Entscheidung zur psychischen Krankheit

Manche Psychiatriekritiker bestreiten zwar die Existenz „psychischer Krankheiten“. Sie sind aber davon überzeugt, dass die Phänomene, die von der Psychiatrie als Symptome einer „psychischen Krankheit“ missdeutet würden, ursächlich auf Traumata und Störungen in den sozialen Beziehungen zurückzuführen seien.

Auf der einen Seite steht also das biomedizinische Modell, auf der anderen Seite das psycho-sozial-traumatheoretische. Die einen glauben an Vererbung und Hirnstörungen, die anderen an sexuellen Missbrauch, körperliche Verwahrlosung, menschliche Verelendung unter misslichen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen.1)Sie meinen Artikel: Drei Modelle zur Erklärung psychischer Krankheiten

In beiden Fällen unterliegt, so wird behauptet, der betroffene Mensch einem Mechanismus, der ihm keine Wahl lässt.

Die Vertreter des biomedizinischen Modells unterstellen, dieser Mechanismus sei ein körperlicher. Die Anhänger des „sozialwissenschaftlichen“ Modells meinen, dieser Mechanismus sei ein psychischer.

Beiden Sichtweisen ist gemeinsam, dass die betroffenen Menschen einem Automatismus ausgeliefert sind. Sie sind für ihr Geschick nicht verantwortlich. Die einen zeigen die rätselhaften und mitunter störenden Phänomene, weil etwas in ihrem Gehirn oder in ihrem Körper im Allgemeinen nicht stimmt. Die anderen bringen sie hervor, weil sie in der Kindheit traumatisiert wurden oder weil sie unter verheerenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben.

Die logische Schlussfolgerung: Da die Betroffenen ja nichts dafür können, muss nach beiden Modellen irgendwer sonst die Verantwortung für sie übernehmen, zumindest teilweise. Ob dies nun der Arzt ist, mit seinen Pillen, oder ob dies nun der Psychologe ist, mit seiner Psychotherapie, ganz gleich: Der Betroffene hat keine Wahl. Er ist Opfer, entweder seiner Hirnerkrankung oder seine Lebensumstände. Diese Faktoren führen automatisch dazu, dass er aus der Rolle fällt und sich gegebenenfalls auch schwer danebenbenimmt.

Für beide Modelle gibt es nicht die Spur eines empirischen Beweises. Dies hindert deren Vertreter aber nicht, sie mit wahrem Glaubenseifer zu verteidigen. Es soll sogar vorkommen, dass sich Angehörige von so genannten psychisch Kranken von diesem Virus anstecken lassen, obwohl sie es aus eigener Anschauung und alltäglicher Erfahrung eigentlich besser wissen müssten.

Die so genannten psychisch Kranken mögen sich in dieser oder jener Hinsicht zwar von den so genannten Normalen unterscheiden. Aber in einer Hinsicht gibt es keinen Unterschied: Sie alle fällen tagtäglich eine Vielzahl von Entscheidungen, die den weiteren Verlauf ihres Lebens u. U. maßgeblich beeinflussen.

Natürlich kann im Prinzip (theoretisch) jeder Aufsichtsrat werden oder ein „psychisch Kranker“ auf Hartz-4. Ebenso selbstverständlich jedoch hängt die Wahrscheinlichkeit des einen oder anderen in der Realität nicht allein von unseren Entscheidungen ab. Wer beispielsweise nicht aus der gehobenen Mittelschicht bzw. der Oberschicht stammt, hat nur geringe Chancen, Aufsichtsrat zu werden.

Nicht alles, wozu wir uns entscheiden, wird uns auch gelingen, selbst wenn wir uns auf den Kopf stellen, es zu erreichen. Der Spross einer schwer reichen Familie dürfte es schwer haben, als „psychisch Kranker“ auf Hartz-4 zu landen, auch wenn er sich noch so sehr bemüht. Die Abkömmlinge von analphabetischen Migrantenfamilien bringen es in aller Regel nicht in die Aufsichtsräte von DAX-Unternehmen. 

