Die so genannte Multiple Persönlichkeitsstörung

Vorbemerkung

Was für die so genannten psychischen Krankheiten generell gilt, trifft natürlich auch auf die so genannte „Multiple Persönlichkeitsstörung“ bzw. die „Dissoziative Identitätsstörung“ zu: Die Ursachentheorien sind umstritten und unbewiesen; an der Existenz der Phänomene, auf die sich diese Diagnosen beziehen, kann aber nicht mit vernünftigen Argumenten gezweifelt werden:

Es gibt Menschen, deren Verhaltensmuster im Zeitverlauf so extrem widersprüchlich sind, dass die Interpretation dieser Brüche als „Stimmungsschwankungen“ oder „emotionale Instabilität“ nicht plausibel erscheint. Sie sprengen den Rahmen einer „normal widersprüchlichen“ Kontinuität psychischer Produktionen.

Umstritten, auch in der Mainstream-Psychiatrie, ist, ob diese bizarren Verhaltensmuster tatsächlich von einer eigenständigen „psychischen Krankheit“, die als natürliche Entität betrachtet werden kann, hervorgebracht werden. Eine nennenswerte Zahl von Psychiatern und anderen Experten hält dieses „Syndrom“ für eine „iatrogene Störung“, die durch Suggestionen von Psychotherapeutinnen hervorgerufen wird.

Die Standard-Theorie der Ursachen (Ätiologie) dieser mutmaßlichen Erkrankung ist also auch in Kreisen der Psychiatrie keineswegs unumstritten (Lilienfeld, & Lynn 2003) .

Die Standard-Theorie

Unter dem Begriff der Standard-Theorie werden hier jene, teilweise recht unterschiedlichen Ansätze zusammengefasst, die durch die Grundauffassung gekennzeichnet sind, dass sich eine Multiple Persönlichkeitsstörung (auch als Dissoziative Identitätsstörung bezeichnet) spontan, also ohne gezielte Einflüsse von außen entwickelt.

Nach dieser Theorie entsteht eine multiple Persönlichkeit als spontane Reaktion auf ein überwältigendes Trauma. Die Spaltungen, so heißt es, seien als Coping zu verstehen, als Versuch der Bewältigung. Die Bewältigung bestehe darin, zwischen zwei (oder mehreren) Alter Egos oder Ich-Zuständen bzw. Pseudo-Persönlichkeiten zu wechseln. Die erste Spaltung erfolge bereits zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr, mitunter auch früher.

Fiedler (1999:183) schreibt, dass es

„manchen traumatisierten Kindern offenkundig (gelinge), sich ihrer Welt durch Selbsthypnose zu entziehen, sich psychisch von ihrem Körperbefinden abzutrennen, sich aus der bedrohlichen Umgebung auszublenden und sich dabei auch einem Wunsch hinzugeben, mehr und mehr zu einer anderen Person zu werden.“

Ellert Nijenhuis und Kollegen (2010) vermuten, dass extreme Stresserfahrungen das sich entwickelnde Gehirn daran hindern würden, eine integrierte Persönlichkeit auszuprägen. Frühe und chronische Traumatisierungen könnten das Gehirn in einer Weise formen, die ein zustandsabhängiges Funktionieren oder ein von dissoziierten Teilen der Persönlichkeit abhängiges Funktionieren begünstige.

Die „Verdrahtung“ des sich entwickelnden Gehirns werde, besonders während der ersten sechs Jahre des Lebens, stark durch die Erfahrungen des Kindes beeinflusst. Kinder in diesem Alter seien noch nicht in der Lage, eine Persönlichkeitsstruktur zu entwickeln, die es ihnen erlaube, extreme Stresserfahrungen zu integrieren.

Es soll nicht bestritten werden, dass mit dieser Sichtweise die Entwicklung einer diffusen Persönlichkeit erklärt werden könnte. Eine multiple Persönlichkeitsstruktur ist aber mehr als nur eine willkürliche Ansammlung von Persönlichkeitsfragmenten, von Bruchstücken, sondern sie ist, laut Theorie, als Versuch der Bewältigung von chronischem, extremem Stress aufzufassen, also als eine geordnete und zielgerichtete Anordnung von Elementen des psychischen Systems, der ein Sinn zugrundeliegt.

