Ist Taxifahren eine psychische Krankheit?

Magie des Hippocampus

Mitunter hört man das Argument, die Existenz „psychischer Krankheiten“ werde durch Unterschiede bei Hirnprozessen oder -strukturen zwischen „psychisch Kranken“ und „Normalen“ bewiesen.

Abgesehen von der Tatsache, dass solche hypothetischen Unterschiede noch nicht replizierbar empirisch erhärtet werden konnten, ist dieses Argument nicht schlüssig, wie folgendes Beispiel zeigt:

Die britische Neuro-Wissenschaftlerin Eleanor A. Maguire und ihr Team (Maguire et al. 2000, 2006) verglichen Gehirn-Scans von Londoner Taxi- und Busfahrern miteinander. Die Ergebnisse waren verblüffend:

Bei den Taxifahrern fanden sich ein vergrößertes Volumen der grauen Zellen im mittleren Hinterteil des Hippocampus und ein verkleinertes Volumen im vorderen Hippocampus, verglichen mit den Busfahrern. Die Dauer der Arbeit als professioneller Fahrer in London korrelierte nur bei den Taxifahrern mit den grauen Zellen im Hippocampus. Der rechte hintere Teil der grauen Zellen im Hippocampus vergrößerte sich bei ihnen mit zunehmender Fahrerfahrung, während sich das Volumen der grauen Zellen im vorderen Hippocampus verkleinerte.1

Maguire und Mitarbeiter testeten nun die kognitive Leistungsfähigkeit der beiden Berufsgruppen. Sie fanden heraus, dass die Fähigkeit, neue visuell-räumliche Informationen aufzunehmen, bei den Taxifahrern gegenüber den Busfahrern eingeschränkt war.

Sie folgerten aus ihren Befunden, dass die Gehirne von Taxifahrern, verglichen mit Busfahrern

  • zwar, aufgrund ihres vergrößerten hinteren Hippocampus, komplexe räumliche Strukturen besser zu repräsentieren in der Lage sind,
  • aber wegen des verkleinerten Volumens grauer Zellen im vorderen Hippocampus schlechter neue räumliche räumliche Informationen verarbeiten können.

Eleanor A. Maguire und ihre Arbeitsgruppe führen die Unterschiede zwischen den beiden ansonsten vergleichbaren Berufsgruppen darauf zurück, dass die Busfahrer festgelegte Routen fahren, die Taxifahrer ihren Kurs jedoch entsprechend den Wünschen ihrer Kunden stets neu bestimmen müssen.

Falsche Schlussfolgerung

Darf man aus der von Maguire und Kollegen gefundenen Normabweichung schließen, dass es sich beim Taxifahren in London um eine „psychische Krankheit“ handelt? Es wäre wohl kaum plausibel anzunehmen, dass Menschen mit einem angeboren vergrößerten Hippocampus nicht eher ruhen, bis sie Taxifahrer in London geworden sind.

Neurophysiologische Normabweichungen berechtigen also nicht an sich zu einer psychopathologischen Diagnose, wie das Taxifahrer-Beispiel zeigt. Es ist vielmehr zu erwarten, dass sich neuronale Unterschiede zwischen Normalen und Nicht-Normalen zeigen werden, wenn die Lebenspraxis der Nicht-Normalen gravierend von der Lebenspraxis der Normalen abweicht.

Es wäre ja auch ein Wunder, wenn z. B. das Hirn eines „Schizophrenen“ genauso tickte wie das Denkorgan eines unauffälligen Kleingärtners. Daraus kann man aber nicht schließen, dass die ungewöhnliche Hirnaktivität beim „Schizophrenen“ die Ursache seines abweichenden Verhaltens sei.

Die Gegenthese lautet: Das Hirn des Schizophrenen hat sich seinem „schizophrenen“ Lebensstil angepasst. Diese Veränderung gegenüber dem Normalen ist also nicht die Ursache, sondern die Folge der „schizophrenen“ Phänomene.

Es ist durchaus nicht auszuschließen, dass die Gehirne der so genannten psychisch Kranken völlig intakt sind und dass sie nur mit rätselhaftem Verhalten auf missliche oder gar bizarre Lebensumstände reagieren.

Die implizite falsche Logik der heute gängigen psychiatrischen Argumentation lautet:

Wenn wir Hinweise auf Unterschiede zwischen den Gehirnen von ‚psychisch Auffälligen‘ und ‚psychisch Unauffälligen‘ finden, dann ist dies ein Beweis dafür, dass es sich bei den Auffälligen um Kranke handelt, deren gestörtes Verhalten durch ein pathologische Prozesse im Gehirn hervorgerufen wird.“

Diese Logik ist falsch, weil sich aus dem Vorhandensein solcher Unterschiede nicht zwingend ergibt, dass sie die Ursache von Unterschieden des Verhaltens und Erlebens sind. Es ist genauso gut denkbar, dass sie die Folge unterschiedlichen Verhaltens und Erlebens sind oder dass sowohl die unterschiedlichen Hirnparameter, als auch das unterschiedliche Verhalten und Erleben durch eine Drittvariable hervorgerufen werden.

Ein valider Begriff psychischer Krankheit setzt eine empirisch erhärtete Theorie der Mechanismen voraus, die eine funktionelle oder strukturelle Schädigung des Gehirns mit einem für die jeweilige Krankheit symptomatischen Verhalten bzw. Erleben verbinden.

Dass die gegenwärtige Forschung von einem solchen Begriff psychischer Krankheit Lichtjahre entfernt ist, habe ich ausführlich in meinem Buch „Ärztliche Holzwege. Einführung in die empirische Psychiatriekritik“ beschrieben.

Literatur

Maguire, E. A. et al. (2006). London Taxi Drivers and Bus Drivers: A Structural MRI and Neuropsychological Analysis. HIPPOCAMPUS 16:1091–1101;

Maguire, E. A. et al. (2000). Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. In: PNAS, April 11, 2000, vol. 97, no. 8, 4398 – 4403))

Schmidt, R. F. (1998). Neuro- und Sinnesphysiologie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, Seite 418 f.

Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle bei der Konsolidierung von neuem Gedächtnismaterial: „Der Hippocampus und der darüberliegende entorhinale Cortex müssen die verschiedenen Repräsentationen der gesamten Umgebung, die während des Lernens präsent sind, zeitlich wie örtlich miteinander verketten. Die Herstellung eines solchen Kontexts ist vor allem dann notwendig, wenn neue Situationen und neues Lernmaterial eingeprägt werden müssen, da in einer solchen Situation neue Wahrnehmungen und neue Gedanken, die bisher nicht assoziativ miteinander verbunden waren, miteinander verbunden werden müssen (Schmidt 1998).“

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