Gewalt

Gefährliche Irre

Gewalt gehört zu unserem Alltag. Daher begleitet uns stets ein mehr oder weniger bewusstes Unbehagen in Tiefgaragen, U-Bahn-Schächten und nachts allein in Parks, beispielsweise.

Ein Mann nimmt in einem Kaufhaus ein Messer aus dem Regal und ersticht damit wenig später einen ihm unbekannten Kunden, der mit einer Verkäuferin in ein Gespräch vertieft war. Er behauptet, eine Stimme, die sonst niemand höre, habe ihm dies befohlen.

Ein Mann erwürgt seine Mutter. Sie hatte ihn besucht und ihm Süßigkeiten mitgebracht. Er wähnt, diese seien manipuliert, um ihn sexuell zu erregen. Zuvor schon hatten ihn Stimmen, die sonst niemand hört, bedrängt, seine Mutter zu töten.

Ein Mann sticht plötzlich, ohne erkennbaren Grund, auf seine Lebenspartnerin ein, mit der er am Küchentisch sitzt, und tötet sie. Zur Begründung verweist er auf Stimmen, die sonst niemand höre, und die ihm die Tat befohlen hätten.

Vergleichbare Meldungen finden sich tagtäglich in unseren Zeitungen. Wer bei „Google News“ ins Suchfeld das Stichwort „Psychiatrie“ eingibt, wird mit solchen Berichten förmlich überflutet. In der Regel werden die beschriebenen Taten mit dem Zauberwort „psychische Krankheit“ erklärt. Der Täter, so heißt es, müsse in die Psychiatrie oder sitze bereits dort ein.

Der Zeitungsleser kann also zur nächsten Nachricht übergehen; die Sache ist geklärt. Sie scheint dies aber nur so lange, wie man nicht genauer hinschaut und darüber nachdenkt. Denn was bedeutet eigentlich „psychisch krank“?

Wir wissen, dass die psychiatrische Diagnostik nicht valide ist. Valide sind diagnostische Verfahren, wenn die Befunde mit Variablen korrelieren, die eine Krankheit in der Wirklichkeit repräsentieren. Bisher jedoch blieben die Versuche, etwas Krankhaftes in den Gehirnen oder sonstwo im Körper der angeblich psychisch Kranken zu identifizieren, leider erfolglos. Und man bemüht sich schon seit mehr als 150 Jahren mit immer leistungsfähigeren naturwissenschaftlichen Methoden darum, etwas zu finden. Fehlanzeige.

Außerdem sind die psychiatrischen „Krankheitsbilder“ weder untereinander, noch vom Normalen deutlich abgegrenzt.

Dies bedeutet, dass es sich bei diesen Diagnosen um subjektive Einschätzungen handelt, die nicht mit objektiven Verfahren erhärtet werden können.

Oftmals sind sich die Psychiater hinsichtlich einer Person auch nicht einig, welche Diagnose zutreffen könnte. Man denke nur an den norwegischen Massenmörder Breivik, den die einen für schizophren und schuldunfähig, die anderen aber für narzisstisch persönlichkeitsgestört und schuldfähig hielten.

Wir wissen aus zahllosen Untersuchungen, dass die so genannten „psychisch Kranken“ nicht gefährlicher sind als Vergleichsgruppen aus der Normalbevölkerung. Dies gilt auch für die „paranoiden Schizophrenen“. Wenn diese gewalttätig werden, so sind meist Drogen oder Alkohol im Spiel. Leute, die Drogen und Alkohol missbrauchen, sind, statistisch gesehen, aber ohnehin etwas gefährlicher als andere Leute; ganz gleich, ob bei ihnen eine „Psychose“ diagnostiziert wurde oder nicht.

Generell gilt: Selbst wenn eine bestimmte Gruppe von „psychisch Kranken“ häufiger Gewalttaten begeht als die Normalbevölkerung, so bedeutet dies keineswegs zwangsläufig, dass die „psychische Krankheit“ dafür verantwortlich ist. Es ist vielmehr denkbar, dass sich diese Gruppe auch durch andere Faktoren vom Durchschnitt unterscheidet und dass die eigentliche Ursache des Unterschieds der Häufigkeit von Gewalttaten unter diesen Faktoren zu suchen ist.1

Bei genauerer Betrachtung erweist sich die „psychische Krankheit“ also als eine Scheinerklärung.