Laut Standard-Theorie werden die betroffenen Kinder nicht nur traumatisiert, sondern auch von Eltern erzogen, die sich nicht auf kindliche Bedürfnisse und Zustände einstellen können und die sich häufig inkonsistent verhalten, was die Entwicklung einer multiplen Persönlichkeitsstruktur begünstige.

Doch auch dieser Ansatz lässt die Frage unbeantwortet, wieso sich die fragmentierten Persönlichkeitsanteile in einer Weise ausformen und anordnen, die als Versuch einer Stressbewältigung gedeutet werden kann – oder die, und wenn auch nur auf dem rudimentärsten Niveau, die Entwicklung koordinierter Handlungsmuster, im Zeitverlauf und differenziert nach unterschiedlichen Situationen, erlauben würde.

Um dieses Problem näher zu beleuchten, müssen wir zunächst einen Begriff aus der Kognitionswissenschaft einführen: Kognitive Komplexität. Dieser Begriff bezieht sich auf die Zahl und den Abstraktionsgrad der Konstrukte, mit denen wir unsere Welt erfassen. Ein stark vereinfachtes Maß dafür ist die Zahl der Variablen, die wir bei einer Entscheidung berücksichtigen können.

Unter „Coping“ versteht man die situationsentsprechende Veränderung des Verhaltens und der mentalen Operationen zur Vermeidung oder Minimierung von Stress.1 Betrachten wir also die Operation der Spaltung zum Zwecke der Trauma-Bewältigung unter dem Gesichtspunkt der kognitiven Komplexität:

Das kognitive System des traumatisierten Kindes sieht sich bei seiner Coping-Entscheidung in der einfachsten Form vor folgende Alternative gestellt:

Gegeben seien zwei Alter-Egos oder Ich-Zustände, nämlich A und B. Außerdem seien zwei Situationen (x, y) mit unterschiedlichen Qualitäten gegeben (die eine könnte z. B. bedrohlich, die andere ungefährlich wirken).

Daraus ergibt sich folgendes System von Implikationen:

  • Wenn x, dann A.
  • Wenn y, dann B.

Das Maß der kognitiven Komplexität ist hier also (nach der oben angegebenen vereinfachten Form) 4, denn die Entscheidung muss vier Variablen (x, y, A, B) berücksichtigen.

Glenda Andrews und Graeme S. Halford sind der Frage nachgegangen, wie sich die kognitive Komplexität, die Kinder auf verschiedenen Altersstufen zu meistern vermögen, entwickelt. Ihre Experimente zeigten, dass Kinder Entscheidungen auf Basis dreigliedriger Relationen (drei Variablen) erst ab einem Alter von durchschnittlich fünf Jahren korrekt zu fällen vermögen (Andrews & Halford 2002).

Aus meiner Sicht begründet dieser Befund erhebliche Zweifel an der These, dass die Multiple Persönlichkeitsstörung spontan als Coping-Mechanismus in früher Kindheit entsteht. Die kognitive Komplexität, die mit einer adaptiven Spaltung verbunden ist, kann von Kindern in diesem Altern gar nicht bewältigt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei dieser Spaltung angeblich um eine spontane Reaktion handelt, also um eine Anpassungsleistung, die vom kindlichen Gehirn ohne Anleitung durch Erwachsene erfolgen soll.

Man bedenke auch, dass die Situationen (x, y), auf die ein Kind zum Zwecke der Traumabewältigung reagieren soll, in aller Regel nicht nur aus einem Signal bestehen. Sie stellen selbst wieder eine komplexe Konfiguration von Hinweisreizen dar. Außerdem handelt es sich vielfach nicht um kategoriale Reize (vorhanden / nicht vorhanden) sondern um Reizdimensionen (mehr oder weniger stark ausgeprägt).2

Auch dies spricht dagegen, dass sich das Verhaltensrepertoire einer „mutiplen Persönlichkeit“ spontan in früher Kindheit herausbilden kann.

