie musste Antworten finden. Manche dieser Antworten beinhalteten Maßnahmen, die krass gegen Menschenrechte verstießen, wie inzwischen freigegebene Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes CIA beweisen.

Dessen Gehirnwäsche-Experimente, die unter der Federführung tonangebender Psychiater verwirklicht wurden, setzten sich u. a. zum Ziel, den Mandschurischen Kandidaten zu kreieren, einen mit psychiatrischen Methoden willenlos gemachten Menschen, der wie ein Roboter jedem Befehl gehorcht, und koste er auch das eigene Leben.

Im ersten Teil dieser Abhandlung geht es um die Entwicklung, die von der Kernspaltung zur Atombombe führte. In nur wenigen Jahren veränderte sich das Gesicht unseres Planeten fundamental.

Im zweiten Teil wird die atomare Panik analysiert, die sich nach den Atombombenabwürfen auf japanische Großstädte einstellte und die Militärs, Politiker und Psychiater gleichermaßen vor unabweisbare Herausforderungen stellte.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Atombombentests und zeigt, dass eine wesentliche Aufgabe dieser Tests nicht im technischen Bereich zu suchen war. Zudem wollte man die Soldaten, die unterm Atompilz manövrierten, an die Schrecken dieser neuen Waffe gewöhnen.

Der vierte Teil schließlich trägt das spärliche Wissen darüber zusammen, welche Rolle die Psychiatrie bei den Vorbereitungen auf den taktischen Nuklearkrieg spielte, dessen Ausbruch während eines großen Teils des Kalten Kriegs für durchaus wahrscheinlich gehalten wurde.

Geschichtsschreibung ist ein schwieriges Geschäft – vor allem in einem Bereich, in dem zentrale Dokumente vernichtet wurden oder immer noch geheim gehalten werden. Aber auch die unvermeidliche und unausweichlich subjektive Interpretation vieldeutiger Fakten gefährdet das Ziel einer möglichst objektiven Darstellung.

Der hypothetische Charakter von Wissenschaft, die der Abhängigkeit von unüberprüften, oft unüberprüfbaren Grundannahmen geschuldet ist, wird nirgends deutlicher als hier. Darüber darf auch eine glatte, anschauliche Erzählung nicht hinwegtäuschen.

Erster Teil

Einsteins Brief

Ein ungelegener Besuch

Im Juli 1939 genoss der Physiker Albert Einstein seinen Urlaub in Peconic, einem malerischen Küstendorf am nordöstlichen Zipfel von Long Island, einer Insel, die sich von den Häfen New Yorks nach Norden in den Atlantik erstreckt. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, sich mit seinem kleinen Segelboot „Tinnef“ die Zeit zu vertreiben.

Am 16. Juli störten Einsteins Physikerkollegen Leó Szilárd und Eugene Paul Wigner seine Urlaubsruhe. Einstein zeigte sich wenig begeistert über diese Störung. Er unterhielt sich gerade mit einem Freund, David Rothman, dem Besitzer eines Warenhauses im nahe gelegenen Southold (Rothman, o. J.). Doch Szilárd und Wigner hatten viel Mühe darauf verwendet, den Begründer der Relativitätstheorie ausfindig zu machen, nachdem sie sein Haus in Princeton verschlossen gefunden hatten – und nichts lag ihnen ferner, als unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Dazu war ihr Anliegen viel zu ernst.

Einstein trug Pantoffeln, ein Unterhemd, eine Hose, die von einem Strick gehalten wurde und deren Beine er aufgekrempelt hatte. Sein Äußeres animierte nicht gerade dazu, ihn mit Problemen des grauen Alltags zu behelligen.

Er musste allerdings schnell erkennen, dass sich seine Kollegen nicht abwimmeln lassen wollten. Sie machten einen außergewöhnlich entschlossenen Eindruck. Und so bat Einstein sie auf seine überdachte Veranda (Hoffmann, 1995, 81 f.).

Szilárd hatte bei Einstein in Berlin studiert und damals dessen Aufmerksamkeit durch eine brillante Arbeit über ein schwieriges Gebiet der statistischen Thermodynamik erregt. Gemeinsam erfanden Szilárd und Einstein einen Kühlschrank ohne bewegliche Teile und meldeten ihn zum Patent an.

Wigner hatte Einstein und Szilárd ebenfalls als Student in Berlin kennen gelernt. Zusammen mit Szilárd entwickelte Wigner die Theorie der nuklearen Kettenreaktion.

Szilárd, der diesen Besuch initiiert hatte, trieb die Sorge um, dass deutsche Physiker versuchen könnten, eine Atombombe zu entwickeln, und er hatte seinen Freund Wigner davon überzeugt, dass man einen Mann von der Reputation Einsteins gewinnen müsse, um die amerikanische Regierung vor dieser Gefahr zu warnen.

Im Dezember 1938 hatten die deutschen Physiker Otto Hahn und Fritz Straßmann am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin die Kernspaltung entdeckt (Hahn & Straßmann, 1938). Nachdem die Physiker Lise Meitner und Otto Frisch die Experimente Hahns und Straßmanns einer bahnbrechenden wissenschaftlichen Analyse unterzogen und die Kernspaltung physikalisch erklärt hatten, war den Nationalsozialisten die Bedeutung dieser Entdeckung klar.

Sie entschieden, die in den böhmischen Gruben von Joachimsthal geförderten Uranerze der alleinigen deutschen Nutzung vorzubehalten. Die braune Führung rief ein Uranprojekt ins Leben, das die technischen Möglichkeiten der soeben entdeckten Kernspaltung ausloten sollte (Walker, 1990). Am 29. April 1939 fand in Berlin eine „Uransitzung“ statt. Die Nazis hatten den Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Prof. Abraham Esau damit beauftragt, dieses hochkarätig besetzte Symposium auszurichten.

Diese Entwicklungen hatten Szilárd in hohem Maße beunruhigt. Zum Zeitpunkt des Treffens von Szilárd, Wigner und Einstein und fast bis zum Ende des Krieges verfügten die amerikanischen und die in die USA emigrierten Wissenschaftler allerdings nur über sehr widersprüchliche und großteils falsche Informationen über das deutsche Atomprogramm (Walker, 2002). Dies führte beinahe zwangsläufig dazu, die Fortschritte und Möglichkeiten des Feindes zu überschätzen.

Szilárd kam ohne große Umschweife zur Sache. Er unterrichtete Einstein über den aktuellen Stand der Uranforschung, die nicht zu den Spezialgebieten des Urhebers der Relativitätstheorie zählte.

Szilárd

Die Realisierbarkeit einer Atombombe war damals auch unter kompetenten Physikern noch umstritten. Szilárd jedoch zählte zu den Visionären, denen die technischen und militärischen Möglichkeiten, die sich mit der Kernenergie verbanden, klar vor Augen standen. Vielleicht war es sein schillernder Charakter, der ihn befähigte, sensitiv auf die Zeichen der Zeit zu reagieren. Er war selten in der Lage, seinen Geist für längere Zeit auf ein Projekt zu konzentrieren; wie ein Nomade durchstreifte er unterschiedliche Wissensgebiete, ständig auf der Suche nach einer neuen Anstellung, um, kaum hatte er sie gefunden, wenig später nach neuen Perspektiven Ausschau zu halten. Er begann zahllose Forschungsprojekte, ohne sie zu beenden und schrieb wissenschaftliche Papiere, die er nie veröffentlichte. Er umwarb eine Frau dreißig Jahre lang, bevor er sie heiratete, lebte dann aber niemals mit ihr zusammen. Er war zweifellos ein genialer Mann mit vielfältigen Interessen, schrieb sogar Sciencefiction-Geschichten und er war ein geborener Visionär (Lanouette & Silard, 1994).

“Daran habe ich gar nicht gedacht!“

Der Ungar – ein wortgewandter Meister sprechender Gesten – hatte keine große Mühe, Einstein davon zu überzeugen, dass er die Warnung vor der Entwicklung einer Nazi-Atombombe mit seinem Namen verbinden musste. Szilárd war überrascht, dass Einstein noch nichts von der greifbaren, praktischen Möglichkeit einer atomaren Kettenreaktion gehört hatte. Als Szilárd davon sprach, unterbrach ihn Einstein mit den Worten: „Daran habe ich gar nicht gedacht (Eichhorn, 2004, 36).“

Da Einsteins Arbeitsgebiet so gut wie nichts mit Atomphysik zu tun hatte, war ihm zwar die theoretische Möglichkeit einer atomaren Explosion klar, er hatte allerdings geglaubt, dass bis zur militärischen Verwirklichung dieser Möglichkeit noch Jahrzehnte verstreichen würden (Severance, 1999, 112). Dank Szilárds Überzeugungskraft begriff Einstein nun sehr schnell, welche Implikationen und Handlungsnotwendigkeiten damit verbunden waren. Einstein war zwar überzeugter Pazifist, aber die Vorstellung, dass der deutsche Diktator die Welt mit dieser Waffe erpressen, wenn nicht unterjochen könnte, wogen schwerer als alle Bedenken, einen atomaren Rüstungswettlauf anzustoßen.

Szilárd schlug vor, Einstein möge einen Brief an Elisabeth von Belgien schreiben. Es galt, die Mutter des belgischen Königs Leopold III. vor der Gefahr zu warnen, die mit der deutschen Atomforschung verbunden war. Sie sollte verhindern, dass den Nazis die bedeutenden Uranvorkommen in Belgisch-Kongo in die Hände fielen. Szilárd wusste, dass Einstein mit der unkonventionellen Königsmutter befreundet war und sich gelegentlich zum Geigespielen mit ihr traf (Pusch & Gretter, 2005).

Einstein war damit einverstanden, einen Brief zur Beeinflussung der belgischen Politik zu schreiben, zog es aber vor, einen anderen seiner Freunde als Empfänger zu wählen, nämlich einen belgischen Minister, den er ebenfalls kannte. Wigner gab zu bedenken, dass man ein derartiges Schreiben nicht ohne Kontakt mit dem amerikanischen Außenministerium versenden dürfe. Schließlich kam man überein, nicht an den Minister, sondern an den belgischen Botschafter in den Vereinigten Staaten zu schreiben und den Brief über das „State Department“ an diesen weiterzuleiten.