„Ich bin von dem gelehrten Doktor gefragt worden nach der Ursache und dem Grund, warum Opium schlafen macht. Darauf antworte ich: Weil in ihm eine einschläfernde Kraft (virtus dormitiva) ist, deren Natur es ist, die Sinne einzuschläfern.“

Diese Äußerung legt Moliere in seinem Stück „Der eingebildete Kranke“ einem Bakkalaureus der Medizin in den Mund. Der Begriff der psychischen Krankheit und seine Derivate wie Schizophrenie oder Psychose gleichen diesem „virtus dormitiva“. Sie klingen wissenschaftlich, sollen beeindrucken und erklären – nichts.

Eine „psychische Krankheit“ also hat die Gewalttat hervorgerufen. Ein Mensch ist „psychisch krank“, weil er beispielsweise Stimmen hört; und er hört Stimmen, weil er „psychisch krank“ ist.

Die von Moliere brillant verulkte Neigung, durch hochtrabende Begriffe Wissen vorzutäuschen, war zu Zeiten des französischen Komödiendichters ein Charakteristikum der Medizin insgesamt. Die anderen medizinischen Disziplinen haben inzwischen jedoch dazugelernt und ihre Diagnostik ruht zumeist auf einer mehr oder weniger soliden empirischen Grundlage. Allein in der Psychiatrie geht es diesbezüglich immer noch zu wie in der frühen Neuzeit.

Natürlich diagnostizieren auch „Körperärzte“ in manchen Fällen noch symptom-orientiert, ohne die Möglichkeit zu besitzen, ihre Diagnosen mit objektiven Verfahren zu erhärten; dies aber ist, anders als in bei den „Seelenärzten“, kein Charakteristikum der somatischen Medizin.

Zum Verständnis von Phänomenen rätselhafter Gewalt trägt die Psychiatrie mit ihren Begriffen nichts bei; man könnte diese Nomenklatur ohne Informationsverlust ersatzlos streichen. Dennoch sind diese Begriffe natürlich nicht funktionslos; sie rechtfertigen Maßnahmen und Therapien; sie begründen die Zuständigkeit von Ärzten für Fälle „psychogener Gewalt“ und sie ermöglichen selbstverständlich auch die Generierung von Einkommen.

Zudem vermitteln sie ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, denn wenn man etwas „verstanden“ hat, dann glaubt man zu wissen, wie damit umzugehen ist.

Wenn ein Mensch gewalttätig und als „schizophren“ diagnostiziert wurde, so wurde er nicht gewalttätig, weil er „schizophren“ ist. Wir verstehen seine Gewalttat auch nicht besser, wenn wir ihn als „schizophren“ bezeichnen.

Natürlich kann man sagen, „schizophren“ bedeute, dass irgendetwas in seinem Gehirn nicht stimme. Ob dies überhaupt zutrifft und wenn ja, was genau nicht stimmt, weiß man nicht. Das ist keine Erklärung, sondern eine, letztlich hochstaplerische, Vortäuschung von Wissen. Das ist die „einschläfernde Kraft“ auf Neurowissenschaftlich.

Was hier zur Gewalt gesagt wurde, trifft selbstverständlich auf ausnahmslos alle Bereiche zu, die mit psychiatrischen Begriffen erklärt werden sollen. Nehmen wir beispielsweise Überlebende von Gewalt. Wenn sie sich fortan rätselhaft benehmen, diagnostiziert sie die Psychiatrie als „posttraumatisch belastungsgestört“ oder als „multiple Persönlichkeiten“, was auch immer. Der Gehalt dieser „Diagnosen“ ist nicht größer als der des „virtus dormitiva“.

Nur scheinbar hat man eine Ursache für diese Störungen, das schreckliche Ereignis nämlich. In Wirklichkeit aber lautet die Gleichung: Jemand hat eine „posttraumatische Belastungsstörung“, weil er auf etwas Schreckliches mit Störungen reagiert hat. Und er hat auf Schreckliches mit Störungen reagiert, weil er eine Disposition zur Entwicklung einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ hat.