Dies bedeutet aber nicht, dass unser Leben vorgezeichnet wäre. Dies wäre sogar dann nicht der Fall, wenn unser Verhalten und Erleben auch von unseren Erbanlagen abhinge. Und dies wäre gleichermaßen nicht so, wenn uns verheerende Lebensverhältnisse belasten.

Der Mensch ist kein Automat. Er hat einen freien Willen. Er kann unter widrigen Umständen Erfolg haben und unter günstigen scheitern. Er kann unter irren Bedingungen vernünftig und unter vernünftigen Bedingungen irre agieren. Kurz: Er kann wählen.2)Manche Menschen, besonders naturwissenschaftlich denkende, bestreiten vehement die Existenz des freien Willens. Sie halten jene, die ihn voraussetzen, oftmals für ungebildet oder religiös verblendet. Fakt aber ist, dass sie ihre These von der Unfreiheit des Willens ebenso wenig beweisen können wie die Vertreter der Willensfreiheit ihre Position. Dazu müsste man nämlich wissen, wie das Gehirn funktioniert und in der Lage sein, menschliches Verhalten exakt vorherzusagen. Dies weiß und kann aber niemand. Die Sache ist also definitiv nicht entschieden. Und so ziehe ich es vor, den Menschen einen freien Willen zu unterstellen. Denn dies entspricht unserer alltäglichen Erfahrung. Wir werden fortwährend vor Entscheidungen gestellt und wir wählen dies oder das, manchmal spontan, manchmal aus Erfahrung, manchmal nach kurzem Bedenken und gelegentlich auch nach reiflicher Überlegung. Man muss vernünftige, man muss starke Argumente haben, um dieser Alltagserfahrung der Wahl unter Alternativen zu widersprechen. Unser überaus begrenztes neurowissenschaftliches Wissen bietet keinen Fußhalt für derartige Argumente.

Zwar hat er keinen oder nur geringen Einfluss auf die Zahl der Alternativen und die entsprechenden Erfolgswahrscheinlichkeiten – dennoch steht er seinem Leben als ein Wählender gegenüber und er ist dennoch kein Blatt im Wind.
Und so wird auch niemand „psychisch krank“, wie man Krebs oder ein Nierenleiden bekommt. Selbst wenn man raucht und säuft und dadurch zu körperlichen Erkrankungen beiträgt, lassen sich diese körperlichen Krankheiten nicht mit „psychischen Krankheiten“ vergleichen.
Denn die so genannten psychischen Krankheiten beruhen ausschließlich auf Entscheidungen und diese Entscheidungen können rückgängig gemacht werden.

Es mag zwar sein, dass ein Mensch irgendwelchen seltsamen Phänomenen, wie beispielsweise einem Zwang, hilflos gegenübersteht. Aber er wird nur „zwangskrank“, wenn er sich dazu entscheidet, diese Diagnose zu akzeptieren und die Rolle des „Zwangskranken“ zu übernehmen.

Denn die Diagnose ist eine willkürliche Zuschreibung; es gibt nicht die Spur eines Beweises dafür, dass der Zwang durch einen körperlichen Prozess, auf den der einzelne keinen Einfluss hat, verursacht wird.
Selbstverständlich gibt es auch keine belastbaren Argumente dafür, dass der Zwang durch sexuellen Missbrauch beispielsweise oder durch miserable Lebensverhältnisse verursacht wurde.

Er beruht auf einer Entscheidung. In aller Regel hat sich der Betroffene zum Zwangsverhalten entschieden,3)Hier fehlen leider die treffenden Worte für diesen Vorgang; vielleicht wäre die Formulierung, der Betroffene habe sich entschieden, sich dem Zwang hinzugeben, eine gute Annäherung an diesen innerpsychischen Sachverhalt. weil ihm dies die beste unter allen möglichen Alternativen zu sein scheint. Diese Beurteilung der Alternativen mag falsch sein, es mag Möglichkeiten geben, die dem Betroffenen besser dienen würden, allein: Darauf kommt es nicht an.

