Im Fernsehen nichts Neues

Fernsehen scheint eine harmlose, mehr oder weniger vergnügliche Beschäftigung zu sein. Der einzig erkennbare Nachteil besteht scheinbar darin, dass man seine Zeit auch mit sinnvolleren Tätigkeiten ausfüllen könnte. Aber hat man nicht, bei all der Hetze, dem Stress und den Sorgen des Alltags ein Recht auf harmlose Unterhaltung ohne Nutzeffekt? Ja, wenn es denn so harmlos wäre.

Einige Merkmale des Fernsehens sollten uns stutzig machen:

  • Fast alle Sendungen sind leichte Kost, selbst die angeblich anspruchsvollen. Die Macher achten sorgsam darauf, niemanden mit einem IQ größer 70 durch Inhalt oder Form ernsthaft zu überfordern.

  • Eine große Zahl der Sendungen bewegt sich auf dem emotionalen Niveau von Kindern. Dabei handelt es sich keineswegs nur um das eigentliche TV für Kids, sondern um eine Vielzahl von Shows, Filmen und Serien.

  • Besonders deutlich wird dies bei Quiz-Sendungen, in denen Kandidaten und Zuschauer zu Schülern werden, die sich einer Prüfung unterziehen müssen.

  • Eine Vielzahl von Sendungen ist auf gute Laune programmiert. Die Akteure lächeln, als ob ihre Lachmuskeln Maschinen wären, die keine Ermüdung kennen.

  • Abgesehen vom Sport, ist die häufigste Sparte der TV-Unterhaltung der Krimi. Er läuft nach stets dem gleichen Schema ab. Ein zunächst rätselhaft erscheinender Fall wird am Ende der Sendung von einem Guten, repräsentiert meist durch einen Staatsdiener, den Kommissar, aufgeklärt. Die Bösen haben das Nachsehen. Krimis, die von dieser penetranten Schwarz-Weiß-Schablone abweichen, sind selten und werden in der Regel nicht in der Primetime gesendet.

  • Selbst die Nachrichtensprecher schauen, wie auf Knopfdruck, nur ganz kurz ernst, wenn sie über die allerschlimmsten Katastrophen berichten, und schalten sofort wieder auf dieses penetrante Lächeln um, sobald dies angesichts des Inhalts auch nur halbwegs vertretbar erscheint.

  • Die leichte, seichte Kost, die in beständig guter Laune schwimmt wie in einer opulenten Soße, wird mit Mord- und Totschlag, Folter, Entführung, Katastrophen, Lug und Trug, Korruption und Erpressung, kurz: mit allen erdenklichen menschlichen Übeln garniert.

Die Wirkung ist eine Mischung aus säuglingshafter Entspannung (die häufig auch durch Alkohol und Naschwerk noch unterstützt wird) und emotionalem Extrem-Stress (an den man sich nicht gewöhnen kann, weil Mord und Totschlag uralte, genetisch programmierte Angriff-Flucht-Schemata in unserem Unbewussten aktivieren).

Die tranceartige Bewusstseinslage, der medial gesteuerte Tagtraum verhindert, dass uns die archaischen Impulse (Angriff, Flucht) aktivieren. Obwohl wir aufgrund dieser Erregungen aus dem Sessel aufspringen müssten, bleiben wir wie hypnotisiert vor der Glotze sitzen.

Der Fernsehzuschauer ist in diesem Zustand hochgradig suggestibel. Er ist fast völlig wehrlos gegenüber den Botschaften des Fernsehens, auch wenn er sich ihnen gegenüber erhaben wähnt.

Die Botschaften dringen tief in sein Unbewusstes ein und setzen sich dort fest.

Wer über die Gestaltung der Programme entscheidet, kann, auf Grundlage dieser Mechanismen, zwar nicht perfekt, aber dennoch sehr weitgehend unser Unbewusstes programmieren – mit seinen politischen Aussagen, mit Kaufanreizen, womit auch immer. Und so werden diese Botschaften zu Selbstverständlichkeiten, die unser Denken, Fühlen und Verhalten steuern wie Realitäten, auch wenn es sich um Ideologien, Fiktionen und Fantasien handelt.

Da dies die Mehrheit der Bevölkerung betrifft, werden sie zu unserer gemeinsamen Wirklichkeit.

Wer mir dies nicht glaubt, kann sich durch ein Experiment selbst davon überzeugen. Verzichten Sie für ein paar Monate konsequent aufs TV. Sie werden feststellen, dass Ihnen in dieser Zeit Bekannte und Arbeitskollegen, Nachbarn und andere Mitmenschen zunehmend fremd werden – und zwar in einem erschreckenden Ausmaß.

Schon bald werden sie sich wie ein Marsmensch fühlen.

PS: Seit ein paar Jahren verzichten zunehmend vor allem jüngere Menschen weitgehend aufs Fernsehen und wenden sich dem Internet, z. B. den sozialen Netzwerken zu. Dies ist fraglos ein Fortschritt, denn Fake News ohne öffentlich-rechtliche Beglaubigung sind im Prinzip leichter zu durchschauen als zweifelhafte, aber als seriös verkaufte Nachrichten, die mit sonorer Stimme oder herzigem Augenaufschlag von Nachrichtensprechern oder Talkshow-Moderatorinnen verbreitet werden. Überdies bietet das Internet ein Spektrum unterschiedlicher Postionen, wohingegen das Fernsehen zu einem Einheitsbrei tendiert, in dem sich die einzelnen Ingredienzien überwiegend durch das Ausmaß ihrer Geschmacklosigkeit unterscheiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.