Diese „Logik“ hat den Charme der einschläfernden Kraft. Wird dem Überlebenden von Gewalt durch eine solche Diagnose geholfen? Wohl eher nicht. Zusätzlich zur schrecklichen Erfahrung muss er sich auch noch sagen lassen, er habe eine pathologische Neigung zur dysfunktionalen Reaktion auf extremen Stress. Vielleicht verschafft ihm diese Diagnose eine Frührente. Allein, dies als Vorzug der Diagnose zu deuten?

Fremd- und Selbstgefährdung, also Gewalt gegen andere oder gegen sich selbst, dienen zur Legitimation von Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung. Gegner dieser Maßnahmen berufen sich gern auf die Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland Gesetz ist. Diese verbiete es, so wird gesagt, Behinderte aufgrund ihrer Behinderung einzusperren und gegen ihren Willen zu behandeln. Die so genannten „psychisch Kranken“ seien aber Behinderte, und darum dürfe man sie nicht wegsperren und mit „Therapien“ malträtieren.

Dies ist sicher gut gemeint. Der Haken dabei ist aber: Man müsste erst einmal einen „psychisch Behinderten“ finden, der weggesperrt werden könnte. Es dürfte schwerfallen, angesichts der Vagheit psychiatrischer Begriffe, einen solchen überhaupt zu identifizieren.

Auf die Menschen im Maßregelvollzug oder in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrie trifft die Behindertenrechtskonvention recht eigentlich nicht zu, weil sich in diesen Einrichtungen de facto keine „psychisch Kranken“ oder „psychisch Behinderten“ befinden. Die Menschen, die dort schmoren, unterscheiden sich sicher in der einen oder anderen Hinsicht von anderen Leuten.

Es gibt aber nur eine durchgängige Gemeinsamkeit, die Insassen und Nicht-Insassen voneinander trennt. Auf den Insassen lastet der als erwiesen betrachtete Verdacht, dass sie deutlich gefährlicher seien für sich und andere als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Dafür wird zwar eine „psychische Erkrankung“ verantwortlich gemacht, aber diese Begründung bewegt sich auf dem Niveau der „einschläfernden Kraft“ in Molieres „Der eingebildete Kranke“.

Es handelt sich hier um Gefangene, die entweder nichts verbrochen oder die zwar etwas angestellt haben, aber als schuldunfähig gelten. Als Rechtfertigung für diese Freiheitsberaubung muss die einschläfernde Kraft der „psychischen Krankheit“ herhalten. Die „psychische Krankheit“ oder „psychische Behinderung“ ist also nichts, was die Insassen solcher Anstalten tatsächlich auszeichnen würde.

Das Recht, wenn man es ernst nimmt, muss aber vom Tatsächlichen ausgehen, und nicht von Ideologien. Tatsache ist, dass es sich bei den Insassen derartiger Anstalten um Gefangene handelt, die auf einer Rechtsgrundlage dort festgehalten werden, die näherer Überprüfung nicht standhält.

Sie hält ihr aber nicht deswegen nicht stand, weil sie der Behindertenrechtskonvention widerspricht. Sondern sie hält ihr nicht stand, weil es berechtigte Zweifel am tatsächlichen Grund für ihre Inhaftierung gibt, nämlich an ihrer „pathologischen“ Gefährlichkeit bzw. „krankhaften“ Suizidalität.

Zumindest gibt es zur Zeit keine objektiven Verfahren, mit denen man die Diagnose einer „psychische Krankheit“ und die Prognose von Suizidalität bzw. Gewalttätigkeit empirisch erhärten könnte. Derartige Diagnosen und Prognosen beruhen auf subjektiven Eindrücken, auf Mutmaßungen, nicht auf Tatsachen.2

Aaron Alexis

Wir leben in einer rätselhaften Welt. Ja, sicher, das physikalische Wissen ist recht ordentlich, auch das chemische; aber vom Menschen, von den Gesetzen seines Handelns und Erlebens, wissen wir sehr wenig. Zwar glauben wir, so einiges, wenn nicht sogar viel zu wissen – dies glauben wir aber auch nur, weil wir Ungewissheit nur schwer ertragen und uns daher leicht mit vorschnellen Scheinerklärungen zufrieden geben. Die so genannten psychischen Krankheiten gehören in dieses Reich der Scheinerklärungen.

