Die Verantwortung der Verantwortungslosen

In seinem Buch „Choice Theory“ schreibt der Psychiater William Glasser: Sofern wir auch schwere Strafen oder sogar den vorzeitigen Tod in Kauf zu nehmen bereit seien, könne uns niemand dazu zwingen, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Nur wir selbst könnten unser Verhalten ändern. Sobald man dies erkannt habe, stelle man fest, dass man eine viel größere Freiheit besitze, als man zuvor geglaubt habe.

Natürlich unterliegen wir Zwängen. Wir müssen unsere Grundbedürfnisse befriedigen, müssen essen, trinken, atmen, beispielsweise. Aber es steht uns frei zu entscheiden, ob wir uns dabei zum Narren machen (lassen wollen) oder nicht. Wir können uns sogar entscheiden zu verhungern und dadurch unter Beweis stellen, dass noch nicht einmal dieses elementare Grundbedürfnis ein unbedingter Zwang ist.

Man sollte sich nicht scheuen, dies auch den „Schizophrenen“ oder „Depressiven“ zu sagen, die den Eindruck erwecken, als seien sie die Sklaven düsterer und grausamer Schicksalsmächte. Woher auch immer die Neigung kommen mag, sich als „schizophren“ oder „depressiv“ zu gerieren – niemand ist dazu gezwungen. Es mag zur Gewohnheit geworden sein, sich so zu verhalten, aber selbst hartnäckige Gewohnheiten können, bei gutem Willen, überwunden werden, auch wenn es mitunter etwas länger dauert.1)Wer sich z. B. das Rauchen abgewöhnt hat, weiß, dass dies durchaus ein qualvoller Prozess sein kann.

Manche werfen den Psychiatriekritikern vor, sie würden die so genannten psychisch Kranken stigmatisieren. Sie hielten sie für faul und / oder feige. Dieser Anwurf kann natürlich leicht mit dem Argument zurückgewiesen werden, dass man ja die Existenz psychisch Kranker bestritte und dass man, was es nicht gäbe, auch nicht diskriminieren könne.

Formal ist das natürlich richtig. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Zwei Beispiele:

Frau F. kommt morgens notorisch nicht aus dem Bett und vernachlässigt Haushalt und Kinder, weil sie angeblich depressiv ist.

Herr T. randaliert nachts regelmäßig im Treppenhaus, weil er glaubt, sei Nachbar sei ein Konfident der Außerirdischen.

Die herrschende Psychiatrie hat eine Entschuldigung für diese Verhaltensweisen parat. Die Betroffenen litten unter Hirnstörungen und könnten daher nichts dafür. „Progressive“ Psychiater und Psychotherapeutinnen fügen hinzu, die Betroffenen seien in ihrer Kindheit schwer traumatisiert worden und dies erkläre im Zusammenspiel mit einer genetisch bedingten Vulnerabilität ihr störendes Verhalten.

Das Problem: Es gibt keine objektiven Verfahren, mit denen man diese Hirnstörungen nachweisen könnte. Und keine Spur auch von einem Nachweis, dass irgendein Trauma für die Verhaltensmuster der Betroffenen ursächlich wäre. Schließlich benehmen sich ja nicht alle Menschen, die traumatisiert wurden, in vergleichbarer Weise und bei manchen, die sich so benehmen, ist beim besten Willen keine Traumatisierung festzustellen.

Herr F. und die Nachbarn von Herrn T. leiden erheblich unter den Eskapaden der Menschen, die von der Psychiatrie als „psychisch krank“ und daher nicht verantwortlich eingestuft wurden.

Mit wem sollten wir Mitleid haben: mit den „Erkrankten“, den Angehörigen und Nachbarn, mit beiden, mit niemandem?

Die Antistigma-Kampagnen fordern, dass wir mit diesen „psychisch Kranken“ umgehen sollten wie mit körperlich Kranken, die ja schließlich für ihre Krankheit auch nichts könnten. Doch leider haben diese Kampagnen wenig Erfolg, die Aversionen nehmen sogar zu.

Und dies liegt wohl auch daran, dass die so genannten psychisch Kranken die Verhaltensweisen, um derentwillen sie stigmatisiert werden, tatsächlich zeigen. Und schlimmer: Durch die willkürliche Diagnose einer „psychischen Krankheit“ ist es für die betroffenen Mitmenschen kaum möglich, sich unbefangen mit den Verhaltensweisen der so genannten psychisch Kranken auseinanderzusetzen. Jedes klare Wort wird als Grausamkeit gegenüber Kranken aufgefasst, die sich nicht wehren könnten und die nicht schuld an ihrer Krankheit seien.

Den schwarzen Peter haben dann die Angehörigen, die Nachbarn, die Arbeitskollegen, die Unternehmer, die mutigen und wahrhaftigen Psychiater und Psychologen. Dies erzeugt beinahe zwangsläufig Ressentiments. Und ein oft auch ein schlechtes Gewissen wegen dieser Ressentiments.

Herr K. versäuft sein ganzes Geld, die Familie muss darben, aber er kann ja nichts dafür, weil ihn eine Hirnstörung zum Saufen prädestiniert. Frau Z. stört den Betrieb mit grandiosen Ausfällen, aber sie kann ja nichts dafür, weil sich sich gegen die Auswirkungen ihrer Hirnstörung nicht zu wehren vermag.