Einstein entwarf ein Schreiben in Deutsch, das später von Wigner übersetzt und dann Szilárd geschickt wurde (Isaacson 2008).

Roosevelt: „Pa, this requires action!“

Sachs schaltet sich ein

Ein paar Tage später sprach Szilárd mit seinem Freund, dem Ökonomen und ehemaligen Reichstagsabgeordneten Gustav Stolper (Goodchild, 2004, 51 f.) über dieses Vorhaben und Stolper arrangierte ein Treffen Szilárds mit dem Bankier und Wirtschaftswissenschaftler Alexander Sachs, einem inoffiziellen Berater und Duzfreund (Mih, 2000, 50) des amerikanischen Präsidenten Roosevelt.

Sachs war, wie Szilárd, ein vorausdenkender Kopf; er hatte bereits 1936 begonnen, sich mit den Möglichkeiten und Gefahren der Kernenergie auseinanderzusetzen (Molin, 1996, 67). In seinem Gespräch mit Szilárd stellte der politisch einflussreiche Wallstreet-Finanzier unmissverständlich klar, dass die Physiker hier ein Thema ansprachen, für das in der ganzen Welt nur eine Adresse zuständig war, nämlich das Weiße Haus bzw. der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: Franklin Delano Roosevelt (Hoffmann, 1995, 82).

Sachs riet davon ab, einen von Einstein unterzeichneten Brief mit der gewöhnlichen Post an den Präsidenten zu schicken. Er meinte, dass kein Physiker Roosevelt die Bombe verkaufen könne. Er erbot sich vielmehr, den Brief seinem Freund persönlich zu überreichen (Herken, 1992, 10). Szilárd ließ sich überzeugen und überarbeitete den Brief an den belgischen Botschafter, um ihn auf den neuen Empfänger zuzuschneiden. Er schickte den Entwurf an Einstein.

Dieser bat Szilárd, noch einmal nach Peconic zu kommen, um den Brief fertig zu stellen (Schweber, 2008, 46). Da Szilárd keinen Führerschein hatte und Wigner nach Kalifornien in Urlaub gefahren war, bat er den Physiker Edward Teller – der ebenfalls aus Ungarn stammte – ihm nach Long Island zu chauffieren. Sie trafen am 2. August 1939 in Peconic ein.

Die endgültige Fassung des Briefs

Einstein diktierte Teller einen Entwurf und bat Szilárd, daraus eine lange und eine kurze Fassung abzuleiten. Nachdem er diese erhalten habe, wollte er entscheiden, welche er unterschreiben würde. Einstein bevorzugte schließlich den detaillierteren Schriftsatz. Allerdings wäre es ihm lieber, so sagte er, wenn diese Variante noch etwas geradliniger formuliert würde. Er befürchte, dass der Versuch, ein Ziel allzu clever zu erreichen, beim Empfänger die Weigerung hervorrufen könnte, weiter über die Sache nachzudenken.

Szilárd griff noch einmal zur Feder; diese Fassung wurde von Einstein akzeptiert und unterschrieben. Als Datum wurde der 2. August 1939 gewählt (Galison et al., 2008, 76). In diesem Schreiben weist Einstein den Präsidenten der Vereinigten Staaten darauf hin, dass sich im Lauf der letzten vier Monate – durch die Arbeiten von Joliot in Frankreich und von Fermi und Szilárd in Amerika – die Möglichkeit ergeben habe, eine nukleare Kettenreaktion auszulösen. Bei dieser Kettenreaktion würden eine gewaltige Energie und große Mengen neuer, radium-ähnlicher Elemente freigesetzt. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung sei nicht auszuschließen, dass diese Möglichkeit in naher Zukunft realisiert werden könne.

Es sei denkbar, auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse extrem zerstörerische Bomben eines neuen Typs zu konstruieren. Eine einzige Bombe dieser Art könne, wenn sie auf einem Schiff transportiert würde, einen ganzen Hafen und die nahe Umgebung auslöschen. Einstein betonte, es sei unter diesen Bedingungen wünschenswert, einen permanenten Kontakt zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und den Physikern herzustellen, die sich mit nuklearen Kettenreaktionen beschäftigten. Vordringlich müsse es darum gehen, die angemessene Versorgung der Vereinigten Staaten mit Uran sicherzustellen und die einschlägig tätigen Forscher mit ausreichenden Finanzmitteln zur Beschleunigung ihrer experimentellen Arbeit auszustatten.

Einsteins Brief endet mit dem Hinweis, dass die Nazis gegenwärtig den Verkauf von Uran aus den tschechoslowakischen Minen, die nun unter ihrer Kontrolle stünden, gestoppt hätten. Diese Maßnahme müsse vermutlich im Licht der Tatsache gewürdigt werden, dass der Sohn Ernst Freiherr von Weizsäckers, des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Deutschlands, der fähige Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker dem Kaiser-Wilhelm-Institut zugeordnet worden sei, wo einige der amerikanischen Uranforschungen reproduziert würden.

Beginn des 2. Weltkriegs

Weltpolitische Ereignisse trugen dazu bei, dass die Übergabe des von Einstein unterzeichneten Briefs verzögert wurde. Am 25. August 1939 gab Hitler den Befehl, am nächsten Tag mit dem Angriff auf Polen zu beginnen, zog diesen Befehl dann aber wieder zurück. Eine deutsche Kommandoeinheit greift am 26. August dennoch den Bahnhof von Mosty an, weil sie Hitlers Absage nicht erreicht hatte. Am 31. August fingieren die Nazis einen angeblich polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz. Schließlich beginnt der 2. Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 ohne vorherige Kriegserklärung.

Zehn Wochen nach Einsteins Unterschrift, am 11. Oktober 1939 gelang es Alexander Sachs endlich, zum Präsidenten vorzudringen. Doch Roosevelt zeigte sich wenig beeindruckt und mochte nicht daran glauben, dass eine Intervention der Regierung erforderlich sei. Immerhin gelang es Sachs, ein zweites Treffen mit dem Präsidenten für den nächsten Morgen zu vereinbaren.

Sachs verbrachte eine schlaflose Nacht, in der ihm zahllose Strategien durch den Kopf gingen, wie er dem Präsidenten die reale Gefahr bewusst machen könne. Nachdem er diverse Ideen verworfen hatte, entschied er sich dafür, Roosevelt durch ein Beispiel zur ernsthaften Auseinandersetzung mit diesem Thema zu zwingen. Da er seinen Freund gut kannte, wusste er, dass dies die erfolgversprechendste Lösung war.

Während der Napoleonischen Kriege, so begann der aus Russland emigrierte Geschäftsmann am nächsten Morgen im Oval Office seinen neuerlichen Versuch zur Umstimmung des Präsidenten, sei ein junger Erfinder an den französischen Kaiser herangetreten und habe ihm versprochen, er könne für ihn ein Flotte von Dampfschiffen bauen, mit der er – unabhängig vom Wetter – in England landen könne. Schiffe ohne Segel? Napoleon habe dies für unmöglich gehalten und den Erfinder fortgeschickt. Der englische Historiker, der diesen Vorfall überlieferte, habe Napoleons Reaktion als ein Beispiel dafür betrachtet, wie ein Land durch die Kurzsichtigkeit eines Gegners gerettet werden könne (DeGroot, 2004, 22).

Nachdem er diese Geschichte gehört hatte, schwieg Roosevelt eine Weile. Dann kritzelte er eine Notiz für einen Angestellten, der gerade hereingekommen war. Dieser kehrte wenig später mit einer Schachtel zurück, in der sich eine große Flasche Napoleon-Brandy befand. Sachs und Roosevelt ließen die Gläser klingen.

„Alex“, fragte Roosevelt, „willst du mir mit all dem sagen, ich solle dafür sorgen, dass uns die Nazis nicht in die Luft sprengen?“

„Exakt“, antwortete Sachs (Lanouette, 1992, 21).

Roosevelt versprach, er würde seine Mitarbeiter instruieren, sich dieser Sache anzunehmen (Szasz, 1984, 11 f.). Der Präsident setzte sich mit seinem Militärberater, Brigadegeneral Edwin M. Watson (Spitzname: Pa) in Verbindung, erklärte ihm die Situation und sagte: „Pa, da müssen wir etwas tun!“1 (Titus, 1986, 5 f.).

Roosevelt ordnete die Gründung eines Uran-Berater-Komitees (“Uranium Advisory Committee“) an und räumte ihm einen Betrag von 6.000 Dollar für Atom-Experimente ein. Dies war erheblich weniger, als Sachs erhofft hatte. Doch aus diesen 6.000 Dollar sollten im Verlauf der folgenden sechs Jahre mehr als zwei Milliarden werden (Orr, 2005, 19).

Es ist hier anzumerken: Zu keinem Zeitpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft lagen der politischen und militärischen Führung der Vereinigten Staaten solide Beweise dafür vor, dass die Deutschen eine realistische Chance hatten, die Atombombe zu bauen. Im Gegenteil: Auf der Basis handfester Informationen des britischen Geheimdienstes SIS (Secret Intelligence Service) wussten die Alliierten spätestens 1943, dass die Deutschen auf diesem Gebiet keinerlei Fortschritte machten. Hitler misstraute der „jüdischen Physik“, deren beste Köpfe er außer Landes getrieben hatte und er setzte in der Waffenentwicklung andere Prioritäten (Udall, 1994, 36 ff.). Diese Erkenntnisse hinderten die Amerikaner und die mit ihnen kooperierenden Briten nicht daran, den Bau der Atombombe konsequent voranzutreiben.

