Hypochondrie

Ärzte ratlos

Ein Hypochonder fürchtet sich davor, eine Krankheit zu haben; allein: es fehlt der entsprechende Befund. Oft verdichtet sich diese Furcht zur Gewissheit. Zwar sagt ihm der Arzt, er sei kerngesund, es gäbe, trotz aufwändiger Untersuchungen, nach menschlichem Ermessen und beim Stand der medizinischen Erkenntnis keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass er krank sei. Doch der Patient beharrt auf seiner Einschätzung, er spüre es, es zwicke hier, es schmerze dort, und außerdem sei es bekannt, dass ärztliches Wissen seine Grenzen habe.

Und so holt der Hypochonder eine zweite Meinung ein, dann eine dritte, mit dem nämlichen Ergebnis. Zwischenzeitlich liest er in den Wartezimmer seiner Ärzte allerlei Illustrierte mit medizinischen Rubriken und recherchiert, durch diese angeregt und mit Suchbegriffen versorgt, im Internet. Sein Zustand verschlechtert sich entsprechend Besorgnis erregend. Dies bleibt auch den Ärzten nicht verborgen. Ein Patient, der mit solcher Hartnäckigkeit nicht gesund sein will, obwohl ihm nichts fehlt – ein solcher Mensch muss einfach krank sein. Es muss unbedingt eine Diagnose gefunden werden, denn ohne Diagnose zahlt ja auch die Krankenkasse nicht für all die Mühen, die Ärzte mit diesem Patienten bereits hatten.

F45.2

Die moderne Medizin bewegt sich auf einem hohen Stand differenzierten Wissens und wenn alle Stricke reißen, kann man in solchen Fällen einer geheimnisvollen Krankheit, die keine ist, ja einfach F45.2 notieren. Und schon wird aus der Krankheit, die keine ist, eine Krankheit, die in der ICD steht, so dass an der Krankheitswertigkeit dieses Zustandes nicht mehr gezweifelt werden kann. Der Mensch hat also eine hypochondrische Störung.

Die eingebildete wird zur „psychischen Krankheit“ veredelt. Diese ist selbstverständlich behandlungsbedürftig. Man kann sich ja alle erdenklichen Krankheiten einbilden. Man kann sich einbilden, man habe Krebs und der Arzt, der dies nicht erkenne, sei unfähig. Man kann sich einbilden, man habe Arthrose, und zwar eine sehr seltene Form, die mit den derzeitigen bildgebenden Verfahren noch nicht festgestellt werden könne.

F99

Der mitdenkende Leser hat jetzt wahrscheinlich schon die Frage auf der Zunge, was denn wohl geschehe, wenn ein Patient mit der Befürchtung zum Arzt ginge, er leide unter einer hypochondrischen Störung. Zwar bilde er sich momentan nicht ein, an einer körperlichen Erkrankung ohne objektiven Befunde zu leiden. Aber, was noch nicht sei, könne ja noch werden. Haben wir es hier mit so einer Art Super-Hypochondrie zu tun?

Wer wähnt, dass hier der Arzt mit seinem Latein am Ende wäre, der wäre auch der falschen Spur, denn in der International Classification of Diseases (ICD) gibt es für solche Fälle F99: „Psychische Störung ohne nähere Angabe“.

F99 ist selbstverständlich behandlungsbedürftig und die Kosten werden anstandslos von der Krankenkasse übernommen. Selbst wenn Sie, lieber Leser, in der festen Absicht zu ihrem Arzt gehen, sich Ihre ausgezeichnete seelische Gesundheit bescheinigen zu lassen, können Sie, auch wenn sie erfolgreich tadellose Normalität unter Beweis stellen, wenn also sonst nichts greift, trotz allem noch mit F99 rechnen.

Rundumversorgung

Vielleicht war ich ja etwas zu optimistisch, als ich schrieb, die Kasse würde für eine Behandlung von F45.2 oder gar F99 schon aufkommen. Möglicherweise gibt es ja auch dort Leute, die, wenn sie versuchen, sich an den Kopf zu greifen, tatsächlich auch auf einen harten Gegenstand treffen.

