Die Verteidigung Deutschlands durch Einsatz von Mini-Nukes auf deutschem Boden

Atomic Demolition Munition

Während des Kalten Krieges sollte eine Invasion sowjetischer Panzer durch den Einsatz taktischer Nuklearwaffen auf deutschem Boden gestoppt werden.1)Rheinische Post online: Geheime Dokumente belegen: Deutschland verfügte über Atomwaffen, 16. Nov. 2008 Mit anderen Worten: Soldaten des westlichen Bündnisses, also auch deutsche, sollten auf unserem Territorium Atomwaffen zünden, um die Sowjets aufzuhalten.2)Michael Grube: Vorbereitete Sperren auf Deutschlands Straßen / Pommerin, R. (1991). General Trettner und die Atom-Minen. Zur Geschichte nuklearer Waffen in Deutschland. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 39, 1991, Heft 4, 637-654

Milde formuliert: Da hätte es bestimmt das eine oder andere Problem mit der Kampfmoral gegeben. Die Soldaten hätten ja nicht nur ihren eigenen qualvollen Tod vor Augen gehabt. Es wäre ihnen auch klar gewesen, dass sie schlimmste nukleare Schäden im eigenen Vaterland anrichten würden – im Land ihrer Eltern, Brüder, Schwestern, ihrer Freundinnen, Frauen, ihrer Landsleute. Dies war den Militärs natürlich bewusst. Manche zweifelten daran, dass deutsche Soldaten diese Zumutung verkraften und befehlsgemäß handeln würden.

Offenbar behielten die Optimisten die Oberhand, denn die Strategie des Einsatzes taktischer Nuklearwaffen wurde während des Kalten Kriegs nicht revidiert. War dies ein unbegründeter Optimismus? Immerhin gab es die Militärpsychiatrie mit ihrem breiten Schatz an Erfahrungen.

Vielleicht erfahren unsere Urenkel einmal – wenn die Archive geöffnet werden – mit welchen Methoden die Militärpsychiatrie in dieser Frage operierte bzw. zu operieren gedachte. Bis dahin bleibt uns nur die Phantasie.3)Vielleicht wirkt dieser Artikel Fantasie anregend: Die harten Methoden der Psychiatrie

Beflügelt wird die Phantasie bei der Lektüre alter Zeitungen. Am 11. 12. 1959 hielt der wehrpsychiatrische Berater der Bundeswehr, Prof. Dr. med. Max Mikorey einen Vortrag in der Kienslesbergkaserne in Ulm zum Thema:

„Der Mensch in der Paniksituation“.

Die Schwäbische Donau-Zeitung berichtete am 14. 12. 1959, welche Maßnahmen dem Psychiatrieprofessor vorschwebten:

“Soldaten sollten so dressiert werden, dass gar keine Panikreaktion eintrete. Ungeschulte Kämpfer besäßen zu viel Selbsterhaltungstrieb. Der ‚innere Schweinehund‘ müsse ihnen ausgetrieben werden.“

Der Kommandierende General habe, so schrieb die Zeitung, dem Psychiater in einer kleinen Ansprache bescheinigt, dass dessen Ausführungen auch aus militärischer Sicht als fachgerecht anerkannt würden.

In seiner Dissertation „Creating Deterrence For Limited War“ beschreibt der Historiker Ingo Trauschweizer4)Trauschweizer, I. W. (2006). Creating Deterrence For Limited War: The U.S. Army And The Defense Of West Germany, 1953-1982, Dissertation eine Zusammenkunft im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsminsterium, die sich als Meilenstein für den weiteren Verlauf des Kalten Kriegs in Deutschland erweisen sollte.

Am 13. November 1964 traf sich der amerikanische Verteidigungsminister McNamara mit seinem deutschen Kollegen Kai-Uwe von Hassel. In von Hassels Gefolge befanden sich der Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner und General Bernd Freitag von Loringhoven.5)Von Loringhoven war ein Zeuge der letzten Tage im Führerbunker.

Heinz Trettner bezweifelte, dass die strategische nukleare Abschreckung noch glaubwürdig sei. „Flexible Response”, die gestufte Abschreckung sei nunmehr erforderlich. Diese Einschätzung teilte er mit dem amerikanischen Verteidigungsminister und dessen frischgebackenem Stabschef General Earle G. Wheeler. Die massive Vergeltung solle einem nuklearen Überraschungsangriff oder einem totalen konventionellen Angriff des gesamten Warschauer Paktes vorbehalten bleiben.