Die Technikgeschichtler Hans-Joachim Braun und Walter Kaiser vermuten, dass nicht etwa ethische und politische Hemmungen der beteiligten Wissenschaftler für das Zurückbleiben des deutschen Uranprojekts verantwortlich gewesen seien.

Sie schreiben:

„Das Zurückbleiben ist viel eher mit der theoriefeindlichen NS-Wissenschaftspolitik und einer wissenschaftsorganisatorischen Verzettelung des Projekts und mit unüberbrückbaren persönlichen, politischen und fachlichen Differenzen der beteiligten Wissenschaftler zu erklären (Braun & Kaiser, 1997, 288).“

Die amerikanische Atomforschung beginnt

Briggs

Präsident Roosevelt ernannte Lyman J. Briggs zum Leiter des Uran-Komitees, das am 21. Oktober 1939 erstmals zusammentraf (Gosling, 1999, 5). Der Physiker Briggs war Direktor des „National Bureau of Standards“, einer Bundesbehörde, die zur technologischen Administration des Handelsministeriums gehört und die für die Vereinheitlichung von Maßen, Typen, Verfahrensweisen u. ä. verantwortlich ist.

Als Roosevelt Präsident wurde, war gerade das Amt des Direktors dieser Institution vakant und er wurde von Parteifreunden bedrängt, einen guten Demokraten in diese Position zu hieven. Er soll dieses Ansinnen mit den Worten kommentiert haben:

„Ich haben nicht den blassesten Schimmer, ob Briggs ein Republikaner oder ein Demokrat ist; alles was ich weiß, ist, dass er der am besten qualifizierte Mann für diesen Job ist.“

Die besondere Begabung dieses Wissenschaftlers und Administrators bestand darin, die Prinzipien und Methoden der Physik in einer Vielzahl anderer Bereiche erfolgreich anzuwenden (Briggs Myers & Levelt Sengers, 1995, 8)

Weitere von Roosevelt ernannte Mitglieder dieses Komitees waren Commander Hoover, Colonel Adamson (zwei Waffenexperten) sowie Alexander Sachs (Segrè, 1970, 114).

Das erste Treffen des Komitees fand im „National Bureau of Standards“ statt, und zu den Teilnehmern zählten Eugene P. Wigner, Leó Szilárd und Edward Teller, die Briggs für das Komitee rekrutiert hatte. Später lud er noch weitere kompetente Physiker zu den Treffen ein, u. a. Enrico Fermi (Briggs Myers & Levelt Sengers, 1995, 10).

Vannevar Bush

Im Juni 1940 wurde das Uran-Komitee als „Subcommittee“ in das neu geschaffene „National Defense Research Committee“ eingegliedert, das von Vannevar Bush geführt wurde (Howes & Herzenberg, 1999, 8). Bush war ein amerikanischer Ingenieur, der zu den Pionieren der Computer-Wissenschaft zählt. Ein Jahr zuvor war er zum Präsidenten der renommierten „Carnegie Institution for Science“ berufen worden. Der Tradition dieser Einrichtung entsprechend, gehörte es zu den Aufgaben ihres Chefs, den amerikanischen Präsidenten in wissenschaftlichen Fragen zu beraten.

Bushs hervorstechendes Charaktermerkmal war ein ruheloser, beinahe unersättlicher Machttrieb. Unter der rauen Schale jedoch verbarg sich ein weicher Kern. Die Verantwortung, die ihm die Vielzahl seiner Aufgaben aufbürdete, lastete schwer auf ihm; wiederholt erlitt er Nervenzusammenbrüche; Ängste plagten ihn, dass er der Verantwortung nicht gewachsen sein könnte. Seit Beginn des 2. Weltkriegs quälten Bush zunehmende Zweifel daran, dass die Vereinigten Staaten die Anforderungen der Zukunft technisch zu meistern in der Lage sein würden. Unter der Führung von Briggs hatte das Uran-Komitee bisher nur begrenzte, zersplitterte Ergebnisse zu Detailproblemen hervorgebracht; und Bush war von einem befreundeten Wissenschaftler, der das Uran-Komitee beriet, über dessen Unzulänglichkeiten unterrichtet worden.

Bush war sich allerdings im Mai 1940 noch nicht sicher, ob auf diesem Gebiet in absehbarer Zeit militärisch Nützliches geschaffen werden konnte. Er änderte seine Einstellung jedoch im Verlauf der nächsten Monate grundlegend (Pascal Zachary, 1992, 26). Bush entwickelte einen Plan zur Gründung eines „National Defense Research Committee“ und fasste diesen in vier kurzen Absätzen zusammen, die er Roosevelt vortrug. Innerhalb von zehn Minuten hatte er das OK des Präsidenten.

Jahre später sagte Bush über dieses Komitee, das offiziell seine Arbeit am 27. Juni 1940 aufnahm, seine Aufgabe habe darin bestanden, Wissenschaftlern und Ingenieuren abseits der offiziellen bürokratischen Dienstwege die Möglichkeit zu verschaffen, sich mit ausreichend Geld zu versorgen, um schnell neue Waffen zu produzieren. Genau dies sei damals aber auch erforderlich gewesen (Bush, 1970, 31 f.; Wiesner, 1995, 95 f.).

Die amerikanische Regierung hatte seit Gründung der Vereinigten Staaten die Wissenschaft eher stiefmütterlich behandelt; nach dem Ende des 2. Weltkriegs war sie jedoch kein Waisenkind mehr; und dies war unzweifelhaft auch das Verdienst Vannevar Bushs, der in dieser Zeit zum einflussreichsten Wissenschaftler der USA aufstieg.

Die Wissenschaft macht mobil

Bush war höchst unzufrieden mit den schleppenden Fortschritten des Uran-Komitees (Pascal Zachary, 1992, 26 f.). Er mobilisierte die Wissenschaft für den Krieg. Paradoxerweise bestand einer der ersten Schritte auf diesem Weg darin, das Uran-Komitee in eine wissenschaftliche Institution, der keine Militärs mehr angehören durften, umzuwandeln. Da das Komitee unter dem Schirm des „National Defense Research Committee“ nun nicht mehr vom Militär bei der Mittelbeschaffung abhing, hatte es viel größeren Einfluss auf die Uranforschung und viel freieren Zugang zu Geldquellen als zuvor.

Aus Sicherheitsgründen durften keine Ausländer mehr Mitglied des Komitees sein; außerdem stoppte Bush jede weitere Veröffentlichung von Artikeln zur Uranforschung (Gosling, 1999, 7).

Briggs, der damals bereits 66 Jahre alt war, blieb Vorsitzender des Uran-Komitees. Das „National Defense Research Committee“ bestätigte weitgehend das Konzept, das Briggs für die Atomforschung entworfen hatte und beauftragte ihn, definitive Vorschläge für die zukünftige Entwicklung zu unterbreiten (Stewart, 1948, 120 ff.).

Unzufriedenheit mit Briggs

In der Folgezeit nahm aber die Unzufriedenheit mit der Arbeit von Briggs beständig zu. Nicht nur Atombomben-Enthusiasten wie Leó Szilárd oder der Nobelpreisträger Ernest Lawrence kritisierten die Inaktivität des Vorsitzenden; auch ein enger Mitarbeiter Bushs, der Präsident des „Massachusetts Institute of Technology“, Karl T. Compton, schrieb am 17. März 1941 an Bush, Briggs sei von Natur aus langsam, konservativ und methodisch, sein Komitee treffe sich so gut wie überhaupt nicht, wohingegen die Deutschen sehr aktiv seien. Sogar die Engländer, so Compton, machten mehr Fortschritte in Richtung Atombombe als die Amerikaner, obwohl diesen die meisten Mittel zur Verfügung stünden und sie die am besten qualifizierten Physiker in der Welt einsetzen könnten (Pascal Zachary, 1992, 27).

Fakt war jedoch – und Bush selbst räumte dies später ein -, dass nicht Briggs für diese Misere verantwortlich war, zumindest nicht allein. Vielmehr stand Briggs unter dem Druck, zahllose waffentechnische Entwicklungen voranzutreiben und er hatte deswegen – vielleicht auch wegen seiner anfänglichen Skepsis – die Forschungen zur militärischen Nutzung der Kernenergie bisher noch nicht ernst genug genommen.

Bush bat die „National Academy of Sciences“ um Rat, die seit dem Bürgerkrieg die amerikanische Regierung in wissenschaftlichen Fragen beriet. Doch die Akademie gab ihm nur ausweichende und hinhaltende Antworten. Bush war sich aber klar, dass – auch angesichts fehlenden Wissens über etwaige deutsche Fortschritte auf diesem Gebiet – eine Entscheidung getroffen werden musste.

Bush trifft Roosevelt

Am 9. Oktober 1941 traf er sich mit Roosevelt, nachdem er eine britische Studie gelesen hatte, die zu dem Schluss kam, dass eine Atombombe vor Ende des Kriegs gebaut werden könne (Pascal Zachary, 1992, 28 f.). Auch Briggs hatte diese Studie erhalten, ignorierte sie jedoch (Rhodes, 1986, 372). Roosevelt entschied, dass

  1. Bush keine endgültigen Schritte zur Ausweitung des Atomprojekts ohne die ausdrückliche Genehmigung der Regierung unternehmen dürfe
  2. die politische Planung auf eine kleine Gruppe beschränkt bleiben solle (Roosevelt, Vizepräsident Wallace, Bush, der Harvard-Präsident James Bryant Conant, Verteidigungsminister Henry Stimson und George Marshall (Army Chief of Staff))
  3. ein weiter gefasstes Programm von einer neuen Organisation gehandhabt werden solle
  4. die Mittelbeschaffung durch die Regierung unter Wahrung strengster Geheimhaltung zu erfolgen habe (Pascal Zachary, 1992, 29).

