Die Sherlock-Holmes-Methode

Detektiv und Analytiker

  • Sherlock Holmes erscheint am Tatort. Er entdeckt Anzeichen, die sonst niemand bemerkt oder ernst genommen hat. Aus diesen Merkmalen erschließt er den Hergang der Tat. Dieser Modus operandi erlaubt ihm Rückschlüsse auf den Täter.
  • Sigmund Freud sitzt am Couchende. Er entdeckt in den freien Assoziationen Anzeichen, die sein Patient und auch sonst niemand bemerkt oder ernst genommen hat. Aus diesen Merkmalen erschließt er die psychischen Mechanismen, die ein „Symptom“ hervorgerufen haben. Dieser Modus operandi erlaubt ihm Rückschlüsse auf die Ursache des „Symptoms“.

Man könnte Sigmund Freud also als den Sherlock Holmes der Psyche bezeichnen. Allerdings gibt es einen bemerkenswerten Unterschied zwischen den beiden Detektiven. Holmes ist eine Erfindung, eine Romanfigur. Im Roman bestimmt der Autor, ob die Schlüsse seines Helden zutreffen. Doch wie steht es um die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis?

Freud sagte, in der Psychologie seien direkte Beweise nicht möglich. Das Geschehen in der Psyche und vor allem im Unbewussten könne man ja nicht unmittelbar beobachten. Stattdessen sei man auf Indizienbeweise angewiesen. Man müsse versuchen, die eigentlich zu beweisende Tatsache, die sich dem direkten Zugriff entziehe, aus beobachtbaren Fakten zu erschließen.

Freud selbst liefert ein beeindruckendes Beispiel für diese Form der Wahrheitsfindung in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens“, nämlich die Geschichte vom Ausbleiben der Periode („aliquis“). Diese Passage ist zu komplex, um hier nacherzählt zu werden; daher bitte ich, sie im Original nachzulesen; es lohnt sich.

Es fällt in der Tat schwer, in diesem besonderen Fall eine andere Erklärung zu finden als die von Freud gegebene. Allerdings sind die Verhältnisse im realen Leben in den seltensten Fällen so klar und, im rechten Licht betrachtet, übersichtlich geordnet wie hier oder in den Sherlock-Holmes-Romanen. Tatspuren und psychische Zustände können auf die unterschiedlichste Weise zustande gekommen sein, und nicht selten fehlen die eindeutigen Indizien, die alle anderen als die gewählte Erklärung nach menschlichem Ermessen ausschließen.

Mir gefällt die Psychoanalyse, trotz alledem. Einerseits spielt in ihr die Lebensgeschichte des Menschen eine herausragende Rolle und dies unterscheidet sie von der so genannten biologischen Psychiatrie, die „biologisch“ zu nennen im Übrigen eine Beleidigung von Biologen darstellt. Außerdem sind Freuds Werke ein literarisches Lesevergnügen ersten Ranges.

Wissenschaftler, die sich der experimentellen, quantifizierenden Methodik verschrieben haben, lassen in aller Regel allerdings kein gutes Haar an der Psychoanalyse. Freuds Methode, seine Theorie durch Fallbeispiele aus der psychoanalytischen Praxis zu erhärten, wird nicht als wissenschaftlich anerkannt, und Versuche, aus dieser Theorie Hypothesen abzuleiten und diese experimentell zu testen, erbrachten im Allgemeinen keine befriedigenden Ergebnisse.1

Psychoanalytiker sind jedoch meist nicht geneigt, die experimentellen Widerlegungen von zentralen Annahmen ihrer Theorie gelten zu lassen. Sie bezweifeln, dass die Psychoanalyse der experimentellen Erforschung zugänglich sei. Die Psychoanalyse sei ein hermeneutisches, ein sinndeutendes Verfahren2, und den Sinn des Geschehens in der Psychoanalyse könne man nicht messen, er sei vielmehr aus den freien Assoziationen und sonstigen Lebensäußerungen des Patienten zu erschließen.

Hupgeräusche

Bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde die Psychiatrie weitgehend von psychoanalytischen Gedankengängen dominiert. Dies änderte sich erst mit den achtziger Jahren; und ein sichtbares Anzeichen dafür war die dritte Revision des amerikanischen Diagnosehandbuchs DSM. Diese wurde vor allem dadurch erzwungen, dass sich die psychoanalytisch fundierte Vorgängerversion, das DSM-II als haarsträubend unreliabel erwiesen hatte. Kaum einmal stimmten die Diagnostiker hinsichtlich ein und derselben Person überein. Die psychoanalytische Sinndeutung war offensichtlich kein sehr zuverlässiges Instrument zur Klassifizierung psychischer Krankheiten.

