Kandel und die Tagesschau

Ein junger Mann ersticht eine junge Frau. Zunächst berichtet die Tagesschau nicht darüber. Dann werden in den sozialen Netzwerken Vorwürfe gegen die öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung laut. Schließlich meldet sich unter blog.tagesschau.de der stellvertretende Chefredakteur von ARD-aktuell, Markus Bornheim zu Wort.

Er schreibt:

„Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.“

Auf den ersten Blick erscheint es plausibel, wenn ein überregionales Nachrichten-Medium keine Beziehungstaten thematisiert. Sie erhalten schließlich in den meisten Fällen für die überwiegende Mehrzahl der Rezipienten keine wesentliche Information.

Deswegen erreicht eine Elsa Koester ja auch einen Tiefpunkt des Journalismus, wenn sie im Neuen Deutschland schreibt:

„Ja, was in Kandel geschah, war ein Femizid. Man kann darüber berichten. Dann muss man aber auch über die anderen geschätzten 150 Frauenmorde aus dem Jahr 2017 berichten.“

Den Gipfel der Ungeheuerlichkeit erreicht sie mit folgendem Satz:

„Sucht man sich nur diejenigen heraus, an denen Geflüchtete beteiligt sind, kann das Auswahlkriterium nur eines sein: rassistisch.“

Die Journalistin lässt hier – in ihrem Eifer zur Ehrenrettung der Geflüchteten, so mag man mutmaßen – völlig außer Acht, dass es journalistische Relevanzkriterien gibt. Wenn beispielsweise in Hintertupflingen Fritz Meier seine Ehefrau tötet, weil diese droht, ihn wegen eines anderen zu verlassen, so ist man kein Rassist, wenn man nicht in der Tagesschau darüber berichtet.

Anders Kandel. Vorausgesetzt sei, dass es die Pflicht eines öffentlich-rechtlichen Mediums ist, die Zuschauer mit zentralen Informationen zu versorgen. Zentral ist u. a., was zu den Gegenständen aktueller öffentlicher Debatten gehört. Es findet zur Zeit eine heiße öffentliche Debatte über Flüchtlinge im Allgemeinen und das Verhältnis muslimischer Männer zu Frauen statt. Dies allein reichte allerdings noch nicht aus, um die Beziehungstat aus Kandel als überregional relevant einzustufen.

Kehren wir noch einmal zu Fritz Meier zurück. Nehmen wir einmal an, dieser Mann wäre ein bundesweit bekannter, besonders aggressiver Antifeminist gewesen. Selbstverständlich hätte die Tagesschau über den Mord berichtet.

Warum also im Fall Kandel so zögerlich? Wir wissen, dass die traditionelle afghanische Kultur Frauen kaum Rechte zugesteht. Waslat Hasrat-Nazimi schreibt auf der Website der Deutschen Welle:

„Eine Frau im ultra-konservativen Afghanistan hat vieles, aber sie hat keinen Namen. Viele Männer würden sich lieber die Hand abhacken, als den Namen ihrer Frau zu nennen. Stattdessen heißt sie einfach die „Mutter der Kinder“ oder „Mein Haushalt“. Alles andere käme einer gravierenden Respektlosigkeit gleich. Selbst auf ihrem Grabstein wird der Name einer Frau nicht erwähnt.“

Angesichts dieses Frauenbildes afghanischer Männer stellt sich dann allerdings zwanglos die Frage, ob es sich in Kandel nicht doch um mehr als nur um eine Beziehungstat aus Eifersucht gehandelt haben könnte – so wie im Falle Fritz Meiers, wenn er ein radikaler Frauenfeind gewesen wäre.

Durch diese sich aufdrängende Frage wurde die Kandeler Bluttat zu einem Gegenstand, der eine relevante  Information zu einer aktuellen, bundesweiten öffentlichen Debatte enthält. Es ist dabei unerheblich, ob man bereits Genaueres über die Hintergründe weiß. Es ist nicht Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders, den Rezipienten stets nur unumstößlich feststehende Sachverhalte zu präsentieren.

Seriöse Medien bilden ohnehin keine Meinungen. Sie fördern durch Information und gut begründete Kommentare vielmehr deren Bildung. Dies ist nicht nur eine sprachliche Nuance. Es geht ums Ganze. Demokratie setzt den mündigen Bürger voraus. Dies ist ein aufgeklärter Mensch, der, um mit Kant zu sprechen, den Mut hat, sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen.

Mich beschleicht der Verdacht, dass unsere Medien, und vor allem die öffentlich-rechtlichen, zunehmend dazu neigen, den Rezipienten relevante Informationen vorzuenthalten, um keine Vorurteile zu schüren. Dies erscheint ehrenwert, ist jedoch das Gegenteil. Dies ist ein Anschlag auf die Demokratie. Wer so agiert, versucht, den mündigen Bürger in ein Mündel zu verwandeln, für das andere entscheiden, was gut für es ist.

2 Antworten auf „Kandel und die Tagesschau“

  1. „Durch diese sich aufdrängende Frage wurde die Kandeler Bluttat zu einem Gegenstand, der eine relevante Information zu einer aktuellen, bundesweiten öffentlichen Debatte enthält. Es ist dabei unerheblich, ob man bereits Genaueres über die Hintergründe weiß. Es ist nicht Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders, den Rezipienten stets nur unumstößlich feststehende Sachverhalte zu präsentieren.“

    Das sehe ich etwas anders. Es sollte doch zumindest konkrete und belastbare Hinweise dafür geben, dass die Bluttat mit der kulturellen Einstellung des Täters zu tun hatte, und nicht allein rein abstrakte und weitgehend spekulative Argumente. Ansonsten steht man auf der Basis reiner Spekulation – und dann könnte man vermutlich über viele Taten von Ausländern (oder auch anderen Leuten) berichten, die es ansonsten nie in die Medien schaffen würden.

    Dass eine gewisse Sensibilität geboten ist, sieht auch der Presserat so. So heißt es im Pressekodex des Presserates unter Ziffer 12:

    „In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

    Wenn nur allein in Proportion zu ihrer Häufigkeit über ausländische Kriminalität berichtet wird, dürfte dies aufgrund kognitiver Verzerrungen wohl schon dazu führen, dass der Anteil von Taten durch Ausländer erheblich überschätzt wird. Wird gar überproportional berichtet, so dürfte sich dieser Effekt noch einmal dramatisch verstärken.
    Dieses Phänomen lässt sich zwar wohl ohnehin nicht ganz vermeiden. Aber zumindest sollte man darauf achten, dass im jeweiligen Fall ein guter Grund für die Annahme eines spezifisch kulturellen Hintergrund einer Tat existiert – etwa, weil entsprechende erste Ermittlungen konkrete und aussagekräftige Indizien für einen solchen Verdacht liefern.

    1. Die Tagesschau heißt so, weil sie das Tagesgeschehen abbilden soll. Deswegen ergeben sich naturgemäß Grenzen bei der Durchleuchtung von Hintergründen und so ist auch ein spekulatives Element unvermeidlich. Man kann einer diskriminierenden Verallgemeinerung auch mit anderen journalistischen Mitteln entgegenwirken; Verschweigen ist das schlechteste.

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