Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege

Forscher kauften einen Lachs auf dem Wochenmarkt, legten ihn in eine Gehirndurchleuchtungsmaschine und zeigten ihm Bilder. Der Lachs war tot. Dennoch fanden die Wissenschaftler signifikante Zusammenhänge zwischen der Hirnaktivität des toten Lachses und den Bildern. Die Wissenschaftler schreiben:

Mit den extremen Ausmaßen der Daten des funktionellen Neuroimagings ist ein extremes Risiko falsch positiver Befunde verbunden. Über die 130000 Voxels1 eines typischen fMRI-Volumens ist die Wahrscheinlichkeit eines falsch positiven Befunds beinahe sicher. Korrekturen für multiple Vergleiche sollten mit diesen Datenmengen vollzogen werden, doch dies wird oft von Forschern ignoriert (Bennett et al. 2010).“

Jedem Psychologiestudenten werden im Grundstudium die Korrekturverfahren für multiple Vergleiche vermittelt. Allein, psychiatrische Neuroforscher kennen diese Verfahren oftmals entweder nicht oder sie möchten sich durch deren Anwendung nicht das schöne positive Ergebnis versauen lassen. Der Lachs ist immer und überall.

Das statistische Niveau der Veröffentlichungen in medizinischen Fachzeitschriften ist generell atemberaubend niedrig. Die Studien stecken voller methodischer Mängel, Schwächen und Fehler. Dies ist nicht nur meine Meinung, sondern dies wurde inzwischen empirisch nachgewiesen (Strasak et al. 2007).

In einem Artikel des Spiegels (Gruber 2012) heißt es, dass viele Ärzte nicht in der Lage seien, Statistiken richtig zu interpretieren und dass deswegen unausweichliche diagnostische Fehler u. U. sogar Menschenleben gefährdeten. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die ärztliche Ausbildung nicht in ausreichendem Maß Statistik-Kenntnisse vermittele und dass auch die medizinische Fachliteratur Ärzte in statistischen Fragen schlecht unterrichte.

Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass man eine solide statistische Ausbildung braucht, um empirische Literatur in Psychiatrie und Psychologie angemessen würdigen, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Daher ist jedem Patienten eines Psychiaters oder eines Psychotherapeuten zu raten, den Heiler nach seinen Statistik-Kenntnissen zu befragen. Wenn er hier Schwächen einräumt, dann weiß man, wie es um die Weiterbildung dieses Menschen bestellt ist. Dieser Mensch ist dann nämlich darauf angewiesen zu glauben, was man ihm erzählt. Denn aus der Fachliteratur kann er selbständig keinen Nutzen ziehen.

Der Arzt und Statistiker John Ioannidis bringt den Stand der Dinge bündig auf den Punkt. In einem Artikel zeigt er mit beeindruckender Stringenz, warum die meisten medizinischen Forschungsergebnisse falsch sind. Dies liegt an mangelhafter Forschungmethodik, die zu einer nur scheinbaren Erhärtung von Hypothesen führt. Und kaum einer merkt es; oder will es merken (Ioannidis 2005).

Es gibt viele Gründe, warum man Brain Scans skeptisch betrachten sollte. Die Statistik ist nur einer davon. Wer schon einmal in einer „Röhre“ gelegen hat, ahnt vermutlich bereits, warum. Es ist verdammt eng dort, und auch ein wenig unheimlich. Wer garantiert mir, dass sich dort das Gehirn genauso verhält wie im realen Leben? Klaustrophobie? Kein Problem? Die Probanden in der Röhre müssen den Kopf still halten, weil sonst die Aufzeichnungen verzerrt werden.

Das psychiatrische Neuroimaging arbeitet aber oft genug mit Menschen, deren Selbstkontrolle eingeschränkt ist. Kleine Kinder, alte Menschen und „clinical patients“ zeigen signifikant stärkere Kopfbewegungen als andere Versuchspersonen, heißt es in einem Forschungsbericht zu methodischen Problemen des „Neuroimaging“ (Lazar et al. 2001). Würde man bei diesen „problematischen“ Versuchspersonen den Kopf fixieren, so würde die Situation dadurch selbstredend noch unnatürlicher.

