Ein alltägliches Geschehen

„Psychotherapie“ erfordert weder hohes Wissen, noch ausgefeilte Qualifikationen auf Seiten des „Psychotherapeuten“. Und erst recht benötigt niemand zum Zwecke der Psychotherapie umfassende Kenntnis der Hypothesengeflechte aus dem Reich der kognitiven Neurowissenschaft. Psychotherapie ist also nichts Besonderes. Wenn sie dazu gemacht wird, dann handelt es sich um eine Verklärung, die eine realistische Sichtweise erschwert oder gar unmöglich macht.

Diese Verklärung kann allerdings mitunter durchaus den Prozess vorantreiben, etwa wenn Psychotherapie als heilendes, reinigendes, sakrales Ritual erlebt wird. Oft genug aber schadet sie dem Klienten, wenn er eigene Leistungen fälschlicherweise dem „Therapeuten“ zuschreibt, was zu schlimmen Formen der Abhängigkeit führen kann. Die Erfolge motivieren dann nicht dazu, sich auf eigene Füße zu stellen, sondern zu schier endlosen „Therapien“.

„Psychotherapie“ ist natürlich keine medizinische Behandlung. Schließlich ist ja auch die Seele keine medizinische Kategorie. „Psychotherapie“ ist mitmenschliche Begegnung zur Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts. Sie findet auch außerhalb von Therapieräumen statt: z. B. in Kneipen, beim Friseur, im Zirkus und im Bett. „Psychotherapien“ sind ein alltägliches Geschehen, auch wenn sich die Mehrheit der Menschen gar nicht bewusst ist, wie oft sie an einer solchen Veranstaltung teilnehmen, als „Therapeut“ oder als „Klient“ oder beides wechselseitig.

„Therapiert“ wird in allen Lebenslagen: Beim Friseur, im Wirtshaus, im Beichtstuhl, auf einer Parkbank, beim (und ganz besonders beim) Telefonieren, in der Mittagspause unter Kollegen… und an vielen Orten der Welt. Das Grundmuster ist immer das Gleiche: Ein Mensch (A) wendet sich vertrauensvoll an einen anderen (B). A hat ein Problem P. Er glaubt, dass B ihm bei der Lösung von P helfen könne. Wenn P durch eine Änderung der Einstellungen A’s, seiner emotionalen Reaktionen, seines Denkens, seiner Stimmungen und seines Verhaltens gelöst oder der Lösung näher gebracht werden kann, dann handelt es sich bei einer derartigen Interaktion um eine „Psychotherapie“.

Sie besteht aus „psychotherapeutischen“ Handlungen. Die Grundstruktur jeder Handlung, nicht nur der „psychotherapeutischen“, ist die sog. TOTE-Einheit1. Die Abkürzung steht für: “test – operate – test – exit.”

B: „Na wie geht’s?“

A: „Ach, weißt du…!“

B: „Wieder Ärger mit dem Chef?“

A: „Mensch, du kennst dich doch da aus, bist doch Betriebsrat!“

B: „Um was geht’s denn?“

A: „Plötzlich schneiden mich die Kollegen, und ich glaube, der Boss steckt dahinter.“

So könnte das weitergehen. Das wäre eine „diagnostisches“ Interview. B schlägt dem A dann einige Maßnahmen vor, die dieser in die Tat umzusetzen versucht (oder auch nicht) (operate). Wenn sie sich wieder treffen, erfolgt ein neuer Test:

B: „Wie hat’s geklappt?“

War die Aktion erfolgreich, ist das Problem gelöst (exit). Sonst erfolgen weitere Tests und Operationen – bis zum hoffentlich glücklichen Ende.

Eine „Psychotherapie“ besteht, wie jedes Handlungssystem, aus einer Vielzahl miteinander verbundener TOTE-Einheiten. Die Diagnosen (Tests) sind dabei völlig natürliche und zwangsläufige Elemente der „Behandlung“. Selbst „Therapien“, die mit wenig Worten auskommen und überwiegend aus nicht-sprachlichen Handlungen bestehen, sind kommunikative Prozesse.

Man stelle sich einen Klienten mit Höhenangst vor, der mit seinem Therapeuten einen Turm besteigt und der dann oben im Freien übers Geländer schauen soll. Er steht unten hinter der Tür zum Treppenhaus, die erste Stufe vor sich.

Test: „Bin ich schon oben? Nein.“

Operate: Das Bein auf die erste Stufe stellen.

Test: „Bin ich schon oben? Nein? Bin ich schon tot? Nein.“

Und so weiter. Das Besteigen des Turms ist nicht nur ein körperlicher Vorgang. Er besteht aus TOTE-Einheiten mit einer spezifischen, „therapeutischen“ Bedeutung, die in der „Therapie“ auch kommuniziert wird. Der Sinn des gesamten Systems „therapeutischer“ TOTE-Einheiten lautet im Kern: „Wenn ich einmal den Turm bestiegen und im Freien über die Brüstung geschaut habe, dann werde ich nie wieder Höhenangst haben. Dies sagt mein Therapeut, dies lehrt die Wissenschaft.“

Also: Auch nicht-verbale Handlungen dienen der Kommunikation. Der Klient teilt mit ihnen dem „Therapeuten“, vor allem aber sich selbst etwas mit. Ist der nächste Schritt auf eine höhere Stufe sehr forsch, kann dies bedeuten: „Seht her, ich kann’s, ich habe Mut.“

Der folgende Schritt ist ein Test dieser Selbsteinschätzung. Ist er zögerlich, heißt dies vielleicht: „Oje, mir schwindet der Mut!“ Der sich daran anschließende Schritt stellt dieses Urteil auf die Probe, usw. „Psychotherapie“ ist wirklich nichts Besonderes. Sie wird aber gern zu einem Mythos gemacht – aus vielen Gründen, aber vor allem auch zur Rechtfertigung der Bezahlung des Therapeuten.

