Gefährliche Spiele

Erstes Beispiel

Ein Mensch kauft ein windschnittiges Produkt aus der schönen neuen Welt der Finanzdienstleistungen. Er weiß nicht, dass der Verkäufer dieses Produkt insgeheim als „Schrott für Dumme“ einschätzt. Die Logik, die diesem Produkt zugrunde liegt, begreift der Käufer nicht. Er glaubt den Versprechungen des Verkäufers. Es kommt, wie es kommen muss und nach einiger Zeit erweist sich dieses windschnittige Produkt auch als genau das, wofür es der Verkäufer immer schon insgeheim gehalten hat. Wer ist verantwortlich? Man ist spontan geneigt zu sagen, dass die volle Last der Schuld auf den Schultern des Verkäufers lastet, denn er hat den Käufer über die tatsächlichen Risiken des Produkts im Unklaren gelassen.

Doch halt! Hätte der Käufer nicht wissen können, wissen müssen, dass ungewöhnlich hohe Gewinnversprechungen auch auf ein entsprechendes Risiko schließen lassen. Hätte er nicht wissen können, wissen müssen, dass Menschen im Zustand der Gier dazu neigen, den Verstand vorübergehend auszuschalten? Hätte er nicht vor sich selbst gewarnt sein müssen?

Unabhängig von rechtlichen Erwägungen und Haftungsfragen, wird man wohl nicht umhinkommen, dem Käufer mangelnde Vorsicht anzukreiden. Man mag die Gier und die Leidenschaft, mit möglichst wenig Aufwand viel Ertrag zu raffen, zwar als mildernde Umstände gelten lassen; aber selbst bei größter Nachsicht wird man sich wohl nicht dazu verstehen, den Geschröpften völlig aus der Verantwortung zu entlassen.

Zweites Beispiel

Ein Mensch liebt die Geselligkeit. Er sitzt gern mit Freunden an der Theke. Er trinkt ein Bier, ein Schnäpschen dazu. Und an besonderen Festtagen dürfen es auch schon einmal zwei, wenn nicht drei oder vier sein. Weil dieser Mensch so ein kommunikativer, dem Mitmenschen zugewandter Zeitgenosse ist, geht er immer öfter in die Kneipe, und da mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt eintritt, trinkt er mitunter nicht nur an besonderen Feiertagen mehr, als er sollte.

Schließlich, nach einigen Jahren im Kreise der Freunde am Tresen und am Stammtisch, stellt er plötzlich zu seiner vollen Überraschung fest, dass er unter Entzugserscheinungen leidet, wenn er sich einmal Bier und Schnaps versagt. Ehefrau, Arbeitgeber und eine ganze Streitmacht wohlmeinender Ratgeber drängen ihn dazu, sich behandeln zu lassen und so erhält er die Diagnose, Alkoholiker, ahängigkeitskrank zu sein.

Er ist also krank. Der Saufteufel steckt in den Genen. Der Dämon hat schließlich die Oberhand gewonnen und nun kann die arme Seele nicht anders als zu saufen, zwanghaft zu saufen und noch einmal zu saufen, bis zum Abwinken, bis der Arzt kommt. Dafür ist der Mensch nicht verantwortlich, denn die Krankheit hat ihn im Griff.

Ist es nicht so? Selbst wenn man davon überzeugt ist, dass süchtiges Saufen krankheitsbedingt sei, wird man doch wohl nicht umhinkommen einzuräumen, dass dieser Mensch hätte wissen können, ja, hätte wissen müssen, dass mit Alkohol nicht zu spaßen ist, vor allem dann, wenn das Trinken desselben allzu viel Spaß macht, gerade dann ist Vorsicht geboten.

Fazit

Ebenso wenig, wie der düpierte Käufer des Finanzprodukts mit allen Finessen des Finanzkapitalismus vertraut gewesen sein musste, um gewarnt zu sein, ebenso wenig musste unser Säufer über ausgefeiltes medizinisches und psychologisches Wissen verfügen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass der Alkohol keinen Genuss ohne Reue zu garantieren vermag. So etwas ist selbstverständlich für Menschen mit einem IQ über 65.

Verantwortung tragen

Und so ist es vermutlich nicht abwegig zu unterstellen, dass betrogene Käufer heikler Finanzprodukte und fröhliche Zecher, die in den Alkoholismus abgesackt sind, tief in ihrem Innern sehr wohl und immer schon ganz genau wussten, dass sie sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen haben. Sie werden dies vielleicht vor anderen oder gar vor sich selbst verleugnen, aber es gibt keinen guten, keinen vernünftigen Grund, ihre Schuld-Projektion zu akzeptieren.

Natürlich: Es gibt Ausnahmen. Kleine Kinder und geistig schwer Behinderte wissen mitunter nicht, was sie tun; und es ist nicht ihre Schuld, dass sie dies nicht wissen. Aber ein Erwachsener, der seine sieben Sinne noch beieinander hat, ist als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich verantwortlich zu zeigen. Verantwortung zu tragen, kann schwer, kann eine arge Last sein. Die Neigung, sich zu entlasten, seiner Gier beim Kauf von Finanzprodukten, seinem Hang zu feuchtfröhlicher Geselligkeit nachzugeben, ist daher weit verbreitet. Doch ist sie auch krankhaft, in den extremeren Fällen? Oder soll mit angeblicher Krankheit nur moralisches Versagen kaschiert und entschuldigt werden?

Drittes Beispiel

Ein Mensch hat Wahnvorstellungen. Genauer: Er ist nicht mehr bereit, sich von dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Überzeugungen leiten zu lassen, den seine Mitmenschen für die „Realität“ halten. Dieser Mensch schafft sich seine eigene Wirklichkeit, ganz gleich, was die anderen davon halten. Das kann schöner sein als feuchtfröhliche Geselligkeit oder Fantasien über den fast risikolosen Gewinn, den das soeben gekaufte Finanzprodukt verheißt. Das bittere Ende kommt später. Hoch die Tassen. Es macht Spaß, sich volllaufen zu lassen; es macht Spaß, sich als genialer Finanzexperte zu fühlen; es macht Spaß, der Kaiser von China zu sein. Mind on Strike.

Wo bleibt die Verantwortung? Konnte, ja musste der so genannte Schizophrene nicht wissen, dass er sich Schritt für Schritt seines eigenen Halts im Leben beraubte, als er sich immer mehr vom gemeinsamen Nenner entfernte, der nun einmal in menschlichen Gemeinschaften Orientierung stiftet? Oder konnte er nicht anders, weil er krank war? Es ist schon auffällig, dass all diese „Krankheiten“, unabhängig davon, ob sie existieren oder nicht, so wunderbar als Entschuldigung dafür dienen, dass sich da jemand von Verantwortung entlastet, sich also sein Leben zunächst, kurzfristig leicht gemacht hat.

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