Beispiel: Ein fünfjähriges Kind wird von seinem Vater sexuell missbraucht. Tagsüber geht es in den Kindergarten. Eine Coping-Strategie könnte darin bestehen, dass sich das Kind in zwei Personen (Ich-Zustände, Ego States) spaltet: Lolita und Doris. Lolita ist dem Vater im Bett liebevoll zu Willen; Doris ist ein braves Kindergartenmädchen mit altersgerechtem Verhalten.

Man möge sich die kognitive Komplexität vor Augen halten, die dieses Mädchen angeblich im zarten Alter von fünf Jahren aus eigenem Antrieb zu bewältigen vermag. Und dabei haben wir nur die kognitive Komplexität berücksichtigt und die emotionale Verarbeitungskapazität noch gar nicht ins Auge gefasst.

Der Verdacht, dass es sich bei einem solchen extrem frühreifen Mädchen um eine Fiktion handelt, lässt sich jedenfalls nicht mit entwicklungspsychologischen Argumenten zerstreuen.

Die Forschung zeigt im Übrigen, dass Kleinkinder nur ein sehr rudimentäres, gleichsam „physikalistisches“ Selbstbild besitzen. Das Wissen über die eigene Person ist stark zentriert um äußerlich sichtbare Merkmale (Haarfarbe, Größe, Geschlecht). Bis zum Alter von sechs Jahren gelingt es Kindern nicht, zwischen physischen und psychischen Merkmalen von Personen (auch der eigenen) zuverlässig zu unterscheiden. Erst mit etwa 9 bis 11 Jahren ist das Kind in der Lage, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst aufzubauen (Immelmann 1988: 422).

Nun soll sich aber die so genannten multiple Persönlichkeitsstörung bereits in frühester Kindheit allein durch Traumatisierung sowie inkonsistentes und unsensibles Elternverhalten entwickeln. Das Kind soll sich zum Zweck des Überlebens aufspalten. Anhänger der gängigen Theorie werden vermutlich argumentieren, dies geschehe unbewusst. Mir will aber nicht einleuchten, dass ein Kind unbewusst können sollte, wozu es bewusst de facto nicht in der Lage ist.

Es geht hier ja nicht nur um simples Konditionieren von Verhaltensmustern, sondern um das Erlernen einer vielschichtigen Beziehung zwischen einer „Persönlichkeit“ und unterschiedlichen Situationen. Es ist zweifelhaft, dass Kinder in diesem frühen Alter dazu fähig sind, weil die psycho-biologische Entwicklung in dieser Phase noch nicht weit genug fortgeschritten ist.

„Multiple Persönlichkeitsstörungen“ werden bezeichnenderweise nur sehr, sehr selten bei Kleinkindern diagnostiziert, obwohl sich die Betroffenen angeblich genau in dieser frühen Phase der menschlichen Entwicklung spalten (Piper & Mersky 2004).

Nicht nur ist die Reaktion auf ein Trauma im Sinne einer multiplen Persönlichkeitsstörung eine soziale Konstruktion, sondern auch das Trauma selbst ist vermutlich keineswegs die zwangsläufige Folge eines schrecklichen Ereignisses. Die neuere Forschung deutet jedenfalls darauf hin, dass „Traumatisierung“ grundsätzlich, also nicht nur bei Kindern, keine unmittelbare Folge eines schmerzhaften, Furcht erregenden oder demütigenden Geschehens ist, sondern dass den Umweltbedingungen nach diesem Ereignis und hier vor allem den Interaktionen mit anderen Menschen eine entscheidende Bedeutung beigemessen werden muss (PLOS-Blogs).

Es dürfte außer Frage stehen, dass Erwachsene durchaus in der Lage sind, mehrere Persönlichkeiten zu verkörpern, anders wäre ja auch der Beruf des Schauspielers gar nicht möglich. Doch Kinder in den ersten Lebensjahren können nicht von sich aus verschiedene Persönlichkeiten entwickeln, weil sie die dazu erforderliche kognitive Komplexität nicht besitzen.

