Diplomatinnen

Es sind nicht alle so. Keineswegs. Die eine oder andere, ja die! Dennoch: Frauen neigen dazu, sich erst in zweiter Linie darum zu kümmern, was ihnen im Wortlaut gesagt wurde. An erster Stelle interessiert sie, was mit dem Gesagten „in Wirklichkeit“ gemeint gewesen sein könnte.

Dies liegt vermutlich daran, dass sie häufiger als Männer durch die Blume sprechen. Sie projizieren also ihre Praxis auf die Männerwelt. Über Jahrhunderte wurde ihnen eingetrichtert, dass sie sich mit ihren Meinungen zurückhalten sollten, vor allem, was es um die ernsten Dinge des Lebens gehe.  Sie sollten sich um die Beziehungen in Ehe und Familie kümmern und den Hausmädchen Anweisungen geben. Das kommt davon.

Es gibt auch Männer, die dieser Kommunikationsstrategie frönen. Die Begabtesten unter diesen Männern finden wir häufig im diplomatischen Dienst und überall da, wo es vor allem um Beziehungspflege geht. Diese Art des Umgangs miteinander ist allerdings auch nicht sehr effizient, wenn etwas Sachliches verändert werden soll oder muss.

Doch genau dies wird von einem Diplomaten ja auch nicht erwartet. Um Veränderungen kümmert sich der entscheidungsbefugte Politiker. Der Diplomat hingegen soll für gute Stimmung sorgen. Er hat eine untergeordnete, dienende Stellung. Seine Kommunikationsstrategie passt dazu. Er ist auf Zwischentöne geeicht und versteht es, zwischen den Zeilen zu lesen. Und er verpackt die Botschaften seines Herrn in Worte, die keinen unnötigen Unmut erregen.

So auch die Frauen. Allein, hier liegt das Problem. Die Zeiten des Patriarchats sind vorbei (oder sollten  es zumindest sein). Frauen sollen am Berufsleben teilhaben wie Männer auch. Überall da, wo es in der Sache vorangehen soll, muss man auch sachlich und nur sachlich kommunizieren, Klartext reden und Klartext verstehen.

MINT. Das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Es ist nicht etwa so, dass Frauen für diese Berufe weniger geeignet wären. Es Geschlecht, dass eine Maryam Mirzakhani, eine Marie Cury oder eine Lise Meitner hervorgebracht hat, muss sich in dieser Hinsicht vor den Männern nicht verstecken. Auch bei den Frauen gibt es genug mathematisch-logisches Potenzial. Fünfzig Prozent Frauen in diesen Berufen sollte eigentlich das Normale sein, auch wenn in ihnen das Kommunikative und die Beziehungspflege nicht unbedingt im Vordergrund stehen.

Das Problem ist das Denken. In den falschen Gleisen. Die oben beschriebene Kommunikationsstrategie ist ja nur ein Beispiel für eine Vielzahl von Denkstrategien, die sich in den Jahrhunderten des Patriarchats, also in untergeordneten Stellungen durchaus bewährt haben. Doch hinsichtlich der modernen Zeiten, die durch Gleichberechtigung und gleiche Teilhabe gekennzeichnet sein sollten, sind diese Denkstrategien dysfunktional. Hinweg damit!

In den MINT-Berufen werden die gesellschaftlichen Werte geschaffen. Dort wird produziert, was man essen und  trinken, womit man sich kleiden, worin man wohnen, womit man fahren und fliegen und womit man über große Distanzen kommunizieren kann. Werte werden weder an Börsen, noch im Verkauf hervorgebracht, sondern in Fabrikhallen, auf Feldern und Baustellen. Und überall, wo Arbeiter in diesen Bereichen tätig sind, lenken Frauen und Männer aus den MINT-Berufen ihre Hände. Deswegen genießen die MINT-Leute einen besonderen Respekt.

Die Emanzipation der Frau kann aus diesem Grund erst vollendet werden, wenn das weibliche Geschlecht in die MINT-Welt quantitativ und qualitativ integriert ist. Davon sind wir selbst in den fortschrittlichsten Gesellschaften noch weit entfernt. Überall auf diesem Planeten streben Frauen bevorzugt in die kommunikativen und pflegerischen Berufe, wo sie, zu allem Übel, erheblich schlechter bezahlt werden. Keine Frage, es ist ehrenwert, in diesen Berufen tätig zu sein, sie sind keineswegs überflüssig. Aber das Missverhältnis ist ungut. Man denke nur an die Situation und Grundschulen und Kindergärten.

Um es krass zu formulieren: Wenn es nicht gelingt, dieses Ungleichgewicht zu beheben, dann wäre es vermutlich besser, die Emanzipation der Frau hinter uns zu lassen und zu patriarchalischen Verhältnisse zurück… Halt, ich korrigiere mich: Schaut man genauer hin, mit mitleidslosem Blick, dann erkennt man, dass wir diese Verhältnisse noch gar nicht überwunden haben, nicht wirklich.

Ich vertraue auf die Generation der jungen Frauen, auf die heute Sechzehn- bis Achtzehnjährigen. Enttäuscht mich nicht. Enttäuscht die Gesellschaft nicht. Vor allem: Seit nett zu euch selbst. Traut euch. Überwindet euch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.