Familie

Szenario 1:

Lieses Eltern sind – so sagt die Mutter, so denkt der Vater – nur noch wegen des Kindes zusammen. Stets herrschen mehr oder weniger starke Spannungen zwischen den Erwachsenen, die das Kind natürlich wahrnimmt, aber nicht begreifen kann. Als Liese sechs ist, erkrankt sie ernsthaft. Die Eltern vergessen ihren Streit und kümmern sich liebevoll um das Kind. Als Liese zwölf ist, werden die Spannungen zwischen den Eltern unerträglich. Wieder wird Liese krank. Die Eltern vergessen ihren Streit und kümmern sich liebevoll um das Kind. Der Arzt kann keine körperlichen Ursachen der Krankheit erkennen. Er diagnostiziert eine Depression, die sich somatisch äußere, und verschreibt ein Antidepressivum. Liese entwickelt in der Folge Suizidgedanken. Dies ist eine bekannte Nebenwirkung1 solcher „Medikamente“. Doch dieses iatrogene Symptom wird nicht als solches erkannt, sondern als Ausdruck einer Verschlimmerung der Depression verstanden. Die Dosis wird erhöht. Liese wird zur Dauerkonsumentin von Antidepressiva. Mit 19 beginnt sie, sich selbst zu verletzen. Eine feministische Therapeutin ist sich schnell sicher, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. Sie wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Diagnose lautet nun: Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Eine Karriere als Psychiatrie-Patientin ist programmiert.

Szenario 2:

Lottes Eltern sind, so sagt die Mutter, so denkt der Vater, nur noch wegen des Kindes zusammen. Stets herrschen mehr oder weniger starke Spannungen zwischen den Erwachsenen, die das Kind natürlich wahrnimmt, aber nicht begreifen kann. Als Lotte sechs ist, erkrankt sie ernsthaft. Die Eltern vergessen ihren Streit und kümmern sich liebevoll um das Kind. Als Lotte zwölf ist, werden die Spannungen zwischen den Eltern unerträglich. Lotte zieht sich in ihre Fantasiewelt zurück. Sie wird eine Leseratte. Die Eltern versöhnen sich vorübergehend wieder, wie üblich. Bei einem regulären Arztbesuch kommt Lottes extreme Leseleidenschaft zur Sprache; der Doktor vermag daran aber nichts Besorgnis Erregendes zu erkennen. Er diagnostiziert einen Vitaminmangel und empfiehlt ein Multitvitamin-Präparat. Lotte entwickelt sich in der Folge zu einer „Intelligenz-Bestie“. Das ist eine bekannte Nebenwirkung des exzessiven Lesens, wenn dies mit einem emotionalen Rückzug von signifikanten Mitmenschen verbunden ist. Eine Lehrerin fördert sie. Lotte macht bei „Jugend forscht“ mit und gewinnt einen Preis. Sie wird zu einem Wissenschafts-Junkie. Schon mit 19 wird sie von einer feministischen Dozentin entdeckt und gefördert. Diese ist sich schnell sicher, dass Lotte eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn bevorsteht. Bereits als Studentin kann Lotte Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlichen.

Eine Karriere als Wissenschaftlerin ist programmiert.

Zwei Entscheidungen

In diesen beiden Szenarien sind die familiären Verhältnisse vergleichbar. Was macht den Unterschied? Liese entscheidet sich, psychosomatisch zu „erkranken“. Lotte entscheidet sich zum Rückzug ins Reich der Bücher. Liese gerät daraufhin in die Mühlen der Psychiatrie. Lotte eröffnen sich Perspektiven in der Wissenschaft.

Dies ist das Prinzip der Steuerung. Kleine, kleinste Anlässe können gewaltige Wirkungen nach sich ziehen. Ein Steinchen kann eine Lawine auslösen, die ein Dorf überrollt und auslöscht.

Weder Liese, noch Lotte waren sich bewusst, was ihre jeweilige Entscheidung für Folgen haben würde. Beide strebten eine emotionale Entlastung in einer unerträglichen Situation an. Beide wählten jene Alternative des Verhaltens, die ihnen in der gegebenen Situation die beste aller zur Auswahl stehenden Wahlmöglichkeiten zu sein schien.