Dies bedenkend, ist es vielleicht ratsam, einen hypochondrischen Wahn zu diagnostizieren (F22). Eine wahnhafte Störung klingt jedenfalls handfester als eine dieser doch eher läppischen zuerst genannten Diagnosen.

F22: Da denkt man doch gleich an defektes Erbgut und entgleisten Hirnstoffwechsel. Und eingeführte Medikamente gibt es auch. Mit einer soliden Dosis eines einschlägigen Neuroleptikums bekommt man die Sache in jedem Fall in den Griff. Der Patient hat dann zwar immer noch seine eingebildete Krankheit, aber das macht ihm nichts mehr aus. Und nach ein paar Jahren der Compliance mit dem psychopharmakologischen Regime hat er dann vielleicht eine Spätdyskinesie, also eine echte, wenngleich iatrogene, neurologische Erkrankung (G24.0).

Dies nenne ich Rundumversorgung.

„Herr Doktor, ich fürchte mich davor, eine Spätdyskinesie zu bekommen!“

„Moment! Ich schreibe Ihnen da gleich einmal etwas auf!“

Psycho

Fast alle Menschen haben – hin und wieder, mehr oder weniger ausgeprägt – psychische Probleme. Das ist also normal. Psychische Probleme sind das Ergebnis einer Diskrepanz. Unsere Bedürfnisse, Wünsche, Vorstellungen, Fähigkeiten stimmen nicht mehr mit den Anforderungen, Grenzen, Möglichkeiten, Tatsachen unserer Umwelt überein und wir bekommen die Diskrepanz momentan nicht in den Griff. Desorientierung, Gefühle der Minderwertigkeit, Scham, Selbstzweifel, Traurigkeit, Angst und andere quälende Gefühle oder Gedanken können die Folge sein, die Stimmung ist gedrückt.

In einer solchen Situation haben wir prinzipiell drei Möglichkeiten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

  1. Wir verändern die Umwelt.
  2. Wir verändern uns selbst.
  3. Wir suchen uns eine andere, besser auf uns zugeschnittene Umwelt.

Bevor wir uns für eine dieser Lösungen entscheiden, müssen wir natürlich die Situation analysieren, um herauszufinden, welche Entscheidung voraussichtlich mit dem besten Verhältnis von Aufwand und Ertrag verbunden ist.

Automatische Gedanken

Leider aber gehen vielen Menschen in einer solchen Situation eine Reihe von automatischen Gedanken durch den Kopf, die sie davon abhalten, ihre Situation rational zu durchdenken. Diese automatischen Gedanken sind die Vorboten einer ernsthaften seelischen Störung, der Psycho-Hypochondrie.

Als automatisch bezeichnen wir Gedanken, die nicht das Ergebnis bewusster Überlegungen sind, sondern die spontan aus dem Unbewussten auftauchen – und zwar infolge eines Auslösers, der uns meist ebenfalls nicht bewusst ist.

Im vorliegenden Fall ist der Auslöser der automatischen Gedanken die Wahrnehmung der oben beschriebenen, mehr oder weniger unangenehmen Diskrepanz zwischen unserer Innenwelt und unserer Außenwelt. Automatische Gedanken sind häufig die Konsequenz eines vorgefertigten Deutungsmusters von Sachverhalten oder Tatsachen, das wir uns nicht selbst ausgedacht haben, sondern das uns von anderen eingepflanzt wurde.

Die etwas älteren unter meinen Lesern werden sich noch an das HB-Männchen Bruno erinnern. Bruno geriet in banale Schwierigkeiten, hatte mit der Tücke des Objekts zu kämpfen, regte sich bei seinem Kampf mit den Widrigkeiten des Alltags immer mehr auf, tobte, begleitet von Lautäußerungen in einer zunehmend schneller werdenden, unverständlichen Sprache und ging dann buchstäblich in die Luft.