Hermetische Geheimhaltung

Die zuletzt genannte Aufgabe wurde auf innovative Weise bewältigt, die Schule machen sollte. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurde eine schwarze Kasse geschaffen. Die hermetische Geheimhaltung des Projekts hatte zur Folge, dass die Angelegenheit in der Öffentlichkeit nicht diskutiert wurde, dass es keine Anfragen im Kongress gab und dass sogar die beteiligten Wissenschaftler jeweils nur den kleinen Bereich kannten, den sie zu bearbeiten hatten. Ihre Aufgabe war es, sich um die technischen Probleme zu kümmern und nicht um die Politik oder die moralischen Fragen, die sich mit der Atombombe verbanden.

Dieses Prinzip der „Compartmentalization“1 ist heute weltweit der Standard in Geheimdiensten und Streitkräften, sofern es um sicherheitsrelevante Themen geht.

Office of Scientific Research and Development

Mit der „Executive Order 8807“, einem Dekret Roosevelts vom 28. Juni 1941, wurde das „Office of Scientific Research and Development“ (OSRD) geschaffen. Es wurde gegründet, um

  • die ingenieurwissenschaftliche Lücke zwischen der militärisch relevanten Grundlagenforschung und dem militärischen Einsatz darauf basierender Waffen zu schließen
  • die wissenschaftlichen Projekte verschiedener Teile der Streitkräfte, des „National Defense Research Committee“ (NDRC) und des „National Advisory Committee for Aeronautics“ zu koordinieren und
  • die Forschung im Bereich der Militärmedizin zu fördern (Steward, 1948, 35).

Roosevelt ernannte Bush zum Direktor des OSRD, Conant wurde Vorsitzender des „National Defense Research Committee“. Das NDRC wurde von einer handelnden zu einer nur noch empfehlenden Agentur herabgestuft, deren Funktion darin bestand, den Direktor des OSRD, also Vannevar Bush zu beraten. Das „Uranium Advisory Committee“ wurde eine Sektion des NDRC (Section One, kurz: S-1) (Powaski, 1987, 5).

Am 6. Dezember 1941 machte der amerikanische Präsident noch einmal Druck. Er ordnete an, nichts unversucht zu lassen, um die Atombombe zu bauen (Powaski, 1987, 5).

Einen Tag später griffen japanische Bomber den Stützpunkt der US Navy, Pearl Harbor auf der Insel O’ahu (Hawaii) an. Die Zeit war reif, dass Atombombenprojekt auf eine neue Ebene zu heben.

Das Manhattan Project

Groves

Im Sommer 1942 übertrug der Präsident der US-Armee die Aufsicht über die Bemühungen zum Bau der Atombombe; das entsprechende Projekt, das unter der Bezeichnung „Manhattan Project“ in die Geschichte einging, wurde offiziell am 13. August dieses Jahres ins Leben gerufen (Powaski, 1987, 6). Das „Corps of Engineers“ der US-Armee war für dieses Projekt verantwortlich.

Vannevar Bush hatte den Präsidenten gedrängt, die Zuständigkeit für den Bau der Atombombe dem Militär zu übertragen. Dafür waren zwei wesentliche Gründe ausschlaggebend:

Erstens besaß nur das „Corps of Engineers“ die Fähigkeit und die Ausrüstung, um in kürzester Zeit die erforderlichen industriellen Anlagen zu errichten.

Zweitens konnte man die notwendigen, erheblichen Finanzmittel im kriegsbedingt aufgeblähten Militärbudget am besten verstecken (Goldberg, 1998, 43).

Am 18. Juni 1942 erhielt Oberst James C. Marshall den Befehl, einen neuen Ingenieur-Distrikt aufzubauen. Da sich das Hauptquartier dieser neuen Abteilung in Manhattan befand, wurde der Distrikt zunächst „Manhattan Engineering District“ genannt; später setzte sich die heute noch übliche Bezeichnung „Manhattan Project“ durch.

Marshall, der nichts von Physik verstand, betrieb das Projekt nur äußerst zögerlich – zu zögerlich für den Geschmack von Vannevar Bush, der in der Armee und bei seinen politischen Freunden in Washington intervenierte (Gosling, 1999, 13).

Im September dieses Jahres schließlich übertrug Verteidigungsminister Henry Lewis Stimson dem Generalmajor Leslie R. Groves, der zuvor Leiter der Konstruktionsabteilung des Corps war, die Gesamtleitung des Projekts. Marshall wurde ihm unterstellt (Ballard, 1998, 92 f.).

Groves war ein sehr ehrgeiziger Mann, der eigentlich an die Front wollte, um seine Karriere zu befördern und der das Kommando über das „Manhattan Project“ nur sehr widerstrebend annahm. Da ihm aber nichts anderes übrig blieb, als in den sauren Apfel zu beißen, entschied er sich, dieses zunächst ungeliebte Projekt in ein Karrieresprungbrett zu verwandeln; und dies bedeutete, die Bombe noch vor Ende des Kriegs fertigzustellen und für ihren Einsatz zu sorgen (Goldberg, 1998, 52).

Die erste nukleare Kettenreaktion

Am 2. Dezember 1942 versuchte eine Arbeitsgruppe um den italienischen Physiker Enrico Fermi, der in die USA emigriert war, die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion auszulösen. Die Forscher gingen ein erhebliches Risiko ein, da sich der erste Kernreaktor auf dem Gelände der Universität von Chicago befand. Das Experiment verlief jedoch störungsfrei und war ein uneingeschränkter Erfolg. Nun mussten auch die letzten Zweifler verstummen; der Bau einer Atombombe schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Gigantische Produktionsanlagen

Innerhalb kürzester Zeit stampfte die amerikanische Regierung gigantische Produktionsanlagen und Forschungseinrichtungen aus dem Boden: In Hanford wurde Plutonium, in Oak Ridge Uranium-235 produziert und in Los Alamos arbeitete der wissenschaftliche Leiter des „Manhattan Projects“, der Physiker Julius Robert Oppenheimer an der Entwicklung einer einsatzfähigen Bombe. Eine größere Zahl kleinerer Einheiten ergänzte diese Einrichtungen.

Im Laufe der nächsten Jahre entwickelten sie sich zum größten industriellen Komplex der Welt (Udall, 1994, 38), für den Bau der Anlage in Oak Ridge wurden z. B. 20000 Arbeiter benötigt (Gyorgy, 1979, 3) – und das Erstaunliche war, dass selbst in den Vereinigten Staaten nur eine Handvoll von Menschen wusste, welchem Zweck dieser Gigant diente. Noch erstaunlicher war, dass die Amerikaner nicht versuchten, durch Aufklärungsflüge festzustellen, ob Deutschland auf dem von ihm kontrollierten Territorium vergleichbare Anlagen baute, die ja die unbedingte Voraussetzung einer Atombombe waren (Udall, 1994, 38 f.). Möglicherweise waren die Amerikaner damals schon gar nicht mehr daran interessiert, sich dem Risiko auszusetzen, dass eine vermutete Bedrohung sich als Fiktion herausstellen könnte.

In Hanford wurde das Plutonium für die Atombombe produziert, die Nagasaki zerstörte (“Fat Man“), der Sprengstoff für die Bombe auf Hiroshima (“Little Boy“) stammte aus Oak Ridge. Geld spielte keine Rolle mehr. Oak Ridge verschlang 1,2 Milliarden, Hanford beinahe 400 Millionen und Los Alamos 74 Millionen Dollar. Nach Geldwert unserer Zeit belaufen sich die Summen in etwa auf 24 und 8 sowie 1,48 Milliarden (Kelly, 2006, 110).

Welche Mittel Groves auch immer benötigte: Sie wurden gewährt. Gab es mehrere Möglichkeiten, ein Ziel anzustreben, so entschied er sich nicht etwa für die kostengünstigste Variante, sondern ließ alle verwirklichen. Dem „Manhattan Project“ wurde Top-Priorität eingeräumt und so hatte Groves leichtes Spiel, Mitbewerber um Ressourcen, die während des Kriegs oft knapp waren, aus dem Feld zu schlagen (Goldberg, 1998, 53).

Angesichts seines ultrageheimen Charakters war es dennoch nicht immer leicht, Verantwortliche davon zu überzeugen, dass, unter allen anderen Vorhaben höchster Priorität, das „Manhattan Project“ das Dringlichste der Dringlichsten war, denn es durfte ja niemand wissen, womit es sich beschäftigte. Doch Groves nutzte den Rückhalt, den er beim Präsidenten und in höchsten Regierungskreisen genoss, um sich durchzusetzen (Goldberg, 1998, 57).

Groves macht Druck

Der Projektleiter ging zwar nicht verschwenderisch und unverantwortlich mit seinen Finanzmitteln und seiner Verfügungsgewalt über Ressourcen um; er sorgte allerdings kompromisslos dafür, dass die Fertigstellung der Bombe vor Kriegsende nicht an falscher Sparsamkeit scheiterte (Goldberg, 1998, 55).

Groves übersprang – von nur einer unvermeidlichen Ausnahme abgesehen – die bei der industriellen Umsetzung experimenteller Erkenntnisse sonst üblichen Erprobungsphasen (im Fachjargon als „scaling up“ bezeichnet), ließ den Bau der Anlagen für die Nuklearproduktion sofort im vollem Umfang anlaufen und ging dabei erhebliche Risiken ein, zu denen auch ein GAU gehörte (Goldberg, 1998, 54).

Wenngleich der Beitrag von Wissenschaftlern und Ingenieuren nicht unterschätzt werden soll, wäre die Atombombe ohne Groves vermutlich nicht noch zu Kriegszeiten einsatzfähig gewesen. Ihm war das militärische Beschaffungssystem vertraut und er verstand es, virtuos auf dieser Klaviatur zu spielen; die Wissenschaftler und Ingenieure besaßen diese Fähigkeiten nicht (Goldberg, 1998, 65).

