Irres Theater

Informationen zwingen zu nichts

In seinem Buch „Choice Theory“ bringt der amerikanische Psychiater William Glasser die Grundlage menschlichen Handelns in bewundernswert schlichten Formulierungen auf den Punkt:

Die Entscheidungstheorie erklärt, warum wir, bei allen praktischen Anliegen, alles, was wir tun, auswählen, einschließlich des Elends, das wir fühlen. Andere Leute können uns weder elend, noch glücklich machen. Alles, was wir von ihnen erhalten oder ihnen geben können, sind Informationen. Doch an sich können uns Informationen nicht dazu veranlassen, irgendetwas zu tun oder zu fühlen. Sie gehen in unser Gehirn, wo wir sie verarbeiten und dann entscheiden, was zu tun ist…. (Wir wählen) alle unsere Handlungen und Gedanken und, indirekt, beinahe alle unserer Gefühle und einen großen Teil unserer physiologischen Reaktionen aus (Glasser 1999: 3).“

Daraus folgt, dass auch die „psychische Krankheit“ auf einer Wahl beruht; Menschen werden nicht durch Defekte oder Defizite in ihrem Gehirn dazu gezwungen, sich abnorm zu verhalten; sie entscheiden sich dazu. Vielleicht irrt sich Glasser ja, womöglich gibt es, tief im Inneren des Gehirns verborgen, irgendwelche Mechanismen, die Menschen dazu zwingen, aus der Rolle zu fallen; bisher aber konnten sie noch nicht entdeckt werden – und daher ist es nicht legitim, sie den so genannten psychisch Kranken zu unterstellen.

Erkenntnistheoretisch betrachtet lässt sich also die Existenz pathologischer Prozesse im Gehirn nicht ausschließen, aber solange wir sie nicht nachweisen können, müssen wir aus Gewissensgründen darauf verzichten, sie bei anderen vorauszusetzen.1

Nach mehr als drei Jahrzehnten der Forschung mit bildgebenden Verfahren konnten in den Gehirnen der so genannten psychisch Kranken keine konsistenten oder reliablen, funktionellen oder anatomischen Abweichungen vom Normalen entdeckt werden (Borgwardt et al. 2012). Es spricht also kein vernünftiger Grund gegen die Annahme, dass die angeblich psychisch Kranken ein völlig intaktes Gehirn haben, dessen Reaktionen den Bedingungen in seinem Milieu entsprechen.

Besonders deutlich sieht man dies bei Frontsoldaten. In seinem Buch „The painful field“ weist der Militärhistoriker Richard A. Gabriel nach, dass fast alle Soldaten nach einigen Wochen im Kugelhagel an der Front psychisch dekompensieren, auch solche, die nie zuvor irgendwelche Auffälligkeiten des Verhaltens und Erlebens gezeigt haben (Gabriel 1988). Diese Soldaten sind nicht verrückt, sondern sie reagieren nur menschlich auf den Wahnsinn des Krieges.

Man kann dies durchaus verallgemeinern: Wenn ein Mensch unter Hartz-4 nach einer Weile morgens nicht mehr aus dem Bett findet und jede Initiative verloren hat, dann ist er nicht depressiv, sondern dann reagiert er nur menschlich auf den Wahnsinn von Hartz-4. In Griechenland, so berichten die Medien, steigern die Selbstmordzahlen seit Beginn der verheerenden Wirtschaftskrise dort. Die Menschen bringen sich aber nicht um, weil sie Depressionen haben, sondern weil ihre wirtschaftliche Situation ausweglos geworden ist. In ganz Europa steigt zur Zeit die Zahl der Menschen mit psychiatrischen Diagnosen dramatisch. Dies liegt nicht daran, dass ein Virus grassiert, der Menschen psychisch krank macht. Dies ist die Folge der turbokapitalistischen Demontage selbst der bescheidensten Ansätze eines Sozialstaats und der durch „neoliberale“ Ideologien vorangetriebenen Entsolidarisierung der Gesellschaften.

Psychiatriekritiker werden häufig als Ideologen gebrandmarkt. Allein, was ist denn eine Ideologie? Eine Ideologie ist ein System von Ideen, das nicht durch Fakten erhärtet wurde. Dann aber ist Psychiatrie und nicht Psychiatriekritik Ideologie. Denn nicht nur lassen sich keine Hirnstörungen bei den so genannten psychisch Kranken nachweisen; es fehlen auch Befunde, die zwingend die häufig unterstellte genetische Komponente belegen (Joseph 2012).

Zwang zur Anpassung

Das Verrückte an den Verrückten bzw. generell an den so genannten psychisch Kranken ist, dass sie sich nicht so verhalten, wie wir es von einem vernünftigen Bürger erwarten. Sie toben und lärmen, sie nerven, sie machen rätselhafte Sachen, sie halten den Betrieb auf, kurz: Sie sind eine Strafe des Himmels. Manchmal töten sie Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Menschen töten, ist sogar, im Vergleich zu anderen, ihnen ähnlichen Bevölkerungsgruppen, leicht erhöht. Diese erhöhte Wahrscheinlichkeit wird durch eine Teilgruppe hervorgerufen, die nicht nur „schizophren“ oder „psychotisch“ ist, sondern zudem auch noch Rauschmittel missbraucht. Diese Teilgruppe ist aber nicht gefährlicher als Rauschmittel-Missbraucher ohne Psychose (Fazel et al. 2009).