Die deutsche Generalität hatte sich auch eine Alternative zum weltweiten atomaren Overkill ausgedacht. General von Loringhoven trug das Konzept vor: Im Falle eines Angriffs der Sowjets auf Westdeutschland sollten Heer und Luftwaffe mit konventionellen Mitteln zurückschlagen. Gleichzeitig aber sollten atomare Landminen, die so genannte Atomic Demolition Munition (ADM), die bereits entlang der deutsch-deutschen Grenze deponiert worden waren, gezündet werden. Sobald NATO-Truppen in Gefahr stünden, zerstört zu werden, sollten zusätzliche taktische Atomwaffen eingesetzt werden. Eine weitere Eskalation könne vermieden werden, wenn die sowjetische Aggression auf dieser Stufe gehalten werden könne. Nach diesem deutschen Konzept sollten die Nuklearwaffen nur auf deutschem Boden und nicht gegen die sowjetischen Kommunikationslinien eingesetzt werden.

Zwischen 1953 und 1958 waren die amerikanischen Streitkräfte bereits mit taktischen Nuklearwaffen ausgestattet worden. Zu diesen zählen Kurzstreckenraketen, Haubitzen, Kanonen und natürlich Atomic Demolition Munition.6)Maiorano, A. G. (1983). The Evolution of United States and NATO Tactical Nuclear Doctrine and Limited Nuclear War Options, 1949-1984. Master Thesis. Naval Postgraduate School Monterey, Ca., 1983, Seite 37

Der Vorschlag der deutschen Generalität war damals nicht gerade bahnbrechend neu. Bereits am 23. März 1955 explodierte auf dem amerikanischen Atomtestgelände in Nevada eine kleine Atombombe (Atomic Demolition Munition) im Rahmen eines Manövers, in dem die Führung eines taktischen Nuklearkriegs geübt wurde.7)Ponton, J. et al. (1981a). Operation Teapot, 1955. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA, Seite 6 Dass sich nun auch die Deutschen von dieser Idee so begeistert zeigten, dürfte Wohlklang in amerikanischen Ohren gewesen sein.8)Zur Ehrenrettung Trettners sei erwähnt, dass er den Einsatz der ADM im Besonderen und den taktischen Nuklearkrieg im Allgemeinen sehr skeptisch betrachtete. Schlussendlich fügte er sich dann aber doch jenen Kräften, die in der NATO das Sagen hatten. Die saßen nicht in Deutschland.

Mitte Dezember 1964 wurden die Pläne zur Verteidigung Mitteleuropas mit ADM der deutschen Öffentlichkeit bekannt.9)Der Spiegel, 23.12.1964: Atom-Minen: Verstrahlte Erde / Der Spiegel, 6.1.1965: Trettners Minen-Spiel Dies führte u. a. zu Anrufen besorgter Bürgermeister im Verteidigungsministerium. Im Lauf der folgenden Jahre wurde das ADM-Konzept immer wieder einmal publik,10)z. B. Der Spiegel, 22. 12. 1965: Minen für die Zonengrenze / Der Spiegel, 14. 1. 1985: Atom-Minen: Stichwort Joker / Zielen amerikanische Atomwaffen auf deutsche Städte – Rhein und Main in Flammen. Blätter für deutsche und internationale Politik, Jahrgang 1981, Heft 8 löste stets einen Sturm im Wasserglas aus und wurde danach wieder vollständig verdrängt.

Deshalb konnte jeder neue Bericht über den geplanten taktischen Nuklearkrieg in Deutschland von den Medien als große Enthüllung bisher unbekannter Tatsachen verkauft werden. Die bisher letzte derartige Enthüllung erfolgte anlässlich der Veröffentlichung eines Buchs Detlef Balds zur Politik Helmut Schmidts.11) Bald, D. (2008). Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Der Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin: Aufbau Verlag / Kritisch zu diesem Buch: Kleinert, P.: Politik der Verantwortung. Neue Rheinische Zeitung

Field Manuals

Das Field Manual 5-102 der US-Armee12)Field Manual 5-102: Countermobility aus dem Jahre 1985 enthält Anweisungen, wie heranrückende Feinde aufzuhalten sind bzw. ihr Vormarsch zu verzögern ist. Ein Kapitel beschäftigt sich mit nuklearen Sprengkörpern, der sog. „Atomic Demolition Munition“.