Aufgrund der enormen und beständig steigenden Kosten des Manhattan Projects und der entsprechend zunehmenden Finanznot anderer Projekte regte sich Widerstand und Unverständnis in den führenden militärischen Kreisen und in der politischen Sphäre der Vereinigten Staaten. Die strikte Geheimhaltung verhinderte, dass die Projektverantwortlichen mit konkreten Angaben über Ziele und Fortschritte Vertrauen schaffen konnten (Goldberg, 1998, 65 ff.). Es ist verblüffend, dass offenbar niemand, der nicht eingeweiht worden war, auch ahnte, womit sich dieses Projekt tatsächlich beschäftigte, obwohl bekannt war, dass eine große Zahl der bedeutendsten Physiker der Welt involviert waren.

Ein unschlagbares Machtinstrument

Das ursprüngliche politische und militärische Hauptmotiv zur Entwicklung der Atombombe war die berechtigte Furcht davor, dass die Deutschen diese Waffe zuerst bauen könnten. Doch nachdem aufgrund von Geheimdienstinformationen klar wurde, dass Deutschland dieses Ziel nicht erreichen würde, intensivierten die Projektverantwortlichen die Arbeit an der Atombombe sogar noch. Groves war natürlich die treibende Kraft (Goldberg, 1998, 71).

Die amerikanische Führung und ihr Statthalter Groves wussten, dass die Furcht vor Hitlers Atombombe die moralische Legitimation des „Manhattan Projects“ darstellte und sie hatten nicht das allergeringste Interesse an der Verbreitung von Erkenntnissen, die diese Gefahr als gegenstandslos erscheinen ließen. Denn sie wollten die Atombombe um jeden Preis – als neues, unschlagbares Machtinstrument des amerikanischen Imperiums.

Groves war – und dies ist sicher keine Unterstellung – von persönlichem Ehrgeiz zerfressen. Er hatte Blut geleckt. Er zog sich nicht etwa zurück, als die Bomben „Little Boy“ und „Fat Man“, seinem ursprünglichen Auftrag entsprechend, fertig gestellt worden waren, sondern er übernahm auch die Verantwortung für die Vorbereitungen zum Einsatz der Bomben im Krieg gegen Japan (Goldberg, 72 f.).

Trinity – die erste Atombombenexplosion

Cover-up

Am Nachmittag des 16. Juli 1945 erschien auf der Titelseite der „Albuquerque Tribune“, einer Zeitung der größten Stadt New Mexicos, ein Bericht über eine gewaltige Explosion, die sich am frühen Morgen desselben Tages in diesem Staat auf dem Gelände der „Alamogordo Air Base“ ereignete. Ein Munitionslager, so hieß es, sei in die Luft geflogen. Die Druckwelle sei sogar im 235 Meilen entfernten Gallup zu spüren gewesen (Miller, 1991, 37). Nur wenige Menschen wussten und durften wissen, was sich tatsächlich hinter dieser Explosion verbarg. Es handelte sich um die erste Zündung einer Atombombe in der Geschichte der Menschheit: Trinity.

Der Schauplatz war ein Wüstenstrich, der ungefähr 340 km von Los Alamos entfernt war: die Jornada del Muerto (Tagesreise des toten Mannes). Dies ist ein sehr trockenes und bis heute weitgehend unbewohntes Lava-Becken mit einem Durchmesser von rund 145 km.

Der Versuch erfolgte mehr als zwei Monate nach der deutschen Niederlage. Das Testgelände, die „White Sands Missile Range“, befand sich bereits zuvor in Besitz der Vereinigten Staaten. Die nächstgelegene Stadt ist das ungefähr 50 km entfernte Socorro.

Den Sicherheitskräften der Armee, die für das Testgelände verantwortlich war, kam die Aufgabe zu, Erfahrungsberichte von Anwohnern, die Zweifel an der offiziellen Version (Munitionslager) hätten schüren können, aus der Presse zu halten. Sie gaben ein Statement für die Zeitungen in der Region heraus, in der sie behaupteten, dass niemand verletzt oder getötet worden sei und dass es nur geringfügige Schäden an Eigentum außerhalb militärischer Anlagen gegeben habe. Da jedoch einige Gasbehälter durch die Explosion beschädigt wurden, könne die Armee wegen der Wetterbedingungen eventuell gezwungen sein, vorübergehend einige Zivilisten aus ihren Häusern zu evakuieren (Szasz, 1984, 85 f.).

Das Verteidigungsministerium bat die lokalen Zeitungen, kein Hintergrundmaterial zu verwenden, keine Details hinzuzufügen und keine Erklärungen zu versuchen. Die Redaktionen hielten sich weitgehend an diese Aufforderung, obwohl sie zahllose Berichte von Augenzeugen erreichten (Szasz, 1984, 86).

Ablauf des Tests

Um Mitternacht vor dem Test begann es zu regnen. Ein Gewittersturm kündigte sich an. Falls sich das Wetter nicht bis zum Morgen besserte, hätte man die für vier Uhr geplante Zündung verschieben müssen. Denn bei Regen bestand die Gefahr, dass die Tropfen radioaktive Partikel aufnahmen und damit bewohntes Gebiet verseuchten.

Die Verantwortlichen für Trinity standen jedoch unter Zeitdruck, denn Harry S. Truman – der nach dem Tode Roosevelts kurz zuvor Präsident geworden war – wollte wenige Tage später in Potsdam bei seinem Treffen mit Stalin und Churchill verkünden, dass die Vereinigten Staaten in Besitz einer neuen, einzigartigen und mächtigen Waffe seien.

Die Evakuierung des nordöstlichen Teils von New Mexiko kam natürlich nicht in Frage.

Um zwei Uhr schließlich tobte ein Gewittersturm über die Wüste. Blitze zuckten und Regen prasselte auf die militärischen Anlagen. Obwohl sich die Gegend im Allgemeinen durch Wetterbedingungen auszeichnete, die bestens für einen Test dieser Art geeignet waren, wurde sie nun durch ein extremes Gewitter heimgesucht. Die Zündung wurde verschoben und erfolgte um 5:29:45 Uhr, nachdem sich das Wetter wieder normalisiert hatte (Miller, 1991, 34).

Die Bombe befand sich an der Spitze eines ca. 30 Meter hohen Turms, der sich im Augenblick der Explosion einfach auflöste, während die Materialien an der Oberfläche unter ihm verdampften und durch den Aufwind, den die gewaltige Hitze erzeugte, nach oben gesaugt wurden. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde war der Feuerball so groß wie das Empire State Building.2 Er war in einem Umkreis von bis zu 200 km zu sehen (Miller, 1991, 36). Sieben Sekunden später schoss das gleißende Gebilde, wie eine Blase in einem Kessel mit kochendem Wasser, mit überraschend hoher Geschwindigkeit himmelwärts. Er hatte nun einen Durchmesser von rund 800 Meter, wurde zunächst gelb, dann rot. Als er eine Höhe von sechs bis sieben Kilometern erreichte, leuchtete er orange, dann rosa. In elf Kilometern Höhe war der Feuerball zu einer trüben grauen Masse aus radioaktivem Müll geworden, der aus den Überresten der Bombe, des Turms, aus Bodenbestandteilen und einem Gemisch aus all dem bestand, was der Feuerball berührt hatte. Die Staubwolke war von einem seltsamen, violetten Glühen umgeben (Miller, 1991, 36 f.).

Den Wissenschaftlern, Ingenieuren, Militärs und verantwortlichen Politikern waren die mit der radioaktiven Verseuchung verbundenen Gefahren durchaus bewusst; man schenkte ihnen und vor allem den längerfristigen Nachwirkungen allerdings keine besondere Aufmerksamkeit. Während der gesamten Laufzeit des „Manhattan Projects“ interessierten im Grunde nur alle Schritte, die zum Bau einer einsatzfähigen Atombombe führten; alles andere galt als nebensächlich oder zweitrangig.

Trinity: Nun hatte man es fasst geschafft; der Test war bestanden, der Effekt war atemberaubend. Nun musste sich die neue, einzigartige Waffe des amerikanischen Imperiums nur noch im Feld bewähren.

Die Folgen des Tests

Die Folgen der radioaktiven Verseuchung zeigten sich unmittelbar im Umfeld der „Test Site“. Farmer wunderten sich über verdickte und verhärtete Stellen in der Haut ihrer Rinder, anderen Tieren fielen die Haare aus. Bei manchen Rindern wuchsen die ausgefallenen Haare wieder nach, waren aber weiß. Eine ursprünglich schwarze Katze wurde halb weiß, eine Hälfte des Bartes eines Farmers wurde grau (Newtan, 2007, 75).

Die Firma Kodak stellte fest, dass radioaktives Cerium-141 in Rochester im Staat New York einen Film beschädigt hatte. Als das Unternehmen nach dem Krieg vom Trinity-Test erfuhr, ließ es den Weg des radioaktiven Materials von New Mexico nach New York untersuchen. Es stellte sich heraus, dass dieser Stoff durch die Luft in die Flüsse Wabash und Iowa gelangt war. Das Wasser dieses Flusses war in Iowa und Indiana zur Papierherstellung verwendet worden – u. a. auch für Fotopapier der Marke Kodak. Dieses Fotopapier war dann auf der Straße nach Rochester transportiert worden. Dort hatten die vom Cerium-141 ausgestrahlte Radioaktivität die Fotos beschädigt. Das Cerium-141 hatte also durch die Luft, Flüsse und über Straßen eine Distanz von mehr als 3000 km zurückgelegt (Newtan, 2007, 75 f.).

Pro und Kontra zum Kriegseinsatz der Bombe

Traditionalisten und Revisionisten

Obwohl höchste Regierungskreise der Alliierten den Bau und schließlich den Einsatz der Atombombe rigoros befürworteten, meldeten sich auch aus dem Kreis der Eingeweihten seit Beginn des „Manhattan Projects“ kritische Stimmen zu Wort – besonders nach dem Bekanntwerden der Tatsachen, dass erstens die Deutschen momentan keineswegs Nuklearwaffen zu konstruieren versuchten und dass später dann zweitens die Niederlage Japans bereits besiegelt war (Wittner, 1993, 20).