Heute allerdings sind formale „Psychotherapien“, also „Psychotherapien“ auf Krankenschein im Sinne der Psychotherapie-Leitlinie leider oftmals verzerrte, suboptimale menschliche Interaktionen, weil durch die Diagnose einer „psychischen Krankheit“ sowie die Auswahl angeblich wissenschaftlich bewährter Methoden Handlungsspielräume vorschnell eingeengt werden.

Wenn man Psychotherapie aus dem oben skizzierten Blickwinkel betrachtet, dann zeigt sich, dass die so genannten Psychodiagnosen, also die Verfahren zur Feststellung der Art und des Ausmaßes einer „psychischen Krankheit“, überflüssig sind. Und sie sind nicht nur dies; sie sind gefährlich. Der Glaube, dass ein Klient an einer „psychischen Krankheit“ leide, ist mit der Gefahr verbunden, die therapeutische Interaktion zum Schaden des Klienten einzuengen und ihn in Sackgassen zu führen.

Denn die Psychodiagnose ist ja ein hypothetisches Konstrukt, eine wissenschaftlich, politisch und ökonomisch motivierte Erfindung, die in der Regel wesentliche Elemente der Situation des Klienten ausblendet und andere Aspekte übertreibt. Der Mensch wird in eine Schublade gepresst; er wird auf die Rolle des „Kranken“ reduziert.

Besser wäre es,

  • eine Ist-Situation (I-S) zu diagnostizieren,
  • gemeinsam mit dem Klienten eine Soll-Situation (S-S) festzulegen,
  • nach Wegen von I-S nach S-S zu suchen und
  • dann die entsprechenden TOTE-Einheiten zu durchlaufen.

Das Problem eines Klienten in den ersten Stunden zu diagnostizieren, zu versuchen, es auf den Begriff zu bringen, ist sicher nichts Verwerfliches. Allein – eine Psychodiagnose im Sinne psychiatrischer Klassifikationsschemata ist ein Begriff besonderer Art – der Psychiatrie-Kritiker Szasz bezeichnet ihn als „strategisches Etikett“. Mit diesem Etikett werden Weichen gestellt für das weitere Leben eines Menschen, dem dieses Etikett angeheftet wird.

Der Begriff ist dann kein unvermeidliches Moment in einem praktischen Erkenntnisprozess mehr, sondern er wird aus diesem Prozess herausgelöst, wird verdinglicht, gewinnt eine Eigendynamik und bringt Folgen hervor, die jene Verhaltensweisen, auf die er verweist, allein und ohne ihn nicht gezeitigt hätten. Der Diagnostizierte wird durch die Diagnose als „psychisch krank“ stigmatisiert.

Ein „Spinner“ beispielsweise, sanft wie ein Schaf, der sich hin und wieder vor den Ausgeburten seiner Phantasie fürchtet und dem dann das Etikett „Schizophrenie“ – gleichsam von Amts wegen – durch die Psychiatrie angeheftet wird… dieser „Spinner“ muss damit rechnen, dass ihm Menschen, dem allgemeinen Vorurteil entsprechend, so begegnen, als sei er potentiell gefährlich oder gewalttätig, obwohl seinem Naturell nichts ferner liegt als dies.

Die Menschen, die ihn so behandeln, glauben daran, dass Ärzte, Psychiater, Wissenschaftler dem „Spinner“ tief ins Herz und Hirn geschaut und sein wahres Wesen mit ihrer Psychodiagnose zum Ausdruck gebracht hätten. Dass es sich dabei nur im ein strategisches Etikett handelt, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Was ist das Strategische an diesem Etikett? Es legt fest, es legt verbindlich fest, wie zukünftig mit einem Menschen umgegangen werden soll. Die Grundlage dieser Festlegung ist ein irrationaler Glaube, der sich als Wissenschaft tarnt. Es gibt de facto kein psychodiagnostisches Verfahren, dass mit hinlänglicher Sicherheit das Verhalten eines Individuums vorhersagen könnte. Keine Form der Hilfe bei psychischen Problemen erfordert Psychodiagnosen im medizinischen Sinn.

Es genügt, die Ist-Situation zu analysieren, Ziele zu definieren und dann Hypothesen zu entwickeln, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln man diese Ziele am besten erreicht. Man trägt nichts zur Problemlösung bei, wenn man den Betroffenen als depressiv, schizophren, narzisstisch persönlichkeitsgestört oder wie auch immer bezeichnet.

Unsere Sprache ist reich an Möglichkeiten, Seelenzustände, soziale Situationen und Persönlichkeitsmerkmale zu beschreiben. Es gibt keinen vernünftigen Grund, mit pseudomedizinischen Begrifflichkeiten um sich zu werfen. Psychodiagnosen sind aber nicht nur darum verheerend, weil sie das Verhalten anderer unnötig negativ beeinflussen; sie haben auch destruktive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Aus ähnlichen Erwägungen hat die „Division of Clinical Psychology“ der „British Psychological Association“ gefordert, sich vom medizinischen Modell psychischer Krankheiten in der Diagnostik zu lösen und stattdessen zu Einschätzungen des Klienten überzugehen, die seinen sozialen Kontext in den Brennpunkt rücken.

Das Konzept der TOTE-Einhalt wurde von Miller, Galanter und Pribram 1960 in ihrem Buch „Plans and the Structure of Behavior“ entwickelt (Miller, G. A., Galanter, E., Pribram, K. A.,1960. Plans and the structure of behavior. New York: Holt, Rinehart, & Winston).

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