Zwar räume ich ein, dass diese beiden Szenarien konstruiert sind, um das Grundprinzip zu veranschaulichen. Entschieden aber bestreite ich, dass es sich dabei um aus der Luft gegriffene Beispiele handelt.

Auch wenn die Verhältnisse nicht immer so überschaubar sind wie in diesen Szenarien, auch wenn die relevanten Entscheidungen zahlreicher sein mögen, so halte ich es dennoch für unbestreitbar, dass unser Lebensweg wesentlich von solchen Schlüsselentscheidungen abhängt.

Selbstverständlich sind sie nicht die einzige Determinanten. Fördernde und hemmende Einflüsse aus der Umwelt, auch der schiere Zufall können uns von dem Kurs abbringen, der den Schlüsselentscheidungen entspricht. Dennoch ist der Mensch kein Blatt im Wind. Seine Entscheidungen haben Einfluss.

Diese Erkenntnis führt naturgemäß zu der Frage, warum sich Menschen so oder so entscheiden. Haben sie einen freien Willen oder haben sie keine Wahl? Darüber streiten die Philosophen, seitdem es die Philosophie gibt. Und bisher konnten sie sich nicht einig werden.

Aus pragmatischer Sicht muss man wohl einräumen, dass wir die Determinanten menschlicher Entscheidungen im Regelfall nicht kennen, jedenfalls nicht vollständig, und dies könnte durchaus daran liegen, dass bei menschlichen Entscheidungen der nicht vorhersagbare freie Wille eine Rolle spielt.

Unabhängig davon halte ich es nicht für plausibel zu unterstellen, dass die familiären Verhältnisse allein darüber bestimmen würden, ob beispielsweise ein Mensch eine psychiatrische Diagnose bekommt oder nicht. Diese Verhältnisse können natürlich die Wahrscheinlichkeit einer solchen Diagnose erhöhen oder senken. Dies gilt gleichermaßen für die Entscheidungen des möglicherweise betroffenen Individuums.

Doch Individuum und Familie sind integriert in eine Vielzahl übergeordneter Systeme, die Lebensläufe in unvorhersehbarer und nicht kontrollierbarer Weise bahnen oder versperren können.

Was kann das Individuum tun? Ist es völlig machtlos?

Es kann nicht schaden, sich seine Entscheidungen bewusst zu machen, sie zu reflektieren, ihre möglichen Folgewirkungen zu bedenken. Niemand weiß, was ihm die Zukunft bringt. Aber wenn ich beispielsweise gewohnheitsmäßig zu riskanten Überholmanövern neige, dann kann diese zur Unart gewordene Entscheidung, Leistung höher zu bewerten als Sicherheit, mich vorzeitig ins Grab bringen. Unter sonst gleichen Bedingungen erhöhe ich damit die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs.

Ist jeder seines Glückes Schmied?

Liese und Lotte seien zwei Ratten, die in Käfige eingesperrt wurden. Vor sich zwei Tasten, A und B. Nur wenn Lotte lernt, ausschließlich die Taste A zu drücken, erhält sie genug Futter zum Überleben. Wenn Liese lernt, ausschließlich die Taste A zu drücken, erhält sie zwar ebenfalls mehr Futter, als wenn sie nur B oder A und B im Wechsel drücken würde; aber selbst die optimale Entscheidung allein für A reicht nicht zum Überleben.

Lotte stirbt eines natürlichen Todes, Liese verhungert vorzeitig. Beide haben sich gleich entschieden. Doch nur eine hat Erfolg, obwohl sie dafür keinerlei zusätzliche Leistung erbringt. Liese und Lotte könnten auch Menschen sein, die in solchen Familienkäfigen stecken. Lotte könnte sich durch falsche Entscheidungen zwar schaden, Liese jedoch könnte sich durch richtige Entscheidungen nicht retten. Ich glaube aber nicht, dass ein solches Familienkäfigmodell bei Menschen der Regelfall ist.

Auch Liese hat eine Chance, zumeist.

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