„Ich war in den letzten drei Monaten einer Attacke mit ultra-niedrigen Frequenzen unterworfen. Und um vollkommen ehrlich zu sein: Dies war es, was mich dazu getrieben hat.“

Mit diesen Worten soll der Täter, Aaron Alexis, laut einem Bericht von CNN3, seine Tat gerechtfertigt haben. Er erschoss zwölf Menschen, verletzte drei weitere beim „Washington Navy Yard Shooting“.4

Wir leben in einer rätselhaften Welt. Wir können noch nicht einmal mit Gewissheit ausschließen, dass Aaron Alexis tatsächlich Opfer einer solchen Attacke war. Auch wenn einem dazu automatisch der Begriff „Verschwörungstheorie“ einfällt, sollte man nicht vergessen, dass dieser Begriff ebenfalls zum Reich der Scheinerklärungen zählt.

Aaron Alexis‘ Erklärung für seine Tat und die der Psychiatrie haben eins gemeinsam: Sie sind nicht bewiesen. Dahinter steht bzw. stand in beiden Fällen ein starker Glaube. Man stelle sich vor, der Mann hätte sich wie folgt geäußert:

„Ich war in den letzten drei Monaten einer chemischen Gleichgewichtsstörung in meinem Gehirn unterworfen. Und um vollkommen ehrlich zu sein: Dies war es, was mich dazu getrieben hat.“

Aaron Alexis hat dies nicht gesagt. Er hat eine Erklärung vorgezogen, die sich vermutlich mit seinem Selbstwertempfinden besser vereinbaren ließ. Nicht mit ihm stimmte etwas nicht, nein, andere trieben ihn zu seiner Tat.

Hat sich Aaron Alexis aus freien Stücken dazu entschieden, Amok zu laufen? So brutal dies klingen mag: Es ist keine Tatsache bekannt, die dagegen spricht.

„Psychische Krankheit“ ist keine Tatsache, sondern die Bewertung eines Verhaltens, das man sich nicht anders zu erklären vermag. Man begreift es daher als Symptom einer Krankheit. Selbst wenn eine Strahlenattacke stattgefunden und Aaron Alexis diesbezüglich recht gehabt hätte, so wäre es ebenfalls nur eine Bewertung seines Verhaltens zu behaupten, dass sie ihn zu seiner Tat trieb. Es gibt keinen Beweis dafür, dass solche Attacken Menschen zu solchem Verhalten veranlassen können (in dem Sinn, dass er keine Wahl mehr hat).

Amok ist ein seltenes Ereignis in einer rätselhaften Welt. Ebenso selten ist es, dass ein Staatschef militärische Maßnahmen befiehlt, bei denen Zehntausende unschuldiger Menschen ihr Leben verlieren. Nur wenige kommen auf die Idee, dem Staatschef eine „psychische Krankheit“ zu unterstellen, vor allem dann nicht, wenn er zu den Guten gehört. Sein Verhalten erscheint wohl begründet (und auch wenn sich hinterher herausstellt, dass es auf schierer Irrationalität beruhte, wird das Urteil über seinen normalen Geisteszustand nicht revidiert).

Manche meinen, die Validität psychiatrischer Diagnosen sei gar nicht so wichtig. Entscheidend sei, die „Krankheitsbilder“ eindeutig zu definieren. Der Vergleich zwischen Amokläufer und Staatschef zeigt aber, dass dies nicht reicht. Eine psychiatrische Diagnostik muss in der Lage sein, unabhängig vom Kontext eine Krankheit zu diagnostizieren.