Dabei handelt es sich um atomare Sprengsätze mit einer Sprengkraft zwischen 10 Tonnen bis maximal 15 Kilotonnen. Diese nuklearen Sprengsätze sind verhältnismäßig klein. Selbst die größten können von zwei bis drei starken Männern getragen werden. Daher werden sie auch als Koffer- oder Rucksack-Bomben bezeichnet.

Die „Atomic Demolition Munition“ hat, laut Field Manual 5-102, spezielle Eigenschaften, die sie auf dem Schlachtfeld besonders wünschenswert macht. Da sie eine wesentlich höhere Zerstörungskraft als konventioneller Sprengstoff besitze, seien die Anforderungen an die Logistik und das Personal bei ihrem Einsatz erheblich reduziert. Die „Atomic Demolition Munition“, kurz ADM, besäße einen signifikanten Vorteil gegenüber jedem anderen Einsatzsystem, wenn absolute Treffsicherheit erforderlich ist.

Klar: Wenn zwei, drei Soldaten einen atomaren Sprengsatz an einer Autobahnbrücke anbringen, dann kann diese Zielgenauigkeit naturgemäß nicht im entferntesten durch einen Bombenabwurf bzw. Atomkanonen- oder Raketenbeschuss erreicht werden. Bomben, Granaten oder Raketen müssten daher wegen der geringeren Treffsicherheit eine wesentlich höhere Sprengkraft besitzen, um genauso effektiv zu sein wie die ADM.

Bekanntlich wechseln heranrückende Panzerverbände häufig unvorhersehbar ihre Richtung, weil sie dem Gegner natürlich nicht ins offene Messer rennen wollen. Mit mobiler ADM kann man ihm aber folgen und ihn an geeigneter Stelle mit geballter Ladung erwarten.13)Nach offizieller Darstellung war geplant, die ADM in Schächten explodieren zu lassen. Entsprechende Vorrichtungen wurden ja auch errichtet. Mit ein bisschen militärischer Fantasie erkennt man aber schnell, dass dies in vielen Fällen nicht den gewünschten Erfolg gehabt hätte. Der Feind wäre ja keineswegs gezwungen gewesen, in der Nähe solcher Sprengfallen vorbeizuziehen. Aller Voraussicht nach wäre es also unbedingt erforderlich gewesen, die Munition dort zu zünden, wo sich der Angreifer gerade befand. Zum Graben von Löchern wäre dann keine Zeit mehr gewesen.

Konventioneller Sprengstoff müsste, um denselben Zweck zu erfüllen, in erheblich größeren Mengen herbeigeschafft werden; er wäre also bei weitem nicht so flexibel.

Man könnte die nuklearen Sprengsätze unauffällig mit einem Kleinwagen oder einem Handkarren, wenn nicht sogar auf dem Rücken eines starken Mannes, transportieren.

Die ADM sei, so heißt es im bereits zitierten Manual, dementsprechend eine rundum positive Waffe: Atomarer Niederschlag (Fallout), freigesetzte Strahlung und Kollateralschäden könnten kontrolliert und minimiert werden. Im Grunde, so argumentieren die Autoren des Field Manuals, stelle sich die Frage „konventionell“ oder „atomar“ vielfach im realen Kriegsleben überhaupt nicht – rein technisch und militärisch betrachtet.

Viele Tunnel z. B. könnten mit konventionellem Sprengstoff gar nicht ernsthaft beschädigt, geschweige denn zerstört werden – und zwar wegen der gewaltigen Mengen Sprengstoff, die benötigt würden, um die Explosionswirkung eines so großen Raumes an einem einzigen Punkt zu konzentrieren.

Eine Mini-Nuke sei hier ein wahrer Segen. Ein einziger kleiner atomarer Sprengsatz, in der Mitte des Tunnel platziert, würde diesen dermaßen demolieren, dass der Feind Wochen zu tun hätte, um ihn wieder passierbar zu machen. Ähnliches gelte auch für Autobahnen. Mit konventionellem Sprengstoff könne man bestenfalls ein paar Löcher reißen, die der Angreifer leicht mit Behelfsbrücken überwinden könne. Und selbst dieser geringe Effekt würde sehr viel Personal, Transport-Kapazität und Arbeitszeit binden.

