Ideologien und Tatsachen

Wenn man Menschen als Ideologen bezeichnet, so weisen sie dies meist als Beleidigung entschieden zurück. Es ist ungehörig, ein Ideologe zu sein und deswegen trifft diese Einstufung eher auf andere zu. Ideologen sind weltfremde Leute, Theoretiker, Intellektuelle, keine Menschen der Praxis, so wie man selbst. Manche Ideologen sind sogar gefährlich. Sie wähnen sich im Besitz einer höheren Wahrheit und fühlen sich durch sie legitimiert, anderen zu schaden, wenn dies ein hehres Ziel oder Gott zu gebieten scheint.

Nein, ein Ideologe ist man nicht, sondern ein Mensch der Tatsachen, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht. Gelegentlich finden sich unter den Tatsachenmenschen bekennende Gläubige. Die Religion, heißt es dann oft, sei eine Sache zwischen Gott und dem Einzelnen, sie beziehe sich auf das Jenseits und auf moralische Maßstäbe, der Sinn für die alltägliche Welt der Tatsachen würde durch sie keineswegs beeinträchtigt. Deswegen seien Religionen auch im Grundsatz keine Ideologien, obwohl es sich natürlich bei manchen religiösen Extremisten um Ideologen handele, und zwar oft um sehr gefährliche.

Viele dieser Tatsachenmenschen könnten, ohne nachzuschlagen, allenfalls mit Mühe definieren, was eine Tatsache eigentlich sei. Die meisten werden jedoch der gängigen Definition zustimmen, dass eine Tatsache ein Sachverhalt sei, dessen Vorliegen von unabhängigen Beobachtern auf Grundlage von Sinneserfahrungen bestätigt wurde.

Der Eiffelturm ist ein Bauwerk in Paris. Man darf dies wohl als eine Tatsache betrachten. Reisen wir in die französische Hauptstadt, dann bekommen wir ihn zu Gesicht, wenn wir uns ins 7. Arrondissement und ans nordwestliche Ende des Champ de Mars  begeben – vorausgesetzt, wir sind nicht blind. Andere sehen ihn auch.

Dürfen wir es also als Tatsache hinnehmen, dass sich der Eiffelturm in Paris befindet, ohne dass wir eine Ideologie zur Hilfe nehmen müssten? Eine Ideologie ist ein System von Ideen, das nicht nur aus einer Anordnung von Tatsachen besteht, sondern das Zusatzannahmen enthält, die noch nicht beobachtet wurden oder prinzipiell nicht beobachtet werden können.

Es wäre nun denkbar, dass der Eiffelturm von Außerirdischen, bestens verborgen unter einer Tarnkappe und bei Neumond, vollständig entfernt und durch eine täuschend ähnliche Attrappe ersetzt worden wäre. Die Außerirdischen hätten den echten Eiffelturm in ein Museum auf ihrem Heimatplaneten verfrachtet. So etwas soll ja vorkommen.

Nein, nein, sagt der Tatsachenmensch, dies ist eine schiere Erfindung, um Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, hinters Licht zu führen. Ja, es mag Außerirdische geben und ja, es könnte eine solche Technik existieren, mit der sich das Beschriebene bewerkstelligen ließe – aber dennoch sei dieser extrem unwahrscheinliche Fall kein Grund, Tatsachen anzuzweifeln.

Natürlich ist die Geschichte mit den Aliens, die einen Turm stehlen, hochgradig unwahrscheinlich. Es handelt sich um eine Konstruktion, die nur den Zweck hat, ein naives Verständnis von Tatsachen ad absurdum zu führen. Ist sie wirklich unwahrscheinlich und warum?

Um es für eine Tatsache zu halten, dass der von Gustave Eiffel erbaute Turm nach wie vor in Paris steht (und nicht in einem Museum in den Weiten des Universums), muss man Annahmen voraussetzen, deren Realitätsgehalt bisher nicht getestet wurde und wohl auch gar nicht getestet werden kann. Nur auf Basis solcher Annahmen kann ich die Geschichte mit den Aliens als sehr, sehr unwahrscheinlich und daher für alles Praktische irrelevant verwerfen.

Es gibt also offensichtlich keine ideologiefreien Tatsachen. Dies betrifft keineswegs nur abwegig konstruierte Kontexte, sondern den Alltag. Ein Beispiel: Ein neues Medikament kommt auf den Markt. Tatsache sei, so versichern uns Hersteller und Ärzte, dass es die Lebenserwartung der Patienten deutlich erhöhe. Dies sei durch mehrere Studien eindeutig erwiesen worden.

Wenn mehrere empirische Untersuchungen vorliegen, dann darf man wohl voraussetzen, dass sich eine größere Zahl von Menschen von dem behaupteten Sachverhalt überzeugt hat. Unter diesen Bedingungen sollte man wohl unterstellen können, dass es sich um eine Tatsache handelt.

Kann man? Wir prüfen, ob die Studien methodisch einwandfrei waren. Selbst wenn sie diese Überprüfung überstehen, so fragt sich, ob die diversen beteiligten Wissenschaftler auch unabhängig vom Hersteller dieses Medikaments waren. Selbst wenn sie eine weiße Weste hatten, so wissen wir immer noch nicht, ob sich die Resultate,  die in Experimenten an Universitäten gewonnen wurden, auf die schnöde Praxis des medizinischen Alltags übertragen lassen.

Kurz: Immer dann, wenn von Tatsachen gesprochen wird, haben wir guten Grund, skeptisch zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.