Gedanken-Experimente zur Migration und Obergrenze

Gegeben sei ein Gegenstand X. X hat Vor- und Nachteile.

These: Beurteiler werden X tendenziell umso positiver einstufen, je günstiger sich das Verhältnis von Vor- und Nachteilen für sie darstellt.

Stimmen Sie dieser These zu? Aus meiner Sicht kann man ihr mit vernünftigen Argumenten nicht widersprechen.

Nun setzen wir für X „Flüchtlinge“ ein. Die These lautet dann: Beurteiler werden Flüchtlinge tendenziell umso positiver einschätzen, je günstiger sich das Verhältnis von Vor- und Nachteilen für sie gestaltet.

Stimmen Sie immer noch zu, auch auf die Gefahr hin, politisch nicht korrekt zu sein?

Denken wir beispielsweise an Hans Müller. Er ist Unternehmer, wohlhabend, ein Menschenfreund, spendet gern und ausgiebig für gute Zwecke. Er wohnt in einem Viertel für Betuchte in der eigenen Villa. Vergleichen wir Müllers Lebenssituation mit der von Theo Botrowsky. Er ist Hartz-IV-Empfänger, wohnt in einer Bruchbude in einer Gegend mit hohem Ausländeranteil. Nehmen wir einmal an, dass Sie weder Müller noch Botrowsky kennen. Bei wem halten Sie es für wahrscheinlicher, dass er sich abfällig über Flüchtlinge äußert?

Bei den Koalitionsverhandlungen, die jetzt ins Haus stehen, wird es auch um die so genannte Obergrenze gehen, also um die Frage, ob man Flüchtlinge zurückweisen darf, sobald eine bestimmte, zuvor festgesetzte Zahl von Aufgenommenen erreicht wurde?

Sie kennen sicher allenfalls ein paar Abgeordnete persönlich. Was vermuten sie? Sind die Lebensverhältnisse im Schnitt den Bedingungen Müllers oder Botrowskys ähnlicher?

Vermutlich werden sich sich für Müllers Villenviertel entscheiden. Welcher Abgeordnete lebt schließlich wie ein Hartz-IV-Empfänger?

Nun müssen wir nur noch zwischen den geäußerten politischen und den privaten Meinungen eines Abgeordneten unterscheiden. Ein Politiker äußert im Allgemeinen Meinungen, von denen er hofft, dass er mit ihnen bei seinem Klientel punkten kann. Wenn einer also verstärkt auf die Stimmen kleiner Leute angewiesen ist, dann ist er vermutlich eher geneigt, eine Obergrenze für Flüchtlinge zu fordern. Wer aber auf die Stimmen saturierter Lehrer und Doppelverdiener mit gutem Herzen und weltoffenem Sinn spekuliert, der wird eine Obergrenze vehement ablehnen. Man darf jedoch annehmen, dass alle, alle im Parlament versammelten Volksvertreter privatim den Flüchtlingen wohlgesonnen sind. Was sollten sie auch gegen sie haben? Persönlich werden sie die Nachteile, die Migration mit sich bringen kann, nicht ausbaden müssen.

Man wird sich dennoch über die Obergrenze streiten und die Gegner werden in der einen oder anderen Form moralisch argumentieren. Dieses Argument wird im Kern darauf hinauslaufen, dass wir in einem wohlhabenden Land leben, dass wir unseren Wohlstand auch unfairen wirtschaftlichen Verhältnissen zu verdanken hätten und dass wir deswegen sowohl in der Lage, als auch verpflichtet seien, Flüchtlinge sonder Zahl ins Land zu lassen.

Dies bringt uns zu unserem letzten Gedankenexperiment.

Gegeben sei ein Mann mit Ehefrau und zwei Kindern. Dieser Mann wird straffällig, gefasst und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Darunter werden Frau und insbesondere die Kinder leiden, obwohl sie unschuldig sind. Ist es da nicht ungerecht, ja herzlos gegenüber den Kindern, den Vater einzusperren. Sie werden dadurch vielleicht fürs Leben geschädigt?

Was sagen Sie dazu? Ich vermute, Sie antworten achselzuckend: „Es ist leider unvermeidlich, hart, sehr hart, aber es geht nicht anders.“

In der Tat. Es gibt ein höheres Gut. Die Sicherheit des Gemeinwesens. Strafe muss sein.

Dies bedeutet: Ungerechtigkeit gegenüber Einzelnen muss mitunter im Interesse der Allgemeinheit hingenommen werden.

Kommen wir nun zu Abbad Amrane, einem Flüchtling aus Marokko. Leider ist die Obergrenze schon erreicht – und ob er wirklich politisch verfolgt ist, lässt sich hundertprozentig nicht klären. Dass es ihm dort, wo er herkommt, aber schlecht geht, ist offenkundig. Er hat viel auf sich genommen und riskiert, um zu uns zu kommen.

Was sagen Sie dazu?

Dürfen wir Migranten im Interesse der Sicherheit und politischen Stabilität unseres Landes zurückweisen, auch wenn uns das Herz dabei blutet – so wie es uns blutet, wenn der Vater unschuldiger Kinder in den Knast gesteckt wird?

Ich wünschen Ihnen einen schönen Tag.

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