Und angeblich sind bereits ein Drittel der Bevölkerung „psychisch krank“. Da fragt man sich allerdings, ob es sich nicht lohnt, ebenfalls „psychisch krank“ zu werden, damit man für den Scheiß, den man baut, auch nicht mehr verantwortlich ist. Und in der Tat, es werden immer mehr, die Zahl der „psychisch Kranken“ steigt beständig.

Die Schuldigen hat man auch schon dingfest gemacht: Erstens die Arbeitsbedingungen, zweitens, bei den Arbeitslosen, die erzwungene Untätigkeit. Bei den entsprechend, genetisch bedingt, „Vulnerablen“ führten diese Faktoren zwangsläufig zu derartigen Ausfällen des Betragens.

Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die „psychische Krankheit“ die einzige Reaktionsmöglichkeit sei, die den Betroffenen offenstünde. Wenn andere unter ähnlichen Bedingungen konstruktive Lösungen für ihre Probleme fänden, dann hätten sie eben ein intaktes Gehirn und daher ganz andere Voraussetzungen.

Diese Interpretation ist aber zumindest fragwürdig, da keiner der genannten Faktoren, allein oder in Tateinheit mit den anderen, in der Lage ist, die „psychisch kranken“ Verhaltensweisen zu erklären. Es gibt keine empirischen Studien, die es erlauben würden, diese Phänomene eindeutig auf Genetik, Traumata und sozio-ökonomische Stressoren zurückzuführen. Der größte Teil der Varianz des relevanten Verhaltens bleibt durch diese Faktoren unerklärt.

Man möge dies nicht missverstehen: Es gibt respektable, zumindest nachvollziehbare Gründe, sich dazu zu entscheiden, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Die herrschende Ideologie legt diese Lösung allen Menschen nahe, die mit ihren Verhältnissen nicht zurechtkommen. Viele werden in diese Rolle sogar regelrecht hineingedrängt.

Es stellt sich hier natürlich die Frage, warum manche Angehörige, Nachbarn, Arbeitgeber etc. den Störenden dazu nötigen, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Sie berauben sich dadurch schließlich der Möglichkeit, unbefangen mit den Verhaltensproblemen umzugehen. Vermutlich aber versprechen sie sich eine Erleichterung davon, dass dann der Psychiater, stellvertretend für sie, seine Aggressionen an den „psychisch Kranken“ auslebt.

Ressentiment und schlechtes Gewissen, nach Nietzsche Kennzeichen christlicher Kultur, dürften erheblich zur Erklärung des Phänomens der Psychiatrie in ihrer gegenwärtigen Gestalt beitragen. Die Mehrheit der wohlmeinenden Bürger will gar keine humane Psychiatrie, sondern eine, die unter dem Deckmantel der Krankenbehandlung, jene abstraft, die von ihrem schlechten Benehmen partout nicht lassen wollen. So kann man sein Ressentiment ausleben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem. Der Appell an die „psychisch Kranken“, sich die Verantwortung für ihre Zustände nicht absprechen zu lassen bzw. sie sich selbst nicht abzusprechen, dürfte weitgehend ungehört verhallen. Wer Erfahrung im Umgang mit so genannten Schizophrenen hat, weiß nur zu genau, dass selbst diese angeblich ihrer Hirnstörung besonders hilflos Ausgelieferten, mitunter sehr geschickt die moralischen Dimensionen ihres Verhaltens dem jeweiligen Publikum anzupassen wissen und dabei, Überraschung!, die Angehörigen nur zu oft schlecht aussehen lassen.

Wie nicht oft genug betont werden kann, soll hier nicht den Stab über „psychisch Kranke“ gebrochen werden. Man kommt kaum umhin einzuräumen, dass diese, wie wir alle, nur ihren Arsch über Wasser halten wollen. Alle Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen und sonstigen Geschädigten sei geraten, den „psychisch Kranken“ auf Augenhöhe zu begegnen.

Es ist sinnlos zu versuchen, sie zu ändern. Das geht immer in die Hose. Man darf vielmehr keinen Zweifel daran lassen, dass man sie für voll verantwortliche mündige Bürger und Mitmenschen hält. Man kann versuchen, mit ihnen in Verhandlungen zu treten. William Glasser, der unlängst verstorbene, überaus fähige Psychiater, rät, in diesen Verhandlungen vor allem die Frage zu thematisieren, was jeder für den anderen zu geben bereit ist.

Das wird nicht immer funktionieren. Oftmals wird der Gesprächspartner betonen, dass er sich nicht auf Verhandlungen einlassen müsse, da er schließlich „psychisch krank“ sei. Er wird sich darauf berufen, dass er immerhin so diagnostiziert worden sei, und dies mitunter nicht nur von einem, sondern sogar übereinstimmend von mehreren Fachleuten. Gegen eine solche teuflische Expertenmacht hat man bei Verhandlungen natürlich schlechte Karten. Dennoch: einen Versuch ist es wert. Das ist ohnehin alles, was du tun kannst, nebenbei!

Fußnoten   [ + ]

1.Wer sich z. B. das Rauchen abgewöhnt hat, weiß, dass dies durchaus ein qualvoller Prozess sein kann.