Eine Diagnose ist valide, wenn sie tatsächlich diagnostiziert, was sie zu diagnostizieren vorgibt. Sie muss also mit objektiv messbaren Faktoren wie z. B. Biomarkern korrelieren. Gäbe es solche Biomarker, dann könnte man, unabhängig von Person, Status und Lebensumständen, feststellen, ob Staatschef oder Amokläufer unter einer „psychischen Krankheit“ bzw. unter einer „Veranlagung zu psychogener Gewalt“ leiden.

Amok. Immer, wenn so etwas geschieht, fühlen sich die üblichen Verdächtigen berufen, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihre Lieblingsforderung unters Volk zu bringen. Die einen fordern schärfere Waffengesetze, die anderen wollen, dass sich alle bis unter die Zähne bewaffnen. Die einen fordern eine möglichst flächendeckende psychiatrische Gewaltprognostik, die anderen möchten gern bereits Schulkinder präventiv unter psychiatrische Drogen setzen. Dabei wird immer vorausgesetzt, dass man die Ursachen kenne und deswegen ein Heilmittel wisse.

Nur: Warum einer Amok läuft, das wissen wir nicht.

Schulmassaker

Halali

Schulmassaker sind überaus seltene Ereignisse. Es handelt sich im Sinne von Nassim Nicholas Taleb um schwarze Schwäne.5 Man weiß zwar, dass sie sich gelegentlich ereignen, aber an welcher Schule und wann? Dies vermag niemand vorherzusagen. Hinterher ist man natürlich klüger und wähnt, dass der jeweilige Täter sich durch eine Vielzahl von Merkmalen ausgezeichnet habe, die ganz charakteristisch seien für Menschen dieses Schlages, vor allem ihre atemberaubende Unauffälligkeit, die einem schon hätte zu denken geben müssen.

Auch ohne entsprechende Statistiken dürfte wohl kaum ein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass wesentlich mehr Menschen von rücksichtslosen oder alkoholisierten Autofahrern getötet werden als von Schulschützen. Dieses Thema findet allerdings wenig Beachtung in den Medien; es sei denn, ein „Promi“ wäre in einen solchen Unfall verwickelt. Die Toten, die von Trunkenbolden hingemeuchelt werden, nimmt man offenbar achselzuckend als Kollateralschaden einer automobilen und alkoholisierten Gesellschaft in Kauf.

Unfälle bei Alkoholfahrten sind im Übrigen ebenfalls seltene Ereignisse, auch wenn sie etwas häufiger sind als „School Shootings“. Auch Alkoholkontrollen gehören zu den schwarzen Schwänen. Nur ganz wenige zu Unglücksraben mutierte Schnapsdrosseln müssen einmal ins Röhrchen blasen.

Gerade weil es sich um sehr seltene Ereignisse handelt, erregen Schulmassaker ein öffentliches Interesse, das keineswegs dem Blutzoll, den sie fordern, proportional ist. Dies liegt aber nicht nur an ihrer Seltenheit, sondern auch daran, dass sie in gravierender Weise vom Normalen abweichen.

Nach einem Vorfall wie beispielsweise in der „Columbine High School“ oder in der „Sandy Hook Elementary School“ stoßen die einschlägigen Experten auf offene Ohren in den Medien und nur wenige lassen sich diese Chance entgehen, mit – in der Regel ziemlich eindimensionalen, simpel gestrickten – Vorschlägen zur Prävention solcher Straftaten aufzuwarten.

Dies ist natürlich legitim, denn Ereignisse wie der Massenmord in Columbine oder Newtown erregen die Gemüter heftig und heftig erregte Gemüter sind suggestiven Botschaften besonders schutzlos ausgeliefert, weil der Affektsturm den Verstand beeinträchtigt, wenn nicht ausschaltet.

Ein Experte wäre also töricht, falls er die Gunst der Stunde nicht nutzen würde, um Wasser auf die Mühlen seines Gewerbes zu leiten.

Was tun?

Nachdem sich die Frage nach den Ursachen heillos in den Fallstricken der Spekulation verheddert hat, wendet man sich im Allgemeinen der Prävention zu. Die Suche nach Maßnahmen zur Verhinderung extrem seltener Ereignisse gleicht der Einhorn-Jagd: Die meisten Schüsse gehen ins Leere, einige treffen konventionelles Rotwild oder Hasen, manche auch den Wandersmann, der zufällig vorbeikommt.