Doch eine ADM, die unterhalb oder auf der Fahrbahn explodierte, würde ein Hindernis hinterlassen. Dies würde den Feind zum Bau einer festen Brücke zwingen und ihn selbst dann mehrere Tage beschäftigen, wenn er nicht unter Feuer stünde.

Und dann erst die Brücken. Keine Plackerei mehr. Ein ADM-Feuer-Team könnte eine Brücke, für deren Sprengung eine konventionelle Einheit mehrere Kompanie-Stunden benötige, in wenigen Minuten in Schutt und Asche legen.

Doch nicht nur Tunnel, Straßen und Autobahnen eignen sich als Ziele für die Kofferbomber. Das Armee-Handbuch nennt als weitere Objekte massive Dämme, Kanäle, Startbahnen, Verschiebebahnhöfe, Häfen, Industrieanlagen, Kraftwerke, Versorgungsdepots und enge Talabschnitte.

Nicht nur zum Stoppen des Vormarsches feindlicher Verbände, sondern auch zum Angriff sind Mini-Nukes eine feine Sache, schwärmen die Autoren des Field Manuals 5-102. Mit ihrer Hilfe kann man die Flanken einer angreifenden Formation schützen. Man kann Hindernisse hinter den feindlichen Linien schaffen, um ihn an der Flucht zu hindern (wozu hat man schließlich Fernspäher?). Man kann die erste von der zweiten Angriffswelle des Feindes trennen, wenn man zwischen beiden ein paar Mini-Nukes hochgehen lässt. Die Anwendungsmöglichkeiten sind – militärisch betrachtet – letztlich nur durch die mangelnde Phantasie der Anwender begrenzt.

Folgt man diesem Handbuch des US-Militärs, dann sind kleine taktische Nuklearwaffen also eine durchaus sinnvolle Option in der modernen Kriegsführung. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit den Sowjets.

Eine Schwachstelle sind, wie immer, die Menschen. Zum Glück gibt es auch für den „Human Factor“ ein Handbuch der Armee, das Field Manual 22-51 (29. 09. 1994).14)FM 22-51: LEADERS‘ MANUAL FOR COMBAT STRESS CONTROL

Die Drohung einer nuklearen Eskalation, so heißt es dort, hänge über jeder militärischen Operation, die Atomwaffenbesitzer einschließe. Während des Kalten Krieges hätte sich die Auffassung durchgesetzt, dass ein globaler Atomkrieg unweigerlich zum nuklearen Winter und zum Untergang der Menschheit führe.

Neuere Computer-Simulationen zeigten aber, dass der nukleare Winter nur partiell sei. Ebenso falsch sei die Befürchtung, dass jeder Einsatz von Atomwaffen zwangsläufig zu einer globalen Eskalation und zum nuklearen Winter führe. Weder die Atombomben auf Japan, noch die zahlreichen atmosphärischen Atomtests hätten einen negativen Effekt auf das Weltklima gehabt.

Diese weit verbreiteten falschen Überzeugungen seien natürlich auch nicht spurlos an den US-Soldaten vorüber gegangen. Die meisten US-Soldaten würden daher im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung glauben, dass der Weltuntergang bevorstehe.

Die elektronischen Kommunikationsstörungen während einer Schlacht und die feindliche Propaganda würden diesen Irrglauben noch verstärken. Dies führe zur Hoffnungslosigkeit – im Sinne der während des Kalten Kriegs allgemein herrschenden Überzeugung, dass es in einem Atomkrieg keinen Gewinner geben könne.

Es sei unbekannt, welche Auswirkungen diese Hoffnungslosigkeit auf unangemessen ausgebildete Soldaten habe. Einige Soldaten seien negativ durch Filme, Bücher und TV-Shows beeinflusst worden, die Mythen und grobe Übertreibungen hinsichtlich der Auswirkungen von Strahlung hervorgerufen hätten.

Daher heißt es im Field Manual 22-51 bündig:

“Wir müssen die Soldaten mental und emotional auf den Schock vorbereiten, der sich einstellt, wenn sie zum ersten Mal eine nukleare Attacke hören und sehen.“

Ein erster, wichtiger Schritt bestünde darin, die Soldaten mit realistischen Informationen über die Risiken unterschiedlich intensiver Strahlung zu versorgen. Informationen über die wahren Gefahren, besonders bei niedrigen Niveaus radioaktiver Strahlung, sollten mit den Schäden verglichen werden, die durchs Rauchen, Röntgen-Untersuchungen und Flügen in großer Höhe verursacht werden können.

