Hypnotisch induzierte psychische Krankheiten

In Zeiten, als die Gremien, die über die Ethik der Forschung wachen, noch nicht so streng waren wie heute, wurde experimentell nachgewiesen, dass man „psychische Krankheiten“ durch Hypnose hervorrufen kann. Beispiele dafür werden u. a. in Schriften Lurias und Ericksons beschrieben (Luria 1932; Erickson 1935). Das Verfahren ist relativ einfach, obwohl man es natürlich nach Belieben ausgestalten und verfeinern kann.

Das Grundprinzip lässt sich wie folgt skizzieren: Man suche sich eine gut hypnotisierbare Versuchsperson, bei der man Halluzinationen und Wahnideen hervorrufen kann. Nennen wir sie Otto. Man suggeriere Otto in einem solchen somnambulen Zustand ein psychiatrisches Symptom. Beispiel: Sobald er aus der Hypnose erwache, werde er eine bestimmte Person für einen Marsmenschen in Menschengestalt mit übernatürlichen Fähigkeiten halten und gleichzeitig den Tatbestand der Hypnose vergessen haben.

In der Gegenwart des „Marsmenschen“ wird sich Otto nunmehr überaus skurril und merkwürdig verhalten. Er wird uns, sobald er Vertrauen zu uns gefasst hat, in Abwesenheit des „Marsmenschen“ vielleicht verraten, dass er sich vor dem Außerirdischen fürchte, weil dieser mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sei. Erst wenn wir den entsprechenden posthypnotischen Befehl wieder aufheben, wird es ihm wie Schuppen von den Augen fallen und er wird erkennen, dass er von einem Hypnotiseur im wahrsten Sinne des Wortes zum Narren gehalten wurde.

Handelt es sich bei diesem Vorgang um die Erzeugung einer experimentellen psychischen Krankheit? Dafür spricht einiges:

  • Otto leidet durchaus an einem Wahn im psychiatrischen Sinn. Der „Marsmensch“ ist in Wirklichkeit unser Gewährsmann und wir wissen definitiv, dass er nicht vom Mars stammt.
  • Der Wahn beruht auf einem „Mechanismus“, nämlich dem hypnotischen.
  • Man darf annehmen, dass dessen Exekution und damit das Wahnphänomen von gestörten Hirnprozessen abhängt. Schließlich beruht jedes Verhalten auf Hirnprozessen, und wenn es gestört erscheint, dann sich auch die Hirnprozesse gestört, nämlich durch den hypnotischen Befehl.

Andererseits aber hat sich Otto entschieden, sich von uns hypnotisieren zu lassen und er hat sich entschieden, unseren Befehlen zu folgen, einschließlich dem, die Hypnose zu vergessen. Auch wenn er sich nicht daran erinnern kann, wie all dies zustande kam, so handelt er doch aus freien Stücken. Sein Wahn beruht auf einer eigenen Entscheidung.

Der Hypnotisierung haftet nichts Geheimnisvolles an; sie funktioniert, weil sich der Hypnotisand entscheidet, den Befehlen des Hypnotiseurs zu folgen.

Wenn ihm dann sein eigenes Verhalten rätselhaft erscheint oder wenn er ihm eine falsche Erklärung gibt, so genau darum und nur darum, weil er sich entschieden hat, auch in dieser Hinsicht den Anweisungen des Hypnotiseurs zu gehorchen. Dabei müssen die Anweisungen nicht immer direkt und offen ausgesprochen werden. Sie können auch implizit sein, sich aus der Logik der Sache ergeben. Der posthypnotische Befehl legt einen Rahmen fest, den der Hypnotisand frei ausgestalten kann.

Wenn wir Otto fragen, warum er denn glaube, dass unser Mitarbeiter ein „Marsmensch“ sei, dann kann er alle möglichen Gründe dafür nennen, nur den einen, den wahren wird er nicht angeben, denn dies würde dem posthypnotischen Befehl widersprechen. Vielleicht wird Otto sogar einräumen, dass er eventuell „psychisch krank“ sein könnte, sofern es uns mit entsprechenden psychiatrischen Maßnahmen gelingt, seine „Krankheitseinsicht“ zu fördern.

Die Hypnotisierung ist eine Kommunikationsform, die nicht an bestimmte Methoden, an ein bestimmtes Procedere gebunden ist. Es ist auch nicht erforderlich, dass einer der Beteiligten den Begriff „Hypnose“ verwendet, geschweige denn, dass irgendwem bewusst wird, an einer Hypnotisierung teilzunehmen. Gut hypnotisierbare Menschen – in etwa zehn Prozent der Bevölkerung – können in Hypnose fallen, wenn ihr Bewusstsein eingeengt und ihre Kritikfähigkeit ausgeschaltet wird, mit welchen Mitteln und unter welchen Umständen auch immer.

In aller Regel also ist „psychische Krankheit“ ein Rollenspiel, das zur Gewohnheit geworden ist. Man kann dies nicht mit dem Rollenspiel im Theater vergleichen, bei dem der Akteur ja voll bewusst und absichtlich eine Rolle gestaltet und sich darüber klar ist, dass er nicht wirklich King Lear oder Otello ist. Rollentheoretisch lässt sich der „psychisch Kranke“ recht gut mit einem Hypnotisanden vergleichen, sofern man die Rolle des letzteren im Sinne der “Role-taking Theory” (Sarbin & Coe 1972) von Theodore Sarbin interpretiert.

So wie der “Hypnotisierte” handelt, als ob er hypnotisiert, so handelt der „psychisch Kranke“, als ob er psychisch krank wäre. Und beide handeln in diesem Sinn, weil sie bereit sind, sich in eine Situation zu fügen, in der dieses „Als-ob-Handeln“ angemessen ist und die voraussetzt, dieses Als-ob-Handeln nicht zum Gegenstand kritischer Reflexion zu machen. Wenn also der situative Anforderungscharakter sich ändert oder wenn der „psychisch Kranke“ nicht mehr bereit ist, sich diesen Zumutungen zu unterwerfen, dann ist der „psychisch Kranke“ wieder „gesund“.

Theoretisch. In der Praxis zeigt sich allerdings ein gravierender Unterschied zur Hypnose. Der Hypnotiseur kann einen Hypnotisanden recht einfach wieder „aufwecken“, durch eine hypnotische Suggestion. Bei „psychisch Kranken“ ist das in aller Regel nicht so simpel. Denn die Rolle des „psychisch Kranken“ ist kein Bestandteil eines „Psycho-Spiels“, wie dem der Hypnotisierung, sondern sie ist eingebettet in die sozio-ökonomische Struktur unserer Gesellschaft – sie dient der Kontrolle aller Formen von erheblich störenden Abweichungen, für die das Justizsystem nicht zuständig ist. Solche Rollen haben eine große Haltekraft. Wer einmal in sie hineingerutscht ist, kommt so schnell nicht wieder heraus – auch wenn die Lebensprobleme, zu deren Bewältigung sie ursprünglich dienten, nicht mehr existieren.

Literatur

Erickson, M. H. (1935). A study of an experimental neurosis hypnotically induced in a case of ejaculatio praecox. British Journal of Medical Psychology, 15, 34-50

Luria, A. R. (1932). The Nature of Human Conflict. New York: Grove Press

Sarbin, T.R. & Coe, W.C. (1972). Hypnosis: A Social Psychological Analysis of Influence Communication: New York: Holt, Rinehart and Winston

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