Daraufhin sprach eine besänftigende Stimme aus dem Off: „Halt, mein Freund! Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB!“

Nunmehr schwebte Bruno, ganz entspannt im Hier und Jetzt, als HB-König zum Boden zurück und rauchte genüsslich eine Zigarette der angepriesenen Marke. Die Stimme sagte: „Dann geht alles wie von selbst!“

Frames

Die Erfinder dieser Werbung versuchten also, ein Deutungsmuster für Stresssituationen in den Köpfen der Konsumenten zu verankern. Derartige Deutungsmuster werden in der amerikanischen Kommunikationsforschung als „Frames“ (Rahmen) bezeichnet.

Frames zeichnen sich im Allgemeinen durch vier Elemente aus:

  1. Problemdefinition
  2. Ursachenerklärung
  3. Moralische Bewertung
  4. Problemlösungsvorschlag

In Brunos Fall sind dies also:

  1. Eine Vielzahl alltäglicher Schwierigkeiten (Stressoren) führen zu ineffektiven Verhalten
  2. Mangelnde Stressresistenz
  3. Vermeidbare Aufregung, Unwissenheit
  4. Rauchen einer HB zur Erhöhung der Stressresistenz

Zurück zu den automatischen Gedanken. Der Empfänger der HB-Werbebotschaft sollte sich mit Bruno identifizieren, den Deutungsrahmen der Werbebotschaft übernehmen und sich in Stress-Situationen denken: „Jetzt bin ich reif für eine HB.“

Der Versuch, anderen Menschen einen Frame einzupflanzen, der bestimmte Verhaltensweisen nahelegt, wird als Framing bezeichnet. Es versteht sich von selbst, dass dies nicht nur die Werbewirtschaft versucht. U. a. widmet sich auch die Politik leidenschaftlich dem Framing. Der Frame neoliberaler Wirtschaftspolitik ist ein Beispiel dafür:

  1. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht (nicht so gut, wie sie sein könnte)
  2. Dies liegt daran, dass der Staat zu stark in den freien Wettbewerb am Markt eingreift
  3. Dies benachteiligt die Fleißigen und begünstigt die Faulen
  4. Beschränkung staatlicher Eingriffsmöglichkeiten, Privatisierung.

Ähnlich wie beim Bruno-Frame macht der neoliberale Frame erst gar nicht den Versuch, die Situationsanalyse zu beweisen und den Lösungsvorschlag empirisch zu begründen. Selbst wenn der Frame wissenschaftlich abgesichert werden könnte, würde das Framing darauf verzichten. Denn der Frame soll ja unbewusst, also ohne Nachdenken wirken. Daher vertraut man darauf, dass die Rezipienten ihn – gleichsam mürbe gemacht durch beständige Wiederholung – irgendwann einmal so erfahren, als ob er die reine Wahrheit wäre.

Der Psycho-Frame

Nach dieser Vorrede können wir uns nun der eingangs angesprochenen Diskrepanz zwischen der Innenwelt und der Außenwelt zuwenden, die psychische Probleme auslöst. Diese psychischen Probleme würden eine rationale Analyse der Situation erfordern. Stattdessen stellen sich aber in vielen Fällen automatische Gedanken ein, die einem Frame entspringen.

Dieser Frame hat die folgende Struktur:

  1. Ein Mensch neigt zu Mustern des Verhaltens und Erlebens, die von der Norm oder den Erwartungen der Mitmenschen abweichen und die dem Betroffenen und / oder seinen Mitmenschen rätselhaft erscheinen.
  2. Die Ursache dafür sind persönliche Unzulänglichkeiten, z. B. unangemessene Lernprozesse in der Vergangenheit, oft in Verbindung mit gestörten Hirnprozessen.
  3. Der Betroffene ist nicht verantwortlich, weil es sich um eine psychische Krankheit handelt; er ist aber moralisch verpflichtet, Hilfe zu suchen – und zwar bei Ärzten oder psychologischen Psychotherapeuten.
  4. Durch Psychopharmaka, Psychotherapie oder andere psychiatrische Maßnahmen können die Symptome gelindert oder die Störung überwunden werden.