Die Kritiker bezweifelten, dass der Einsatz von Atombomben gegen Japan notwendig sei und befürchteten, dass er mehr Schaden anrichten, als Nutzens stiften werde. Diese „Tauben“ konnten sich allerdings nicht durchsetzen; die Argumente der „Falken“ erwiesen sich als stärker. Die „Logik“ der Macht siegte über die Vernunft.

Ob die Japaner auch ohne Atombombeneinsatz oder sogar ohne Invasion zur Kapitulation bereit gewesen wären, ist einer der bedeutendsten Zankäpfel der neueren amerikanischen Geschichtsforschung.

Auf der einen Seite stehen die so genannten Traditionalisten, die von Spöttern auch als patriotische Orthodoxie bezeichnet werden. Sie propagieren die Position der amerikanischen Regierung. Die amerikanische Regierung rechtfertigt jeden ihrer Militärschläge. Der Wahrheitsgehalt dieser Rechtfertigungen bleibt dahingestellt. Man denke an Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen.

Auf der anderen Seite stehen die Kritiker, die von ihren Gegnern gern auch „Revisionisten“ genannt werden. Beide Seiten berufen sich zum Beleg ihrer Thesen vor allem auf abgefangene und entschlüsselte Nachrichten, die japanische Politiker, Militärs und Diplomaten via Funk austauschten und die postwendend in die Hände der amerikanischen politischen Führung gelangten.

Beide Seiten lesen aus diesen Nachrichten heraus, was ihnen genehm ist – dass nämlich Japan zur Kapitulation bereit war oder eben nicht (Frank, 2005).

Was man sich leisten kann

Hier soll ein anderer Ansatz verfolgt werden. Bei diesem Ansatz geht es in erster Linie um die Logik des „Manhattan Project“ und um die Frage, ob sich ein amerikanischer Präsident damals angesichts der gewaltigen Kosten, der Brüskierung vieler Uneingeweihter, der gigantischen Maschinerie zur Geheimhaltung dieses Projekts und – vor allem – angesichts der unerhörten Möglichkeiten, die diese neue Waffe ihrem alleinigen Besitzer bot – überhaupt leisten konnte, sie nicht einzusetzen.

Die Antwort lautet vermutlich: Nein! Kein amerikanischer Präsident, weder Truman, noch irgend ein anderer Führer seiner Zeit hätte dies riskieren können. Über den Einsatz war bereits entschieden worden, als Alexander Sachs am 11. Oktober 1939 seinem Freund Roosevelt die Notwendigkeit erklärte, den Deutschen beim Bau der Atombombe zuvorzukommen.

Vom Saulus zum Paulus

Zu den entschiedensten Kritikern der Bombardierung japanischer Städte mit Nuklearwaffen gehörte der Physiker, der den Stein ins Rollen gebracht hatte: Leó Szilárd. Szilárd fürchtete, dass es in einer Welt, in der einige Staaten Atombomben besitzen, keinen Frieden geben könne.

Zunächst befürwortete er zwar im Januar 1944 den Einsatz von Atombomben während des Kriegs in einem Brief an Vannevar Bush. Sein Argument: Es könne sonst keinen auf Realität fußenden Frieden geben. Die Öffentlichkeit müsse durch eine Demonstration von der zerstörerischen Gewalt der Nuklearwaffen überzeugt werden.

Doch dies blieb der einzige Rückfall Szilárds in eine Haltung, die den Einsatz von Atomwaffen unter bestimmten Bedingungen rechtfertigte. Seine sich im Verlauf des „Manhattan Projects“ verstärkende Überzeugung bestand darin, dass die Welt durch die nukleare Waffentechnik einer Katastrophe entgegentorkelte (Wittner, 1993, 21).

Niels Bohr

Auch der dänische Physiker Niels Bohr warnte entschieden vor einem nuklearen Rüstungswettlauf nach dem Endes des Kriegs. Im Dezember 1943 besuchte er als Mitglied einer Delegation britischer Wissenschaftler die Vereinigten Staaten. Obwohl er während dieser Zeit die Physiker und Ingenieure in Los Alamos unterstützte, bestand der Hauptgrund seiner Reise darin, sich dafür einzusetzen, dass Roosevelt, Churchill und Stalin die internationale Kontrolle der Kernenergienutzung für die Nachkriegszeit vereinbaren sollten.

Roosevelt zeigte sich verständnisvoll und machte Bohr Hoffnung – obwohl er nicht die geringste Neigung verspürte, sich ernsthaft mit den Vorschlägen des Physikers auseinanderzusetzen. Bohr sprach auch mit Churchill, doch dieser sagte ihm, dass die Atombombe nur eine viel größere Bombe als die bisherigen sei, dass sich durch sie am Charakter des Krieges nichts ändere.

Der amerikanische Präsident und der britische Regierungschef verwarfen bei einem Treffen im September 1944 ausdrücklich Bohrs Ideen und stimmten darin überein, dass die Bombe u. U. gegen Japan eingesetzt werden könnte. Die beiden Staatsmänner sorgten sich, dass der dänische Physiker eventuell Geheimnisse des „Manhattan Projects“ verraten könne.

In einem Schreiben an seinen engsten Berater, den Physiker Lord Cherwell schrieb Churchill, er habe den Eindruck gewonnen, dass Bohr eingesperrt gehöre oder dass man ihm auf andere Weise klarmachen müsse, er sei nahe daran, ein tödliches Verbrechen zu begehen (Wittner, 1993, 21 f.).

Nukleare Rüstungskontrolle

Am 30. September 1944 plädierten auch Bush und Conant in einem Memorandum, das an den Verteidigungsminister Stimson adressiert war, dafür, dass die Atomenergie nach dem Krieg der Kontrolle durch ein internationales Gremium unterstellt werden sollte (Wittner, 1993, 22).

Doch dies war das Letzte, was Churchill und Roosevelt wollten. Sie strebten ein angelsächsisches Nuklearmonopol an: Und dies bedeutete im Klartext nichts anderes als – Weltherrschaft. In Erwartung des nun unausweichlichen totalen Siegs hatten sie offenbar Blut geleckt.

Einstein

Im Dezember 1944 wurde sich auch Einstein zunehmend der Gefahr bewusst, die mit der Nutzung der Atomenergie verbunden war. Bohr besuchte ihn in seinem Haus in Princeton und erklärte ihm, dass die Frage der Nuklearkontrolle die Aufmerksamkeit verantwortlicher Staatsmänner in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erlangt habe und dass Schweigen in dieser Angelegenheit unerlässlich sei. Einstein war damit einverstanden, auf seine Freunde, mit denen er über diese Angelegenheit gesprochen hatte, einzuwirken, überflüssige Diskussion zu unterlassen, um die ohnehin heikle Aufgabe der Politiker nicht unnötig zu erschweren (Wittner, 1993, 23).

Was wirklich zählt

Auf Anregung des neuen Präsidenten Truman, der dem überraschend verstorbenen Roosevelt im Amt nachgefolgt war, trafen sich Szilárd und der Politiker James F. Byrnes, den Truman für den Posten des Außenministers vorgesehen hatte, um die Atomfrage zu besprechen. Das Treffen fand am 28. Mai 1945 im Haus des Politikers in Spartanburg, South Carolina statt.

Der Physiker sprach sich vehement gegen den Abwurf der Bombe auf Japan aus, doch der Politiker stelle nüchtern fest, dass der Einsatz der Waffe die enormen Kosten des „Manhattan Projects“ rechtfertigen und die Russen in Osteuropa leichter handhabbar (“more manageable“) machen würde.

Szilárd hatte keine Chance, und er berichtete später, dass er sich niemals zuvor in seinem Leben so elend gefühlt habe wie nach diesem Gespräch.

Auch der Politiker erinnerte sich an sein Missbehagen während dieser Unterredung. Szilárds Benehmen und sein Wunsch, in der Politik mitzumischen, hätten einen unvorteilhaften Eindruck auf ihn gemacht (Wittner, 1993, 25).

Ein Biss ohne Zähne

Am 11. Juni 1945 verabschiedete das „Committee on Social and Political Implications of Atomic Energy“, das der Direktor einer Forschungseinrichtung des „Manhattan Projects“ in Chicago, Arthur Compton einberufen hatte, einen Bericht, der sich entschieden gegen die atomare Bombardierung Japans aussprach.

Als Gründe wurden genannt:

  • Durch den Ersteinsatz der Atombombe würden die Vereinigten Staaten die öffentliche Unterstützung in der ganzen Welt einbüßen
  • einen Rüstungswettlauf heraufbeschwören
  • die Wahrscheinlichkeit einer internationalen Nuklearwaffenkontrolle nach dem Krieg verringern.

Das Komitee schlug vor, die Bombe über unbewohnten Terrain zu zünden, um so der Welt deren zerstörerische Gewalt zu demonstrieren.

Der Bericht wurde von der politischen Führung der Vereinigten Staaten missachtet, denn die Entscheidung zum Abwurf von Atombomben auf japanische Städte war kurz zuvor bereits gefällt worden, am 31. Mai 1945 (Wittner, 1993, 25 f.).

Die Würfel sind gefallen

An diesem Tag traf sich das „Interim Committee“, das Truman, kaum im Amt, berufen hatte, um über den Einsatz der Bombe zu beraten. Mitglieder waren Verteidigungsminister Stimson, Bush, Conant, Byrnes und der Armee-Stabschef George Marshall. Die Entscheidung, Nuklearwaffen einzusetzen, entsprach der Grundhaltung, die alle führenden Verantwortlichen während des gesamten Kriegs geteilt hatten: Die USA sollten als erste Nation der Welt eine Atombombe bauen und einsetzen (Wittner, 1993, 27).

Militärs zieren sich

Auch unter führenden Militärs fanden sich einige Gegner des Atombombeneinsatzes; zu diesen zählten: Flottenadmiral Ernest King, Admiral William Leahy, Admiral Chester Nimitz und General Dwight D. Eisenhower (Wittner, 1993, 28). Ob es sich bei dieser Opposition vor dem Bombeneinsatz tatsächlich um eine nachdrückliche und ernsthafte handelte, ist in der Geschichtsforschung umstritten (Maddox, 2007, 14 ff.) – was bei einem derart emotional hochexplosiven Thema wohl auch kein Wunder sein dürfte.