Natürlich können sie im Zuge von Konditionierungen andere Reaktionsmuster auf Reiz A als auf Reiz B herausbilden. Aber eine Persönlichkeit ist etwas anderes als ein simples Reaktionsmuster. Es enthält neben diesem auch ein Selbstbild, eine Vorstellung davon, dass bestimmtes Verhalten zu einer Persönlichkeit gehört und anderes ihr widerspricht.

Sehr wohl aber ist es möglich, und dies mit zunehmendem Alter immer besser, Kindern einen Zusammenhang zwischen Situationen und bestimmten Selbst-Kognitionen beizubringen. „Wenn du nachts mit mir ins Bett steigst“, sagt der Vater, „dann bist du meine süße kleine Frau, dann bist du so versaut wie süße kleine Frauen eben sind, und dass wirst du niemandem verraten, weil du den Vati liebt hast und keine Verräterin bist. Wenn du in der Schule bist, dann verwandelst du dich in eine brave Schülerin, die fleißig lernt, die der Lehrerin gehorchst, die ein gutes Kind ist und an nichts Böses denkt.“

Kein Kind wäre in der Lage, aufgrund von sexuellen Erfahrungen mit dem Vater oder anderen Erwachsenen derartige Kognitionen und die entsprechenden Verhaltensweisen aus eigenem Antrieb zu entwickeln, auch wenn es durch diese Erfahrungen traumatisiert und an der Entwicklung einer integralen Persönlichkeit gehindert wurde. Aber ältere Kinder sind fähig, sich im Sinne solcher „Programmierungen“3 zu verhalten, wenn diese sich auf das Kindern im jeweiligen Alter unter Anleitung von Erwachsenen Mögliche beziehen.

Die These, dass die Multiple Persönlichkeitsstörung eine spontane Reaktion auf extremen Stress sei, der anders nicht bewältigt werden könne, ist dementsprechend empirisch nicht hinreichend fundiert. Man könnte selbstredend argumentieren, dass sich in früher Kindheit durch Traumatisierung nur Vorschädigungen entwickelten, die sich dann später mit wachsenden mentalen Fähigkeiten zu einer voll entwickelten Multiplen Persönlichkeitsstörung ausformten.

Allein, für einen solchen Entwicklungsgang gibt es keinerlei Hinweise in der empirischen Literatur. Es führt offenbar kein Weg vom kindlichen Trauma zur „multiplen Persönlichkeit“ ohne vermittelnde Eingriffe durch Erwachsene.

Eine alternative Theorie

Bei einem Teil der Personen, die sich verhalten, als ob sie multiple Persönlichkeiten seien, erscheint eine andere Erklärung plausibler. Es ist bei diesen Menschen allerdings irreführend, von Multipler Persönlichkeitsstörung zu sprechen und mit dieser Diagnose eine „psychische Krankheit“ zu suggerieren. Zutreffender wären wie Bezeichnungen wie „Zustand während und nach foltergestützter Bewusstseinskontrolle“.

Die Merkmale dieses Zustands werden von der Psychiatrie ggf. als Symptome einer „Dissoziativen Identitätsstörung“ (DSM) oder „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ (ICD) eingeordnet, also als Krankheit und nicht als Konsequenz krimineller Akte gedeutet. Doch diese Interpretation ist aus Sicht der alternativen Theorie eine grobe Verkennung der Lebensrealität betroffener Menschen.

Die alternative Theorie kann sich ebenso wenig wie die Standard-Theorie auf empirisch erhärtete neurowissenschaftliche oder psychologische Erkenntnisse berufen. Es handelt sich vielmehr um eine Spekulation, die sich auf Literatur zur so genannten Bewusstseinskontrolle, zum rituellen Missbrauch und auf entsprechende Fallgeschichten stützt (Epstein et al. 2011; Noblitt & Perskin 2000; Noblitt & Perskin 2008; Schwartz 2000).

