Folter oder Therapie

Juan Rodriguez lebt allein. Er ist fünfzig Jahre alt, arbeitslos und erhält staatliche Transferleistungen. Eines Morgens stehen unbekannte Männer vor seiner Tür. Sie nehmen ihn mit und bringen ihn in ein Gebäude mit vergitterten Fenstern. Er wird in eine Zelle eingeschlossen. Ihm wird gegen seinen Willen eine Substanz gespritzt. Wenig später ergreift ihn eine tiefe Unruhe. Er kann nicht mehr stille sitzen, tritt von einem Bein aufs andere. Eine quälende innere Spannung verursacht profunde Ängste. Sobald die Wirkung der Substanz nachlässt, wird die Injektion wiederholt.

Variante 1: Juan Rodriguez wird verdächtigt, Sympathisant einer Rebellengruppe zu sein. Man mutmaßt, er halte Informationen über geplante Anschläge zurück.

Variante 2: Juan Rodriguez wird verdächtigt, an „Schizophrenie“ erkrankt und suizidgefährdet zu sein.

Die beiden Varianten beruhen, was die Ebene des beobachtbaren Verhaltens betrifft, auf demselben grundlegenden Vorgang. Ein Mensch wird aus seiner Wohnung geholt, in eine geschlossene Einrichtung gebracht, er bekommt gegen seinen Willen eine Substanz gespritzt und daraufhin wird er von einer körperlichen Unruhe ergriffen, die er als äußerst unangenehm beschreibt.

Zu den so genannten Nebenwirkungen der Substanz, von der hier die Rede ist, gehört das beschriebene Phänomen, das als Akathisie (Sitzunruhe)1 bezeichnet wird.

Spinnen wir den Fall weiter: Nach einer Weile des Leugnens bekennt Juan Rodriguez schließlich das ihm zur Last Gelegte.

Variante 1: Juan Rodriguez gesteht, ein Unterstützer der Rebellengruppe zu sein und gelobt, in Zukunft mit der Geheimpolizei zusammenzuarbeiten.

Variante 2: Juan Rodriguez zeigt „Krankheitseinsicht“ und verspricht, von nun an vertrauensvoll mit seinen Ärzten zu kooperieren.

In beiden Fällen wird Juan Rodriguez mit einer Reduktion der injizierten Dosis belohnt, so dass die Akathisie sich verringert oder gar verschwindet. Hin und wieder wird Juan Rodriguez aus seiner Zelle zu Gesprächen abgeholt.

Variante 1: Er wird einem Verhör unterzogen.

Variante 2: Er erhält eine Psychotherapie.

Folter oder Behandlung? Das ist offenbar eine Frage der Interpretation. Sie hängt nicht in erster Linie von dem ab, was sich beobachten lässt: Internierung, Spritzen, Gewalt. Auch aus dem Inhalt der Gespräche lässt sie sich nur bedingt ableiten. So könnten beispielsweise in einem Verhör wie auch in einer Psychotherapie Kindheitserlebnisse oder aktuelle Beziehungen zu anderen Menschen eine Rolle spielen.

Die Interpretation fällt vielmehr aufgrund von Mutmaßungen unterschiedlich aus: Ist Juan Rodriguez Sympathisant oder “schizophren”?

Die Vorgänge, denen Juan Rodriguez unterworfen wird, unterscheiden sich von Folter und werden zur Behandlung nur durch die Voraussetzung, dass der Mann erstens an einer Krankheit leidet, dass zweitens diese Krankheit durch die injizierte Substanz und durch die Gespräche geheilt oder zumindest gelindert werden kann und dass dies drittens im wohlverstandenen Interesse des Betroffenen liegt.

Um zwischen Folter und Behandlung differenzieren zu können, muss man also prüfen, ob die Voraussetzung erfüllt ist.

Beim gegenwärtigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis sind die ersten beiden Punkte allerdings nicht beweisbar, denn psychiatrische Diagnosen im Allgemeinen und Schizophrenie-Diagnosen im Besonderen sind nicht valide. Und ob Medikamente bzw. Psychotherapie zur Heilung oder Linderung mutmaßlicher Krankheiten dienen können, darf bezweifelt werden.

Die dritte Frage, nämlich die nach dem wohlverstandenen Interesse des Betroffenen, ist schwerer zu beantworten; sie stellt sich allerdings ohnehin nicht, wenn die die ersten beiden Punkte nicht geklärt werden können.

Bei zwangspsychiatrischen Maßnahmen können wir also zwischen Folter und Behandlung nur auf Grundlage unbewiesener Mutmaßungen differenzieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die große Mehrheit der Bevölkerung „psychische Krankheiten“ für real und psychiatrische Therapien für mehr oder weniger wirksam hält.

Menschen wie Juan Rodriguez werden ihrer Freiheit beraubt und, mitunter als qualvoll erlebten, Maßnahmen unterzogen, obwohl niemand wissen kann, ob diese Interventionen erforderlich sind und im wohlverstandenen Interesse des Betroffenen liegen.

Hervorzuheben sei – so schreibt die Psychologin Mary Boyle in ihrem Buch „Schizophrenia – A Scientific Delusion“ – die scheinbare Eignung der „Schizophrenie“, eine Erklärung für unerwünschtes, belastendes und störendes Verhalten bereitzustellen. „Natürlich kann dieses Konzept nichts dieser Art leisten, doch indem es einen Namen zur Verfügung stellt, ein Etikett, können Fachleute die mächtige und tröstliche Botschaft vermitteln, dass sie mit diesen Verhaltensweisen und Erfahrungen vertraut seien, dass sie diese zuvor schon gesehen und (dies wird impliziert) entsprechendes Wissen hätten. ‘Schizophrenie’ ist deshalb ein höchst verführerisches Etikett, für Fachleute, für Angehörige, für die Öffentlichkeit und für jene, deren Verhalten Anlass zur Sorge gab.“2

Leider kann im Falle psychiatrischen Zwangs der Verdacht nicht ausgeräumt werden, dass sich hinter dieser mächtigen und tröstlichen Botschaft die brutale Realität der Folter verbirgt. Und es steht zu befürchten, dass viele Leute dies zumindest ahnen, aber nach der Devise, dass der Zweck die Mittel heilige, billigend in Kauf nehmen.

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Das vorherrschende Phänomen der Akathisie ist eine innere Unruhe, die sich als unbezwingbarer Bewegungsdrang zeigt. Charakteristisch sind repetitive Bewegungen von Händen und Füßen sowie der Gesichtsmuskulatur. Diese Erscheinungen sind gefürchtete Nebenwirkungen von Neuroleptika, können aber auch die Folge neurologischer Erkrankungen sein. Sie finden sich insbesondere bei der Parkinson-Krankheit. Man ist angesichts der pharmakologischen Wirkungen von Neuroleptika durchaus berechtigt zu behaupten, dass diese Substanzen Symptome der Parkinson Krankheit hervorrufen. Es handelt sich also eindeutig um Nervengifte.

Boyle, M. (2002). Schizophrenia – A Scientific Delusion. Hove: Routledge

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