Es wird sich in aller Regel nicht um eine große, einmalige Entscheidung handeln, die jemanden auf einen Schlag von einem gesunden in einen psychisch kranken Menschen verwandelt. Dieser Prozess wird vielmehr in der Regel durch eine Kette kleiner, für sich genommen unbedeutender, meist nicht durchdachter Entscheidungen vorangetrieben. Am Ende steht dann ein eventuell fatales Gesamtresultat.

Es kommt also darauf an, wie wir uns entscheiden, in jedem Augenblick unseres Lebens. Unter allen Umständen haben wir die Wahl, auch wenn sich uns nur mehr oder weniger schlechte Alternativen bieten. Und selbst wenn wir glauben, eine Maschine zu sein, so beruht dieser Glaube auf freier Entscheidung.

Der amerikanische Psychiater William Glasser4)Wer noch nie etwas von Glasser gehört hat und Englisch versteht, sollte sich dieses Video anschauen: Achtung: Die Psychiatrie gefährdet ihre psychische Gesundheit schrieb in seinem Buch „Choice Theory“:

“Die Entscheidungstheorie erklärt, warum wir, bei allen praktischen Anliegen, alles, was wir tun, auswählen, einschließlich des Elends, das wir fühlen. Andere Leute können uns weder elend, noch glücklich machen. Alles, was wir von ihnen erhalten oder ihnen geben können, sind Informationen. Doch an sich können uns Informationen nicht dazu veranlassen, irgendetwas zu tun oder zu fühlen. Sie gehen in unser Gehirn, wo wir sie verarbeiten und dann entscheiden, was zu tun ist. Wie ich in meinem Buch detailliert beschreiben werde, wählen wir alle unsere Handlungen und Gedanken und, indirekt, beinahe alle unserer Gefühle und einen großen Teil unserer physiologischen Reaktionen aus.”

Solche Äußerungen machen manche Leute richtig wütend. Wenn einer, so heißt es dann, wenn einer unter die Räuber gefallen sei, schuldlos, dann habe er sich nicht für das Elend, das er fühle, entschieden. Wenn einer auf Hartz-4 gesetzt werde, nach dreißig Jahren fleißiger Arbeit, weil die Firma pleite gemacht habe, dann habe er sein Elend nicht gewählt. Was diesem Glasser einfiele, so empörte man sich in hohen und tiefen Tönen, sich in so verständnisloser Weise über Menschen zu äußern, die vom Schicksal gebeutelt worden und dafür nie und niemals verantwortlich seien. Bestimmt sei dieser Glasser einer dieser fürchterlichen Neoliberalen, die inzwischen überall ihre Finger im Spiel hätten und diese Welt in den Ruin trieben.

Es gibt eine gute und ziemlich alte Antwort auf derlei Empörung:

„Über das eine gebieten wir, über das andere nicht. Wir gebieten über unser Begreifen, unseren Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unseren Körper, unseren Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung, und mit einem Wort, über alles, was nicht von uns ausgeht. Worüber wir gebieten, ist von Natur aus frei, kann nicht gehindert oder gehemmt werden; worüber wir aber nicht gebieten, ist kraftlos, abhängig, kann gehindert werden und steht unter fremdem Einfluss. Denke also daran: Wenn du das von Natur aus Abhängige für frei hältst und das Fremde für dein eigen, so wird man deine Pläne durchkreuzen und du wirst klagen, die Fassung verlieren und mit Gott und der Welt hadern; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde hingegen, wie es tatsächlich ist, für fremd, dann wird niemand je dich nötigen, niemand dich hindern, du wirst niemanden schelten, niemandem die Schuld geben, nie etwas wider Willen tun, du wirst keinen Feind haben, niemand wird dir schaden, denn du kannst überhaupt keinen Schaden erleiden.“

Diese Zeilen stammen aus dem „Handbüchlein der Moral“ von Epiktet. Nun ist dieser Mann kein Neoliberaler, sondern er war ein antiker Philosoph, der etwa im Jahr 50 n. Chr. geboren wurde und im Jahr 138 starb. Er war zunächst Sklave, wurde dann freigelassen und begründete eine Philosophenschule, die er bis zu seinem Tode leitete. Da er stets und absichtlich ein ärmliches Leben führte, trifft ihn der Vorwurf, eine antike Variante des Neoliberalen gewesen zu sein, dann doch wohl eher nicht.