Die in der einschlägigen Literatur weitgehend einhellig verfochtene Tätertheorie (Satanisten, Angehöriger „destruktiver Kulte“ o. ä.) ist zwar überaus fragwürdig; es gibt aber auch keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln, dass die geschilderten Vorgänge, also die konkreten Abläufe der Bewusstseinskontrolle, zumindest in einigen Fällen der Realität entsprachen.

Als Alternative zur Standard-Theorie wird hier eine sozial-konstruktivistische Theorie der multiplen Persönlichkeit vorgeschlagen.

Die Standard-Theorie setzt zwar, implizit oder explizit, eine Traumatisierung durch menschliche Akteure voraus. Deren Aktionen aber spielen in dieser Theorie, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Man konzentriert sich vielmehr auf eine mutmaßliche Eigendynamik, die sich im Gehirn und / oder der „Psyche“ aufgrund von schrecklichen Erfahrungen entfaltet.

Aus Sicht des sozialen Konstruktivismus kann eine so genannte Multiple Persönlichkeitsstörung aber nur angemessen verstanden werden, wenn man die Interaktionen des Betroffenen mit signifikanten Anderen in seinem Umfeld ins Auge fasst.

Einerseits beruht die Persönlichkeit vermutlich auch auf angeborenen Faktoren und daher liegt es nahe, eine gewisse Eigendynamik zu unterstellen. Andererseits aber ist Persönlichkeit ein Instrument zur Reduktion von Komplexität in sozialen Interaktionen und hier dürfte der biologische Sinn von Persönlichkeit liegen. Tiere, die solitär leben und allenfalls zur Kopulation zusammenfinden, brauchen keine oder kaum Persönlichkeit.

Aus diesem Grund ist Persönlichkeit auch ein Repertoire des Verhaltens und Erlebens, das in sozialen Lernprozessen geformt wird, und zwar maßgeblich. Denn ohne diese Formung könnte sie ihre biologische Funktion nicht erfüllen.

Kinder lernen zwar viel implizit, durch „Learning by Doing“ und durch Beobachtung, durch Nachahmung. Die wichtigste Dimension kindlichen Lernens ist aber das vermittelte, nicht das unmittelbare Lernen (Feuerstein & Rand 1974). Vermittler sind Mutter, Vater, Geschwister, Spielkameraden, Erzieherinnen etc. Eine zentrale Rolle spielen natürlich die Eltern. Persönlichkeitsentwicklung, so heißt es, vollziehe sich im Spiegel signifikanter Anderer. Multiple Persönlichkeitsentwicklung dann wohl auch.

Durch gezielte, auf die jeweilige Zone der nächsten Entwicklung (Vygotskij 2005) des Kindes abgestimmte Maßnahmen können Erwachsene bei Kindern mentale Strukturen ausprägen, die diese noch nicht spontan, aus eigenem Antrieb zu entwickeln vermögen.

Multiple Persönlichkeiten entstehen bei Kindern aufgrund eines entsprechenden planmäßigen Vorgehens von Erwachsenen. Echte multiple Persönlichkeiten werden von ihren Eltern unter direkter und indirekter (Supervision) Mitwirkung von Fachleuten bewusst geformt. Diese Fachleute sind mit der Psychobiologie der kindlichen Entwicklung bestens vertraut und stimmen ihre Maßnahmen auf den jeweiligen Entwicklungsstand ab.

Es handelt sich daher auch nicht um Krankheiten, die im Selbstlauf durch Traumatisierung entstehen, so wie beispielsweise eine Erkältung durch eine Infektion verursacht wird, sondern es geht hier um Zustände während oder nach einer foltergestützten Bewusstseinskontrolle.

