Hypnotisch hervorgerufene psychische Krankheiten

Nicht immer wachten staatliche Gremien so streng über die Ethik der Forschung wie heute. In früheren Zeiten waren Hypnose-Experimente möglich, die heute als verwerflich eingestuft würden. So wurde z. B. experimentell nachgewiesen, dass man „psychische Krankheiten“ ohne großen Aufwand durch Hypnose hervorrufen kann. Beispiele dafür werden u. a. in Schriften Lurias und Ericksons beschrieben 1)Luria, A. R. (1932). The Nature of Human Conflict. New York: Grove Press /
Erickson, M. H. (1935). A study of an experimental neurosis hypnotically induced in a case of ejaculatio praecox. British Journal of Medical Psychology, 15, 34-50
.

Das Verfahren ist relativ einfach, obwohl man es natürlich nach Belieben ausgestalten und verfeinern kann. Das Grundprinzip lässt sich wie folgt skizzieren:

Man suche sich eine gut hypnotisierbare Versuchsperson, bei der man Halluzinationen und Wahnideen hervorrufen kann. Nennen wir sie Otto. Man suggeriere Otto in einem solchen somnambulen Zustand ein psychiatrisches Symptom. Beispiel: Sobald er aus der Hypnose erwache, werde er eine bestimmte Person (Paul) für einen Marsmenschen in Menschengestalt mit übernatürlichen Fähigkeiten halten. Gleichzeitig werde er den Tatbestand der Hypnose vergessen haben. Dieser Vorgang wird in der Sprache der Hypnose als posthypnotischer Befehl bezeichnet.

In der Gegenwart des „Marsmenschen“ wird sich Otto nunmehr überaus skurril und merkwürdig verhalten. Sobald er Vertrauen zu uns gefasst hat, Wird er uns, in Abwesenheit Pauls, vielleicht den Grund für sein Verhalten verraten. Er wird uns anvertrauen, dass er sich vor Paul fürchte. Denn dieser sei ein Marsmensch und mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet. Paul sei ihm unheimlich.

Erst wenn wir den entsprechenden posthypnotischen Befehl wieder aufheben, wird es ihm wie Schuppen von den Augen fallen. Er wird erkennen, dass er von einem Hypnotiseur im wahrsten Sinne des Wortes zum Narren gehalten wurde.

Handelt es sich bei diesem Vorgang um die Erzeugung einer experimentellen psychischen Krankheit? Dafür spricht einiges:

  • Otto leidet durchaus an einem Wahn im psychiatrischen Sinn. Der „Marsmensch“ ist in Wirklichkeit unser Gewährsmann und wir wissen definitiv, dass er nicht vom Mars stammt.
  • Der Wahn beruht auf einem „Mechanismus“ im Inneren des „Patienten“, nämlich dem hypnotischen.
  • Man darf annehmen, dass dessen Exekution und damit das Wahnphänomen von gestörten Hirnprozessen abhängt. Schließlich beruht jedes Verhalten auf Hirnprozessen. Wenn es gestört erscheint, dann sich auch die Hirnprozesse gestört, nämlich durch den posthypnotischen Befehl.

Andererseits aber hat sich Otto entschieden, sich von uns hypnotisieren zu lassen. Er hat sich entschieden, unseren Befehlen zu folgen, einschließlich dem, die Hypnose zu vergessen. Auch wenn er sich nicht daran erinnern kann, wie all dies zustande kam, so handelt er doch aus freien Stücken. Sein Wahn beruht auf einer eigenen Entscheidung.
Der Hypnose haftet nichts Geheimnisvolles an. Sie funktioniert, weil sich der Hypnotisierte entscheidet, den Befehlen des Hypnotiseurs bedingungslos zu folgen.

Sein eigenes Verhalten mag ihm rätselhaft erscheinen. Er gibt ihm vielleicht eine falsche Erklärung. Doch dies ist die Konsequenz der Entscheidung, auch in dieser Hinsicht den Anweisungen des Hypnotiseurs zu gehorchen. Dabei müssen die Anweisungen nicht immer direkt und offen ausgesprochen werden. Sie können auch indirekt mit enthalten sein, sich aus der Logik der Sache ergeben.