Eigentlich sollte jedermann, der sich der Sache in einer unaufgeregten Stunde widmet, erkennen können,

  • dass wir über unser Begreifen, unseren Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden gebieten,
  • daher nicht zum Unglücklichsein gezwungen werden können und
  • dass unser Glück deswegen auch nicht von äußeren Umständen abhängt.

Ein anderer alter Grieche, Epikur (341 bis 271 v. Chr.) lehrte:

„Auch die Unabhängigkeit von äußeren Dingen halten wir für ein großes Gut, nicht um uns in jeder Lage mit Wenigem zufrieden zu geben, sondern um, wenn wir das Meiste nicht haben, mit Wenigem auszukommen, weil wir voll davon überzeugt sind, dass jene, die den Überfluss am meisten genießen, ihn am wenigsten brauchen, und dass alles Natürliche leicht, das Sinnlose aber schwer zu beschaffen ist und dass eine einfache Brühe die gleiche Lust bereitet wie ein üppiges Mahl…“

Wir sind keineswegs den Wechselfällen unseres Lebens ausgeliefert wie ein Blatt im Wind, und ein äußeres Missgeschick führt nicht zwangsläufig zum Gefühl des Elends.
Wir haben es tatsächlich selbst in der Hand, ob wir unser Unglück wählen wollen oder nicht. Es mag nicht immer leicht sein, nach diesen Einsichten zu leben, vor allem am Anfang nicht, wenn man noch üben muss. Aber es ist wirklich falsch zu sagen, dass man nicht seines Glückes Schmied sei.

Dies ist man durchaus…

… natürlich aber nicht im Sinn des Neoliberalismus. Keineswegs kann jeder Reichtümer anhäufen, wenn er nur fleißig und schlau ist. Im Gegenteil. Wir versuchen dann nur, über etwas zu gebieten, was sich schlussendlich unserer Macht entzieht, wie wir im „Handbüchlein der Moral“ erfahren.

Wir sind allerdings unseres Glückes Schmied in dem Sinne, dass wir in der Tat über unser Begreifen, unseren Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden gebieten.

Es liegt an uns, wie wir mit den Informationen, die auf uns einströmen, umgehen. Daher ist auch niemand gezwungen, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen.5)Siehe meinen Artikel: Die Rolle des psychisch Kranken

Es mag zwar sein, dass wir an einer der seltenen körperlichen Krankheiten leiden, die gegen unseren Willen unser Verhalten und Erleben negativ beeinflussen. Doch dann leiden wir nicht an einer psychischen, sondern an einer körperlichen Krankheit. Und selbst dann haben die Betroffenen sehr oft noch den Spielraum, diese Impulse aus ihrem Inneren zu meistern.

Es ist also wenig hilfreich, wenn den so genannten psychisch Kranken suggeriert wird, dass eine Störung ihres Gehirns ihr Elend verursache, dass sie an diesem unschuldig seien, dass sie an diesem vermutlich ein Leben lang leiden würden und dass ihnen allein die Pillen oder die heilenden Worte des Experten Linderung verschaffen könnten.
Bei Epiktet: Das ist nicht wahr! Das wäre selbst dann nicht wahr, wenn es körperliche Ursachen der angeblichen psychischen Krankheiten gäbe.

Ob es sie wirklich gibt, ist aber mehr als nur fraglich. Ziemlich unwahrscheinlich ist das. Seit Jahrzehnten versucht man mit immer besseren neurowissenschaftlichen Apparaten und Untersuchungsmethoden, solche Ursachen zu identifizieren, ohne Erfolg, ohne Erfolg.