  • Die Aufzucht multipler Persönlichkeiten beginnt nach dieser alternativen Theorie sofort nach der Geburt mit einem „Love-bombing“, das natürliche Mutterliebe noch weit übersteigt. Die Kinder sollen ja eine solide Basis haben, damit sie durchhalten, was sich daran anschließt, und nicht etwa sterben.
  • Danach erfolgt ein unspezifisches Dissoziationstraining durch Folter, oft in Käfigen mit elektrischen Kontakten auf den Böden. Die Folterungen erfolgen mitunter systematisch, mitunter zufällig. Stets variieren dabei zentrale Merkmale des Wahrnehmungsfeldes. Farben können eine Rolle spielen, Klänge, Kostüme, Masken.
  • Ist das Kind etwas älter, schließt sich eine Zweiteilung an, meist in ein „Tagkind“ und ein „Nachtkind“. Mit diesen „Persönlichkeiten“ werden unterschiedliche Selbstbilder und Verhaltensweisen verbunden.
  • Wenn das sitzt, erfolgt die „Triangulation“ in das wahre Selbst (Persönlichkeitskern), die Frontpersönlichkeit und eine Vermittlungsinstanz zwischen beiden, einen Mediator, der gleichzeitig als „Schnittstelle“ für die Täter gilt. Diese ist der Empfänger für die „Programmierung“.
  • Dies ist das Fundament. Darauf setzt später, wenn das Kind kognitiv-affektiv dazu in der Lage ist, das so genannte Mauerwerk auf. Dieses besteht aus Derivaten des Mediators, der für Spezialaufgaben aufgespalten wird.
  • Die wichtigste Abspaltung ist eine Pseudo-Persönlichkeit, die für alle anderen die Schmerzen der Folter erträgt. Sie wird zu einer „Batterie des Schmerzes“ geformt und liefert die psychische Energie für das gesamte „Betriebssystem“.
  • Weitere Abspaltungen können z. B. Prostituierte (auch Kinderprostituierte), Soldaten (auch Selbstmordbomber) und „Hellseher“ (für Remote-Viewing-Experimente) sein; hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Dieser Erziehungsprozess findet in einer „virtuellen totalen Institution“ statt, die eine Mischung aus Folterkammer, Kadettenanstalt und Schauspielschule darstellt und die nach außen in ein scheinbar normales Familienleben eingebettet ist.

Zu beachten ist auch, dass die Dressur nicht funktionieren würde, wenn die Täter nicht in der Lage wären, das soziale Umfeld der Kinder zu kontrollieren – sei es durch Erpressung, Bestechung oder auf Grundlage von Loyalität gegenüber den Tätern oder des Systems, das sie repräsentieren.

Echte multiple Persönlichkeiten (also Zustände während oder nach foltergestützter Bewusstseinskontrolle) sind sehr selten, weil ihre Aufzucht aufwändig, riskant und kostspielig ist. Häufig sind die Ergebnisse auch nicht zufriedenstellend. Gelingt die Dressur jedoch, so haben die Täter eine gefährliche Waffe in der Hand, eine Waffe aus Fleisch und Blut. Sie verwirklicht zuverlässig jeden Befehl, als ob sie eine „Drohne“ wäre. Aber sie ist viel intelligenter als alle „Drohnen“, die heute zu militärischen Zwecken eingesetzt werden.

Eine iatrogene Erkrankung

Natürlich bewegt sich die hier vorgetragene Position weitab vom psychotherapeutischen und psychiatrischen Mainstream. Trifft die alternative Theorie zu, dann ist nicht ein Bruchteil der angeblich Betroffenen tatsächlich multipel. Praxen und Kliniken sind aber voll von Leuten, die als „multiple Persönlichkeiten“ diagnostiziert wurden. Diesen Diagnosen liegt jedoch, aus Sicht der alternativen Theorie, ein theoretisches Konzept zugrunde, das nicht mit den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und Entwicklungsbiologie übereinstimmt.

Falls die alternative Theorie zutrifft, dürfte es nur sehr wenige Menschen geben, die tatsächlich multipel sind. Bei der überwiegenden Mehrheit der Leute mit dieser Diagnose handelt es sich vermutlich um Menschen, bei denen normales menschliches Leid, das gelegentlich in Form außergewöhnlicher, exaltierter emotionaler Zustände ausgelebt wird, einen besonders klangvollen Namen bekommen hat.

