Illusionen

Die Psychoanalyse versteht sich als Psychologie des Unbewussten.

Schon das Bewusstsein ist schwer zu fassen. Wir können es bei anderen Menschen von außen nicht beobachten – nur aus ihrem Verhalten und dessen Kontext erschließen. Es ist aber immerhin der Introspektion zugänglich. Jeder kann sagen, mehr oder weniger genau, was er gerade gedacht, gefühlt hat, in welcher Stimmung er sich befand, welche Ängste ihn erfüllten, welche Sorgen er sich machte, welche Erwartungen er hegte und welche Hoffnungen ihn beherrschten.

Dabei gilt es aber zu bedenken, dass wir uns immer nur rückblickend der Inhalte des Bewusstseins vergewissern. Wir erinnern uns daran, was wir gerade (oder auch vor längerer Zeit) gedacht haben. Was wir momentan denken, das denken wir, ohne es in diesem Augenblick zum Gegenstand der Betrachtung machen zu können. Sobald wir dies tun, distanzieren wir uns von ihm in zweifacher Weise: einerseits verwandeln wir den subjektiven Akt des Denkens in ein Objekt, in einen Gegenstand der Reflexion und andererseits entfernen wir uns auch zeitlich von ihm: Wir fassen das soeben (oder vor längerer Zeit) Gedachte ins Auge, nicht das, was uns augenblicklich durch den Kopf geht.

Erinnertes aber unterliegt der Verzerrung, schlimmer, es kann, auch wenn es soeben erst gedacht wurde, schon wieder vergessen worden sein.1

Objektiviertes aber ist gleichermaßen verzerrt, weil wir es aus seinem aktuellen Kontext herausheben. Ich widme mich einem Gedanken, den ich gerade gedacht habe, und dabei gehen die konkreten physischen, emotionalen und kognitiven Begleiterscheinungen dieses Denkprozesses (zumindest tendenziell) verloren.

Aber immerhin: Wenn auch das Bewusste in der Introspektion nicht so unverfälscht zugänglich wird, wie dies auf den ersten Blick erscheint, ist es doch nicht so hermetisch abgeschottet wie das Unbewusste. Das Unbewusste ist dem Bewusstsein nämlich in der Introspektion nicht zugänglich (und erst recht kann es nicht von außen beobachtet werden), sonst wäre es nicht unbewusst.

Die Psychoanalyse nun meint, sie könne das Unbewusste erschließen, durch Deutung von Witzen, Träumen und „psychopathologischen Symptomen“. Allein, die Deutung kann auch falsch sein, denn jedes beobachtbare Verhalten (zu dem auch verbale Bekundungen zählen) kann auf vielfältige Weise zustande gekommen sein.

So kann der Patient einer Deutung widersprechen und der Analytiker wird dies vielleicht als Widerstand interpretieren, durch den das Bewusstsein vor einer verpönten Wahrheit geschützt wird.

Schlussendlich werden sich Analytiker und Patient auf eine Deutung einigen, im Idealfall.

Dass diese dann auch den tatsächlichen Prozessen im Unbewussten entspricht, ist damit aber noch nicht sicher, man kann sich auch übereinstimmend irren.

Nehmen wir einmal an, ein Patient bestünde darauf, seine Angst vor Pferden sei nicht auf seinen Ödipus-Komplex und emotionale Konflikte infolge von Masturbation zurückzuführen, sondern werde von einem Dämonen hervorgerufen, der von ihm Besitz ergriffen habe.

Der Psychoanalytiker also behauptet, die Angst vor Pferden werde durch unbewusste Prozesse verursacht, wohingegen der Patient einen bösen Geist dafür verantwortlich macht.

Beide Erklärungsmodelle könnten unterschiedlicher nicht sein; dennoch haben sie eine Gemeinsamkeit: Weder den Dämonen, noch das Unbewusste kann man direkt beobachten. Nur die angstvollen Reaktionen gegenüber Pferden kann man wahrnehmen.

Den Dämonen oder das Unbewusste kann man allenfalls aus dem Verhalten und seinem Kontext erschließen – aber solche Interpretationen sind spekulativ. Welche Deutung wird sich durchsetzen?

Die Interpretation, dass die Pferdeangst durch unbewusste Prozesse hervorgebracht würde, wird in einer Kultur plausibler erscheinen, die an Sigmund Freud und die Psychoanalyse glaubt.

Die Dämonen-Theorie wird in einer Kultur auf fruchtbaren Boden fällen, die dämonisches Wirken für möglich oder sogar für wahrscheinlich hält.