Doch den Experten und sein Publikum eint das Jagdfieber – und so ist man an Erläuterungen zur Kosten-Nutzen-Relation von Schnellschüssen auf bewegliche Ziele im Nebel nicht sonderlich interessiert.

In einer Dissertation (Bondü 2012) zu möglichen Risikofaktoren bei School Shootings in Deutschland heißt es:

„Auch die vorliegende Studie zeigt, dass Risikofaktoren nicht nur wenig spezifisch sind, sondern darüber hinaus nur selten bei allen Tätern auftreten und/oder unterschiedliche Ausprägungen annehmen können (…). Hierdurch erhöht sich das Risiko der fälschlichen Klassifikation auffälliger Personen als gefährlich oder ungefährlich. Aufgrund der geringen Basisraten ist dabei das Risiko, ungefährliche Personen als gefährlich zu bewerten quantitativ besonders relevant. Hierdurch drohen Stigmatisierungen der betroffenen Personen, die selbst weitere schwerwiegende Folgen haben können.“

Obwohl sich die Mehrheit der Experten bei der Ursachensuche auf die Sprachregelung geeinigt hat, dass Schulmassaker ein „komplexes, multikausales Geschehen“ seien, neigt sie in Sachen Prävention zu eher einseitigen Lösungsvorschlägen.

Dies ist allerdings weniger erstaunlich, als man auf den ersten Blick meinen sollte, wenn man sich vor Augen führt, dass „multikausal“ auf Deutsch bedeutet: „Nichts Genaues weiß man nicht.“

Weiß man aber nichts Genaues nicht, dann liegt es nahe, dann ist es verlockend, mit einer möglichst plausiblen, möglichst simplen Wunderkur aufzuwarten. Bekanntlich heilt Gleiches Gleiches. In Wirklichkeit handelt es sich bei einem School Shooting nicht um ein multikausales Geschehen im Sinne eines Vorgangs mit vielen bekannten Ursachen, sondern um einen Ablauf mit vielen möglichen Ursachen, und zwar mit einer unbekannten Menge möglicher Ursachen.

Die Sherlock-Holmes-Methode lässt sich hier also nicht anwenden. Sie besteht darin, aus Merkmalen eines Ereignissen rückblickend auf seine Ursachen zu schließen. Dies funktioniert allenfalls, wenn nur eine kleine Zahl bekannter Ursachen eines Vorgang in Betracht kommt und es allein darum geht, die im Einzelfall nicht möglichen oder unwahrscheinlichen auszuschließen.

Amok an Schulen passt jedoch nicht in dieses Schema. Natürlich kann man die notwendig kleine Zahl von Tätern nach gemeinsamen Merkmalen absuchen, und da die Menge potenzieller Merkmale nicht beschränkt ist, werden sich mit ziemlicher Sicherheit Merkmalskombinationen identifizieren lassen, die einer größeren Zahl von School Shooters („statistisch signifikant“) gemeinsam sind.6

Nun kann man, sofern diese Merkmale als beeinflussbar gelten, Präventionskonzepte entwickeln, die auf diese Eigenschaften zielen (beispielsweise das Verbot von Killer-Computerspielen) fordern.

Allein, da es sich bei School Shootings um sehr seltene Ereignisse handelt, ist es kaum möglich, den Wert dieser Konzepte experimentell zu überprüfen.

Die in den Vereinigten Staaten nach entsprechenden Gewalttaten diskutierten Vorschläge lassen sich grob in drei Produktgruppen unterteilen. Die Anbieter preisen die Vorzüge ihres Produktes an und die Konkurrenten machen sie madig. Und das geht so:

