Die Suche nach Schuldigen

Einem Menschen widerfährt ein Missgeschick. Dafür möchte er die Verantwortung nicht übernehmen. Andere, so denkt er, hätten ihm sein Unglück eingebrockt. Und so entschließt er sich, nach Schuldigen zu suchen. Schnell ist ein mutmaßlicher Übeltäter entdeckt: Der Nachbar. Ist der in letzter Zeit nicht so auffällig freundlich? Tuschelt er nicht mit anderen, sobald man ihm den Rücken kehrt?
Der Mensch entschließt sich, den Nachbarn nicht aus den Augen zu lassen. Aber so recht kann er ihm nichts vorwerfen. Beim Recherchieren im Internet stößt er auf den Begriff der Illuminaten. In einer Website findet er eine Beschreibung von Helfershelfern dieses Verschwörerbundes und die dort genannten Merkmale passen wie angegossen zum Nachbarn.
Er bespricht seine Hypothese über den Nachbarn und dessen Verbindungen zu den Illuminaten mit einem Bekannten. Dieser winkt ab. Das sei ja nun wirklich reichlich weit hergeholt. Der Mensch hat aber das Internet gründlich studiert und weiß nunmehr, dass dieser Bekannte ebenfalls mit den Illuminaten im Bunde steht.
Dem Menschen wird es allmählich unbehaglich zumute. Mit den Illuminaten ist wirklich nicht zu spaßen. Vermutlich sind sie nicht nur für sein Missgeschick verantwortlich, sondern führen noch viel Schlimmeres im Schilde. Je länger er darüber nachdenkt, desto größer werden Furcht und Sorgen.
Eines Nachts schreckt er aus dem Schlaf auf, weil er eine Stimme gehört hat. Jedoch: Er war allein in seiner Wohnung. Wer hat zu ihm gesprochen? Sofort fallen ihm die Illuminaten ein. Sie haben ja nicht nur die Verantwortung für sein Missgeschick; wer weiß, was sie sonst noch mit ihm vorhaben? Ein kurzer Blick ins Internet genügt. Der Nachbar besendet ihn im Auftrag der Illuminaten mit einem umgebauten Mikrowellengerät. Dies erklärt das Stimmenphänomen.
Nachdem er den Nachbarn wiederholt beschimpft und angeklagt hat, weil er ihn besende, wird dem Menschen geraten, er möge sich doch einmal vertrauensvoll an einen Psychiater wenden. Der Mensch ist freilich nicht davon zu überzeugen, er sei ein Psychotiker. Aber diesen Verdacht will er dennoch nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich wäre er, wenn die Illuminaten keine Schuld träfe, selbst für sein Missgeschick verantwortlich, und das darf, das kann ja wohl nicht wahr sein.
Also lässt er sich von einem Psychiater untersuchen. Der Arzt soll ihm bescheinigen, dass er nicht geisteskrank sei. Doch der Seelendoktor offeriert ihm eine andere Erklärung für sein Missgeschick. Nicht die Illuminaten trügen die Verantwortung, sondern ein Defekt in seinem Hirn sei die Ursache all der Widrigkeiten, die er zu erdulden habe. Er sei krank und dafür könne er nichts. Er sei das Opfer eines pathologischen Prozesses in seinem Nervensystem, der sich seiner Kontrolle entzöge.
Und so wird, als unbeabsichtigte Folge der Absicht, Schuldige für ein Missgeschick zu finden, aus dem Suchenden ein „psychisch Kranker“. Schließlich geht der Mensch in Frührente. Wenn er seine Pillen regelmäßig nimmt, ist ihm der Nachbar meist so halbwegs egal. Hin und wieder sucht er auch Schutz vor dem Nachbarn in einer Klinik. Irgendwann einmal zieht der Nachbar aus; wer weiß, wen nun die Schuld am immer währenden Missgeschick des Menschen trifft? Schließlich stirbt der Mensch frühzeitig an den Folgen seines Übergewichts, einer Nebenwirkung seines antipsychotischen Medikaments. Die Illuminaten haben ihr Ziel erreicht.

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