Wenig hilfreich? Das ist im Grunde eine verharmlosende Redeweise. Wer diese negative Botschaft wirklich glaubt, der hindert sich selbst daran, die Ressourcen zur Überwindung seines Elends in sich selbst zu entdecken.
Er mag dann das „Handbüchlein der Moral“ lesen und sich sagen: „Das ist ja alles schön und gut und das frommt bestimmt auch den normalen Leuten, aber mir, dem Hirnkranken, kann so, allein durch solche Einsichten, nicht geholfen werden.“

Aber, zum Glück: Niemand muss denen glauben, die dies behaupten. Über unser Begreifen, unseren Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden gebieten nur wir selbst. Psychiatrie und Psychologie liefern bestenfalls Informationen. Wie die „Patienten“ damit umgehen, ist ihre Sache.

Niemand muss Verantwortung für Ereignisse übernehmen, auf die er keinen Einfluss hat. Ein Beispiel:

Luzie kommt in einer Kurve ins Schleudern, verliert die Kontrolle über ihren Wagen und verursacht einen Totalschaden. Zum Glück bleibt sie, bis auf ein paar Schrammen, unverletzt. Sie entschuldigt sich damit, dass sie durch überfrierende Nässe ins Schleudern gekommen sei, für die Witterungsbedingungen könne sie nichts. Man räumt ein, dass sie das Wetter natürlich nicht beeinflussen könne, wohl aber dafür verantwortlich sei, ihr Fahrzeug in einer den Straßenverhältnissen angemessenen Weise zu steuern.

Luzie legt nach: Sie sei als Kind schwer traumatisiert worden, dies habe eine dissoziative Störung hervorgerufen, die zu gelegentlicher und unvorhersehbarer Geistesabwesenheit führe.

Arme Luzie. Als Kind schwer misshandelt und missbraucht vom eigenen Vater. Schuldlos gestraft durch eine „psychische Krankheit“, die sich seit Jahren jedem Therapieversuch widersetzt.

Arme Luzie? Nehmen wir einmal an, Luzie gehörte zu den seltenen Fällen, bei denen die Traumatisierung tatsächlich nachgewiesen werden konnte; der Vater war geständig. War er dann auch für den Totalschaden verantwortlich. Gibt es einen Mechanismus, der Luzies Fahrverhalten mit der Traumatisierung verbindet und der Luzies Kontrolle entzogen ist?

Es mag Erkrankungen geben, die mit Störungen des Verhaltens und Erlebens einhergehen und die den Betroffenen keine Wahl lassen, als dieses zu tun und jenes zu lassen. Aber für keine der so genannten psychischen Krankheiten konnten bisher solche Mechanismen nachgewiesen werden. Dies gilt auch für jene Störungen, in deren Ursachenbündel angeblich u. a. Traumatisierungen gehören.

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass Traumatisierungen zu Veränderungen des Gehirns führen können, allein der Beweis dafür, dass sie die „Symptome“ der damit angeblich verbundenen „Krankheiten“ hervorrufen, steht noch aus.

Und selbst wenn sie die Neigung zur Ausprägung solcher „Symptome“ erhöhen würden, so würde dies ja nicht bedeuten, dass die Betroffenen deswegen keine Wahl hätten. Sie könnten solchen Neigungen ja auch widerstehen.

Es gibt beim Stand der empirischen Forschung keinen zwingenden Grund anzunehmen, dass die Betroffenen durch Traumatisierung in Reaktionsautomaten verwandelt würden. Man darf sie keineswegs zu Subjekten degradieren, denen die Personalität (definiert, nach Kant, durch die Möglichkeit der Zuschreibung von Verantwortung) abgesprochen werden müsste. Man darf also annehmen, dass ihre Handlungen (und Unterlassungen) weitgehend auf Entscheidungen beruhen, wie dies ja auch bei anderen Menschen der Fall ist.