In einem Buch mit dem Titel „Change your brain, change your life“ behauptet der amerikanische Psychiater Daniel G. Amen, er könne alle erdenklichen psychiatrischen „Krankheiten“ auf Brain Scans erkennen und wisse dann auch sofort, mit welchen Psychopharmaka man sie am besten behandeln könne.

Sehen heißt Glauben“, schreibt er. „Diese Scans zu sehen, veranlasste mich, viele meiner grundlegenden Überzeugungen über Menschen, Charakter, freien Willen, Gut und Böse, die sich mir als katholischer Schuljunge eingeprägt hatten, in Frage zu stellen (Amen 1998: 7).“

Dieser Mann betreibt mehrere Kliniken in den USA und behandelt psychiatrische Patienten auf Basis von Brain Scans. Die Washington Post (9.8.2012) schreibt über ihn, er sei der populärste Psychiater in den Vereinigten Staaten. In seinen Kliniken werden monatlich 1200 Patienten therapiert. Einige seiner Bücher wurden Bestseller. Er ist ein „Distinguished Fellow“ der amerikanischen Psychiatrievereinigung APA.

Excellence, not mere competence, is the hallmark of a Distinguished Fellow“ – so erklärt die APA diesen Begriff.2

Eine Einführungssitzung in den Kliniken dieses Mannes, zwei Scans inbegriffen, kostet schlappe $ 3.500. Amen behauptet, durch Brain Scans mehrere Untertypen von Depression, Angststörungen und Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung entdeckt zu haben. Obwohl „Distinguished Fellow“ der APA, wird sein diagnostischer Ansatz von keiner nennenswerten Psychiatervereinigung oder einschlägigen Forschungsinstitution akzeptiert. Fachlich, wissenschaftlich wird er einhellig abgelehnt. Aber 2011 erwirtschaftete der Psychiater mit seinen Kliniken 20 Millionen Dollar. Das tröstet den „Distinguished Fellow“ bestimmt über den Unverstand der Fachwelt hinweg. Excellence, not mere competence?

Bestimmte Symptome unter bestimmte Begriffe zu subsumieren, kann auch jede dressierte Ziege“, sagte einst der weltberühmte Psychiater Gert Postel zur psychiatrischen Diagnostik (Kuck 2009).

Ob man wohl auch einer Ziege das Interpretieren von Brain Scans beibringen kann? Am klügsten ist es wahrscheinlich, sie zunächst mit einem toten Lachs zu trainieren.

Literatur

Amen, D. G. (1998). Change your brain, change your life. The breakthrough program for conquering anxiety, depression, obsessiveness, anger, and impulsiveness. New York: Times Books, Random House

Bennett, C. M. et al. (2010). “Neural Correlates of Interspecies Perspective Taking in the Post-Mortem Atlantic Salmon: An Argument For Proper Multiple Comparisons Correction” Journal of Serendipitous and Unexpected Results, 2010, (1) 1, 1-5

Gruber, C. (2012). Statistik-Know-how: Warum viele Ärzte ihre Patienten falsch beraten, Spiegel online, 15. Juli

Ioannidis, J. P. A. (2005) Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Med 2(8): e124. doi:10.1371/journal.pmed.0020124

Kuck, E. (2009). Focus online, 20. August: Aus Lust an der Lüge

Lazar, N. A. et al. (2001). Statistical Issues in fMRI for Brain Imaging, International Statistical Review, Issue 1, 105–127

Strasak, A. M. et al. (2007). Statistical errors in medical research – a review of common pitfalls. Swiss Med Wkly, 137: 44–49

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Voxel: Datenelement in einer dreidimensionalen Grafik, entspricht dem Pixel in einer zweidimensionalen / Problem der multiplen Vergleiche: Je mehr Hypothesen man auf einem Datensatz testet, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass eine davon fälschlich als zutreffend angenommen wird.

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