Verschärfung der Waffengesetze

Pro:
  • Die leichte Verfügbarkeit von Waffen erhöht die Wahrscheinlichkeit ihres Missbrauchs.
  • Eine liberale Gesetzgebung verharmlost die mit Waffen verbundene Gefahr und ermöglicht es Menschen, die nicht im Umgang mit ihnen geschult wurden, sich Waffen zu verschaffen.
  • Auch wenn man nicht alle Gegenstände, die als Waffen dienen können, verbieten kann, so ist es doch nicht zu bestreiten, dass moderne Schusswaffen pro Zeiteinheit mehr Menschen töten können als abgebrochene Stuhlbeine oder Brotmesser.
Kontra:
  • Die leichte Verfügbarkeit von Waffen erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich im Notfall mit ihnen gegen Angreifer zur Wehr setzen zu können.
  • Eine liberale Gesetzgebung führt dazu, dass sich viele Menschen schon von Kindesbeinen an mit Waffen vertraut machen und den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen bereits im Elternhaus erlernen.
  • Nicht die Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen. Ein Mensch mit dem Drang zu töten, wird sich auch illegal effiziente Waffen verschaffen.

Verbesserte Angebote für „psychisch Kranke“

Pro:
  • Viele Schulschützen sind „psychisch krank“.
  • Wenn man potenziell Gewalttätige rechtzeitig erkennt, kann man sie behandeln und Massaker verhindern.
Kontra:
  • Es ist nicht möglich, die Gefährlichkeit von „psychisch Kranken“ zu prognostizieren (Cook & Michie 2010).
  • Nur ein kleiner Teil der „psychisch Kranken“ wird häufiger gewalttätig als Normalbürger. Und bei diesem kleinen Teil wird die Gewalttätigkeit weitgehend durch gleichzeitigen Missbrauch von Drogen und Alkohol erklärt (Fazel et al. 2009).
  • Die Medikamente, die zur Behandlung „psychisch Kranker“ eingesetzt werden, können die Gewaltneigung verstärken (Breggin 2008).
  • Es gibt keinerlei Studien, die darauf hindeuten, dass irgendeine Form psychiatrischer Behandlung die Häufigkeit von School Shootings oder ähnliche Phänomene vermindern könnte.

Re-Christianisierung der Gesellschaft

Pro:
  • Schulmassaker sind die Folge antichristlicher Tendenzen in der Gesellschaft.
  • Das Gegengift besteht darin, dass gesellschaftliche Leben wieder nach biblischen Grundsätzen auszurichten.
Kontra:
  • Die Kriminalgeschichte des Christentums zeigt, dass diese Religion ihren moralischen Anspruch niemals gerecht wurde (Deschner 2005).
  • Auch die Bibel ist ein zutiefst Gewalt verherrlichendes Buch (Buggle 2004).

Business as usual

Wenn aber die Verschärfung der Waffengesetze, die Psychiatrisierung Verdächtiger, die Re-Christianisierung der Gesellschaft keine eindeutig brauchbaren und bei realistischer Betrachtung erwägenswerten Lösungen sind: Was bleibt dann? Was tun? Dann ist es vermutlich das Klügste, wenn jeder wieder seinen Geschäften nachgeht, sein Leben lebt, den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Jeder sollte sich bemühen, seine Affekte zu meistern und wieder Vernunft einkehren zu lassen.

Wenn seltene Ereignisse Überreaktionen hervorrufen, dann ist das immer schlecht und niemals gut. Mir ist durchaus bewusst, dass Politiker (nicht nur in Demokratien) nach solchen grausamen Ereignissen immer unter massivem Druck stehen. „Nun muss endlich etwas geschehen!“, rufen die Massen. „Wir haben die Lösung!“, antworten die Einpeitscher.

Ja, aber die Gewalt! Ja, aber man muss doch etwas tun! Sicher. Man muss wieder seinen Geschäften nachgehen, sein Leben leben, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, seine Affekte meistern und wieder Vernunft einkehren lassen.

Und dies ist scheinbar gar nicht so schwer. Fast alle Menschen reagieren, meist früher als später, nach einem seltenen, emotional aufwühlenden Ereignis so.

Dennoch steht zu befürchten, dass Politiker in der Folge solcher Katastrophen verantwortungslose Maßnahmen ergreifen, die zum Scheitern verurteilt sind, weil sie nicht bemerken, dass die meisten Menschen schon längst wieder ihren Geschäften nachgehen, ihr Leben leben, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ihre Gefühle, mehr schlecht als recht, meistern und wieder, soweit ihnen dies möglich ist, Vernunft einkehren lassen.