Das Manual schildert einer Reihe weiterer Maßnahmen aus dem Arsenal der modernen Psychologie und Verhaltensmodifikation. Ob derartige Methoden die Befürchtungen von Soldaten tatsächlich beschwichtigt können, ist fraglich. Wie sich Soldaten in den heißen Zonen atomarer Schlachten tatsächlich verhalten werden, wird man wahrscheinlich erst dann erfahren, wenn der erste Krieg dieser Art stattfindet.

Vermutlich würden sich in einem solchen Krieg in der Regel an vorderster Front nur jene Soldaten bewähren, die von Kindesbeinen an durch eine spezielle Form der Gehirnwäsche auf eine atomare Schlacht und die eventuell erforderliche Selbstopferung vorbereitet wurden.15)Diese Methoden habe ich in meinem Buch: „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ beschrieben.

In Deutschland werden seit 1990 keine Sperrvorrichtungen für konventionelle Munition und ADM (Kammern in Brückenpfeilern, Schächte etc.) mehr gebaut. Der Feind von einst hat sich aufgelöst. Gegen den Feind von heute könnte man in unserem Land auch dann nicht mit ADM vorgehen, wenn er selbst mit Mini-Nukes ausgerüstet wäre.

Der Kampf gegen den Terrorismus ist in dieser Hinsicht asymmetrisch. Ein Terrorist könnte beispielsweise das Frankfurter Kreuz mit Mini-Nukes in die Luft jagen, aber die Bundeswehr könnte ihm zur Strafe keine ADM unter den Gebetsteppich stecken.16)Ein Leser machte mich darauf aufmerksam, dass es auch Terroristen gäbe, die keine Muslime seien und die deswegen keine Gebetsteppiche hätten. Da Gebetsteppiche aber ohnehin keine Option zum nuklearen Gegenschlag sind, halte ich diesen an sich berechtigten Einwand im vorliegenden Zusammenhang für weniger bedeutsam. Und so liegt es nahe, sich, auch vorbeugend, an Staaten schadlos zu halten, die angeblich oder tatsächlich Terroristen unterstützen.

In einem Papier des amerikanischen Militär-Gremiums „Joint Chiefs of Staff” (Vereinigter Generalstab) aus dem Jahre 2005 heißt es:

„Verantwortliche Sicherheitsplanung erfordert die Vorbereitung auf Bedrohungen, die möglich, aber heute vielleicht unwahrscheinlich sind. Die Lektionen der Militärgeschichte bleiben klar: Unvorhersagbare, irrationale Konflikte treten ein. Die Streitkräfte müssen sich darauf vorbereiten, Waffen und Fähigkeiten entgegen zu treten, die existieren oder existieren werden, auch wenn in naher Zukunft keine unmittelbar wahrscheinlichen Kriegsszenarien gegeben sind. Um die Abschreckung des ABC-Waffeneinsatzes zu maximieren, ist es wesentlich, dass die US-Streitkräfte den effektiven Einsatz nuklearer Waffen vorbereiten und dass sie bereit sind, Nuklearwaffen zu verwenden, falls dies zur Vorbeugung oder Vergeltung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen notwendig ist.“17)Joint Chief of Staff (2005). Joint Publication 3-12. Doctrin for Joint Nuclear Operations. Final Cooperation (2). 15 March

Man sollte also nicht so naiv sein zu wähnen, dass die Gefahr des Atombombeneinsatzes nach dem Ende des Kalten Kriegs gebannt sei. Im Gegenteil: Da die USA offenbar beständig und zunehmend von Diktatoren – die heimlich, sehr heimlich Massenvernichtungsmittel besitzen oder diese zu produzieren bzw. sich zu beschaffen versuchen – bedroht werden, ist der Einsatz amerikanischer Atomwaffen heute so wahrscheinlich wie seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr.

Das Dilemma der Nuklearstrategen

Die taktischen Nuklearwaffen in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Besonderheit, dass der Radius der Kollateralschäden weit größer war als der Radius der Schadeinwirkungen auf den Feind. Außerdem war die Treffsicherheit wesentlich geringer als in unseren heutigen Zeiten des durch Satelliten überwachten, computergesteuerten präzisen Todes durch chirurgische Schnitte mit begrenzten Kollateralschäden. Heute steht auch die Neutronenbombe zur Verfügung, die ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen Feindschäden und Kollateralschäden aufweist.