Die Psychoanalyse ist zwar immer noch da, aber sie fristet ein vergleichsweise bescheidenes Dasein im Bereich der Psychotherapie. Im psychiatrischen Mainstream produzieren nunmehr, an Stelle der Psychoanalyse, Hirnforschung und Genetik den theoretischen Background.

Wer nun aber glaubt, die Sherlock-Holmes-Methode habe ausgedient, der irrt sich gewaltig. Zwar spekuliert nur noch eine Minderheit über innerpsychische Konflikte als Ursache „psychischer Krankheiten“; stattdessen aber über einen gestörten Hirnstoffwechsel oder defekte Gene.

Bisher ist es allerdings nicht gelungen, Prozesse im Gehirn oder schadhafte Erbanlagen als Ursachen der so genannten psychischen Krankheiten zu identifizieren. Also leitet man, wie einst Holmes aus Tatortmerkmalen und Freud aus freien Assoziationen, aus den so genannten Symptomen Hypothesen über angeblich gestörte Hirnprozesse oder abweichende Erbanlagen ab.

Die wissenschaftliche Methode bestünde demgegenüber darin, zunächst die schadhaften Gene oder die defekten Hirnprozesse zu identifizieren und dann zu prüfen, ob sie regelhaft mit bestimmten Phänomenen wie Halluzinationen oder tiefen Verstimmungszuständen, verbunden sind.

Das heutige Vorgehen setzt die Schlussfolgerung als wahr voraus: Bestimmte Phänomene sind angeblich Symptome einer „psychischen Krankheit“. Dann sucht man gleichsam rückwärts nach mutmaßlich „pathologischen“ Prozessen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten.

Beweisen kann man die „Täterschaft“ aber nur, indem man die Bewegungsrichtung umdreht. Man sucht potenziell gestörte Prozesse im Individuum und zeigt dann, dass die mutmaßlichen Symptome immer dann auftreten, wenn der verdächtige Prozess gestört und immer dann nicht, wenn dies nicht der Fall ist. Sobald man einen solchen Zusammenhang erhärtet hat, kann man ein diagnostisches Instrumentarium für das jeweilige Syndrom entwickeln.

Die Psychiatrie verfügt aber nicht über derartige objektive Verfahren zur psychiatrischen Diagnostik und daher bewegt sie sich nach wie vor im Reich der reinen Fantasie3, wie Sherlock Holmes und Sigmund Freud. Allein, eine Disziplin, die beansprucht, ein Teil der modernen Medizin zu sein, muss sich auch an deren Maßstäben messen lassen. Beurteilt nach diesen Kriterien, sind die theoretischen Grundlagen der gegenwärtigen Psychiatrie Bullshit.

Man sollte sich auch nicht von den Befunden der bildgebenden Verfahren blenden lassen. In den Medien wird häufig der Eindruck erweckt, dass man mithilfe von Computern und Tomographen dem Hirn bei der Arbeit zuschauen könne. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Vielmehr lässt sich die gegenwärtige Verfassung der Neurowissenschaften diesbezüglich durch folgendes Bild veranschaulichen:

Ein Mensch, der noch nie dem modernen Straßenverkehr ausgesetzt war, kommt in eine moderne Großstadt. Ein Chaos von Reizen raubt ihm schier den Atem. Er sieht wundersame Kutschen, die sich ohne Pferde fortbewegen. Immer und immer wieder hört er Hupgeräusche. Schließlich wendet er die Sherlock-Holmes-Methode an und schließt: Da immer, wenn diese seltsamen Gefährte fahren, Hupgeräusche zu vernehmen sind, hängt der Mechanismus, der die Fahrzeuge antreibt, ursächlich mit den Hupgeräuschen zusammen. Dies ist, gemessen an seinem Kenntnisstand, eine durchaus plausible Mutmaßung.

Auf diese, uns Heutige seltsam anmutende, Idee kommt der Mensch aber nur, weil er nicht weiß, wie ein Auto und sein Motor funktionieren. Ähnlich ergeht es den Neurowissenschaftlern, die gleichermaßen nicht wissen, wie das Gehirn arbeitet. Sie interpretieren die Befunde ihrer bildgebenden Verfahren ganz ähnlich wie der Mensch im obigen Beispiel die Hupgeräusche.

Die Tatsache, dass auch die modernsten Methoden und Geräte der Neurowissenschaft nur einen sehr oberflächlichen Einblick in die Aktivität des Gehirns gestatten, begünstigt die oft nur scheinbar plausiblen Deutungen der Brain Scans.

Eysenck, Hans (1986). Decline and Fall of the Freudian Empire. Harmondsworth: Penguin Books

Es wurde im vorherigen Kapitel gezeigt, dass sich diese Psychoanalytiker damit in Widerspruch zu Freud setzen.

Dass die Fantasie der Wahrheit mitunter sehr nahe kommt, sei damit nicht bestritten.

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