Verrückte gelten aber häufig auch dann als „unberechenbar und gefährlich“, wenn sie niemandem ernsthaft schaden. Die Mitmenschen haben es nämlich in der Regel nicht so gern, wenn einer aus der Reihe tanzt, selbst wenn ihnen das eigentlich egal sein könnte, denn es macht ihnen Angst. Es geht ums Prinzip, und das Prinzip lautet: Jeder muss sich anpassen und wer das nicht tut, ist potenziell bedrohlich!

Muss sich wirklich jeder anpassen? Auf den ersten Blick könnte man dies meinen. Selbst die schrillsten Vögel aus der bunten Fernsehwelt passen sich ja an, nämlich den Marktbedingungen des Entertainments und der Kunst. Und wer den Bogen überspannt, wird aussortiert. Leute, die sich den Bedingungen der ihnen jeweils angestammten Märkte nicht anpassen wollen, müssen sich dann eben dem Markt anpassen, der ihnen ersatzweise und mitunter zwangsweise vorgesetzt wird: dem Markt der Psychiatrie nämlich. Die Psychiatrie produziert Anpassung im Namen des Staates.

Die Verrückten machen es den Normalen mitunter in der Tat nicht leicht, sie zu erdulden. Schon aus Gründen des Selbstschutzes wird der Angepasste mit guten Gründen darauf bestehen, vor den Auswüchsen des Unangepasstseins geschützt zu werden. Schnell wird in solchen Fällen der Ruf nach der Psychiatrie laut, auch, weil man so recht nicht weiß, wen man sonst rufen sollte. Viele wissen oder ahnen, dass die Psychiatrie kein guter Ort ist für Menschen, und erst recht nicht für jene, die sich nicht anpassen wollen. Aber weil sie nicht wissen, wie man sonst für Ruhe sorgen könnte, verdrängen sie diese gelegentliche Einsicht schnell wieder.

Da die Notwendigkeit zur Anpassung, zur Unterwerfung unter das Diktat der Normalität weitgehend unbestritten ist, scheint die einfachste, die naheliegende Erklärung für massiv Unangepasste darin zu bestehen, dass sie krank seien und sich deswegen nicht unter Kontrolle hätten. Bei ihnen ticke es im Oberstübchen nicht richtig. Da Anpassung etwas so Selbstverständliches und Natürliches zu sein scheint, ist eine freie Entscheidung dagegen nur schwer nachvollziehbar, vor allem dann, wenn den Unangepassten unangenehme Konsequenzen drohen.

Die Seele im Streik

John F. Nash ist Mathematiker, Ökonom und seine Fähigkeit, die Trampelpfade des Geistes zu verlassen und sich in weglosem, unwegsamen Gelände zu orientieren, brachte ihm den Nobelpreis ein. Sein Leben wurde verfilmt: „A Beautiful Mind.“ Seither ist weithin bekannt, dass dieser Nobelpreisträger als schizophren diagnostiziert und zwangsweise hinter den Gittern psychiatrischer Anstalten behandelt wurde.

In einem Vortrag während des jährlichen Treffens der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung (American Psychiatric Association, APA) sagte er, dass sich der Geist eines Menschen, der nicht in einer sozial akzeptablen Weise funktioniere, im Streik befinde (Neubauer 2007).

Brain Disease oder Mind on Strike? Der „psychisch Kranke“ weigert sich, die ihm auferlegten sozialen Rollen zu spielen. Er fällt aus der Rolle. Aber nicht, um sich der Anarchie zu ergeben (obwohl dies dem verwunderten Laien oftmals so scheint – während der staunende Fachmann Wissen vorschützt, das er nicht besitzt): Sondern um eine andere Rolle zu spielen, eine Rolle aus dem Repertoire des Streiks, eine widersprüchliche Rolle aus dem Repertoire der Macht, der Ohnmacht, der Verweigerung, der Compliance, der menschlichen Größe, der Selbsterniedrigung. Um eine Rolle zu spielen, die, gemessen an allgemein anerkannten Maßstäben, unvernünftig, ja abwegig ist.

Literatur

Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46

Fazel, S. et al. (2009). Schizophrenia and Violence: Systematic Review and Meta-Analysis. PLOS Medicine, Published: August 11, 2009, DOI: 10.1371/journal.pmed.1000120

Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press

Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial

Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83

Neubauer, D. (2007). John Nash and a Beautiful Mind on Strike, John Hopkins University

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Schließlich ist die Unterstellung, dass jemand einem Automatismus (im Gehirn) unterliege, der ihn zu einer bestimmten Handlungsweise zwinge, gleichbedeutend mit seiner (partiellen) Degradierung zum Roboter.

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