Damals aber hätte man sehr viele taktische Nuklearwaffen zünden müssen, um die sowjetischen Panzer an der deutsch-deutschen Grenze zu stoppen. Die Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung in unserem dicht besiedelten Land wären verheerend gewesen.

Mit exakten Treffern aber hätte man Kollateralschäden wesentlich verringern können. Die Bomben hätten zur richtigen Zeit und am richtigen Ort losgehen müssen, nämlich dann, wenn sich eine größere Zahl sowjetischer Panzer in ihrem Schadensradius befand.

Dabei kam es schon damals weniger auf die Detonationskraft, sondern vor allem auf die Strahlung an. Die Mini-Nukes waren direkte Vorläufer der Neutronenbombe, verursachten allerdings erheblich größere Kollateralschäden. Es war also entscheidend, sie zum richtigen Zeit am richtigen Ort zu zünden.18)Richter, W. (1982). Neutronenwaffe, „Perversion des Denkens“? Zur Kontroverse um atomare Gefechtsfeldwaffen in Europa u. ihre Bedeutung für die NATO-Strategie, München : Bernard & Graefe

Man hätte dann die militärischen Ziele mit wesentlich weniger und schwächeren Mini-Nukes erreichen und so die Belastung – dies war zumindest die Hoffnung – auf ein für die deutsche Bevölkerung „erträgliches“ Maß reduzieren können.

Damals war es noch nicht möglich, Waffen und Kommunikationssysteme gegenüber dem elektromagnetischen Puls von Atomwaffen zu härten. Hätten die Angreifer eine Atomwaffe in großer Höhe gezündet, so wären im weiten Umkreis alle elektronischen Kommunikationssysteme ausgefallen, Zündkabel wären durchgebrannt, elektrische Zeitzünder hätten nicht mehr funktioniert.

Angreifende Panzertruppen ändern natürlich häufig ihre Richtung, um der feindlichen Abwehr zu entgehen. Die einzige Möglichkeit, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit ADM zu zünden, hätte darin bestanden, dass die Anwender den angreifenden Panzerverbänden hinterherfahren und sich selbst mit diesen Nuklearwaffen in die Luft sprengen (Suicide Bombing nach Art der Nato?)

Die Militärstrategen kannten die Bedeutung des elektromagnetischen Pulses damals bereits.19)1962 hatte man sich durch den Atomtest „Starfish Prime“ handfest mit den Auswirkungen des elektromagnetischen Pulses vertraut gemacht.

Deswegen wurden in die ADM mechanische Zeitzünder eingebaut. Diese aber waren nicht sehr zuverlässig. Sie gingen häufig zu früh oder zu spät los. Sie arbeiteten nicht präzise genug für den punktgenauen Einsatz der Mini-Nukes. Eine ausführliche Darstellung der Problematik des Einsatzes von ADM findet sich in dem Artikel „The Littlest Boy“ der Zeitschrift „Foreign Policy“. Wenn man die Sache nüchtern betrachtet, so wird man wohl einräumen müssen, dass die Verteidigung Deutschlands mit ADM auf Selbstmord-Bomber angewiesen war.

Eine Verteidigungsstrategie, die dem Personal, das die Bomben bediente, eine halbwegs realistische Überlebenschance gewährt hätte, wäre mit einem völlig inakzeptablem Verhältnis von Feind- zu Kollateralschäden verbunden gewesen.

Man kann sich vorstellen, dass ein Soldat freiwillig in den Tod geht, um zur Rettung seines Vaterlandes beizutragen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein Soldat freiwillig in den Tod geht, wenn er dadurch zur Zerstörung seines Vaterlandes beiträgt. Genau dies aber wäre einem deutschen Soldaten bewusst gewesen, der an einem Selbstmord-Kommando mit ADM teilgenommen hätte. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die deutsche militärische Führung davon überzeugt war, im Falle eines Falles genug Freiwillige für solche Operationen zu finden.

Es gibt eine Methode, Menschen so sehr mental zu versklaven, dass sie jeden Befehl ausführen – ganz gleich, welche Folgen er haben könnte. Diese Methode habe ich u. a. in diesem Blog beschrieben, und zwar in dem Artikel: Die harten Methoden der Psychiatrie.