Selbstverständlich sind diese Entscheidungen nicht immer voll bewusst und reflektiert. Aber unser Verhalten beruht in der Regel auch nicht auf Automatismen, die unserem Einfluss grundsätzlich entzogen wären. Peter Ulric Tse zeigte in seinem Buch „The Neural Basis of Free Will“, dass auch die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften die Entscheidungsfreiheit des Menschen nicht ausschließen.6)Dieses Buch ist für Leute ohne Grundwissen zur Biologie des Gehirns keine leichte Kost. Wer die Zeit und die Lust hat, sich in einen solchen Stoff einzugraben, sollte es dennoch zur Hand nehmen. Es behandelt ein zentrales Thema unserer Existenz auf hohem Niveau.

Wer sich wegen einer angeblichen psychischen Krankheit von Verantwortung für seine Handlungen freisprechen kann, der hat auch keinen vernünftigen Grund für den Versuch zur Selbstkorrektur. Wer einem Mechanismus unterliegt, der sich eigener Kontrolle entzieht, kann dies ja auch gar nicht. Jeder entsprechende Versuch wäre widersinnig.

Er könnte nur darauf hoffen, dass von außen eine Gegensteuerung erfolgt – durch Medikamente, Elektroschocks oder einen Psychotherapeuten.

Das soziologische Thomas-Theorem besagt:

Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann ist sie auch real in ihren Konsequenzen.

Wenn sich also Menschen als „psychisch krank“ verstehen, dann werden sie dadurch auch die entsprechenden Folgen hervorrufen.

Wer sich als unfähig zur Übernahme von Verantwortung empfindet, der wird sich auch verantwortungslos benehmen und die entsprechenden Konsequenzen auslösen.

Der „Patient“ kann sehr leicht erkennen, ob ihm sein Psychiater die Übernahme von Verantwortung zutraut oder nicht, und zwar daran, ob und wie er ihn aufklärt.
Selbst bei einer wohlwollenden Einstellung zur Psychiatrie kann niemand behaupten, dass diese Zunft auf allzu viel gesichertem Fachwissen beruhe.
Die Ursachen der so genannten psychischen Krankheiten sind weitgehend unbekannt; man weiß nicht, wie Behandlungen voraussichtlich bei einem „Patienten“ anschlagen werden; im Grunde fußt diese Spezialdisziplin der Medizin überwiegend auf Spekulation.

In einem solchen Bereich sollte man also eine besonders gründliche Aufklärung über den Stand und die Grenzen psychiatrischer Erkenntnis erwarten. Jeder Patient muss sich selbst die Frage beantworten, ob ihn sein Arzt für eine Person oder einen Reaktionsautomaten hält.
Durch kritisches Nachhaken kann er herauszufinden versuchen, ob es sich bei der Aufklärung, sofern sie überhaupt erfolgt, nicht doch eher um Pharma-Werbung handelt.
Sobald der Arzt den Eindruck erweckt, seine Aufklärung beruhe auf gesichertem Wissen, ist höchstes Misstrauen angebracht.

Manche meinen, man brauche keine wissenschaftlichen Beweise dafür, um zu erkennen, dass manche Menschen nicht fähig seien, Verantwortung zu übernehmen. Als Beispiele dafür werden dann häufig selbstverletzendes oder suizidales Verhalten genannt. Von Ausnahmen abgesehen, würde sich kein vernünftiger Mensch freiwillig dazu entscheiden.

Dieses Argument setzt aber voraus, dass freie Entscheidungen immer vernünftig sein müssen. Überdies erweisen sich manche Entscheidungen, die auf den ersten Blick als irrational erscheinen, bei genauerem Hinschauen als vernünftig.
Es kann durchaus sein, dass die Entscheidung, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen, unter den jeweils gegebenen Bedingungen die beste aller mehr oder weniger schlechten Möglichkeiten ist – zumindest aus dem subjektiven Blickwinkel, mitunter aber durchaus auch unter objektiven Gesichtspunkten. Wenn beispielsweise für einen Soldaten die Gefahr, an der Front totgeschossen zu werden, sehr groß ist, dann mag die psychische Krankheit mit Ticket ins Lazarett durchaus erwägenswert sein.7)Siehe meinen Artikel: Posttraumatische Belastungsstörung

Manche werfen den Psychiatriekritikern vor, sie verträten eine neoliberale Position und gäben den Mühseligen und Beladenen die Schuld an ihrem Schicksal. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wenn es für einen Betroffenen die beste aller Möglichkeiten ist, die Rolle des psychisch Kranken zu übernehmen, dann spricht dies nicht gerade für das politische und wirtschaftliche System, das ihn in diese Lage bringt. Auch wenn dies nur die subjektive Sicht des Betroffenen sein sollte, so sind in vielen Fällen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für diese Verengung der Sichtweise zumindest mitverantwortlich.