Die Mehrheit der eingeweihten Militärstrategen war allerdings für den Einsatz der Atombombe.

Noch einmal Szilárd

Im Juli 1945 versuchte Szilárd, für das „Manhattan Project“ tätige Wissenschaftler zur Unterschrift unter Petitionen gegen den Bombenabwurf ohne Vorwarnung und vorherige Demonstration zu bewegen. Der Erfolg seiner Bemühungen war mäßig, wohl auch, weil die Armee von Anfang an versuchte, Szilárds Vorstoß zu unterdrücken. Groves war maßgeblich daran beteiligt, dass Truman erst nach dem Bombenabwurf vom Protest der Wissenschaftler erfuhr (Wittner, 1993, 31).

Tinian – Vorbereitung des Infernos

Ein großer Flugplatz

Die Insel Tinian war im 2. Weltkrieg ein strategisch außerordentlich bedeutender Stützpunkt der US-Streitkräfte im Kampf gegen Japan. Da der feindliche Inselstaat nicht weit entfernt war (ca. 2300 km bis Tokio), konnten ihn die amerikanischen B-29-Bomber von Tinian aus angreifen.

Die ca. 8 km nördlich von Saipan gelegene und 130 km von Guam entfernte Insel Tinian gehört zu den Nördlichen Marianen. Sie stand seit 1914 unter japanischer Kontrolle und wurde Anfang Juli 1944 von den Amerikanern erobert.3 Ihre Landfläche beträgt ca. 100 km².

Nach der Invasion begannen die Amerikaner zügig mit dem Ausbau der Landebahnen auf der Insel, die von den Japanern angelegt worden waren. Es entstand einer der größten Flugplätze der damaligen Zeit. Der Luftwaffen-General Hap Arnold rief bei seinem Besuch am 15. Juni 1945 aus: „Ganz Tinian ist ein großer Flugplatz!“ (Gordin, 2007, 69)

Bereits Ende des Jahres 1943 hatte die Air Force mit der Umrüstung der B-29-Bomber für den Abwurf von „special weapons“ begonnen (Ross, 2003, 97). Am 17. Dezember 1944 schuf die Air Force eine Bomber-Einheit, die für den Einsatz der neuen Waffe verantwortlich sein sollte, die „509th Composite Group“. Diese Gruppe wurde mit den besten B-29-Modellen ausgestattet, die der Air Force damals zu Verfügung standen. Die Luftwaffenführung wollte sich nicht nachsagen lassen, sie hätte nicht alles Menschenmögliche für das „Manhattan Project“ getan.

Zum Kommandanten wurde einer der besten Air-Force-Piloten auserkoren, Lieutenant Colonel Paul Tibbets, der auch das Flugzeug beim ersten Atombombenabwurf steuern sollte. Unter seinem Befehl standen 75 Top-Piloten, aber außer Tibbets kannte nur ein weiterer Offizier die tatsächliche Aufgabe der „509th Composite Group“ (Wainstock, 1996, 82).

Am 26. Juli 1945 erreichte das amerikanische Kriegsschiff „Indianapolis“ Tinian; an Bord befanden sich das Uran-235 und Bombenteile. Die daraus zusammengebaute Bombe trug den Spitznamen „Little Boy“ (Newtan, 2007, 15). Sie war am 1. August einsatzbereit (Chun, 2008, 10). Der Plutonium-Kern der Bombe „Fat Man“ wurde vom Militärflughafen „Kirtland Fields“ in New Mexico eingeflogen. Die Transportmaschine erreichte Tinian am 28. Juli 1945. Dort wurde der Kern mit den anderen Teilen verbunden, die von Ingenieuren aus Los Alamos mitgebracht worden waren (Calloway, 1995, 2).

Trumans Befehl

Am Abend des 30. Juli 1945 erhielten Offizielle der US-Delegation eine verschlüsselte Nachricht für Präsident Truman. Sie stammte von Verteidigungsminister Stimson und war als „dringend“ sowie „streng geheim“ gekennzeichnet worden. Der Präsident, der schon schlief, erhielt sie erst am nächsten Morgen. Sie lautete, dass die Atombombe jetzt einsatzbereit sei und dass Truman nun nur noch den endgültigen Einsatzbefehl geben müsse. Stimson teilte dem Präsidenten mit, Groves‘ Projekt schreite inzwischen so schnell voran, dass die Genehmigung Trumans bis spätestens Mittwoch, den 1. August erforderlich sei.

In großen und gut lesbaren Buchstaben schrieb Truman mit Bleistift auf die Rückseite der Nachricht:

Vorschlag genehmigt. Die Bombe soll aber nicht vor dem 2. August abgeworfen werden.“

Später sagte Truman, dass er in der Überzeugung gehandelt habe, das Richtige zu tun. Der Tod sei Teil jedes Befehls eines Führers im Krieg (Wainstock, 1996, 79).

Folgerichtig rief er spontan aus: „Das ist das größte Ding der Geschichte!“, als er nach dem Ende der Potsdamer Konferenz auf der Heimreise zu Schiff durch eine Funknachricht von seinem Verteidigungsminister Stimson erfuhr, dass die Bombardierung Hiroshimas „ein voller Erfolg“ war. Er lief an Deck, um im Jubel der Mannschaft zu baden, bevor er in die Offiziersmesse eilte, um dort erneut Beifall zu ernten (Boyer, 1989, 176).

Hiroshima und Nagasaki – der Anfang vom Ende der Welt

Exakt nach Plan

Die – nach Trinity – zweite Atombombe der Menschheitsgeschichte explodierte am 6. August 1945 morgens um 8:15 Uhr über Hiroshima, nachdem sie an einem Fallschirm bis auf eine Höhe von ca. 580 Metern herabgesunken war. Das Wetter war perfekt; Mannschaft und Ausrüstung funktionierten einwandfrei. Der Angriff erfolgte exakt nach Plan und die Explosion verlief genauso wie vorhergesehen. Dies berichtet zumindest ein Report des „Manhattan Projects“ mit dem Titel „A-Bombing of Hiroshima and Nagasaki“, der unter der Federführung des militärischen Projektleiters Lesley Groves erstellt wurde (Groves, 1946, 10).

Der Bericht des „Manhattan Projects“ stellt die unmittelbare Vorgeschichte wie folgt dar: Ungefähr eine Stunde zuvor hatte das japanische Frühwarnsystem den Anflug von einigen amerikanischen Flugzeugen festgestellt und Alarm gegeben. Die Flugzeuge flogen in großer Höhe. Um acht Uhr stellte das Bedienpersonal des japanischen Radars fest, dass es sich offenbar nur um eine kleine Zahl von Flugzeugen handele. Die normale Radiowarnung vor amerikanischen Flugzeugen sollte sicherstellen, dass die betroffenen Menschen rechtzeitig die Schutzräume aufsuchten. Aber angesichts der Beobachtungen der japanischen Luftraumüberwachung wurden kein Luftangriff, sondern nur ein Aufklärungsflug erwartet und angekündigt (Groves, 1946, 10).

Der japanische Historiker Hiroshi Hasegawa zeichnet jedoch ein anderes Bild der Vorgänge. Nach seinen Recherchen flog der Kommandant des Flugzeugs, Kommandant Paul Tibbets zunächst ein Tarnmanöver über Hiroshima und warf die Bombe erst im zweiten Anflug. Hasegawa beruft sich zur Absicherung dieser Behauptung auf schriftliche Berichte militärischer Beobachter und auf Augenzeugenberichte von Überlebenden. Tibbets flog also nicht, wie in der offiziellen „Field Order“ angegeben, die Stadt direkt an. Vielmehr umkreiste er die Stadt zunächst einige Male. Infolgedessen wurde in Hiroshima Alarm ausgelöst. Dann aber schwenkte Tibbets in Richtung Osten ab und kreiste über Harimanada, einem Ort in der Nähe der Stadt Okayama. Diese Finte, die offenbar einen Aufklärungsflug vortäuschen sollte, führte zur Entwarnung und folglich dazu, dass die Bürger Hiroshimas nicht in ihren Schutzräumen saßen, sondern von der Bombe völlig überrascht wurden. Dies habe, so der japanische Historiker, die Zahl der Opfer beträchtlich erhöht (Knauß, 2009). Hiroshima, eine Stadt mit damals ca. 255000 Einwohnern, wurde fast vollständig zerstört.

Am späten Nachmittag dieses Tages erhielt Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter von Los Alamos, einen Anruf aus Washington. General Groves war am Apparat. Der General berichtete verschlüsselt von dem gelungenen Atombombenabwurf. Oppenheimer ließ die Nachricht per Lautsprecher im gesamten Kernforschungszentrum verbreiten. Alle Mitarbeiter versammelten sich spontan in einem größeren Saal. Als Oppenheimer den Raum betrat, brandete frenetischer Beifall auf. Nur mühsam konnte er sich seinen Weg durch die jubelnde Menge bahnen. Mit emporgereckten Armen ließ er sich wie ein Boxchampion feiern.

Ein Augenzeuge berichtete später, Oppenheimers Ansprache zum Erfolg der Bombe habe keinerlei Anzeichen von Reue verraten. Sie sei vielmehr der Ausdruck eines überschäumenden Triumphgefühls gewesen (Hoffmann, 1995, 175).

Drei Tage nach der nuklearen Bombardierung Hiroshimas warfen die US-Streitkräfte ihre erste Plutonium-Bombe ab. Das Ziel war eine Stadt mit 270000 Einwohnern, Nagasaki. Die Sprengkraft dieser Bombe entsprach der Zerstörungsgewalt von 4000 mit konventionellen Bomben voll gepackten B-29-Bombern (Large, 1998, 141).