Zum Glück ist diese Gefahr nicht besonders groß, denn die meisten Menschen, sogar Politiker, können sich mit dem Lauf der Welt, wenngleich mitunter zähneknirschend, abfinden, allein unser Experten nicht.

Sie wollen die Zitrone bis zum letzten Tropfen ausquetschen. In der Welt der Experten, die in den Talkshows sitzen, kommen die Turbulenzen nicht so schnell zur Ruhe, wohl auch, weil die Waffenlobbyisten und die Friedenstauben, die Psychiater und die Antipsychiater, die Christen und die Antichristen mit ihren Megaphonen mächtig Wind machen und in ihm möchten die Talkshow-Fachleute natürlich gern segeln.

Schulmassaker sind, so grausam, empörend, rätselhaft und aufwühlend sie auch immer sein mögen, winzige Randerscheinungen in modernen Industriegesellschaften. Dass sie vorübergehend mächtig aufgebauscht werden, liegt nicht an ihrer tatsächlichen Bedeutung, sondern daran, dass sie die Kriterien für mediale Hysterie (selten, aufwühlend, rätselhaft, schrecklich) erfüllen.

Die Liste der School Shootings ist zwar beachtlich lang7, aber wenn man sie beispielsweise mit der Liste von gewalttätigen Gangs8 vergleicht, dann erkennt man die untergeordnete Bedeutung des Problems der Amokläufe an Schulen.

Was es zu bedenken gilt: Es gibt keine prognostischen Methoden, die, ohne aberwitzig häufige falsch positive und falsch negative Einstufungen, vorherzusagen vermöchten, ob ein Mensch in Gefahr steht, ein School Shooting zu begehen.

Es gibt ebenso wenig, vernünftig begründbare und realisierbare, Methoden, Amokläufe an Schulen durch Maßnahmen in oder außerhalb von Schulen zu verhindern oder deren Wahrscheinlichkeit einzuschränken. Es besteht auch wenig Hoffnung, dass Maßnahmen zur wirksamen Prävention entdeckt werden, die sich im Rahmen unserer demokratischen, rechtsstaatlichen, kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung realisieren lassen.

Gegen Tsunamis kann man mehr tun.

Zucken wir also nur mit den Achseln und genießen wir unsere Freiheit und unseren Wohlstand.

Literatur

Bondü, R. (2012). School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Inauguraldissertation, Freie Universität Berlin

Breggin, P. (2008). Medication Madness. The Role of Psychiatric Drugs in Cases of Violence, Suicide and Murder. New York: St. Martin’s Press

Cooke, D., & Michie, C. (2010). Limitations of diagnostic precision and predictive utility in the individual case: A challenge for forensic practice. Law and Human Behavior, 34, 259-274

Buggle, F. (2004). Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Aschaffenburg: Alibri

Deschner, K. (2005). Kriminalgeschichte des Christentums. Bd. 1-8. CD-ROM-Version, Digitale Bibliothek, Directmedia GmbH, Berlin

Fazel, S., Gulati, G., Linsell, L., Geddes, J. R., Grann, M. (2009) Schizophrenia and Violence: Systematic Review and Meta-Analysis. PLoS Med 6(8): e1000120. doi:10.1371/journal.pmed.1000120

Mit Studien, die nur Assoziationen zwischen psychiatrischen Diagnosen und Straftaten ermitteln, ist die Kausalitätsfrage prinzipiell nicht zu klären.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik findet sich in meiner Schrift: „Ärztliche Holzwege. Einführung in die empirische Psychiatriekritik“.

Der schwarze Schwan ist eine Metapher für ein unwahrscheinliches, aber mögliches Ereignis, auf das wir nicht vorbereitet sind.

Hat man solche Muster, dann weiß man aber immer noch nicht, ob sie zum Ursachenbündel von School Shootings gehören oder ob sie zufällig entstanden sind. Man bezeichnet diese Methode als HARKing (“Hypothesizing After the Results are Known”); sie führt zu beliebigen, nicht aussagekräftigen Ergebnissen.

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