Freud selbst besaß genug Humor, um sich einzugestehen, dass die Psychoanalyse es nicht mit den Heilerfolgen von Lourdes aufnehmen könne, da eben weniger Leute an das Unbewusste als an die Jungfrau Maria glaubten (Freud 1933).

Die Kritik an derlei Vorstellungen blieb nicht aus, und nachdem sich die Psychoanalyse während der ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zur vorherrschenden Therapieform und zur Leitidee der Psychiatrie emporgeschwungen hatte, wurde sie zunächst vom Behaviorismus und sodann von der kognitiv-neurowissenschaftlichen Psychiatrie verdrängt.

Im psychotherapeutischen Feld ist heute weltweit die so genannte kognitive Verhaltenstherapie dominierend, die Gedanken und Denkfehler für gestörtes Verhalten verantwortlich macht.

Wenn also ein Mann mit einer Angst vor Pferden in die Behandlung kommt, so wird zunächst einmal herausgearbeitet, was ihm angesichts von Pferden so alles durch den Kopf geht. Stellt sich heraus, dass er dann stets glaubt, ein Dämon flöße ihm, warum auch immer, diese Furcht ein, so wird dieser Denkfehler zum Thema der Therapie, die als erfolgreich abgeschlossen gilt, wenn der Mann seine Furcht vor Pferden überwindet.

Damit ist aber keineswegs bewiesen, dass der dämonische Denkfehler diese Reaktion auslöste. Was im Gehirn dieses Patienten geschah, warum es zunächst auf Pferde angstvoll reagierte und warum es diese Angst schlussendlich überwand, können wir nicht direkt beobachten und auch nicht aus bunten Bildern von fMRI-Geräten ableiten.

In einer Kultur, die den Gedanken des Individuums eine bedeutende Rolle in der Verhaltenssteuerung beimisst, werden die Ideen der kognitiven Verhaltenstherapie natürlich gern geglaubt.

Doch man stelle sich einmal vor, der Patient behauptet, nicht seine Gedanken seien für seine Pferdeangst verantwortlich, sondern die Besendung seines Nachbarn, der mit einem umgebauten Mikrowellengerät Einfluss auf seine emotionalen Zentren nähme. In manchen Subkulturen, die geistig durch das Internet aufgerüstet werden, mag diese Besendungstheorie plausibler erscheinen als Dämonen, das Unbewusste oder Denkfehler.

Wir Menschen halten Rätsel nur sehr schlecht aus. Wir wollen Erklärungen, auf Teufel komm raus! Wenn sich keine Erklärung finden lässt, dann soll doch zumindest der rätselhafte Zustand verschwinden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Darum erfreuen sich Psychopharmaka so großer Beliebtheit, vor allem bei jenen, die den Erklärungen der Psychotherapeuten oder Verschwörungstheoretiker nicht so recht über den Weg trauen. Ist erst einmal die Angst vor Pferden durch eine Pille gebannt, dann ist die Frage, warum man sie hatte, nicht mehr so dringend zu beantworten.

Man ist dann sogar geneigt, sich mit Erklärungen abzufinden, die offensichtlich abwegig sind, wie z. B. jene, dass die Angst auf einem gestörten Hirnprozess beruhe, der durch das Medikament korrigiert werde. Ebenso gut könnte man behaupten, die „Heilung“ eines Taschendiebs durch Handabhacken erfolge mittels Korrektor einer dysfunktionalen Anatomie.

Und all das hilft? Ja, sicher, oft, und zwar durch den Glauben – auch beim Einsatz von Psycho-Pillen, deren Wirkung bekanntlich zu einem erheblichen Teil ein Placeboeffekt ist, entfaltet der Glaube seine segensreiche Kraft.

Selbstverständlich verändert sich die Welt nicht im geringsten durch Psychopharmaka und plausible Erklärungen. Falls unsere unerwünschten Reaktionen mit einem realen Problem verbunden sein sollten, so wird dieser Übelstand durch Therapie (gleich welcher Art) natürlich nicht gelöst. Wenn es gut geht, dann trägt sie dazu bei, dass wir uns mit den unveränderten Umständen besser arrangieren können als zuvor, zumindest vorübergehend. Die realen Wurzeln unserer Notlagen außerhalb unserer Innenwelt im realen Leben vermag auch kein Placebo auszureißen, und sei unser Glaube noch so inbrünstig.

Literatur Freud, S. (1933). Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

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Wir können uns beispielsweise dazu entscheiden, uns die Hände zu waschen, diesen Vorsatz aber sofort wieder vergessen, so dass uns der nachfolgende Akt des Händewaschens wie ein Zwang erscheint.

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