Jenseits der Lügenpresse

In den letzten Jahren wurde zunehmend Kritik an den Medien laut. Sie wurde vor allen – aber nicht nur – von rechten Kreisen geübt. Man sprach von Lügen- oder Lückenpresse. Damit war gemeint, dass die Medien falsche Tatsachen berichteten oder wahre Tatsachen verschwiegen.

Im Gegenzug verwiesen die angegriffenen Journalisten darauf, dass sie es an einer kritischen Berichterstattung nicht fehlen ließen, dass es vor allem die Rechten mit der Wahrheit nicht so genau nähmen und dass man ihnen generell nichts nachsagen und nachweisen könne.

Es ist müßig, sich an einer Debatte zu beteiligen, an der sich die Kontrahenten Beispiele und Gegenbeispiele um die Ohren hauen und die deswegen naturgemäß nicht zu einem Ende finden wird. Hier geht es schließlich um Ermessensfragen. Da Sendezeit und Raum in Printmedien begrenzt und Fakten stets verschieden interpretiert werden können, lässt sich – von einem objektiven Standpunkt – kaum entscheiden, wer recht hat.

Viel mehr Sorgen als gelegentliche Falschmeldungen, Auslassungen und einseitige Interpretationen bereitet mir ein anderes Phänomen, das nichts mit den Inhalten, wohl aber mit der Form zu tun hat. Im kommunikativen Raum ist die Form eine Frage der Zivilisation. Diese ist ein Maßstab, anhand dessen wir uns von barbarischen Staaten unterscheiden. Deswegen ist es beängstigend, dass die Formfrage kaum beachtet oder gar öffentlich diskutiert wird.

Zivilisation ist ein Merkmal des Verhaltens von Menschen. Wenn Menschen nach dauerhaften Regeln interagieren, spricht man von Institutionen. Eine Arztpraxis beispielsweise ist eine Institution, weil in ihr Ärzte und Patienten bestimmte, nicht persönlich ausgewählte und festgelegte, Rollen spielen.

Wir sprechen von zivilisierten Institutionen immer dann, wenn die Rollen gewährleisten sollen, dass aussichtsloser Streit vermieden wird und notwendige Konflikte unter fairen Bedingungen ausgetragen werden.

Auch Nachrichtensendungen, Talkshows und verwandte Formate sind Institutionen. In ihr spielen so genannte Sprecher oder Personen eine wesentliche Rolle. Diese Rolle unterliegt Regeln. Die wichtigste lautet: Der Rollenträger soll nicht Partei ergreifen. Er soll seine Aufgabe möglichst objektiv und ausgewogen bewältigen. Zwar darf er Betroffenheit äußern, aber seine eigene Befindlichkeit darf nicht zum Maßstab seiner Tätigkeit werden.

In der letzten Zeit erlebe ich, dass Sprecher bzw. Moderatoren zunehmend aus der Rolle fallen. Ein Moderator z. B. hat die Aufgabe, ein Thema vorzugeben, das Gespräch in Gang zu bringen und zu halten, dafür zu sorgen, dass die Teilnehmer beim Thema bleiben und nicht unziemlich lange reden. Er soll Kampfhähne beruhigen, wenn deren Clinch nicht mehr im Interesse der Zuschauer liegt.

Keineswegs aber darf ein Moderator selbst Partei ergreifen. Tut er dies, so ist sein Stuhl verwaist und die Gruppe verwandelt sich in eine unmoderierte Diskussionsrunde – mit dem Unterschied allerdings, dass der aus der Rolle gefallene Moderator jederzeit und nach Belieben die Machtmittel des Moderators für sich in Anspruch nehmen kann.

Ähnliche Phänomene beobachte ich auch in Nachrichtensendungen, zum Beispiel bei Interviews. Die Aufgabe des Journalisten besteht hier darin, den Befragten zur Preisgabe seiner Standpunkte zu veranlassen, Unklarheiten durch Nachfragen zu beseitigen und ein Ausweichen nach Möglichkeit zu verhindern.

Zunehmend aber habe ich den Eindruck, dass Journalisten in Nachrichtensendungen bei Interviews aus der Rolle fallen, indem sie nicht mehr wie ein Journalist, sondern eher wie ein Staatsanwalt oder ein Rechtsanwalt der Gegenseite Fragen stellen. Der Stil ist inquisitorisch und Fallen stellend.

Die angesprochenen Formate spielen eine essenzielle Rolle in einer parlamentarischen Demokratie. Sie sollen den Wählern helfen, eine kluge Entscheidung für Abgeordnete und Parteien zu treffen, die ihre und allgemein die Interessen des Volkes in den Parlamenten mutmaßlich am besten wahren.

Die Parlamente sind das Herzstück einer zivilisierten Gesellschaft. Sie sollen garantieren, dass der Kurs des Landes nach einem sachlichen Austausch von Argumenten bestimmt wird. Selbstverständlich kann die Realität eines Staates mehr oder weniger stark von diesem Ideal abweichen; doch das Grundsätzliche ist davon nicht tangiert.

Deswegen stellt das Verhalten der oben beschriebenen Sprecher und Moderatoren einen gravierenden Zivilisationsbruch dar. Er ist umso bedenklicher, als dies Abweichen von den Vorgaben der Rolle nicht so leicht dokumentiert und nachgewiesen werden kann wie eine Falschmeldung oder die Auslassung relevanter Nachrichten.

Vielen Zuschauern fehlt auch das Bewusstsein für solche Feinheiten. Manipuliert werden sie aber doch und gerade deswegen. Das aus der Rolle Fallen des Journalisten erzeugt nämlich eine Rollenkonfusion beim Rezipienten. Er wird, seiner Rolle entsprechend, als objektiv und neutral wahrgenommen, obwohl er Partei geworden ist.

Ich empfehle den Lesern dringend, sich das Verhalten der Sprecher und Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens genauer vor Augen zu führen. Es lohnt sich, Aufzeichnungen der Sendungen in den Mediatheken aufzurufen und sich verdächtige Passagen mehrfach anzuschauen – mitunter auch ohne Ton, um die Körpersprache zu analysieren.

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