Die Jamaika-Koalition

Schaut man genauer hin, so erkennt man mit zunehmender Klarheit, dass dem Gefilde des Wissens enge Grenzen gezogen sind. Jenseits derer erstreckt sich das Reich der Plausibilität, bis hin zum Horizont der Spekulation.

Der Inselstaat Jamaika, so verrät uns Wikipedia, sei für seine vielseitige Kultur, aber auch für seine sozialen und wirtschaftlichen Probleme bekannt. Nicht nur wegen der Farben, die auf der Flagge der ehemaligen britischen Kronkolonie leuchten, ist Jamaika also ein passendes Sinnbild für die Koalition, die uns nach Lage der Dinge nun im Bundestag bevorsteht.

Als Wissen kann gelten, dass wir es hier im Prinzip mit vier neoliberalen Parteien zu tun haben. Sie suchen die Nähe zur Wirtschaft, möchten ihr zu Diensten sein – und die Wirtschaft ist neoliberal, d. h., ihre Wortführer möchten, dass sich die nationale Wirtschaftspolitik ihrem Unternehmerstandpunkt unterordnet. Die vier Jamaika-Koalitionäre eint also die Bereitschaft, einen gleichsam generalisierten Unternehmerstandpunkt als Wirtschaftspolitik zu präsentieren. Selbst wenn sie etwas anderes wollten, so könnten sie es nicht, denn keine dieser Parteien kann in ihrer Führungsriege Leute aufbieten, die genug von Nationalökonomie verstehen, um eine an den Interessen des gesamten Volkes orientierte Wirtschaftspolitik zu realisieren.

Dies ist also die gemeinsame Basis, der kleinste gemeinsame Nenner. Doch reicht dieser aus, um auf seiner Grundlage eine tragfähige Koalition zu schmieden? Wir betreten nun also das Reich der Plausibilität.

Frau Merkel wird bestrebt sein, sich wieder in der Kunst feuchter Aquarellmalerei zu üben. Darin ist sie ja bekanntlich eine Meisterin von seltenen Gaben. Sie wird also die Farben der Jamaika-Flagge auf eine aufgeweichte, aber am Verhandlungstisch festgeklebte Malgrundlage auftragen. Fasziniert schauen wir zu, wie die Farben an den Rändern ineinander übergehen und das Bild verschwimmt.

Die Koalitionäre in spe werden sich dies eine Weile gefallen lassen, denn sie eint ja die gemeinsame Sorge um das Wohlergehen um unser Land. Zumindest möchten sie ein Bild abgeben, dass Eindruck erweckt. „Wartet nur, bis es trocken ist“, sagt Merkel. „Ihr werdet staunen, wie schön dann die Farben schillern und leuchten. Besonders das Gelb, und erst das Grün – und dann auch noch der nachtschwarze Akzent, Horst!“

Doch dann frisch an den Pinsel, um die strategischen Punkt zur Feinabstimmung der Optik hervorzuheben. Wer also bekommt welche Posten? Am Horizont der Spekulation sehe ich einen großen, knallgelben Fleck, das Finanzministerium. Christian Lindner hat ihn vorschnell auf Papier gesetzt. Andere wollen ihn gleich schwarz übermalen, doch die jetzige und zukünftige Kanzlerin mahnt: „Vorsicht, Horst, da kommt dann ein verwaschenes Grau heraus!“

„Ja, dann nehmen wir doch gleich einen großen Pinsel, tauchen ihn tief ins Wasser und durchfeuchten alles noch einmal fundamental. Dann wird alles grau. Dann haben wir eine solide Grauzone.“

Die Verhandler schauen irritiert, nur Angela Merkel lächelt gütig und spricht also: „So ein Bild muss man aber sehr geschickt verkaufen, damit’s den Bürgern auch gefällt.“

Wenden wir nun wieder unseren Blick vom Horizont der Spekulation ab und den Gefilden des Wissens zu. Wenn CDU, CSU, FDP und Grüne sich selbst und ihre politischen Positionen ernst nehmen, dann ist eine Jamaika-Koalition unmöglich. Wenn wir unser Land ernst nehmen, dann müssten wir nun Neuwahlen fordern. Nur so könnten wir vier vergeudete Krankheitsjahre unter heftigsten Krämpfen entgehen.

Plausibel ist, dass dies nicht geschehen wird. Zu groß ist die Furcht der etablierten Parteien, dass dabei noch mehr AfD herauskäme. Was ist die Steigerung von Nazi? Man hätte schließlich im Arsenal der Verbalinjurien keine Munition mehr. Also Jamaika, die Grauzone.

In meinen Träumen liege in auf Jamaika am Strand in der Sonne.

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