Rechtfertigung der Bombenabwürfe

Der amerikanische Historiker Gar Alperovitz zählt zu einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die – entgegen der offiziellen US-Doktrin – davon überzeugt sind, dass die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki überflüssig waren. Japan hätte auch ohne dieses Angriffe kapituliert; und dies sei auch damals schon klar gewesen (Alperovitz, 1995).

Die Kritiker der offiziellen Doktrin von der Notwendigkeit des Abwurfs stützen sich nach Auffassung des Historikers Richard B. Frank im Wesentlichen auf drei Prämissen:

  1. Die Situation Japans war 1945 katastrophal hoffnungslos.
  2. Die japanischen Führer wussten das.
  3. Dank entschlüsselter japanischer Geheimbotschaften war den amerikanischen Führern bekannt, dass die Japaner die Kapitulation ins Auge gefasst hatten ( Frank, 2005).

Nach dem Krieg bekannten einige führende US-Generäle, dass sie den Einsatz der Atombomben abgelehnt hätten (Alperovitz, 2005). General Eisenhower betonte in einem Interview mit der Zeitschrift „Newsweek“ im Jahr 1963, dass es nicht notwendig gewesen sei, die Japaner „mit diesem schrecklichen Ding“ zu schlagen. General Curtis LeMay meinte, dass der Krieg zum Zeitpunkt des Abwurfs ohnehin in zwei Wochen zu Ende gewesen wäre und dass die Kapitulation nichts mit der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki zu tun gehabt hätte. Der Fünf-Sterne-Admiral William D. Leahy sagte: „Der Einsatz dieser barbarischen Waffen gegen Hiroshima und Nagasaki war keine materielle Hilfe in unserem Krieg gegen Japan. Die Japaner waren bereits besiegt und bereit aufzugeben ( Leahy, 1950).“ Henry H. Arnold, der Kommandierende General der „US Army Air Forces“ bezeichnete die japanische Position als hoffnungslos, schon bevor die erste Atombombe fiel, da die Japaner die Kontrolle über den eigenen Luftraum verloren hatten. Da die Japaner auch nicht mehr über eine funktionierende Seestreitmacht verfügten, konnten sie die Versorgung ihres rohstoffarmen Landes während eines Krieges nicht mehr gewährleisten (Freeman, 2006).

Die US-Regierung ließ nach der Kapitulation Japans keinen Zweifel daran, dass die Atombombenabwürfe erforderlich gewesen seien. Laut Alperovitz ist dies vor allem mit militärpolitischen Erwägungen zu erklären: In dieser Zeit wurde die Nuklear-Rüstung aufgebaut, die man im Kampf gegen den Kommunismus für notwendig hielt. Das Eingeständnis der Sinnlosigkeit des Atombombeneinsatzes im Zweiten Weltkrieg hätte die moralische Rechtfertigung der Nuklearrüstung insgesamt untergraben. Daher wurden wider besseres Wissen die Fakten verzerrt. Alperovitz hält es für wahrscheinlich, dass die Atombomben vor allem darum auf japanische Städte abgeworfen wurden, um die Sowjetunion einzuschüchtern. Truman habe Japan bewusst von einer Kapitulation abgehalten, um eine Rechtfertigung für den Atombombeneinsatz zu haben. Daher habe er Zusicherungen, dass Japan das Kaisertum behalten dürfe, zurückgezogen, obwohl er wusste, dass die Abschaffung der Monarchie und die Abdankung des Kaisers für die Japaner aus kulturellen und religiösen Gründen nicht akzeptabel war (Alperovitz, 2005).

Amerika wollte den Krieg gegen Japan auch darum schnell beenden, weil die Sowjets angekündigt hatten, sie würden ihre Truppen nach der Niederlage Deutschlands nach Asien verlegen, um in den dortigen Kriegsschauplatz einzugreifen. Truman wollte verhindern, dass Stalin den gewaltigen Territorialgewinn in Europa nun durch weitere Landnahmen in Asien aufstockte. Dies hätte eine strategische Katastrophe für die Vereinigten Staaten bedeutet (Freeman, 2006).

Die Sowjetunion war offenbar der eigentliche Adressat der Bomben. Dies wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass Truman, den Rat des Armee-Stabschefs George C. Marshall missachtend, Städte als Ziele auswählte und keine militärischen Einrichtungen. Die einschüchternde Wirkung der Zerstörung von Städten ist zweifellos größer als die der Ausschaltung militärischer Ziele.

Der damalige Außenminister James F. Byrnes bekannte in einem Interview mit der Zeitschrift „US News and World Report“ (15. August 1960), dass er und wahrscheinlich auch Truman auf jeden Fall verhindern wollten, dass die Sowjets in den Krieg gegen Japan eintraten. Der Krieg sollte daher so schnell wie möglich beendet werden. Dies sei seine Einstellung und vermutlich auch die des Präsidenten während der Tage gewesen, die dem Abwurf der Atombomben unmittelbar vorausgingen.

Nach wie vor umstritten

Die Notwendigkeit des Atombombeneinsatzes zur Beendigung des Kriegs gegen Japan war und ist unter Militärs und Historikern nach wie vor umstritten. Traditionalisten bezweifeln vor allem, dass die entschlüsselten Funksprüche tatsächlich die Bereitschaft Japans zur Kapitulation belegen. Vielmehr habe Japan seine Kapitulation vom Erhalt der alten kaiserlichen und militärischen Ordnung, also des aggressiven japanischen Imperiums und seiner Militärmaschinerie abhängig gemacht, was für Amerika nicht annehmbar war. Japan sei andernfalls zu einer bedingungslosen Verteidigung japanischen Bodens bereit gewesen.

Überdies bestreiten die Protagonisten der These von der Notwendigkeit der Atombombenabwürfe, dass die japanische Führung ihre militärische Situation als hoffnungslos eingeschätzt habe. Daher suchte sie eine für sie vorteilhafte Beendigung des Krieges. Die amerikanische Führung habe aus den entschlüsselten Funksprüchen keineswegs schließen können, dass die Japaner zur Aufgabe bereit gewesen seien. Vielmehr gehe aus ihnen eindeutig hervor, dass die Japaner bis zum letzten Blutstropfen kämpfen wollten (Frank, 2005).

Dieser Einschätzung widerspricht die Position des „U.S. Strategic Bombing Survey“ aus dem Jahr 1946. Dieser Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Japaner auch ohne atomare Bombardierung spätestes vor dem 31. Dezember, wahrscheinlich aber schon vor dem 1. November 1945 aufgegeben hätten. Der 1. November galt als frühester Termin für eine amerikanische Invasion der japanischen Hauptinseln.

Ob diese Einschätzung den Tatsachen entsprach oder ob politische Motive in der Nachkriegszeit die Wortwahl bestimmten, ist in der historischen Forschung allerdings umstritten (Gentile, 2007, 120 ff.).

Der Bär im Spiel

Welche Motive Trumans Entscheidung, die nukleare Karte auszuspielen, tatsächlich zugrunde lagen, wird vermutlich niemals geklärt werden. Entscheidungen spielen sich in menschlichen Gehirnen ab und niemand kann in ein menschliches Gehirn schauen, erst recht nicht in das eines Toten.

In einem Brief an seine Tochter Margaret aus dem Jahre 1948 schreibt Truman, dass er und seine ganze Delegation sich während der Potsdamer Konferenz gewünscht hätten, dass Stalin in den Krieg gegen Japan eingreifen möge. Im Rückblick bedauere er seine Bemühungen, Stalin in diesem Sinne zu beeinflussen, jedoch sehr: „Hätten wir damals gewusst, was die Atombombe anrichten würde, dann hätte wir niemals gewollt, dass der Bär ins Spiel kommt (Boyer, 1989, 182).“

Wenn dies stimmt, wenn Truman also tatsächlich nicht ahnte, welche Macht die Atombombe besaß, dann betrachtete er sie vor ihrem ersten Einsatz vermutlich nicht als ein brauchbares Mittel zur Einschüchterung des „Bären“. Doch das ist eine Spekulation. Es ist ebenso denkbar, dass sich Truman auch nach dem Krieg noch veranlasst sah, seine wahren Motive, sogar gegenüber seiner Tochter, zu verschleiern.

Fakt ist, dass die Bombe so wirkte, als ob sie eine Machtdemonstration gegenüber den Kommunisten sein sollte – ganz gleich, was mit ihr tatsächlich beabsichtigt wurde. Japan war besiegt, so oder so. Die Sowjetunion aber war so mächtig wie nie zuvor – und ihrer Führer wussten nun, dass sie einer existenziellen Bedrohung bisher unbekannten Ausmaßes gegenüberstanden.

Ob die Atombombenabwürfe moralisch gerechtfertigt waren, weil sie „unter dem Strich“ Menschenleben retteten, ist ein moralische Frage, die zweifellos die Herzen amerikanischer Patrioten bewegt – historisch bedeutsam ist sie schon allein deswegen nicht, weil moralische Fragen in der Geschichte im Allgemeinen und im Krieg besonders keine wesentliche Rolle spielen.

Entscheidend und unbestreitbar ist vielmehr die Tatsache, dass die nukleare Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis den atomaren Rüstungswettlauf sowie den Kalten Krieg startete und die Menschheit an den Rand der Selbstzerstörung brachte. Das mögliche und drohende Welt-Inferno veränderte nicht nur die Beziehung der Völker untereinander fundamental, sondern auch die menschliche Seele. Diese Veränderung war nicht nur eine Begleiterscheinung des wachsenden Bewusstseins der Gefahr, in der die Menschheit nunmehr schwebte; sie war auch die Folge einer absichtlichen und zielgerichteten Beeinflussung der Massen und ausgewählter Individuen durch staatliche Autoritäten.

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„Pa, this requires action.“

1Need-to-know-Prinzip

Das bis zur Antennenspitze 443 Meter hohe Empire State Building war bis 1972 das höchste Gebäude der Welt.

Die Nördlichen Marianen sind heute ein nichtinkorporiertes Außengebiet der USA mit innerer Autonomie und eigener Verfassung.

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