Eine Frage des Glaubens

„Psychotherapie“ ist im Kern eine Frage des Glaubens. Den Glaubensakt moniere ich eigentlich nicht, nur eine besondere Art des „Glaubens“, die in „Psychotherapeuten“-Kreisen leider weit verbreitet ist: Hier wird der Glaube mitunter als eine höhere Form des Wissens (absolute Wahrheit plus unerschütterliche Gewissheit) betrachtet.

Ähnliches finden wir ja auch bei Theologen. Und dies ist kein Zufall. Der Glaube als Wissensersatz ist charakteristisch für autoritäre Systeme. Er ist infantil und beruht auf einem unbewussten Mechanismus, der sich in früher Kindheit herausbildete, als sich das hilflose Kind einen beschützenden Vater wünschte.

Freud (1927)1 betrachtete diese frühkindliche Sehnsucht als Wurzel des Gottesglaubens; er vergaß aber hinzuzufügen, dass sie auch die Wurzel seines persönlichen Erfolges war. Der Glaube im Sinne einer erhöhten subjektiven „a-priori-Wahrscheinlichkeit“ von Hypothesen vor ihrer Prüfung ist demgegenüber ein wichtiger Motivator im „therapeutischen“ Geschehen, ja, dies wäre ohne jenen nicht nur bar jeder Vernunft, sondern auch Leidenschaft. Wenn wir nicht daran glauben würden, dass wir bisher unmöglich Erscheinendes dennoch bewältigen können, wenn wir nur beharrlich sind, warum sollten dann versuchen, uns zu verändern?

Falls einschneidende Kurskorrekturen erforderlich sind, so mag ein allzu ausgeprägter Realismus durchaus hinderlich sein, auch wenn er die Erfolgsaussichten zutreffender einschätzen sollte als ein motivierender Optimismus. Der Glaube als Motivator ist charakteristisch für innovative Systeme. Er ist erwachsen, reif und beruht auf der Erfahrung erfolgreicher Meisterung von Problemen mit vielen unbekannten Faktoren, trotz vieler Widerstände. Der Glaube muss in jedem Fall im Spiel sein, da man ja nie wissen kann, ob man von Istzustand ausgehend mit den gewählten Mitteln auf dem eingeschlagenen Weg tatsächlich zum Sollzustand gelangen wird.

Damit die „Psychotherapie“ vorankommt, müssen beide, „Therapeut“ und Klient an den Erfolg der Mittel und die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges glauben. Sie müssen sogar, wider jede Vernunft und Erfahrung, felsenfest daran glauben, dass Weg und Mittel, für die sie sich entschieden haben, die besten aller möglichen Wege und Mittel seien.

Genau hier sitzt natürlich der Ansatzpunkt für das Eindringen einer irrationalen Form des Glaubens im Sinne einer höheren Form des Wissens, also im theologischen Sinn. Das ist die Schwachstelle. Sie ist die unerschöpfliche Quelle narzisstischer Versorgung, aus der sich alle Gurus und “psychotherapeutischen” Wundermänner nähren.

Sie ist der fruchtbare Boden, auf dem die Wunderkuren wuchern. Das Dilemma ist: In dieser Situation müssen „Therapeuten“ und Klienten mit dem Feuer spielen. Wohl denen, die dies augenzwinkernd tun können. Sonst besteht die Gefahr, dass die Psychotherapie zu einer ko-narzisstischen Veranstaltung entartet, zu einem Nullsummenspiel, bei dem letztlich der Narzisst, also der „Psychotherapeut“ gewinnt und der Ko-Narzisst, der Klient verliert. Das Augenzwinkernde kann sich in unterschiedlichen Formen etablieren, das Entscheidende ist der Als-ob-Charakter: Man weiß, dass es eine Übertreibung ist, aber man lässt sich dennoch von ihr mitreißen.

Das ist so wie in der Werbung. Uns ist durchaus klar, dass die Werbung lügt, aber wir lassen uns dennoch von den Werbesprüchen zum Kauf animieren. Ich beschreibe hier keine für die „Psychotherapie“ im engeren Sinne spezifische Situation. Derartiges zeigt sich immer, wo Menschen einander motivieren, dieses zu tun oder jenes zu lassen. Hier kommt, im günstigsten Fall, eine gutartige Form von Betrug und Selbstbetrug ins Spiel. Doch leider wird unter der ideologischen Vorherrschaft des medizinischen Modells „psychischer Krankheiten“ nur zu oft eine bösartige Form realisiert.

1 Freud, S. (1927). Die Zukunft einer Illusion. Leipzig, Wien und Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag (Erstdruck)

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