Die Zerlegung der AfD und das Triebschicksal der Wutbürger

Kaum hatten sie sich aus der Schockstarre gelöst, begann sie zu heulen und mit den Zähnen zu knirschen. Wild zuckender Lichtschein, infernalische Klänge. Dann schließlich jedoch bemerkten sie, dass es viel zu kühl war für den Ort, an dem sie sich wähnten. Zimmertemperatur.

Sie rieben sich die Augen und stellten fest, dass sie sich gar nicht in der Hölle befanden. Die Illumination und das fürchterliche Getöse kamen ja nur aus ihrem Fernsehgerät. Dennoch: die AfD war mit einem sensationellen Ergebnis in den Bundestag eingezogen. Wie fürchterlich war das! Wie grauenvoll! Cthulhu war erwacht!

Doch dann, am Folgetag, der Silberstreif am Horizont. Er blitzte aus den Augen der Parteivorsitzenden. Die Wohlmeinenden frohlockten. Frauke Petry verkündete, dass sie sich nicht der AfD-Fraktion im Bundestag anschließen werde. Herrlich, herrlich, alles prima! Die AfD zerlegt sich. Die aufgestaute Wut der Dunkeldeutschen sprengt den Parteikörper. Alles wird gut.

Schließlich hatten die flinken Meinungsforscher bereits herausgefunden, dass die Mehrheit der Wähler sich gar nicht aus Liebe zur AfD für diese Partei entschieden hatte, sondern, weil sie von den anderen Parteien enttäuscht war.

Wenn sich die AfD also auseinanderdividiert, wenn die zerplatzenden Fragmente auf die politische Landschaft herabregnen und diese Zusammenballung des Bösen damit unschädlich wird, dann kann man deren Wähler einsammeln wie reife Früchte.

Es kam langsam wieder Farbe ins Gesicht der Wohlwollenden. Die Zukunft sah plötzlich gar nicht mehr so düster aus. Den Koffer konnte man unbesorgt wieder auspacken. Schließlich hat in der AfD der Auflösungsprozess bereits eingesetzt.

Allein, was dann? Nehmen wir einmal an, die AfD verschwände wirklich aus der politischen Szenerie. Dann blieben ja immer noch die unzufriedenen Wähler zurück: nicht nur die Überzeugten, sondern auch die Enttäuschten, jene, die mit den anderen Parteien hadern.

Ist es wahrscheinlich, dass die etablierten Parteien das Vertrauen dieser Wählerkreise zurückgewinnen? Nicht lachen, die Frage ist ernst gemeint.

Freud analysiert in einer Schrift aus dem Jahr 1930 das „Unbehagen in der Kultur“. Die Kultur, so schrieb er, nötigt uns zu Triebverzicht. Sie zwinge uns, unsere sexuellen und aggressiven Impulse zu zügeln. Dies erzeuge Leiden und ein zumindest latentes Unbehagen.

Unser Ich fügt sich dennoch, weil wir so erzogen wurden und uns zudem die Einsicht in die Notwendigkeit leitet. Die Kultur wird schlussendlich akzeptiert, mitunter sogar als etwas Höherwertiges verklärt.

Freund kannte Multikulti noch nicht. Das Unbehagen scheint in der Multikultur noch stärker zu sein. Manche können sich ganz und gar nicht mehr beherrschen. Sie wollen sich ihr nicht anpassen. Sie können in ihr nichts Höherwertiges erkennen. Sie wählen AfD.

Und wenn eine gute Fee kommt und die AfD wegzaubert?

Nehmen wir einmal an, Frauke Petry sei zur guten Fee konvertiert und mache dem Spuk mit ihrem Zauberstab ein Ende.

Was würde dann aus denen, die sich unbehaglich fühlen? Würden sie sich wieder zusammenreißen? Würden sie ihre Aggressionen vielleicht sogar sublimieren, in dem sie in der Flüchtlingshilfe tätig werden? Oder würden sie in Apathie versinken und endgültig aus dem Kreise jener verschwinden, die für die Demokratie zu gebrauchen sind? Oder schlössen sie sich, nunmehr völlig entwurzelt und entgrenzt, den allerschlimmsten Rattenfängern an, die das Arsenal der Klassengesellschaft zu bieten hat?

Aus meiner Sicht ist die Strategie der etablierten Parteien, die AfD bräunlich einzufärben, gründlich fehlgeschlagen. Vermutlich hat sie dies sogar stärker gemacht. Wieder einmal hat sich die alte Wahrheit bestätigt, dass man mit maßlos übertriebener Kritik das Gegenteil erreicht. Man findet vielleicht ein offenes Ohr bei Sekten, die für solche Töne anfällig sind, aber die Massen haben das Gefühl, man versuche, sie für dumm zu verkaufen.

Wäre es nicht möglich, dass wutbürgerliches Unbehagen in Form der AfD noch verhältnismäßig benign organisiert ist und das alles noch viel, viel schlimmer hätte kommen können?

Demokratietheoretisch betrachtet, sollte die Zusammensetzung des Parlaments die relative Stärke aller politischen Strömungen in der Gesellschaft widerspiegeln. Dies ergibt sich zwingend aus dem Gedanken der Volkssouveränität. Die Parlamentarier haben in erster Linie die Aufgabe, das Volk zu repräsentieren und die Regierung zu kontrollieren. Erst in zweiter Linie dürfen sie sich volkspädagogisch betätigen. Versuchen sie, missliebige Parteien auszugrenzen, kaltzustellen, so setzen sie sich dem schlimmen Verdacht aus, sie wollten Spielverderbern den Zugang zu ihren Pfründen verwehren – ganz gleich, was das Volk dazu sagt.

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