Die Diagnose der „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ bzw. der „Dissoziativen Identitätsstörung“ ist, wie bereits erwähnt, auch in der Mainstream-Psychiatrie nicht unumstritten. Eine beträchtliche Zahl meist männlicher Psychiater und Psychotherapeuten würde diese Diagnosen am liebsten aus dem DSM bzw. der ICD streichen und stattdessen die „Erkrankten“ gern anderen Diagnosen zuordnen. Dies allerdings trifft auf den entschiedenen Widerstand meist weiblicher Traumatherapeuten.

Lilienfeld & Lynn (2012:132) tragen 10 Thesen vor, die gegen die Standard-Theorie der Multiplen Persönlichkeitsstörung sprechen und nahelegen, dass es sich hierbei um eine von Ärzten erzeugte „Krankheit“ handelt:

  1. Die Zahl der Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) ist in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegen.
  2. Die Zahl der „Alters“ pro Patient schnellte in diesem Zeitraum ebenso in die Höhe.
  3. Gleichzeitig war ein enormer Anstieg des Interesses von Therapeuten an dieser Störung und der öffentlichen Aufmerksamkeit für sie zu verzeichnen.
  4. Die vorherrschenden Behandlungstechniken förderten die Äußerung von Multiplizität bei Patienten, verdinglichten Ich-Zustände zu unterschiedlichen Persönlichkeiten und ermutigten die Patienten, nach latenten Persönlichkeiten Ausschau zu halten.
  5. Viele oder gar die meisten Patienten zeigten vor Beginn der Therapie keinerlei Anzeichen dieser Störung.
  6. Die Zahl der Alters tendiert dazu, während der Psychotherapie anzusteigen.
  7. Psychotherapeuten, die Hypnose einsetzen, haben in aller Regel mehr Patienten mit DID als solche, die auf diese Technik verzichten.
  8. Die Mehrheit der entsprechenden Diagnosen stammt von einer kleinen Zahl von Psychotherapeutinnen.
  9. Experimente zeigen, dass bei normalen Personen viele Merkmale der DID künstlich hervorgerufen werden können.
  10. Bis vor kurzem wurde DID vor allem in Nordamerika diagnostiziert, wo diese Störung eine hohe Publizität genießt; in letzter Zeit mehren sich die Diagnosen auch in anderen Weltgegenden (z. B. Niederlande), wo sich das öffentliche Interesse daran ebenfalls drastisch verstärkt.4

August Piper und Harold Merskey gelangen zu einem ähnlichen Resümee der vorliegenden empirischen Literatur und bringen das Ergebnis auf die bündige Formel:

„DID is best understood as a culture-bound and often iatrogenic condition (Piper & Mersky 2004).“

Often iatrogenic? Warum nur oft? Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die multiple Persönlichkeit immer eine iatrogene „Krankheit“ ist.

  • Denn die Prozeduren, mit denen die echten multiplen Persönlichkeiten produziert werden, erfordern die Mitwirkung von psychiatrisch qualifiziertem Personal.
  • Und die unechten multiplen Persönlichkeiten, die ihre innere Zerrissenheit zeitbedingt als „Multiple Persönlichkeitsstörung“ inszenieren, bedürfen ebenfalls des Arztes (bzw. des approbierten Psychologen), der sie so diagnostiziert und sie bei dieser Inszenierung ermutigend begleitet.

Weder die echten, noch die unechten Multiplen Persönlichkeitsstörungen sind Krankheiten. Die echten sind vielmehr Zustände während und nach einer Gehirnwäsche. Die unechten aber sind Inszenierungen, die üblichen psychiatrischen Rollenspiele, bei denen „Patienten“ und „Therapeuten“ – meist ohne zu wissen, was sie tun – vertrauensvoll zusammenwirken.