Wer diesen Frame verinnerlicht hat, wird zu entsprechenden automatischen Gedanken neigen, wenn eine Diskrepanz der eingangs beschriebenen Art zu einem seelischen Problem geworden ist. Diese automatischen Gedanken werden ihn dazu drängen, auf die nun eigentlich anstehende, nüchterne Situationsanalyse zu verzichten. Dieser Mensch also sagt sich: „Jetzt bin ich reif für den …“

Die Psycho-Hypochondrie ist die Neigung, hinter alltäglichen Schwierigkeiten, die man nicht in den Griff bekommt, eine „psychische Krankheit“ zu vermuten und entsprechend die Rolle eines „psychisch Kranken“ einzunehmen. Die Zahl der Psycho-Hypochonder nimmt beständig zu. Fachleute vermuten, dass im Verlauf eines Jahres rund ein Drittel der EU-Bürger an einer Psycho-Hypochondrie erkranken.

Ein Patient, der sich die demütigende Diagnose F45.2 (mit der man sich ja dem Verdacht der Wehleidigkeit preisgibt) ersparen, aber dennoch ein Hypochonder sein möchte, kann sich also einbilden, er leide z. B. an Depressionen, Schizophrenie oder Platzangst. Er erhält in diesen Fällen nicht F45.2, sondern vielleicht F32.1, F20.3 oder F40.2.

Notwendige Fragen

Doch halt, wer wird denn gleich zum Psychiater gehen? Greife dir lieber an den Kopf, und wenn du dort noch etwas Hartes spürst und nicht nur Watte, dann nimm‘ erst einmal deine automatischen Gedanken kritisch unter die Lupe.

  1. Sind deine momentanen Schwierigkeiten darauf zurückzuführen, dass mit dir (deiner Persönlichkeit, deinem Nervensystem) etwas nicht stimmt oder sind diese Probleme eine nachvollziehbare Folge deiner Lebensumstände?
  2. Sind Psychiater, Psychotherapeuten oder andere professionelle Helfer wirklich besser dazu in der Lage, deine augenblicklichen Probleme zu lösen, als du selbst?
  3. Sind die Menschen, mit denen du alltäglich zu tun hast, nicht besser geeignet, dich zu unterstützen, als professionelle Helfer?
  4. Gibt es nicht bessere Methoden, die Schwierigkeiten zu überwinden, als Psychopharmaka, Psychotherapie, Elektroschocks oder was auch immer an Pfeilen im Köcher der Psychiatrie steckt?
  5. Gibt es irgendwelche Gründe, warum du – wider besseres Wissen – die eigentlich sinnvolle Problemlösung vermeidest?

Zu den erstaunlichsten Gaben des Menschengeschlechts gehören Befähigung und Neigung, sich das Reich der Fantasie zu erschließen und sich in ihm zu entfalten. Allein, dieses kreative Potenzial kann auch zum Fluch und das Leben zum Alptraum werden, wenn man dem Irrweg der Medikalisierung seelischen Leidens folgt. Auch wenn die Krankenkasse die Kosten der Behandlung trägt, bezahlt man dafür einen hohen, einen, wie ich meine, viel zu hohen Preis. Man gerät in eine Sackgasse, aus der man nur mit Mühe wieder herausfindet, wenn überhaupt.

Es soll allerdings Menschen geben, die sich nichts anderes mehr wünschen, als ihr Leben in einer solchen Sackgasse ausklingen zu lassen. Sie verhalten sich so, als ob es die beste aller ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten sei, die Rolle des „unheilbar psychisch Kranken“ zu spielen. Gemessen an den höheren Werten der Menschheit ist dies sicherlich keine akzeptable Haltung und auch keine, mit der man auf dem Sterbebett zufrieden dahinscheiden kann.

Manchen fehlt vielleicht die Kraft dazu, sich gegen eine solche Haltung zu entscheiden. Von außen betrachtet, ist dies bei vielen, die diesen Weg gehen, schwer zu akzeptieren; man möchte sie rütteln und schütteln und ihnen einen Stoß geben. Doch letztlich muss man, in einem freien Land, diese Wahl hinnehmen, auch wenn’s wirklich schwerfällt.

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