Der posthypnotische Befehl legt einen Rahmen fest, den der Hypnotisierte frei ausgestalten kann.

Wenn wir Otto fragen, warum er denn glaube, dass Paul ein „Marsmensch“ sei, dann kann er alle möglichen Gründe dafür nennen. Nur den einen, den wahren wird er nicht angeben. Denn dies würde dem posthypnotischen Befehl widersprechen. Vielleicht wird Otto sogar einräumen, dass er eventuell „psychisch krank“ sein könnte. Dazu wird er insbesondere geneigt sein, wenn wir mit entsprechenden psychiatrischen Maßnahmen seine „Krankheitseinsicht“ fördern.

Die Hypnose ist eine Kommunikationsform, die nicht an bestimmte Methoden, an ein bestimmtes Procedere gebunden ist. Es ist auch nicht erforderlich, dass einer der Beteiligten den Begriff „Hypnose“ verwendet. Es muss noch nicht einmal irgendeinem der Beteiligten bewusst werden, dass eine Hypnose abläuft.

Gut hypnotisierbare Menschen – in etwa zehn Prozent der Bevölkerung – können in Hypnose fallen, wenn ihr Bewusstsein eingeengt und ihre Kritikfähigkeit ausgeschaltet wird. Die Mittel und Umstände sind dabei zweitrangig.

In aller Regel ist „psychische Krankheit“ ein Rollenspiel, das zur Gewohnheit geworden ist. Man kann dies allerdings nicht mit dem Rollenspiel im Theater vergleichen. Auf der Bühne gestaltet der Schauspieler ja voll bewusst und absichtlich eine Rolle. Er ist sich darüber klar ist, dass er nicht wirklich King Lear oder Othello ist.

Rollentheoretisch lässt sich der „psychisch Kranke“ recht gut mit einem Hypnotisierten vergleichen. Der Hypnotisierte übernimmt ebenfalls eine Rolle und gestaltet sie entsprechend den Anweisungen des Hypnotiseurs aus.

So wie der “Hypnotisierte” handelt, als ob er hypnotisiert, so handelt der „psychisch Kranke“, als ob er psychisch krank wäre. Und beide handeln in diesem Sinn, weil sie bereit sind, sich in eine Situation mit einem bestimmten Merkmal zu fügen.  In ihr ist dieses „Als-ob-Handeln“ angemessen. Es entspricht ihrem Sinn.  Deswegen muss dieses Als-ob-Handeln nicht zum Gegenstand kritischer Reflexion gemacht werden.

Wenn also der situative Anforderungscharakter sich ändert, dann ist der „psychisch Kranke“ wieder „gesund“. Wenn er sich dieser Zumutung nicht mehr unterwirft, dann ist er „gesund“.

Theoretisch. In der Praxis zeigt sich allerdings ein gravierender Unterschied zur Hypnose. Der Hypnotiseur kann einen Hypnotisierten recht einfach wieder „aufwecken“, durch eine hypnotische Suggestion.

Bei „psychisch Kranken“ ist das in aller Regel nicht so simpel. Denn die Rolle des „psychisch Kranken“ ist kein Bestandteil eines „Psycho-Spiels“. Dies ist ein gravierender Unterschied zur Hypnose. Sie ist vielmehr in die sozio-ökonomische Struktur unserer Gesellschaft eingebettet. Sie dient der Kontrolle aller Formen von erheblich störenden Abweichungen, für die das Justizsystem nicht unmittelbar zuständig ist. Deswegen delegiert die Justiz die Verantwortung u. U. an die Psychiatrie. Überdies wird mit psychischer Krankheit natürlich auch Geld verdient. Arbeitsplätze hängen davon ab.

Solche Rollen haben eine große Haltekraft. Wer einmal in sie hineingerutscht ist, kommt so schnell nicht wieder heraus. Die Betroffenen haften an ihr – sogar dann, wenn die Lebensprobleme, zu deren Bewältigung sie ursprünglich dienten, nicht mehr existieren.

Fußnoten   [ + ]

1.Luria, A. R. (1932). The Nature of Human Conflict. New York: Grove Press /
Erickson, M. H. (1935). A study of an experimental neurosis hypnotically induced in a case of ejaculatio praecox. British Journal of Medical Psychology, 15, 34-50