Literatur

Andrews, G. & Halford, G. H. (2002) A cognitive complexity metric applied to cognitive development. Cognitive Psychology, Volume 45, Issue 2, September 2002, Pages 153–219

Epstein, O. B. et al. (eds.) (2011). Ritual Abuse and Mind Control. The Manipulation of Attachment Needs. London: Karnac

Feuerstein, R. & Rand, Y. (1974). Mediated Learning Experiences: An Outline of the Proximal Etiology for Differential Development of Cognitive Functions. International Understanding, 9/10, 7-36

Nijenhuis, E. , van der Hart, O. & Steele, K. (2010). Trauma-related Structural Dissociation of the Personality. Activitas Nervosa Superior 2010;52:1,1-23

Fiedler, P. (1999). Dissoziative Störungen und Konversation. Weinheim: Psychologie Verlags Union

Immelmann, K. et al. (1988). Psychobiologie. Grundlagen des Verhaltens. Stuttgart, Weinheim: Gustav Fischer Verlag; Psychologie VerlagsUnion, Seite 422

Lilienfeld, S. O. & Lynn, S. J. (2003). Dissociative Identity Disorder. Multiple Personalities, Multiple Controversities. In: Lilienfeld, S. O. et al. (eds.). Science and Pseudoscience in Clinical Psychology. New York, London: The Guilford Press, Kindle Edition 2012

Noblitt, J. R. & Perskin, P. S. (2000). Cult and Ritual Abuse. Its History, Anthropology, and Recent Discovery in Contemporary America. Revised Edition. Westport, Connecticut: Praeger

Noblitt, J. R. & Perskin, P. S. (eds.) (2008). Ritual Abuse in the Twenty-First Century. Psychological, Forensic, Social, and Political Considerations. Bandon, OR: Robert D. Reed Publishers

Piper, A. & Merskey, H. (2004). The Persistence of Folly: A Critical Examination of Dissociative Identity Disorder. Part I. The Excesses of an Improbable Concept. Can J Psychiatry, Vol. 49, No. 9

PLOS Blogs, Neuroanthropology: Trauma – The Importance of the Post-Trauma Environment, 27.12.2012

Schwarz, H. L. (2000). Forgotten Voices. Relational Perspectives on Child Abuse Trauma and Treatment of Dissociative Disorders. New York, NY: Basic Books (Perseus)

Vygotskij, L. S. (1932-34/2005). Das Problem der Altersstufen. In: Ausgewählte Schriften (S. 53-90). Band 2. Herausgegeben von Joachim Lompscher. Berlin: Lehmanns Media

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Manche unterscheiden hier zwischen bewussten Coping und unbewussten Abwehrmechanismen. Diese Unterscheidung ist letztlich aber unerheblich, weil es sich in beiden Fällen um eine Ich-Funktion handelt. Ich-Funktionen können bewusst oder unbewusst realisiert werden; die eingesetzten kognitiven Ressourcen sind, abgesehen von der Aufmerksamkeit, identisch.

Beispiel: Nicht jede Zärtlichkeit des Vaters darf bei einem „multiplen Kind“ einem Übergang zu einer Lolita-Persönlichkeit auslösen, sondern sie muss mit einem Aufforderungscharakter hinlänglicher Stärke verbunden sein und der durch sie hervorgerufene „Persönlichkeitswechsel“ darf nur in bestimmten Situationen erfolgen, beispielsweise wenn das Kind mit dem Vater allein ist.

Den Begriff „Programmierung“ verwende ich, weil er sich in der einschlägigen Literatur eingebürgert hat. Man darf ihn nicht allzu wörtlich nehmen, weil man Menschen nicht wie Computer programmieren kann. Es handelt sich hier vielmehr um eine spezifisch menschliche Variante der Dressur, die nicht nur mit Lohn und Strafe arbeitet (wie bei Tieren), sondern auch mit dem Einschärfen von Gedanken.

Für all diese Gesichtspunkte können fraglos auch Erklärungen gefunden werden, die mit dem Standardmodell der „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ vereinbar sind. Sie mindern allenfalls die Plausibilität dieses Modells und legen eine iatrogene Genese dieser Störung nahe.

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