Welche Lösung dieses Dilemmas die deutsche militärische Führung auch immer gefunden haben mag: Die deutsche Öffentlichkeit hat, viele Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs, ein Recht darauf, dies zu erfahren.

Fußnoten   [ + ]

1.Rheinische Post online: Geheime Dokumente belegen: Deutschland verfügte über Atomwaffen, 16. Nov. 2008
2.Michael Grube: Vorbereitete Sperren auf Deutschlands Straßen / Pommerin, R. (1991). General Trettner und die Atom-Minen. Zur Geschichte nuklearer Waffen in Deutschland. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 39, 1991, Heft 4, 637-654
3.Vielleicht wirkt dieser Artikel Fantasie anregend: Die harten Methoden der Psychiatrie
4.Trauschweizer, I. W. (2006). Creating Deterrence For Limited War: The U.S. Army And The Defense Of West Germany, 1953-1982, Dissertation
5.Von Loringhoven war ein Zeuge der letzten Tage im Führerbunker.
6.Maiorano, A. G. (1983). The Evolution of United States and NATO Tactical Nuclear Doctrine and Limited Nuclear War Options, 1949-1984. Master Thesis. Naval Postgraduate School Monterey, Ca., 1983, Seite 37
7.Ponton, J. et al. (1981a). Operation Teapot, 1955. Defense Nuclear Agency, Grant Number: DNA 001-79-C-0473, Fort Belvoir, VA, Seite 6
8.Zur Ehrenrettung Trettners sei erwähnt, dass er den Einsatz der ADM im Besonderen und den taktischen Nuklearkrieg im Allgemeinen sehr skeptisch betrachtete. Schlussendlich fügte er sich dann aber doch jenen Kräften, die in der NATO das Sagen hatten. Die saßen nicht in Deutschland.
9.Der Spiegel, 23.12.1964: Atom-Minen: Verstrahlte Erde / Der Spiegel, 6.1.1965: Trettners Minen-Spiel
10.z. B. Der Spiegel, 22. 12. 1965: Minen für die Zonengrenze / Der Spiegel, 14. 1. 1985: Atom-Minen: Stichwort Joker / Zielen amerikanische Atomwaffen auf deutsche Städte – Rhein und Main in Flammen. Blätter für deutsche und internationale Politik, Jahrgang 1981, Heft 8
11. Bald, D. (2008). Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Der Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin: Aufbau Verlag / Kritisch zu diesem Buch: Kleinert, P.: Politik der Verantwortung. Neue Rheinische Zeitung
12.Field Manual 5-102: Countermobility
13.Nach offizieller Darstellung war geplant, die ADM in Schächten explodieren zu lassen. Entsprechende Vorrichtungen wurden ja auch errichtet. Mit ein bisschen militärischer Fantasie erkennt man aber schnell, dass dies in vielen Fällen nicht den gewünschten Erfolg gehabt hätte. Der Feind wäre ja keineswegs gezwungen gewesen, in der Nähe solcher Sprengfallen vorbeizuziehen. Aller Voraussicht nach wäre es also unbedingt erforderlich gewesen, die Munition dort zu zünden, wo sich der Angreifer gerade befand. Zum Graben von Löchern wäre dann keine Zeit mehr gewesen.
14.FM 22-51: LEADERS‘ MANUAL FOR COMBAT STRESS CONTROL
15.Diese Methoden habe ich in meinem Buch: „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ beschrieben.
16.Ein Leser machte mich darauf aufmerksam, dass es auch Terroristen gäbe, die keine Muslime seien und die deswegen keine Gebetsteppiche hätten. Da Gebetsteppiche aber ohnehin keine Option zum nuklearen Gegenschlag sind, halte ich diesen an sich berechtigten Einwand im vorliegenden Zusammenhang für weniger bedeutsam.
17.Joint Chief of Staff (2005). Joint Publication 3-12. Doctrin for Joint Nuclear Operations. Final Cooperation (2). 15 March
18.Richter, W. (1982). Neutronenwaffe, „Perversion des Denkens“? Zur Kontroverse um atomare Gefechtsfeldwaffen in Europa u. ihre Bedeutung für die NATO-Strategie, München : Bernard & Graefe
19.1962 hatte man sich durch den Atomtest „Starfish Prime“ handfest mit den Auswirkungen des elektromagnetischen Pulses vertraut gemacht.