Zu diesen Rahmenbedingungen gehört auch die Psychiatrie. Sie gaukelt den Menschen vor, dass Lebensprobleme oft Ausdruck einer „psychischen Krankheit“ seien. Wer dies glaubt, ist eher geneigt, die Übernahme der Rolle des „psychisch Kranken“ als beste Lösung zu betrachten, auch wenn es, objektiv gesehen, bessere, vor allem aber: würdevollere Alternativen gäbe.

Zwar sind unsere Entscheidungen frei. Doch dies bedeutet ja nicht, dass uns nicht Neigungen oder Abneigungen in die eine oder andere Richtung locken könnten. Diese Präferenzen hängen natürlich auch mit objektiven Umwelt-Faktoren zusammen, die unsere Erfahrungen bestimmen.

Selbstverständlich „drängt“ das kapitalistische System vor allem Menschen der unteren Schichten in Richtung „psychische Krankheit“ und andere Formen der Devianz, indem es die entsprechenden Neigungen verstärkt. Dennoch ist niemand gezwungen, diesem Drängen nachzugeben. Von der Verantwortung für die eigene Willfährigkeit kann sich niemand freisprechen.

Fußnoten   [ + ]

1.Sie meinen Artikel: Drei Modelle zur Erklärung psychischer Krankheiten
2.Manche Menschen, besonders naturwissenschaftlich denkende, bestreiten vehement die Existenz des freien Willens. Sie halten jene, die ihn voraussetzen, oftmals für ungebildet oder religiös verblendet. Fakt aber ist, dass sie ihre These von der Unfreiheit des Willens ebenso wenig beweisen können wie die Vertreter der Willensfreiheit ihre Position. Dazu müsste man nämlich wissen, wie das Gehirn funktioniert und in der Lage sein, menschliches Verhalten exakt vorherzusagen. Dies weiß und kann aber niemand. Die Sache ist also definitiv nicht entschieden. Und so ziehe ich es vor, den Menschen einen freien Willen zu unterstellen. Denn dies entspricht unserer alltäglichen Erfahrung. Wir werden fortwährend vor Entscheidungen gestellt und wir wählen dies oder das, manchmal spontan, manchmal aus Erfahrung, manchmal nach kurzem Bedenken und gelegentlich auch nach reiflicher Überlegung. Man muss vernünftige, man muss starke Argumente haben, um dieser Alltagserfahrung der Wahl unter Alternativen zu widersprechen. Unser überaus begrenztes neurowissenschaftliches Wissen bietet keinen Fußhalt für derartige Argumente.
3.Hier fehlen leider die treffenden Worte für diesen Vorgang; vielleicht wäre die Formulierung, der Betroffene habe sich entschieden, sich dem Zwang hinzugeben, eine gute Annäherung an diesen innerpsychischen Sachverhalt.
4.Wer noch nie etwas von Glasser gehört hat und Englisch versteht, sollte sich dieses Video anschauen: Achtung: Die Psychiatrie gefährdet ihre psychische Gesundheit
5.Siehe meinen Artikel: Die Rolle des psychisch Kranken
6.Dieses Buch ist für Leute ohne Grundwissen zur Biologie des Gehirns keine leichte Kost. Wer die Zeit und die Lust hat, sich in einen solchen Stoff einzugraben, sollte es dennoch zur Hand nehmen. Es behandelt ein zentrales Thema unserer Existenz auf hohem Niveau.
7.Siehe meinen Artikel: Posttraumatische Belastungsstörung